Wo lag der Garten Eden?
- Dalibor Truhlar

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Ein kurzer Aufsatz zur Lage des irdischen Paradieses
Autor: Dalibor Truhlar
Wo lag der Garten Eden?
Ich glaube, wir können davon ausgehen, dass der Garten Eden, also das Paradies, von dem die Bibel gleich zu Beginn im ersten Buch Genesis berichtet, in Ostanatolien bzw. Südostanatolien lag, einem Gebiet in der heutigen Türkei, dort, wo der Euphrat entspringt. Wir können das deshalb mit großer Sicherheit sagen, weil die Bibel selbst es sagt:
»Dann pflanzte Gott, der HERR, in Eden, im Osten, einen Garten und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. Gott, der HERR, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und köstlich zu essen, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen. Der Name des ersten ist Pischon; er ist es, der das ganze Land Hawila umfließt, wo es Gold gibt. Das Gold jenes Landes ist gut; dort gibt es Bdelliumharz und Karneolsteine. Der Name des zweiten Stromes ist Gihon; er ist es, der das ganze Land Kusch umfließt. Der Name des dritten Stromes ist Tigris; er ist es, der östlich an Assur vorbeifließt. Der vierte Strom ist der Eufrat. Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hüte.« (Gen 2,8-15)
Der Garten Eden lag also dort, wo der Fluss sich teilte und unter anderem zum Euphrat wurde. Er lag also dort, wo der Euphrat seinen Anfang nahm, in Ostanatolien bzw. Südostanatolien.
In Ostanatolien bzw. Südostanatolien
Der Euphrat bestimmt die Lage. Die anderen Flüsse spielen auch eine Rolle, sind aber nicht unbedingt erforderlich. Dass der Tigris ebenfalls in der Nähe entspringt und zwar im Hazar-See im Osttaurus-Gebirge und damit nur nur etwa 60 Kilometer Luftlinie entfernt, ist eine große Bestätigung für den Bericht der Bibel, vor allem, wenn wir an die Größe dieser Flüsse denken. Der Euphrat ist mit fast 2.800 km Länge der längste Fluss Vorderasiens, der Tigris schafft fast 1.900 km und trotzdem nehmen beide in unmittelbarer Nähe ihren Anfang. Im hebräischen Original wird der Name für Tigris übrigens als Hiddekel angegeben und für den Euphrat als Perat. Die Bezeichnungen sind aber als Namen für eben diese Flüsse bekannt und wir können davon ausgehen, dass sie stimmen.
Schwieriger wird es bei Pischon und Gihon, denn diese Flüsse kennen wir nicht. Nun gibt es viel Bemühen darum, herauszufinden, um welche Flüsse es sich dabei handelte. Manche gehen davon aus, dass sie bereits versiegt oder vertrocknet sind oder unterirdisch laufen und damit nicht mehr auffindbar. Andere sehen in ihnen den Indus, die Donau und andere Flüsse. Aber, wie gesagt, wir brauchen sie nicht wirklich, um den Ort zu lokalisieren, weil wir bereits Euphrat kennen und dieser durch Tigris zusätzlich bestätigt wird.
Das alles ist in der Bibel übrigens genau beschrieben, sehr genau sogar. Der Autor scheint besonders großen Wert darauf zu legen, dass wir die Lage erfahren. Wenn wir uns die Beschreibung durchlesen, merken wir sofort, wie detailliert sie ist. Im Unterschied zu anderen Angaben über den Garten Eden, wo wir gern mehr erfahren würden und die relativ kurz gehalten sind, erfahren wir hier sogar, wo es Gold gibt und Bdelliumharz und Karneolsteine, sogar von der Qualität des Goldes ist die Rede. Hier sollte also offensichtlich die präzise Lage präzise angegeben werden. Und wenn die Autoren sie nicht gekannt hätten, hätten sie nicht so über sie geschrieben, sondern sie nur kurz erwähnt, übersprungen, ausgelassen.
Interessant ist auch, dass gerade der Euphrat als letzter erwähnt wird und am wenigsten beschrieben wird. Er dürfte also derjenige Fluss sein, der den Menschen, für die der Text bestimmt war, am bekanntesten und am vertrautesten war. Die Beschreibung beginnt mit dem wohl am wenigsten bekannten Fluss, der noch die meiste Erklärung braucht, und geht dann über die bekannteren zu den bekanntesten. So ist die Beschreibung des ersten Flusses die längste, die des zweiten Flusses schon kürzer, der Tigris wird nur ungefähr angegeben und der Euphrat nur namentlich erwähnt.
Persischer Golf, Afrika und andere Theorien
Es gibt natürlich auch andere Theorien und einige davon sind sogar führend, insofern sie weitverbreitet sind. Sie können aber nicht stimmen, weil sie den Garten dort verorten, wo der Euphrat nicht entspringt und damit der Bibel widersprechen, die die einzige Quelle darstellt, die darüber berichtet. Wenn wir dieser Quelle nicht vertrauen, brauchen wir sie auch nicht zu interpretieren und nach dem Garten zu fragen. Dass wir ihr aber vertrauen dürfen, bezeugt die Offenbarung und auch die Tatsache, wie detailliert gerade dieser Abschnitt beschrieben ist.
Es wird beispielsweise oft behauptet, dass das Paradies in Mesopotamien lag, und zwar im heutigen Irak bzw. Kuwait, dort, wo Euphrat und Tigris zusammentreffen und in den Persischen Golf münden, also im Gebiet des Flussdeltas des Schatt al-Arab. Das kann aber nicht sein, weil die Flüsse dort münden, nicht entspringen, wie in der Bibel beschrieben. Dagegen wird eingewandt, dass die Bezeichnung für die Flüsse, die im Hebräischen רָאשִׁים (›roschim‹ bzw. im Singular ›raschim‹) lautet und ›Kopf‹ oder Anfang‹ bedeutet, weshalb man auch von ›Hauptströmen‹ oder ›Flussarmen‹ oder ›Quellflüssen‹ spricht, in Wirklichkeit als ›Zusammenfluss‹ übersetzt werden soll. Für eine solche Übersetzung gibt es aber keine Belege, sodass es sich eher um eine Interpretation handelt, bei der der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Der Text sagt deutlich, dass ein Strom in Eden entspringt, um den Garten zu bewässern und sich dort teilt (מִשָּׁם, ›mi-scham‹, ›von-dort‹, siehe Gen 2,10).
Dazu gibt es eine Art Subtheorie, derzufolge der Garten Eden im Persischen Golf selbst lag und später überflutet wurde. Er befindet sich heute also gewissermaßen unter Wasser. Auch diese Theorie kann nicht stimmen, aus dem gleichen Grund wie die vorherige, weil der Euphrat hier nicht entspringt.
Das Gleiche gilt für alle anderen Theorien, ob sie den Garten Eden im oberen Gebiet des heutigen Iran vermuten, in Afrika verorten, insbesondere in Ägypten, Sudan und Äthiopien aufgrund des Nils und der Bezeichnung des Landes als Kush, das für Nubien steht, oder in einem noch viel größeren Gebiet, das sich bis nach Indien zieht und Flüsse wie Ganges miteinbezieht.
Aber der Garten Eden lag, laut Beschreibung der Bibel, nun einmal dort, wo der Euphrat entspringt bzw. seinen Anfang nimmt.
Offene Fragen
Das heißt nicht, dass wir ganz genau wissen, wo der Garten Eden lag. Die Bestimmung ist zwar genau, wenn wir bedenken, dass manche Eden auf die ganze Erde beziehen, aber nicht so genau, dass wir nun auf einen Punkt auf der Karte zeigen könnten. Das Gebiet ist aber ungefähr umrissen.
Vielleicht entsprang der Euphrat damals auch woanders. Vielleicht gilt das Gleiche für den Tigris. Der Euphrat wird heute von den beiden Hauptquellflüssen Karasu und Murat gespeist, die auch als Westlicher bzw. Östlicher Euphrat bezeichnet werden. Waren vielleicht diese oder einer davon gemeint? War vielleicht einer davon sogar der Fluss, der in den Garten floss und sich dann in die vier Flüsse teilte?
Wir haben keine Antworten auf diese Fragen. Aber sie würden die Antwort auch nicht wesentlich verändern, sondern nur präzisieren. Denn wenn wir an Karasu und Murat denken, würde sich das Gebiet nach Norden und Osten verlagern, ins armenische Hochland, ins Gebiet zwischen Elazig, Erzincan und Erzurum. Das tat es wahrscheinlich ohnehin, weil hier in den Jahren 1966 bis 1974 die Keban-Talsperre errichtet wurde. Bevor der Staudamm da war, lag der Zusammenfluss der beiden Flüsse also etwas über 10 Kilometer weiter nördlich. Aber so oder so, das Gebiet ist ungefähr bestimmt.
Hinweise zur Bestätigung
Es ist auch deshalb überzeugend, weil unsere Zivilisation in einer gewissen Weise hier begann.
Vor etwa 50.000 Jahren wanderte der Homo sapiens, also der bereits moderne Mensch, in einer zweiten Welle von Afrika aus in die ganze Welt. Und es war hier, wo er sich niederließ und die ersten Siedlungen nachweisbar sind.
Es ist auch der Ort, von dem aus die neolithische Revolution ausging, also die Sesshaftwerdung des Menschen in der Jungsteinzeit. Nach dem Ende der letzten Kaltzeit zwischen 11.000 bis 8.000 Jahren v. Chr., wurden die Menschen hier sesshaft und begannen mit Landwirtschaft und Viehzucht. Es ist genetisch nachgewiesen, dass Tiere wie Schafe, Ziegen, Rinder und Schweine, die heute in Europa leben, von Populationen abstammen, die in diesem Gebiet domestiziert wurden.
Möglicherweise gingen von hier aus sogar die indoeuropäischen Sprachen um die Welt wie die romanischen, germanischen, slawischen u. a., ebenso die indoiranischen. Laut der Anatolien-Hypothese breiteten sie sich von hier aus nach Westen und nach Osten aus. Die führende Theorie ist zwar die Kurgan-Hypothese, die besagt, dass die Ausbreitung aus der Steppe im Gebiet der heutigen Ukraine erfolgte, aber die Anatolien-Hypothese hat ebenfalls viele Anhänger und es gibt auch Ansätze, beide miteinander zu vereinen. Um es einfach zu sagen, beide Gebiete sind nicht gerade weit voneinander entfernt, auch wenn das Schwarze Meer dazwischen liegt.
Denken wir weiters daran, dass Noah, dessen Familie laut dem biblischen Bericht die einzige war, die die Sintflut überlebte, mit seiner Arche am Berg Ararat aufsetzte (Gen 8,4), der sich nicht einmal 500 Kilometer weiter westlich befindet und als Nationalsymbol Armeniens in dessen Wappen abgebildet ist.
Denken wir auch daran, dass Abraham, der Vater des Glaubens und Erzvater Israels, von dem König David abstammt und dessen Linie in Jesus Christus ihren Höhepunkt findet, nach Haran bzw. Harran zog, das sich gerade mal über 200 Kilometer weiter südlich befindet. Seine Familie lebte möglicherweise schon davor hier, auch wenn es sich dabei nur um eine Vermutung handelt.
Wohlgemerkt, sind das alles keine Argumente, denn der Stand der Forschung kann sich mit neuen Erkenntnissen ändern. Aber es sind Hinweise, die uns zu denken geben.
Theologische Anmerkungen
Nun stellt sich die Frage, ob die Frage überhaupt wichtig ist. Und die Antwort lautet, dass die Frage nach der Lage des Garten Eden vom religiösen Standpunkt bzw. für die Theologie nicht unbedingt relevant ist.
Die Erzählung, die uns in der Bibel überliefert ist, bedient sich eine bildhaften Sprache und will uns etwas anderes sagen, nämlich, dass wir von Gott geschaffen wurden, dass Gott von Anfang an bei uns war und uns alles schenkte, was wir brauchten. Wir hatten es nicht bloß gut, sondern bestens. Weil Gott bei uns war und mit uns war. Wir verstießen aber gegen sein Gebot und aßen vom Baum der Erkenntnis zwischen Gut und Böse. Dadurch kehrten wir uns von ihm ab und mussten den Garten verlassen. Ab da lebten wir nicht mehr im Paradies, also in Gottes Nähe, sondern in Entfernung von Gott.
Dass der Garten Eden bzw. der Garten in Eden auch als Paradies bezeichnet wird, liegt übrigens daran, dass die Septuaginta, die griechische Übersetzung des hebräischen Alten Testaments, den Ausdruck ›Garten‹ mit ›Paradies‹ (παράδεισον, paradeison) wiedergab (LXX, Gen 2,8). Und es trifft den Kern der Sache, wenn wir bedenken, wie wir heute den Ausdruck Paradies im Sinne des Glücks, der Freude und der Wonne verwenden.
Und gerade das ist wichtig zu erkennen: Der Garten Eden war das Paradies wegen Gott. Gott ist es, der das Paradies zum Paradies macht. Seine Gegenwart und seine Nähe. Indem wir uns von ihm abkehrten und das Paradies verließen, verloren wir es. Dieses irdische Paradies gibt es also nicht mehr in dieser Form. Was es aber gibt, ist das himmlische Paradies, das bei Gott und in Gott ist und in das wir unterwegs sein dürfen, können und sollen. Wir müssen dafür nicht einmal auf die Landkarte schauen.
Deshalb beschäftigt sich die Theologie auch nicht wirklich mit dieser Frage, weil sie weiß, dass etwas anderes entscheidend ist. Es gibt zwar einige Diskussionen, die bereits von den Kirchenvätern geführt wurden und die den Rahmen hier sprengen würden. Aber dabei geht es weniger darum, wo der Garten Eden lag, als darum, wie wir ihn interpretieren sollen, ob literal, historisch, symbolisch, allegorisch oder auf andere Weise. Die Realität des Garten Eden wird beispielsweise von Epiphanius bestätigt mit dem Argument, dass, wenn das Paradies nicht sinnlich zu verstehen ist, auch keine Quelle existiert, kein Strom, keine Hauptflüsse und nichts von alldem, was darauf folgt. (Epiphanius von Salamis, Ancoratus, 58) Augustinus schreibt, dass er das Paradies als Garten und als Allegorie sieht, also sowohl in der wörtlichen als auch der übertragenen Bedeutung. (Augustinus, De Genesi Ad Litteram, 8,1) Daraus folgt, dass es den Garten mit den Flüssen und den Bäumen und den Früchten tatsächlich gab. Aber sind die vier Paradiesströme vielleicht die vier Evangelien, die Bäume die Heiligen und ihre Früchte deren Werke? (Augustinus, De Civitate Dei, 13,21)
Die katholische Kirche selbst geht davon aus, dass die ersten drei Kapitel der Genesis, zu denen auch das Kapitel über den Garten Eden gehört, Erzählungen realer Ereignisse enthalten, die der objektiven Realität und der historischen Wahrheit entsprechen, diese aber auch beispielsweise allegorisch ausgelegt werden können. (Päpstliche Bibelkommission, Über den historischen Charakter der ersten drei Kapitel der Genesis, 1909) Es wird in einer bildhaften Sprache ein Urereignis beschrieben. (KKK 390) Wir haben es also mit einer Erzählung zu tun, die wahr ist, wir sind aber auch gerufen, zu verstehen, was sie zu uns tatsächlich erzählt. Bei der Suche nach der Wahrheit öffnen sich uns viele Wege, je mehr wir in die Erzählung eintauchen. Das ist das Schöne an der Schrift: Sie hat eine Tiefe, die ständig zu neuen Höhen führt.
Auch andere Wissenschaften wie Geschichte, Archäologie oder Geologie beschäftigen sich mit dieser Frage weniger, unter anderem wohl aus dem Grund, weil zu wenige Informationen vorliegen, die sie untersuchen könnten..
Die Frage ist aber interessant und spannend und es gibt Menschen, die danach fragen und Menschen, die auf diese Frage die Antworten geben. Und deshalb, weil die Frage interessiert und die Beschreibung in der Bibel so genau ist, ist es spannend, sich damit zu beschäftigen. Bedenken wir allein, was die Geschichte uns wörtlich erzählt und welchen Sinn sie uns dadurch erschließt.
Adam und Eva verließen das Paradies Richtung Osten. Nun lag der Garten bereits im Osten von Eden und jetzt ging es für sie noch weiter nach Osten. Osten ist aber Osten, weil es der Ort des Sonnenaufgangs ist. Und der Sonnenaufgang ist ein Symbol für den Anfang und den Ursprung der Schöpfung, für Christus als Sonne der Gerechtigkeit, als Licht der Welt und für seine Auferstehung. Wenn wir heute die Heilige Messe feiern, blicken wir zum Altar und zum Allerheiligsten und damit Richtung Osten, weil die meisten Kirchen ad orientem geostet sind, damit wir zum Herrn blicken.
Es könnte also auch in dem Sinn verstanden werden, dass Gott, dessen Gegenwart und Nähe das Paradies zum Paradies macht, dieser Osten ist, zu dem wir aufbrechen. Und es könnte vielleicht auch gesagt werden, dass Adam und Eva, als sie den Garten Eden verließen, was fürchterlich für sie war und für uns noch immer ist, zugleich Grund zur Hoffnung hatten, weil sie ihn Richtung Osten verließen und damit in Richtung des himmlischen Paradieses.
Und es sollte uns zum Lächeln bringen, dass das Gebiet, in dem das Paradies lag, heute als Anatolien bezeichnet wird, das sich vom altgriechischen ἀνατολή (anatole, aufsteigen) ableitet, das Osten bedeutet und eigentlich Sonnenaufgang heißt.

Der Aufsatz "Wo lag der Garten Eden?" (14 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000 0000 8402 2282) erschien im Januar 2026, ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.18269016) auch als PDF heruntergeladen werden.



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