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Kurze Kurzgeschichten

  • Autorenbild: Dalibor Truhlar
    Dalibor Truhlar
  • vor 5 Tagen
  • 13 Min. Lesezeit

Auswahl von Geschichten aus meinem Buch "Geschichtenallerlei"


Autor: Dalibor Truhlar





Tiefensuche



Furchtbarer Regen, fruchtbares Nass, Seen und Meere von duftigem Grün. Dort war es, wo er ging, schlendernd und denkend und noch vieles in der Art. Und doch war es nicht er. Sondern bloß sein Schatten. Denn er war weg und gar nicht da, nicht hier, nicht dort, nicht nirgendwo. Nur in sich war er versteckt, geduckt und ganz verborgen. Er suchte nach der Tiefe nämlich, der abgrundtiefen seines Seins, um versunken so zu finden, was er suchte lange schon. Doch er wusste nicht, was es war. Nur tief sollte es sein. Tiefer als der Schlamm der Straße. Tiefer als der üblich Tag.


So blieb er stehen und sah empor. Die Gedanken flogen mit den Augen, mit den Tropfen hoch hinauf. Und plötzlich war er wie der Phönix, welcher aus der Asche steigt. Er trug die Last der schweren Suche leichten Blickes zu dem Grau und umspannte mit den Flügeln alle Wolken über sich. Und senkte seine Augen wieder und betrachtete das kleine Haus.


Im furchtbaren Regen, im fruchtbaren Nass, in Seen und Meeren von duftigem Grün. Dort war es, wo er ging, schlendernd und lächelnd und noch vieles in der Art. Denn hoch oben hatte er die tiefste Tiefe wohl erschaut. Nicht unten, nicht unter dem Boden. Denn der Schlamm ist niemals tief. Tief sind immer nur die Höhen. Auch wenn man es selten glaubt.





Strukturen im Brot



Er nahm das Brot. Dann nahm er das Messer. Dann schnitt er das Brot mit dem Messer in der Mitte durch. Dann nahm er die beiden Hälften und schnitt sie in zwei Hälften. Dann nahm er die vier Stücke und machte acht aus ihnen. Und als er sechzehn Scheiben vor sich hatte, hielt er inne und dachte nach. 


Es wäre auch anders gegangen. Er hätte auch am Anfang anfangen und am Ende enden müssen. Aber auf welcher Seite lag der Anfang? Und wo befand sich das Ende? Und wo ist die Mitte? Zwischen den Hälften? Hälften existieren erst, wenn man das Ganze teilt. Aber wenn das Ganze geteilt ist, sind die Hälften keine Hälften mehr. Sie sind zwei neue Ganze. Diese kann man wieder teilen. Aber wieder mit dem gleichen Ergebnis. Und wie viele Mitten kann man überhaupt schneiden? Wie viele Hälften von wie vielen Ganzen gibt es denn in der Welt? Die Hälfte der Hälfte, die die Hälfte der Hälfte der Hälfte der Hälfte ist? Oder noch mehr? 


Er nahm eine Brotscheibe und betrachtete sie. Er hatte sie flach und eben geschnitten. Aber sie war nicht flach und eben. Sie hatte unzählige Löcher. Wenn er kleiner wäre, viel kleiner als klein, und wenn er über die Scheibe spazieren würde, mit Gesang und pfeifend, so wie er es zuweilen auf der Straße tat, könnte er in eines dieser Löcher fallen. Und vielleicht war er es schon längst. Ja, womöglich lebte er in einem Brot. Es konnte durchaus sein, dass das gesamte Universum nur ein winzig kleines Loch war in einem Brot, das jemand aß. Und während er es aß, aß er Milliarden von Universen, ohne es zu wissen. Und möglicherweise lebte dieser jemand auf einem Planeten in einem Sonnensystem in einer Galaxie in einem Universum, das nichts weiter war als nur ein Loch im Brot. 


Er kratzte sich und überlegte. Wie konnte er sich sicher sein? Er hob die Scheibe in die Höhe und betrachtete sie aus der Nähe. Er vertiefte sich richtig in die feine Struktur des Brotes in der Hoffnung, darin ein Universum zu entdecken. Aber es waren so viele Strukturen darin, dass, je mehr er sich vertiefte, er desto weniger erkannte. Und er fing an zu schielen. 


Enttäuscht legte er die Brotscheibe auf den Tisch. Dann nahm er das Messer und die Butter und strich die Butter mit dem Messer auf die Brotscheibe. Als er sie gleichmäßig über die Brotscheibe verteilt hatte, waren alle Strukturen ausgelöscht. Es war nichts mehr zu sehen. Zufrieden führte er das Brot zu seinem Mund. 


Doch kaum hatte er ihn aufgemacht, erschrak er von Neuem. Hatte die Butter nicht ebenfalls eine Struktur? Doch damit konnte er sich nicht auch noch beschäftigen. Und so biss er einfach ab. 

Und da war seine Überraschung groß. Denn es schmeckte nur nach Brot und Butter. Beruhigt aß er das Brot auf. 


Und es schien ihn nicht im Geringsten zu stören, dass, während er sich vom Anfang über die Mitte bis zum Ende der Brotes kaute und seine Zähne Milliarden von Universen zermalmten, er in einem Loch in der Mitte eines Brotes saß, von dem jemand in einem anderen Brot gerade die Hälfte abgebissen hatte, weil dessen Struktur zur Gänze von der Struktur der Butter verdeckt war, die dieser jemand sich völlig unachtsam auf sein Brot geschmiert hatte.





Warmes Wasser



Ich putzte mir die Zähne mit Zahnseide. Da läutete es. Ich war so vertieft ins Putzen, dass mich das laute Klingeln schreckte und ich zusammenzuckte. Dabei riss die Zahnseide ab. Eine Hälfte hielt ich in der Hand, die andere steckte zwischen dem rechten oberen Eckzahn und dem einen davor, ich weiß nicht, wie er heißt. Etwa zehn Zentimeter baumelten mir über die Lippe. Ich versuchte sie herauszuziehen, aber sie ließ sich nicht entfernen. Sie hatte sich dort verfangen. Also hielt ich mir die Hand vor den Mund und öffnete die Tür. 


Es war die Nachbarin. Sie wollte wissen, ob ich warmes Wasser habe. Ich antworte, ja, ich habe warmes Wasser. Sie sagte, gut, denn sie habe kein warmes Wasser. Offensichtlich habe es irgendwo einen Wasserrohrbruch gegeben. Ich antwortete, das könnte gut sein und es tue mir leid, aber ich habe warmes Wasser. Sie sagte, ja, sie habe keins. Wahrscheinlich ein Wasserrohrbruch irgendwo. Ich nickte und meinte, das kann sein. Dann sagte ich, ich müsse jetzt in die Küche, sonst brenne mir das Essen an. Sie sagte, ja ja, sie wollte nur wissen, ob ich warmes Wasser habe. Ich sagte, ich habe welches. Sie nickte und sagte, sie wolle mich nicht aufhalten. Dann steckte sie ihren Kopf durch den Türspalt und schaute Richtung Küche. Ich wartete, bis sie sich ausgeschaut hatte und kratzte mich währenddessen mit der Hand so seitlich am Kopf. Da sah sie mich wieder an. Und da sagte sie, mir würde etwas aus dem Mund hängen. Ich erklärte ihr, dass es sich dabei um Zahnseide handle. Sie war verwundert und wollte wissen, was das sei. Ich tat die Lippen auseinander und zeigte ihr meine Zähne. Sie sagte, das sehe aber schlimm aus. Ich beruhigte sie und meinte, so schlimm sei das gar nicht. Sie erkundigte sich, was man dagegen machen könne. Ich sagte, man müsse es herausziehen. Sie fragte, ob das so einfach gehe. Ich antwortete, es gehe schon einfach, nur dass man sich damit ein wenig spielen müsse. Sie fragte, ob ich es denn selber machen könne. Ich sagte, das könne ich tatsächlich selber machen. Und am besten, ich mache es gleich. Vor allem, weil mir sonst das Essen anbrennt. Sie mahnte mich, vorsichtig zu sein, damit nichts passiere. Ein Bekannter von ihr habe sich neulich mit kochendem Wasser verbrüht. Es sei aus dem Kochtopf nur so rausgeschossen, so schnell habe der gar nicht schauen können. Dabei sei es ihm das Wasser ins Gesicht gespritzt. Es sei furchtbar gewesen. Ja, sagte ich, das könne ich mir gut vorstellen. So heißes Wasser im Gesicht, das sei bestimmt kein Spaß. Ja, sagte sie, das sei wirklich furchtbar. Aber das Schlimmste an der Sache sei, dass er sich in der Panik den Pullover ausgezogen habe. Über den Kopf. Da sei die ganze Haut vom Gesicht mitgegangen, weil die so verbrüht war. Ich sagte, das sei wirklich entsetzlich. Sie sagte, ja, das sei wirklich entsetzlich. Aber jetzt gehe es ihm wieder besser, weil er einen guten plastischen Chirurgen gefunden habe. Ich sagte, gut, dass es solche Ärzte gebe. Sie sagte, ich hätte ja so recht, weil mit solchen Sachen sei nicht zu spaßen. Und sie habe einen Bekannten, der habe einen Bekannten, der bei einem anderen plastischen Chirurgen gewesen war und der habe ihm so viel Fett vom Bauch abgesaugt, dass er jetzt richtige Mulden im Bauch habe. Ich fragte, wie so etwas möglich sei. Sie antwortete, dass er das Fett wahrscheinlich nicht gleichmäßig genug abgesaugt habe. Ich sagte, das könnte sein. Schließlich seien Ärzte auch nur Menschen und sie haben oft einen furchtbaren Stress, Fett hin, Fett her. Sie sagte, es sei nicht nur der Stress, sondern auch die schlechte Ausbildung, weil so viele Menschen Medizin studieren und man müsse heutzutage dankbar sein, wenn man überhaupt eine Ausbildungsstelle bekomme. Ich nickte. Sie sagte, dass die Nachbarin aus dem zweiten Stock einen Sohn aus erster Ehe habe, der sei auch Arzt. Ich sagte, ich habe das gar nicht gewusst. Und sie sagte, ja ja, der sei Arzt, aber irgendwo außerhalb. Und deshalb müsse er jeden Tag ganz früh aufstehen, um rechtzeitig in der Arbeit zu sein. Ich sagte, dann sei er ein Pendler. Sie sagte, genau, er sei ein Pendler. Dann lächelten wir zustimmend und schauten einander eine Weile an. Na ja, sagte sie schließlich, ich solle also die kurze Störung entschuldigen, sie habe nur wissen wollen, ob ich warmes Wasser habe. Ich sagte, ich habe warmes Wasser und ich könne mir auch nicht erklären, warum sie kein warmes Wasser habe. Sie sagte, wahrscheinlich sei das nur ein Wasserrohrbruch irgendwo. Ich sagte, das sei gut möglich. Dann verabschiedeten wir uns.


Ich schloss die Tür und schaute durch das Guckloch. Sie ging zum Nachbarn und fragte ihn, ob er warmes Wasser habe. Sie habe nämlich keins. Und sie habe bereits mit mir gesprochen. Aber ich habe welches. Und, so sagte sie, mir hänge irgendein Faden vom Mund. Der Nachbar fragte sie, was das für ein Faden sei. Sie sagte, das wisse sie auch nicht. Aber es sei seltsam. Und, so sagte sie, ich sei überhaupt ein seltsamer junger Mann.





Der Trottel



Worte sind Buchstaben, welche sich zu Silben zusammenfügen, sagte er und nahm einen Schluck von seinem Bier. Und wir sind es, die diese Buchstaben auswählen, mit anderen verbinden und so Worte erzeugen, die oft nicht den Sinn ergeben, den wir uns erhoffen. 


Er stellte das Glas ab. 


Allerdings achten wir viel zu selten darauf, welche Worte diese Buchstaben ergeben und wie diese Worte, eigentlich Wörter, um genau zu sein, von den Empfängern der Botschaft wahrgenommen werden, also wie sie ankommen und verstanden werden.


Er wischte sich den Bierschaum von der Lippe. 


Doch das ist die Natur des Menschen, dass er eingebunden lebt in eine Wirklichkeit komplexer Zusammenhänge und individueller Intentionalitäten, die uns zu Opfern unserer sprachlichen Unzulänglichkeiten machen. 


Er lachte und schüttelte den Kopf. 


Und genau diese Unzulänglichkeit ist es, die sich in Augenblicken wie diesen so unvermutet äußert, gerade dann, wenn wir ihre Konsequenzen am meisten bedauern, wirklich bedauern, zutiefst bedauern.


Da traf ihn die Faust seines Gesprächspartners genau ins Gesicht. Er flog vom Barhocker und krachte mit einem blauen Auge zu Boden. 


Er hätte ihn nicht einen Trottel nennen sollen.





Wie ich an einem seltsamen Tage ein langes Wort loszuwerden versuchte



Als ich an jenem seltsamen Tage aufwachte, ging mir ständig ein Wort durch den Kopf: „Haushaltmehrzweckküchenmaschineninbetriebnahmeerlaubnisbescheinigungsscheinabschnittsnummer.“


Ich wusste nicht, wie ich darauf gekommen war. Ich versuchte es loszuwerden, indem ich mir Zahnpasta auf die Oberlippe schmierte. Es half aber nicht, ich sah das Wort sogar vor meinem inneren Auge und zwar doppelt. Und da fiel mir auf, dass in dem Wort insgesamt fünf Diphthonge enthalten waren, also fünf Zwielaute. Und ich fragte mich, wie die Ausnahmeregelung der Laut-Buchstaben-Zuordnung in jenen Fällen anzuwenden sei, in denen gleichlautende Diphthonge zwei unterschiedliche Sachen bezeichnen. Schreibt man es dann unterschiedlich wie bei „Ein Laie kann mir was leihen“ oder gleich wie bei „Ein Hai ist kein Ei, aber er isst eins“? Und was ist mit dem „s“ und mit den „ss“? Ich kam einfach nicht drauf. Selbst als ich mir das Handtuch um den Kopf wickelte und gegen die Wand rannte, fand ich keine Antwort. Und so entschloss ich mich, meine trüben Gedanken durch einen Spaziergang loszuwerden.


Ich ging durch die Stadt, bog um tausend Ecken und hätte die ganze Angelegenheit beinahe schon vergessen, wenn ich bei der eintausendundersten Ecke nicht diesen Gitarrenspieler getroffen hätte. Er saß auf dem Bürgersteig, spielte Gitarre und sang ein Lied über einen Jungen, der seiner Nachbarin einen üblen Streich gespielt hatte. Einen Dummejungenstreich, wie man es nennt, obwohl es Übeljungenstreich heißen sollte. Da wurde mir spontan bewusst, dass der Ausdruck „Dummejungenstreich“ die Deklination eines reflektierten Adjektivs in einem Substantiv im Nominativ bzw. Akkusativ enthält. Damit hatte ich ein zusätzliches Problem. Dafür war ich dem Gitarrenspieler so böse, dass ich ihm auf der Stelle das Instrument entreißen wollte. Aber er ließ es sich nicht nehmen, sondern sagte, ich solle keine Saite anfassen und lieber zur Seite gehen. Da leuchtete mir ein, dass mir diese Leuchte, also dieser Typ, einen Tipp gegeben hatte. Ja, manchmal haben die schlechtesten Feen die besten Ideen und ein Weiser weist dir den Weg, und so ging ich zur „Seite“, einem Laden für pädagogische Bücher. Dort kaufte ich mir ein Buch über Grammatik und suchte darin nach der Lösung meines Problems. Leider war das Buch für Achtjährige geschrieben und ich war nicht achtjährig. Deshalb halfen mir Sprüche wie „Der Genus, Kasus, Numerus zeigen sich im der, die, dus“ auch nicht weiter.


Also begab ich mich zu einem Richter, der ein bekannter Grammatikologe war, um ihn nach Rat zu fragen. Er empfing mich in seinem Gerichtssaal in voller Robe und hörte sich genau an, was ich vorzutragen hatte. Ich erzählte ihm die Wahrheit und nichts als die Wahrheit von dem langen Wort, beichtete meine Schwierigkeiten mit den Diphthongen, gab zu, dem Gitarrenspieler sein Instrument entwenden gewollt zu haben, gestand den Kauf eines Buches für Achtjährige und bekannte, dass ich einfach nur richtig rechtschreiben wolle. Er dachte über alles nach und meinte, es sei gut gewesen, dass ich zu ihm gekommen sei, denn bei den Diphthongen entscheide der unterschiedliche Wortstamm. Und weil ich dies aufgrund meiner Unkenntnis der rechtlichen Sachlage verkannt und Reue gezeigt habe, wolle er es nicht als Missachtung der grammatikalischen Bestimmungen deuten. Deshalb werde er mir die Sache mit dem Gitarrenspieler verzeihen und auch den fahrlässigen Erwerb des für mich ungeeigneten Buches bedingt durchgehen lassen. Aber welche Bewandtnis es mit dem langen Wort an sich habe, das wisse er nicht. Denn obwohl er ein Morphologer und Syntaxer sei wie kein anderer, dürfe er sich ohne Geschworene kein Urteil anmaßen, denn alles, was wir hätten, seien nur Vermutungen und basierend auf Indizien könne er keinen Richterspruch fällen, zumal es sich nicht einmal um einen Spruch handle, sondern um ein Wort. Und weil er noch eine Verhandlung vor sich habe, müsse er die Sache wohl vertagen. 


Ich war enttäuscht und legte meinen Einspruch ein. Aber er wies diesen zurück und mich darauf hin, dass ich mir lieber einen Anwalt nehmen solle. Denn vielleicht habe ich mir das Wort bloß ausgedacht. Ich war empört und beteuerte meine Unschuld. Er meinte, dafür würde ich zumindest einen Zeugen benötigen, denn so, gänzlich ohne Beweise, sei er nur auf meine Aussage angewiesen und das sei ihm eine Mutmaßung zu wenig. Er wolle in meinem Fall auch nicht Gnade vor Recht ergehen lassen, denn die ihm bevorstehende Verhandlung dulde keinen Aufschub – ein Linksextremist hatte gegen den Rechtsstaat verstoßen und war mit einem Rechtsradikalen zusammengestoßen – und obwohl er jederzeit Zeit für mich habe, sei es gerade jetzt nicht die passende Zeit, um meinen Fall vor dem anderen Fall abzuwickeln. Also solle ich mich gefälligst selbst freisprechen. Ich beendete mein Plädoyer mit einem ausführlichen „Okay“, ließ den Kopf mit dem herumgewickelten Handtuch hängen und verabschiedete mich von dem Richter, wohlahnend, dass ein Mann der Jurisprudenz zwar ein Substantiv beugen kann, aber gewiss nicht das Recht.


Vor dem Gerichtssaal erblickte ich den Linksextremisten, der auf der Bank rechts vom Rechtsradikalen saß. Ich hätte ihn nach seiner Meinung fragen können, aber ich bezweifelte, dass ein Linksextremist über Rechtschreibung Bescheid wusste. Ich hätte den Rechtsradikalen fragen können, aber der war nicht in Haft und freie Radikale meide ich, so gut es geht. Was sollte ich schon von Leuten erwarten, die Anarchie mit einem eingekreisten „A“ schreiben, was selbst im Verzeichnis der internationalen Abkürzungen nicht so angeführt ist, oder von Autonomen, die nicht im Auto unterwegs sind? Also begab ich mich nach Hause, putzte mir die Zahnpasta von der Oberlippe und machte es mir vor dem Fernseher gemütlich.


Am Abend fing es an zu regnen. Unbefriedigt sah ich aus dem Fenster und dachte über das Verb „regnen“ nach. Wie war es zu klassifizieren, wenn es in einem Satz vorkam wie „Es werden sich Tropfen geregnet haben“? Mich überraschte die Reflexivität der passiven Form dieses transitiv gebrauchten und an sich intransitiven Verbs im zweiten Futur. Oder interpretierte ich es falsch? 

So sinnend legte ich mich ins Bett, deckte mich zu und schaltete auf ein anderes Programm. Aber die Fernbedienung funktionierte unter der Decke nicht. Ich zerstörte sie also und verbrannte sicherheitshalber auch die Decke. Dann entfernte ich mir das Handtuch vom Kopf. 


Erst kurz bevor ich an jenem seltsamen Tage am Boden unter dem Tisch in der Küche einschlief, wurde mir klar, was das Schicksal mir durch seine merkwürdigen Fügungen wohl hatte mitteilen wollen: Rechtsprechung ist schwierig, doch Rechtschreibung ist schwieriger. Welch eine Plattitüde von einer Pointe. 





Komische Dinger



Manchmal sitze ich am Balkon und schaue durch die Gegend. Ich schaue mir die Straße an und die Menschen und die Häuser und die Autos und die Bäume. Und dann schaue ich zum Himmel und will die Wolken betrachten. Und plötzlich, plötzlich sind da so komische Dinger.


Sie rollen und bewegen sich und zucken und zuckeln wie blöde Fäden oder irgendwelche Würmer und wälzen sich herum, durchsichtig und eigentlich gar nicht richtig da. Ich jage ihnen mit den Augen hinterher und versuche sie zu erwischen, um sie mir genau anzusehen. Aber sie sind immer ein bisschen schneller. Kaum bewege ich die Pupillen, schon haben sich die Dinger auch bewegt und sind weg.


Ich denke mir, das gibt es doch nicht, dass die einfach weg sind. Also suche ich sie und verdrehe die Augen nach allen Richtungen. Und wenn ich dann so hinaufschiele, da merke ich, dass sie sich oben versteckt haben, gleich unterm Lid. Aber sie kommen nicht raus, egal wie lange ich nach oben starre. Und weil die Augen nach einer Weile anfangen zu brennen und ich da nicht mehr hinschauen kann, höre ich damit auf und schaue wieder normal. Und genau in dem Augenblick kommen die Dinger wieder raus und picken sich an die gleiche Stelle wie vorhin.


Ich dachte mir: Bin ich eigentlich der Einzige auf der Welt, der sowas hat oder haben die anderen auch so komische Dinger? Ich habe mich nicht getraut, jemanden zu fragen, damit mich die Leute nicht für einen Spinner halten. Deshalb habe ich in einem Lexikon nachgeschaut, in so einem grünen. Und da stand drin, dass das ganz normal ist.


Ja, das ist so normal, das hat sogar einen Namen: Mouches volantes. Das ist französisch und heißt „fliegende Fliegen“. Aber ich kann kein Französisch und in Frankreich war ich auch noch nie. Die Engländer und die Amerikaner, die ja auch Englisch sprechen, nennen das „Floaters“. Bei uns nennt man das „Mückensehen“.


Mückensehen … 


Ich fand das alles ziemlich seltsam und wollte wissen, woher die überhaupt kommen, die ganzen Mücken oder Floaters oder diese Mouches volantes. Von irgendwoher müssen die doch kommen. Also habe ich weitergelesen. Und da stand, dass das durch die Glaskörperabhebung bedingte, mückenartig erscheinende Wahrnehmungen sind, vor allem am hellblauen Hintergrund. Da war ich dann überrascht. Ich musste den Satz sogar dreimal lesen, um ihn zu kapieren. Eigentlich geht mir das immer noch nicht richtig ein: „durch Glaskörperabhebung bedingte“ … bla, bla, bla … 


Wenn die Ärzte oder Wissenschaftler oder sonst wer das sagt, dann wird es schon stimmen. Dann ist es eben Mückensehen. Oder Floaters. Oder Mouches volantes. Aber für mich sind es so komische Dinger.









Der Geschichtenband "Geschichtenallerlei" (367 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000 0000 8402 2282) erschien 2013 beim Trauner Verlag Linz (ISBN: 978-3-99033-125-5) und als überarbeitete Auflage im Eigenverlag 2023 (ISBN: 979-8-391-75330-8). Er ist auf Amazon ↗ als Taschenbuch und E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen werden und ist auch auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.18257630).

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