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Warum musste Jesus Christus gekreuzigt werden?

  • Autorenbild: Dalibor Truhlar
    Dalibor Truhlar
  • vor 10 Stunden
  • 13 Min. Lesezeit


Autor: Dalibor Truhlar





Warum musste Jesus Christus gekreuzigt werden?


Jesus Christus starb für uns am Kreuz, um für unsere Sünden Sühne zu leisten und uns zu erlösen. So steht es in der Bibel und so lehrt es der Katechismus der Katholischen Kirche: »Das Wort ist Fleisch geworden, um uns mit Gott zu versöhnen und uns so zu retten: Gott hat uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt (1 Joh 4,10).« (KKK 457) Aber warum musste er dafür am Kreuz sterben?


Um gleich eine Antwort zu versuchen: Jesus Christus starb für uns am Kreuz, um uns von der Abkehr von Gott zur Umkehr zu Gott zu bewegen und uns damit auf den Weg der Rückkehr zu Gott zu bringen, den einzigen, der zu ihm führt, den Weg der Liebe. Dafür war das Opfer am Kreuz insofern erforderlich, als gerade dieses Opfer die unendliche Liebe Gottes zeigt und uns damit den Weg zu Gott weist.


Aber fragen wir umgekehrt: Was hätte Gott anderes tun sollen, um uns zur Umkehr zu bewegen und auf den Weg zu sich zu führen? Das Kreuzesopfer war fürchterlich, weil die Kreuzigung fürchterlich ist und hier der Unschuldigste aller Zeiten auf grausamste Weise getötet wurde. Doch das liegt an den fürchterlichen Folgen der Sünde und dem fürchterlichen Zustand, in dem wir uns aufgrund der Sünde befinden. Und gerade deshalb zeigt das Kreuzesopfer, wie unendlich die Liebe Gottes ist, dass sie der Ausweg aus dieser Situation ist, dass sie der Grund und das Ziel der Umkehr ist und der Weg, der zu ihm führt.



Um uns zur Umkehr zu bewegen


Das Opfer am Kreuz war erforderlich, weil wir uns von Gott abkehrten. Darüber wird gleich zu Beginn der Bibel berichtet. (Gen 3) Es ist die Erzählung vom Sündenfall im Garten Eden, als Adam und Eva von den Früchten des Baums der Erkenntnis zwischen Gut und Böse aßen, damit gegen Gottes Gebot verstießen, seine Warnung missachteten und sich von ihm abkehrten.


So kommen wir in diese Welt, wie sie ist, wie wir in ihr sind. In der Sünde, in der Entfernung von Gott, in der Trennung von Gott. Denn Sünde ist alles, was uns von Gott entfernt und trennt. 


Gott liebt uns aber und will, dass wir ewiges Leben in Glück haben, bei ihm, mit ihm und in ihm. Denn nur bei ihm, mit ihm und in ihm ist Leben überhaupt möglich. Deshalb kommt er uns seit dieser Zeit laufend entgegen, während wir so oft in die falsche Richtung laufen. Er öffnet uns seine Arme und streckt uns seine Hände entgegen. Und wir, statt sie zu ergreifen und ihn zu umarmen, drehen uns so oft ab. 


Wir sehen es an der Geschichte, die im Alten Testament berichtet wird und sich wie ein roter Faden durch alle Erzählungen zieht. Das Volk wendet sich von Gott ab und stürzt sich damit in die Katastrophe. Gott ruft das Volk zurück in seine Liebe, unter anderem durch die Stimmen der Propheten. Als das Volk sich Gott wieder zuwendet, wird alles gut. Doch dann kehrt sich das Volk wieder ab und es wird wieder schlimm. Gott ruft es wieder zur Umkehr und es kehrt wieder zurück und es wird wieder gut. So geht es ständig hin und her. Bis Gott selbst zu seinem Tempel kommt (Mal 3,1) und der Vater seinen eingeborenen Sohn sendet, um uns zu erlösen. 


Nun kommt Jesus Christus und opfert sich für uns am Kreuz. Indem er das tut, bringt er uns dazu, umzukehren. Weil wir dadurch auf ihn aufmerksam werden und auf ihn schauen. Wir können ihn gerade am Kreuz erkennen, weil das Kreuz ihn über die Erde hebt, wo er zu sehen ist. Das gilt sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn und es gilt damals ebenso wie heute. Wie er selbst sagt: »Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.« (Joh 3,14-15) Eben deshalb kann er uns an sich ziehen, wie er selbst bekundet: »Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.« (Joh 12,32


Wenn wir ihn am Kreuz erblicken, den Sohn Gottes, sehen wir zugleich den Vater, wie er selbst spricht: »Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.« (Joh 14,9) Unser Blick richtet sich also auf den Sohn, der am Kreuz zu erkennen ist, und ist damit auf den Vater gerichtet, der sich im Sohn zu erkennen gibt. So blicken wir zu Gott und sind Gott zugewendet. Indem wir den Heiligen Geist empfangen und im Heiligen Geist zum Kreuz blicken, ist unser Blick ganz auf Gott gerichtet. Damit wird aus unserer Abkehr Umkehr, aus dem Abgewandtsein Zugewandtsein. Und damit wird uns der Weg zu Gott eröffnet, der Weg ins Paradies, der Weg in den Himmel. Wir waren abgedreht und der Weg war versperrt. Wir wurden umgedreht und der Weg wurde geöffnet.



Um uns seine Liebe zu zeigen


Zentral dabei ist, dass dieser Weg durch das Kreuz vorgezeichnet ist. Der Weg, der zu Gott führt, führt durch das Kreuz, weil das Kreuz der Weg der Liebe ist und nur dieser Weg zu Gott führt, »denn Gott ist Liebe.« (1 Joh 4,8)


Das Kreuz galt früher als Symbol des Grauens. Die Kreuzigung war eine Hinrichtungsart der schlimmsten Sorte. Sie war dazu gedacht, die Qualen zu verlängern, die Schmerzen zu vergrößern, die Leiden zu vertiefen. 


Das Kreuzesopfer Jesu kehrte die Bedeutung um und gab ihr neuen Sinn. Durch das Opfer Christi wurde das Kreuz zum Symbol der reinsten Liebe. Es bringt Erhöhung statt Erniedrigung, Erlösung statt Bestrafung, Leben statt Tod. Die Liebe Gottes strahlt durch das Kreuz hindurch und taucht uns in sein Licht. 


Und deshalb war das Kreuz erforderlich. Weil es die unendliche Liebe Gottes zeigt. Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, opferte sich für uns am Kreuz, damit wir in seiner Liebe sind und damit in der Liebe Gottes. Wie er selbst sagt: »Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.« (Joh 15,13)


So sehen wir ihn und sehen Gott. So erkennen wir ihn und erkennen die Liebe, die der Weg ist, der zu ihm führt. So wissen wir, wohin wir gehen sollen und welchen Weg wir nehmen sollen. Den Weg der Liebe zu Gott, denn »Gott ist Liebe«. (1 Joh 4,16) Entsprechend heißt es auch: »Das Wort ist Fleisch geworden, damit wir so die Liebe Gottes erkennen«. (KKK 458)


Zusammengefasst: Wir kehrten uns von Gott ab und verloren damit das Leben. Damit wir wieder zu Gott umkehren und in seiner Liebe Leben haben, schenkte Gott sich uns am Kreuz und bewegte uns so zur Umkehr. 


Der Aufruf zur Umkehr sind auch die ersten Worte, mit denen Jesus Christus im Evangelium nach Markus öffentlich auftritt: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium«. (Mk 1,15


Wir waren abgekehrt und kehrten uns um, um ihm zugekehrt zu sein. Wir waren abgewendet und wandten uns um, um ihm zugewendet zu sein. Dank dem Kreuz. Denken wir daran, wenn wir uns bekreuzigen. Beim Beten, beim Betreten der Kirche, beim Empfang des Leibes Christi. Und danken wir dafür. 



Um uns auf den Weg der Liebe zu führen


Das Thema ist Teil der sogenannten Satisfaktionslehre, die in der christlichen Theologie stark von Anselm von Canterbury beeinflusst ist. In seiner Schrift ›Cur Deus Homo‹, auf Deutsch ›Warum Gott Mensch wurde‹, gibt er im Wesentlichen die Antwort, dass der Ungehorsam des Menschen, in diesem Fall Adams, durch den Gehorsam eines Menschen wiederhergestellt werden musste. (Anselm von Canterbury, Cur Deus Homo, 1,03) Der Mensch hatte also seine Schuld gegenüber Gott für die Sünde zu begleichen, aber nur Gott konnte sie begleichen. (ebenda, 2,18) Das liegt daran, wie Papst Benedikt XVI. den Gedanken Anselms erklärt, dass durch »die Sünde die Ordnung der Gerechtigkeit unendlich verletzt« wurde und da Gott der Unendliche ist, die Sünde unendliches Gewicht hat. Der Mensch als Endlicher ist zur unendlichen Wiedergutmachung jedoch nicht imstande, das kann nur Gott. Und er tut es, indem »der Unendliche selbst Mensch wird und dann als Mensch … die erforderte Sühne leistet.« (Joseph Ratzinger, Einführung ins Christentum, Kösel, München, IV., 2, Christologie und Erlösunglehre, Seite 189/190)


Der Gedanke Anselms ist ein sehr vernünftiger und lebt zugleich davon, dass Gott dies aus reiner Gnade tut. Allerdings stellt sich die Frage, ob unsere Vernunft in dieser Hinsicht Gott nicht zu sehr auf die Einhaltung bestimmter Gesetze der Genugtuung bindet, über die er der Herr ist, und die zwar logisch klingen, Gott aber unendlich erhaben ist über alle Logik. 


Vielleicht ist es deshalb naheliegend, zum besseren Verständnis vom Kreuzesopfer in dem Sinn zu sprechen, wie Johannes es tut, und dabei im Bezugsrahmen jener Liebe zu bleiben, die gerade er so stark thematisiert. Wie Papst Benedikt XVI. an einer anderen Stelle schreibt: »In der Bibel … steht das Kreuz … für die Radikalität der Liebe, die sich gänzlich gibt … als Ausdruck für ein Leben, das ganz Sein für die anderen ist.« (Joseph Ratzinger, ebenda, IV, 2. a., Gerechtigkeit und Gnade, Seite 289)


Eine wichtige Stelle dafür ist schon am Anfang teilweise angeklungen: »Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.« (1 Joh 4,10) Wir verstehen hoffentlich die unendliche Liebe. Aber was ist mit den Sünden gemeint?


Wir können vielleicht sagen, dass unsere Sünden sich aus der Ursünde ergeben, die am Beginn steht, als Adam und Eva sich von Gott abkehrten. Und wir können wohl auch sagen, dass der Ungehorsam ihm gegenüber, der sich durch die Missachtung seiner Gebote äußerte, eben ein Ausdruck der Abkehr war. Die Abkehr ist die Sünde und die Sünde ist die Abkehr. Es ist das, was uns von Gott wegführt. Die Ursünde bestand in der Abkehr von Gott, in der Abkehr von seiner Liebe, im Sichabwenden von seiner Liebe, im Sichwegdrehen von seiner Liebe.


So leistet Gott nun Sühne für unsere Sünden durch die Wiedergutmachung im Sinne der Versöhnung, weil er uns durch den Kreuzetod seines Sohnes von der Abkehr zur Umkehr bewegt und uns dabei auf den Weg der Liebe bringt. Auf diese Weise führt er uns zu sich selbst zurück, indem er uns entgegenkommt. 


Wie Petrus in seinem Brief schreibt: »Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde.« (1 Petr 3,18)



Um uns ein Vorbild der Liebe zu geben


Jesus opferte sich für uns am Kreuz, um uns von der Abkehr von Gott zur Umkehr zu Gott zu bewegen und uns auf den richtigen Weg zu bringen, den Weg der Liebe, den einzigen, der zu ihm führt, weil Gott Liebe ist. Das Kreuz war dafür der Ort, weil er dort am tiefsten hätte sinken sollen und gerade deshalb in Liebe erhöht wurde, weil er dort für uns sichtbar wurde und bleibt und damit den Blick auf den Vater öffnet und so im Heiligen Geist den Weg zu Gott weist. Auch das können wir in seinem Opfer erkennen. Am Kreuz zeigt uns der Herr seine unendliche Liebe, gibt uns ein Vorbild der Liebe und weist uns den Weg, der zu ihm führt.


Die Liebe Gottes zeigt sich auch daran, dass Jesus, genau genommen, für uns nicht sterben musste. Er tat es aber trotzdem, damit wir Leben haben. Wir könnten unser Leben auch in Abkehr verbringen und es verlieren, ohne Rettung und Erlösung. Aber es ist Gottes Liebe, aus der heraus der Vater den Sohn schickte, dieser sich opferte und sie uns den Heiligen Geist schenkten, damit wir Leben haben – aus Liebe, durch Liebe, in Liebe. Diese Liebe ist das Licht, das von Gott kommt und Gott ist. Es ist seine Gnade und seine Barmherzigkeit und sie entspringt seiner reinsten Güte. 


Als Jesus in der Nacht vor der Kreuzigung im Garten Getsemani betete, sehnte sich sein menschlicher Wille danach, dass dieser Kelch an ihm vorübergeht. Er aber gab sich ganz in den Willen des Vaters, um seinen Willen zu tun. (Mt 26,39) Dadurch bewies er seinen Gehorsam und erwies seine Liebe. Wie unendlich erschütternd musste die Dunkelheit der Einsamkeit für ihn sein? Und doch betete er zum Vater und war damit nicht allein, gab sich ganz hin und war damit ganz im Licht. So zeigt sich in der unendlichen Erschütterung die unendliche Unerschütterlichkeit der Liebe. 


Er gab uns damit ein Beispiel: »Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt.« (1 Petr 2,21) Und das ist es, was uns zu Gott wendet, dreht, kehrt und führt: »Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen.« (1 Petr 2,25)


Und Augustinus schreibt: »Was soll ich von seinem Kreuze sprechen und welcher Worte mich bedienen? Die äusserste Todesart wählte er, damit seine Märtyrer sich vor keiner fürchteten. Seine Lehre zeigte er uns in seinem Menschenwandel, und ein Beispiel der Geduld gab er uns am Kreuze. Im Kreuze liegt sein Werk, denn er wurde gekreuziget: das Kreuz ist demnach ein Beispiel des Werkes und die Auferstehung die Belohnung des Werkes. Am Kreuze zeigte er uns, was wir tragen, und in seiner Auferstehung, was wir hoffen sollen.« (Augustinus, Sermo de symbolo ad catechumenos, Erstes Buch, 3. Kapitel


An einer anderen Stelle führt er aus: »Dem Menschen mußte dadurch, daß er durch einen fleischgewordenen Gott wieder zurückgeführt wurde, gezeigt werden, wie weit er von Gott abgewichen war; dem Eigenwillen des Menschen mußte durch den Gottmenschen ein Beispiel des Gehorsams gegeben werden.« (Augustinus, Enchiridion ad Laurentiom, 28. Kapitel, 108)


Und an einer weiteren Stelle sagt er: »Ein weiteres ist dies, daß der Hochmut des Menschen, der für das Anhangen an Gott das Haupthindernis ist, durch eine so große Erniedrigung Gottes zurückgewiesen und geheilt werden konnte. Der Mensch erfährt auch, wie weit er sich von Gott entfernte und was ihm als heilsamer Schmerz dient, wenn er durch einen solchen Mittler zurückkehrt, der den Menschen als Gott durch seine Göttlichkeit zu Hilfe kam und als Mensch durch seine Schwachheit mit ihnen übereinkam. Welch größeres Beispiel des Gehorsams könnte uns ferner gegeben werden, die wir durch Ungehorsam zugrundegegangen waren, als daß Gott Sohn Gott dem Vater bis zum Tode des Kreuzes gehorsam wurde? Wie könnte uns irgendwo ein herrlicherer Preis des Gehorsams gezeigt werden als in dem Fleische eines solchen Mittlers, das zum ewigen Leben auferstand?« (Augustinus, De Trinitate, 13. Buch, 17. Kapitel)



Um uns den Weg zu öffnen


Wir brauchten dieses Beispiel als Vorbild, weil wir frei sind. Wir haben einen freien Willen und können uns für Gott entscheiden, für die Liebe. Und wir müssen es freiwillig tun, sonst wäre es keine Liebe. Seit wir vom Baum der Erkenntnis zwischen Gut und Böse aßen und entsprechend zwischen Gut und Böse unterscheiden können, können wir auch zwischen Gut und Böse entscheiden. Und wir müssen es sogar. Weil auch eine Nichtentscheidung eine Entscheidung ist. Deshalb müssen wir diese treffen und zwar aus freiem Willen, damit die Liebe tatsächlich Liebe ist.


Dadurch, dass Jesus Christus sich für uns am Kreuz opferte, zeigte er uns Gott in seiner unendlichen Liebe und öffnete uns den Weg. Nun sind wir zur Umkehr gerufen und zur freiwilligen Antwort in Liebe berufen. Das Kreuz ist eine Einladung in die Liebe Gottes. 



Um uns ewiges Leben zu schenken


Offiziell wurde Jesus wegen Gotteslästerung verurteilt: »Da wandte sich der Hohepriester nochmals an ihn und fragte: Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten? Jesus sagte: Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Wozu brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört.« (Mk 14,61–64


Diese Stelle ist bedeutend, weil sie seine Gottessohnschaft mit seinen eigenen Worten belegt. Das ist wichtig für jene, die fragen, wo in der Bibel Jesus selbst von sich sagt, dass er Gott ist. Es wäre nicht erforderlich, weil es das ist, worum es an jeder Stelle geht, an allen Stellen ersichtlich ist und durch vieles belegt wird. Hier aber spricht er es selbst aus, denn die Frage nach dem Christus ist die Frage nach dem Gottessohn und damit nach Gott. Deshalb wurde ihm Gotteslästerung vorgeworfen und deshalb wurde er zum Tod am Kreuz verurteilt. 


Diese Stelle ist umso bedeutender, weil er auf die Frage, ob er der Christus ist, im Evangelium nach Markus wörtlich antwortet: »Ich bin« (ἐγώ εἰμ, ego eimi, siehe Mk 14,62 Int.). Diese Formulierung verweist uns auf die Nennung des Gottesnamens in der berühmten Szene mit dem brennenden Dornbusch, wo Gott sich Mose als der »Ich bin, der ich bin« bzw. als der »Ich bin« vorstellt und den Namen »Jahwe« nennt, also »Er ist«. (Ex 3,14) Sie hängt auch zusammen mit den sieben Ich-bin-Worten Jesu aus dem Evangelium nach Johannes, in denen sich Jesus als Brot des Lebens (Joh 6,35), Licht der Welt (Joh 8,12), die Tür (Joh 10,9), der gute Hirt (Joh 10,11), die Auferstehung und das Leben (Joh 11,25-26), der Weg und die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6) und als der wahre Weinstock (Joh 15,1) bezeichnet. Dadurch bestätigt Jesus, dass er als Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. 


Das wurde vom Konzil von Chalcedon im Jahr 451 verbindlich formuliert und als Zwei-Naturen-Lehre bekannt, die besagt, dass Jesus Christus eine göttliche und eine menschliche Natur hat, die beide in seiner Person existieren, unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar. Wie der Katechismus sagt: »Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch«. (KKK 464)


Das spielt gerade bei der Kreuzigung eine entscheidende Rolle. Weil er wahrer Mensch ist, kann er das wahre Opfer bringen, weil er als Mensch wahrhaft leidet. Wäre er nicht wahrer Mensch, hätte er sich für uns nicht als Mensch opfern können, sondern wäre als Gott über dem Leid gestanden und sein Opfer hätte nicht die volle Bedeutung. Als Mensch steht er aber nicht über dem Schmerz, der Angst und der Verzweiflung, sondern durchlebt sie in ihrer vollen Tiefe. Damit ist sein Opfer wahrhaft und ein Beispiel für uns, Liebe in absoluter Selbsthingabe bis zur totalen Selbstaufgabe zu leben.


Weil er wahrer Gott ist, kann er uns durch sein Opfer seine wahrhaft unendliche Liebe zeigen. Wäre er nicht wahrer Gott, hätte er sich für uns nicht als Gott opfern können, sondern wäre als Mensch zwar mit bestem Beispiel vorangegangen, aber die menschliche Liebe wäre durch menschliche Maßstäbe eingeschränkt und hätte sich nicht aus der Unendlichkeit der Liebe gespeist, durch die sich nur die Gottesliebe auszeichnet, weil Gott die Quelle der Liebe ist und sie aus ihm kommt, »denn die Liebe ist aus Gott«. (1 Joh 4,7) Damit ist sein Opfer Zeichen einer reinen, wahren Liebe, die er uns schenkt, durch die er sich uns schenkt und in der wir ewiges Leben haben.


Als Mensch hätte er vor dem Kreuz flüchten können, als Gott hätte er es nicht anzunehmen brauchen. Indem er sich am Kreuz opferte, schenkte er uns das ewige Leben.



Um uns zur Rückkehr zu bringen


Je mehr wir uns vertiefen, desto besser können wir verstehen.


Jesus Christus opferte sich für uns am Kreuz und bewegt uns dadurch zur Umkehr, damit wir uns ihm zuwenden, Gott erkennen und seine Liebe sehen, durch die er sich uns am Kreuz schenkt und uns so den Weg der Liebe weist, der zu ihm führt. 


Diesen Weg sollen wir beschreiten, damit wir von der Abkehr über die Umkehr zur Rückkehr gelangen, der Rückkehr zu Gott. 


Dabei stellt die Umkehr bereits eine Rückkehr dar. Wir haben den Weg zwar noch vor uns. Aber weil er der Weg der Liebe ist, beschreiten wir ihn in Liebe. Und damit bereits mit und in Gott.









Der Aufsatz "Warum musste Jesus Christus gekreuzigt werden?" (17 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000 0000 8402 2282) erschien im Januar 2026, ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.18268418) auch als PDF heruntergeladen werden.




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