1. Korinther – der Liebesbrief

Aktualisiert: vor 3 Tagen
Erster Korintherbrief des Apostels Paulus an die Korinther, Charakteristik mit thematischer Auslegung
Autor: Dalibor Truhlar, Oktober 2026
»Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
doch am größten unter ihnen ist die Liebe.«
Der erste Korintherbrief ist der zweitlängste der Paulusbriefe. (1 Kor) Er besteht aus sechzehn Kapiteln mit etwa 6.835 Wörtern und 34.705 Schriftzeichen im griechischen Text. Er wurde möglicherweise zwischen 53 und 55 n. Chr. in Ephesus geschrieben.
Der Anlass des Briefes sind offensichtlich Spaltungen und Verfehlungen in der Gemeinde von Korinth sowie Anfragen der Mitglieder. Paulus nimmt zu ihnen Stellung und beantwortet sie. Vor allem aber spricht er darin über die Liebe und er tut es auf eine besonders liebevolle Weise.
Wir könnten den ersten Korintherbrief deshalb als Liebesbrief bezeichnen, weil es in ihm um Liebe geht. Das könnten wir natürlich von allen Paulusbriefen behaupten. Das könnten wir auch von den Briefen anderer behaupten, unter denen beispielsweise der erste Johannesbrief besonders der Liebe gewidmet ist. Und, um ehrlich zu sein, könnten wir das von allen Schriften der Bibel sagen. Allerdings nur aus einem Grund. Weil alle heiligen Schriften das Wort Gottes enthalten und Gott Liebe ist. (1 Joh 4,8.16) Gott ist immer das Hauptthema, von dem sich die einzelnen Themen erst ableiten, die sich oft aus einem konkreten Anlass ergeben. Der erste Korintherbrief handelt aber nicht nur von Liebe, er ist stellenweise sogar liebevoll geschrieben, wie ein richtiger Liebesbrief. Wenn wir uns diese Stellen ansehen, merken wir, dass wir von ihnen ausgehend jene Stellen betrachten können und sollten, an denen es nicht in erster Linie um Liebe geht und die auch nicht in erster Linie nach Liebe klingen, aber Liebe enthalten und auf Liebe hinauslaufen.
Die Liebe wird vor allem im dreizehnten Kapitel ausgeführt, im berühmten Hohelied der Liebe. Wir werden noch dazukommen, um es im Detail zu betrachten und zu besprechen. Behalten wir das Hohelied aber schon jetzt im Kopf und die Liebe im Herzen und beide vor Augen, wenn wir die Kapitel davor lesen. Die Liebe hilft uns, den ganzen Brief besser zu verstehen. Trotz oder gerade wegen der Vielzahl an Themen, die hier behandelt werden. Es geht darin um Fälle von Unzucht, Rechtsstreitigkeiten in der Gemeinde, Ehe und andere. Und sie alle werden am besten aus der Perspektive der Liebe begriffen und auch thematisch ergriffen. Der Brief enthält damit gewissermaßen den Schlüssel zu seinem eigenen Verständnis. Das ist verständlich. Denn es ist Gott, der im Zentrum steht, weil er das Zentrum ist, und mit ihm auch die Liebe, die er ist.
Zu Beginn grüßt Paulus die Gemeinde der Korinther, spricht den Segenswunsch und dankt Gott ihretwegen für die Gnade, die ihnen in Christus Jesus geschenkt wurde. (1 Kor 1,4) Hier betont er besonders, dass sie reich wurden in Christus Jesus »an aller Rede und aller Erkenntnis. Denn das Zeugnis über Christus wurde bei euch gefestigt, sodass euch keine Gnadengabe fehlt, während ihr auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus wartet.« (1 Kor 1,5-7) Das ist deshalb von Bedeutung, weil es gerade um die Rede und die Erkenntnis geht. Er streut ihnen also Blumen, um sie gerade in dieser Hinsicht zu belehren, dort, wo es um Rede und Erkenntnis geht.
Er kommt auch gleich auf die Spaltungen in der Gemeinde zu sprechen und mahnt sie zur Einheit: »Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: »Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung!« (1 Kor 1,10) Das ist übrigens eine Ermahnung, die bereits der Liebe entstammt, und eine Aufforderung, die auf die Liebe hinzielt. Liebe will das Zusammen, das Gemeinsam, das Miteinander. Und in Gott finden wir es.
Die Spaltungen bestehen in Streitigkeiten wohl im Sinne von Parteiungen, »dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?« (1 Kor 1,12-13) Damit zeigt er, dass Spaltungen falsch sind, weil es in Gott keine Spaltungen gibt, und dass es um Gott geht und auf Gott ankommt. Er sagt auch sehr klar, dass Christus ihn nicht sandte zu taufen, auch wenn er taufte, sondern das Evangelium zu verkünden. (1 Kor 1,17) Und er stellt dar, dass es nicht um Weisheit und Klugheit geht, sondern um Glauben und Verkündigung, auch wenn sie manchen als Torheit erscheinen können (1 Kor 1,18-22): »Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.« (1 Kor 1,23-25)
Sie sollen deshalb auf ihre Berufung sehen (1 Kor 1,26), nicht auf ihre Weisheit. Es zählt nicht das Mächtige oder Vornehme, nicht das Starke, sondern das Schwache. Denn »das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt [...] damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott. Von ihm her seid ihr in Christus Jesus, den Gott für uns zur Weisheit gemacht hat, zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Wer sich rühmen will, der rühme sich des Herrn«. (1 Kor 1,28-31)
Hier wird nicht explizit von Liebe gesprochen. Und doch ist sie darin enthalten. Fragen uns nur, warum Gott das Niedrige und Verachtete erwählt. Warum uns der Weg zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung überhaupt eröffnet wird. Liebe liebt nicht bloß, was glänzt. Aber es glänzt, was wir lieben, weil wir es lieben.
Im zweiten Kapitel stellt Paulus dar, dass er Weisheit verkündet, »aber nicht Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt« (1 Kor 2,6), sondern »das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung.« (1 Kor 2,7) Er verkündet also, »was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat« (1 Kor 2,9), aber »Gott enthüllt durch den Geist« (1 Kor 2,10). Das ist auch insofern eine wichtige Stelle, weil sie zeigt, dass wir Gott nur in Gott erkennen können: »So erkennt auch keiner Gott – nur der Geist Gottes. Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist.« (1 Kor 2,11-12) Und das bedeutet, dass wir Gott nur in Liebe erkennen können, die er ja ist und die er uns ja schenkt. Gott öffnet unsere Herzen und Augen, damit wir ihn sehen, und wir sehen ihn, weil unsere Herzen und Augen offen sind. Aus Liebe schickte der Vater den Sohn, aus Liebe opferte sich der Sohn, aus Liebe wurde uns der Heilige Geist gesandt. Und es ist der Heilige Geist, der Geist Christi, der Geist des Herrn, der auch als Geist der Liebe und als Band der Liebe Vater und Sohn verbindet und uns mit ihnen und in ihnen in Gott vereint. Deshalb müssen wir geistlich gesinnt sein, nicht irdisch, »weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann. [...] Denn wer begreift den Geist des Herrn? Wer kann ihn belehren? Wir aber haben den Geist Christi.« (1 Kor 2,14-16)
Im dritten Kapitel führt er dann aus, wovon er schon im ersten Kapitel sprach, nämlich die Spaltungen. Er sagt ihnen, dass sie »noch irdisch eingestellt, unmündige Kinder in Christus« (1 Kor 3,1) waren: »Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen.« (1 Kor 3,2) Und er kritisiert sie, weil sie immer noch irdisch eingestellt sind, weil sie immer noch sehr menschlich handeln, weil immer noch Eifersucht und Streit unter ihnen herrschen, weil die einen zu ihm, die anderen zu anderen halten. (1 Kor 3,3-5) Namentlich angesprochen wird hier Apollos aus Alexandria, der »redekundig und in der Schrift bewandert« war. (Apg 18,24) Paulus stellt schön klar, dass sie beide nur Diener sind, gewissermaßen Werkzeuge: »Was ist denn Apollos? Und was ist Paulus? Diener, durch die ihr zum Glauben gekommen seid, und jeder, wie der Herr es ihm gegeben hat: Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen. So ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur Gott, der wachsen lässt.« (1 Kor 3,5-7) Und er bezeichnet ihn und sich selbst als »Gottes Mitarbeiter« und die Korinther als »Gottes Ackerfeld, Gottes Bau.« (1 Kor 3,9) Diesen Vergleich mit dem Bau Gottes setzt er fort, indem er ausführt, dass Jesus Christus der Grund dieses Baus ist: »Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus« (1 Kor 3,11) und weist daraufhin, dass sie der Tempel Gottes sind: »Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?« (1 Kor 3,16) und er fasst zusammen: »Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: Alles gehört euch; ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott.« (1 Kor 3,21-23)
Auch hier wird nicht von Liebe gesprochen, sondern das Problem der Spaltungen weiter besprochen. Trotzdem kommt die Liebe überall zum Ausdruck. Wer gibt jemanden zu essen und zu trinken, wer erzieht und belehrt, wer ermahnt und weist zu Recht, wenn nicht die liebenden Eltern? Und wer nimmt und stellt und setzt sich selbst zurück und dient, wenn nicht der, der liebt? Denn die Liebe »prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.« (1 Kor 13,4)
Entsprechend wird das Dienen auch im vierten Kapitel ausgeführt, wo er sagt, dass man ihn und die anderen »als Diener Christi und als Verwalter von Geheimnissen Gottes« (1 Kor 4,1) betrachten soll: »Von Verwaltern aber verlangt man, dass sie sich als treu erweisen.« (1 Kor 4,2) Und er sagt, dass ihm nicht ausmacht, wenn jemand über ihn urteilt, dass es sich zwar keiner Schuld bewusst ist, er dadurch aber noch nicht gerecht gesprochen ist, denn »der Herr ist es, der über mich urteilt.« (1 Kor 4,4) Und er sagt ihnen, dass sie nicht vor der Zeit urteilen sollen. (1 Kor 4,5) Dann sagt er etwas sehr Wichtiges und Wahres: »Denn wer räumt dir einen Vorrang ein? Und was hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?« (1 Kor 4,7) Und so stellt er dar, wo er und die anderen Aposteln stehen: »Ich glaube nämlich, Gott hat uns Apostel auf den letzten Platz gestellt, wie Todgeweihte; denn wir sind zum Schauspiel geworden für die Welt [...] Wir stehen als Toren da um Christi willen [...] Bis zur Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße und werden mit Fäusten geschlagen und sind heimatlos. Wir mühen uns ab, indem wir mit eigenen Händen arbeiten; wir werden beschimpft und segnen; wir werden verfolgt und halten stand; wir werden geschmäht und reden gut zu. Wir sind sozusagen der Unrat der Welt geworden, der Abschaum von allen bis heute.« (1 Kor 4,9-13) Das bestätigt das sich Zurücknehmen, Zurücksetzen und Zurückstellen. Und denken wir gerade bei Hunger, Durst und Blöße, dem Geschlagenwerden und dem Heimatlossein, an das Hohelied, wo es über die Liebe heißt, sie »erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.« (1 Kor 7,4) Gerade deshalb kann Paulus die Korinther als seine »geliebten Kinder« ermahnen, sich an sein Vorbild zu halten. (1 Kor 4,14-16)
Im fünften Kapitel wird ein Fall von Unzucht behandelt, und zwar ein besonders schlimmer, der so »nicht einmal unter den Heiden vorkommt, dass nämlich einer mit der Frau seines Vaters lebt.« (1 Kor 5,1) Es handelt sich also um einen Fall von Inzest. Paulus will nun »diesen Menschen dem Satan übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird.« (1 Kor 5,5) Das klingt für unsere Ohren erst einmal schlimm, denn obwohl der Fall natürlich auch schlimm ist, dürften wir uns fragen, ob hier nicht Liebe die Antwort sein sollte. Es ist aber so, dass die Liebe hier die Antwort ist. Wir müssen nur aufmerksam lesen und richtig verstehen. Den Menschen dem Satan zu übergeben, bedeutet, ihn aus der Gemeinde auszuschließen, die ein ausgesonderter und abgesonderter Bereich der Heiligen sein soll, und damit in den weltlichen Bereich zurückzuschicken, in dem der Mensch entsprechend seiner Lebensweise offensichtlich ohnehin zu Hause ist. Er tut es also aus Liebe zu den anderen, um sie zu schützen, damit der schlechte Sauerteig sie nicht verdirbt: »Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid!« (1 Kor 5,6-7) Er tut es aber auch, um den Menschen selbst zu retten, in der Hoffnung darauf, dass er erkennt und lernt, »damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird.« (1 Kor 5,5) Er wendet sich damit gegen den »Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit« und »den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit« zu. (1 Kor 5,8) Und das hat mit Liebe zu tun. Denn die Liebe, wie es im Hohelied der Liebe heißt, »freut sich an der Wahrheit.« (1 Kor 13,6)
Im sechsten Kapitel werden Rechtsstreitigkeiten in der Gemeinde behandelt. Offensichtlich gibt es hier Fälle, wo Angehörige der Gemeinde einander vor Gericht ziehen. Paulus scheint sich zu wundern, dass sie scheinbar niemanden haben, der unter ihnen richtet: »Gibt es denn unter euch wirklich keinen, der über die Weisheit verfügt, zwischen Brüdern zu entscheiden?« (1 Kor 6,5) Und er fragt weiter: »Ist es nicht überhaupt schon ein Versagen, dass ihr miteinander Prozesse führt? Warum leidet ihr nicht lieber Unrecht? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen?« (1 Kor 6,7) Die beiden letzten Fragen sind besonders stark, denn hier geht es nicht bloß darum, dass sie selbst richten, und auch nicht nur darum, dass ein Bruder den anderen nicht vor Gericht zieht. Sie sollen lieber selbst Unrecht leiden und sich lieber selbst übervorteilen lassen. Bedenken wir, was das heißt. Und bedenken wir, warum das entscheidend ist. Denn Ungerechte werden das Reich Gottes nicht erben: »Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben.« (1 Kor 6,9-10) Es geht also auch hier um Liebe, denn die Liebe, wie es im Hohelied der Liebe heißt, »handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.« (1 Kor 13,5) Und die Begründung reicht noch tiefer, weil sie noch höher geht: »Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn [...] Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? [...] Meidet die Unzucht! [...] Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!« (1 Kor 6,13-20)
Im siebten Kapitel geht es um Fragen der Ehe und Ehelosigkeit. Auch hier findet sich die Liebe in den konkreten Empfehlungen. Bereits die Tatsache, dass Paulus Empfehlungen gibt und sie als Empfehlungen versteht, belegt es. Unter anderem sagt Paulus, dass es gut für den Mann ist, keine Frau zu berühren, aber jeder seine Frau haben soll und jede Frau ihren Mann, wegen der Gefahr der Unzucht. (1 Kor 7,1-2) Er stellt es ihnen also frei und mit guter Begründung. Und er fügt bekannterweise hinzu, dass er es als Zugeständnis meint, nicht als Gebot (1 Kor 7,6): »Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. « (1 Kor 7,7) Er ist hier also ehrlich und sagt seine Meinung, aber ohne sie anderen aufzuzwingen. Die Begründung dafür ist übrigens sehr verständlich und gut nachvollziehbar und folgt eher zum Schluss des Kapitels: »Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet.« (1 Kor 7,33-35) Er will ihnen also Sorgen ersparen, wie es sich für jemanden gehört, der liebt, und sagt ihnen die Wahrheit, wie es jemand tut, der liebt. Vor allem aber hat seine Begründung ihren Grund im Herrn, der Liebe ist. Und er präsentiert es auf eine Weise ohne Druck. Ebenso dort, wo er von Unverheirateten und Witwen spricht und von Fällen, in denen Gläubige mit Ungläubigen verheiratet sind. Hier sagt er ganz klar, dass sie einander nicht verstoßen sollen, wenn sie sich aber trennen wollen, sind sie nicht wie Sklaven gebunden, denn »zu einem Leben in Frieden hat Gott euch berufen.« (1 Kor 7,15) Er sagt auch weiter, dass jeder so leben soll, »wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gottes Ruf ihn getroffen hat.« (1 Kor 7,17) Er stellt es ihnen also gewissermaßen frei, allerdings mit Blick auf Gott und aus dem Blickwinkel Gottes, nicht aus seinem eigenen: »Wenn einer als Beschnittener berufen wurde, soll er beschnitten bleiben. Wenn einer als Unbeschnittener berufen wurde, soll er sich nicht beschneiden lassen. Es kommt nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, die Gebote Gottes zu halten.« (1 Kor 7,19) Das Gleiche gilt übrigens für den Stand und die Sklaven. (1 Kor 7,20-24) Denn es kommt, so dürfen wir wohl sagen, auf Wichtigeres an, oder noch besser, auf das Wichtigste, und das ist Gott: »Die Zeit ist kurz« (1 Kor 7,29) und »die Gestalt dieser Welt vergeht« (1 Kor 7,31), wir sollen uns deshalb »um die Sache des Herrn« (1 Kor 7,32) sorgen. Und wenn es schon »um die Dinge der Welt« (1 Kor 7,34) geht, dann »geschehe es im Herrn« (1 Kor 7,39). Und im Herrn bedeutet, so dürfen wir hinzufügen, in seiner Liebe.
Im achten Kapitel geht es um das Thema Götzenopferfleisch. Das behandelt er für ungewohnte Ohren fast überraschend offen, aber eigentlich selbstverständlich: »Was nun das Essen von Götzenopferfleisch angeht, so wissen wir, dass es keine Götzen gibt in der Welt und keinen Gott außer dem einen.« (1 Kor 8,4) »Speise aber wird uns Gott nicht näherbringen. Wenn wir nicht essen, verlieren wir nichts, und wenn wir essen, gewinnen wir nichts.« (1 Kor 8,8) Deshalb müssen sich die Menschen, die diese Erkenntnis haben, keine großen Sorgen machen. »Aber nicht alle haben die Erkenntnis.« (1 Kor 8,4) Deshalb sollen sie darauf achten, dass ihre Freiheit nicht den Schwachen zum Anstoß wird (1 Kor 8,9): »Wenn nämlich einer dich, der du Erkenntnis hast, im Götzentempel beim Mahl sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er schwach ist, verleitet, auch Götzenopferfleisch zu essen? Der Schwache geht an deiner Erkenntnis zugrunde, er, dein Bruder, für den Christus gestorben ist.« (1 Kor 8,10-11) Und er schließt mit einem persönlichen Bekenntnis: »Wenn darum eine Speise meinem Bruder zum Anstoß wird, will ich bis in Ewigkeit kein Fleisch mehr essen, um meinem Bruder keinen Anstoß zu geben.« (1 Kor 8,13) Auch diese Zeilen und diese Empfehlungen entstammen offensichtlich der Liebe. Bei allem, was wir tun, kommt es darauf an, dass wir es aus Liebe und mit Liebe tun, wie es auch im Hohelied der Liebe heißt, wo es auch gerade um Erkenntnis: »Und wenn ich [...] alle Erkenntnis hätte [...] hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.« (1 Kor 13,2)
Im neunten Kapitel nimmt er dann wieder den Faden aus dem dritten und vierten Kapitel auf, wo es um Spaltungen geht, und spricht über sich selbst als Apostel. Es ist eine Stelle, die uns Einblick in sein Leben und sein Wirken gewährt und uns auch als Beispiel für Liebe gelten kann. So betont er hier, dass ein Apostel ebenso wie andere das Recht auf Lohn hat: »Wer leistet denn Kriegsdienst und bezahlt sich selber den Sold? Wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht von seinem Ertrag? Oder wer weidet eine Herde und trinkt nicht von der Milch der Herde?« (1 Kor 9,7) »Wisst ihr nicht, dass alle, die im Heiligtum Dienst tun, vom Heiligtum leben und dass alle, die am Altar Dienst tun, vom Altar ihren Anteil erhalten?« (1 Kor 9,13) Er weist aber daraufhin, dass er genau das nicht tut: »Ich aber habe all das nicht in Anspruch genommen. [...] Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, gebührt mir deswegen kein Ruhm; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! Wäre es mein freier Entschluss, so erhielte ich Lohn. Wenn es mir aber nicht freisteht, so ist es ein Dienst, der mir anvertraut wurde. Was ist nun mein Lohn? Dass ich unentgeltlich verkünde und so das Evangelium bringe und keinen Gebrauch von meinem Anrecht aus dem Evangelium mache. Obwohl ich also von niemandem abhängig bin, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen.« (1 Kor 9,15-19) Er handelt so, »um dem Evangelium Christi kein Hindernis in den Weg zu legen« (1 Kor 9,12), »um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben.« (1 Kor 9,23) Vielleicht könnten wir mit Bezug auf seinen anderen Korintherbrief auch sagen: »Denn die Liebe Christi drängt uns«. (2 Kor 5,14)
Im zehnten Kapitel spricht er über die Wüstenwanderung der Israeliten, den Götzendienst und noch einmal über das Götzenopferfleisch. Er erwähnt, wie die Israeliten durch die Wüste zogen, aßen und tranken und letztlich in der Wüste umkamen: »Das aber geschah als warnendes Beispiel für uns: damit wir uns nicht von der Gier nach dem Bösen beherrschen lassen, wie jene sich von der Gier beherrschen ließen. Werdet nicht Götzendiener wie einige von ihnen«. (1 Kor 10,6-7) Hier gibt er die Warnung also weiter, aus Liebe, damit sie gewarnt sind. »Lasst uns auch nicht Christus auf die Probe stellen, wie es einige von ihnen taten [...] Murrt auch nicht, wie einige von ihnen murrten; sie wurden vom Verderber umgebracht! Das aber geschah an ihnen, damit es uns als Beispiel dient; uns zur Warnung wurde es aufgeschrieben [...] Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt. Noch ist keine Versuchung über euch gekommen, die den Menschen überfordert. Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch mit der Versuchung auch einen Ausweg schaffen, sodass ihr sie bestehen könnt.« (1 Kor 10,9-13) Dann kommt er auf den Götzendienst zu sprechen, denn er selbstverständlich ablehnt und sie als Geliebte anspricht: »Darum, meine Geliebten, meidet den Götzendienst! Ich rede doch zu verständigen Menschen; urteilt selbst über das, was ich sage! Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot. [...] Was meine ich damit? Dass Götzenopferfleisch wirklich etwas ist? Oder dass ein Götze wirklich etwas ist? Nein, aber was man dort opfert, opfert man den Dämonen und nicht Gott. Ich will jedoch nicht, dass ihr Gemeinschaft mit Dämonen habt. Ihr könnt nicht den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen. Ihr könnt nicht teilhaben am Tisch des Herrn und am Tisch der Dämonen.« (1 Kor 10,14-21) Auch das sagt er aus Liebe und es ist entscheidend, es zu verstehen. Es geht dabei nicht um ein bloßes Zeremoniell oder althergebrachte Kulte. Es geht darum, dass wir uns auf diese Weise nicht von Gott entfernen, aus seiner Liebe ausschließen und so ins Verderben stürzen. Was Paulus hier sagt, ist entscheidend gerade in der Liebe und für die Liebe, weil es uns in Liebe zu Liebe Gottes führt.
Dann kommt er noch einmal auf die Rücksicht zu sprechen, die man auf die anderen nehmen soll beim Verzehr von Götzenopferfleisch. Und er wiederholt, was er schon an einer vorherigen Stelle sagte (1 Kor 6,12): »Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf. Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen! Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esst, ohne aus Gewissensgründen nachzuforschen. Denn dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt. Wenn ein Ungläubiger euch einlädt und ihr hingehen möchtet, dann esst, was euch vorgesetzt wird, ohne aus Gewissensgründen nachzuforschen! Wenn euch aber jemand darauf hinweist: Das ist Opferfleisch!, dann esst nicht davon mit Rücksicht auf den, der euch aufmerksam gemacht hat, und auf das Gewissen; ich meine aber nicht das eigene Gewissen, sondern das des anderen; [...] Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: Tut alles zur Verherrlichung Gottes!« (1 Kor 10,23-33) Es geht hier also um die Liebe zu den anderen und es geht um die Liebe zu Gott.
Im elften Kapitel geht es um Missstände beim Gottesdienst. Unter anderem heißt es, dass wenn ein Mann betet oder prophetisch redet, er sein Haupt unbedeckt lassen soll, während eine Frau es bedecken soll, sonst entehren sie beide ihr Haupt. (1 Kor 11,4-5) Eine der Begründungen lautet, dass der Mann sein Haupt nicht verhüllen darf, weil er Bild und Abglanz Gottes ist, während die Frau der Abglanz des Mannes ist. (1 Kor 11,7) Über diese Stelle wird entsprechend gern diskutiert, als ob hier eine Ungleichstellung zwischen den Geschlechtern vorliegen würde. Es ist eine Ungleichheit hier, weil es um unterschiedliches Verhalten geht, aber keine Ungleichstellung, weil sowohl Männer als auch Frauen insofern einander gleichgestellt sind, dass beide Verpflichtungen haben, wenn es um ihr Auftreten geht, und auch die Begründungen auf Gleichwertigkeit basieren: »Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau.« (1 Kor 11,11) Mit Bezug auf die Erschaffung des Menschen (Gen 2,21-22) heißt es: »Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.« (1 Kor 11,12) Abgesehen davon wird gerade hier klar ausgedrückt, dass auch Frauen prophetisch reden (1 Kor 11,5) es geht letztlich darum, dass die Menschen sich anständig kleiden und anständig verhalten sollen. Er will ihnen also Schande ersparen (1 Kor 11,14-15). Es wird hier nirgendwo von Liebe gesprochen. Aber gerade das, was gesagt wird mit dem Zweck, zu dem es gesagt wird, zielt auf Liebe ab.
Weiters kritisiert er sie dafür, dass sie, wenn sie sich versammeln, sich offensichtlich ihr eigenes Essen mitbringen: »Wenn ihr euch versammelt, ist das kein Essen des Herrenmahls; denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg und dann hungert der eine, während der andere betrunken ist. Könnt ihr denn nicht zu Hause essen und trinken? Oder verachtet ihr die Kirche Gottes? Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben? Was soll ich dazu sagen? Soll ich euch etwa loben? In diesem Fall kann ich euch nicht loben.« (1 Kor 11,20-22) Und er weist sie darauf hin, dass Jesus beim letzten Abendmahl seinen Jüngern Brot und Kelch gab und sie deshalb würdig von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken sollen: »Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt.« (1 Kor 11,27-29) Wichtig hier sind auch die Begründungen, die er in beiden Fällen anführt. Auf der einen Seite sollen die einen nicht hungern und auf der anderen sollen die anderen nicht des Gerichts schuldig werden. Es sind also keine Bestimmungen der Bestimmungen wegen, sondern wegen ihres Seelenheils: »Wer Hunger hat, soll zu Hause essen; sonst wird euch die Zusammenkunft zum Gericht.« (1 Kor 11,34) Seine Anweisungen entspringen der Liebe und sollen zur Liebe führen.
Im zwölften Kapitel werden die Geistesgaben behandelt, die ebenso mit Liebe zusammenhängen und hier bereits zum Hohelied der Liebe überleiten: »Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen.« (1 Kor 12,4-6) Dazu gehören die Gaben, Weisheit mitzuteilen, Erkenntnis zu vermitteln, Glaubenskraft, Krankheiten zu heilen, Machttaten zu wirken, prophetische Reden, Geister zu unterscheiden, verschiedene Arten von Zungenrede oder sie zu übersetzen. (1 Kor 12,7-10) Wichtig dabei ist, dass es nie nur um Weisheit oder Erkenntnis, Glaubenskraft oder Machttaten geht, sondern dass die Gaben vom Geist kommen: »Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.« (1 Kor 12,11) Und dieser Geist ist der Heilige Geist, der Geist der Liebe. (2 Tim 1,7; KKK 221)
Er vergleicht es mit dem einen Leib mit den vielen Gliedern: »Denn wie der Leib einer ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.« (1 Kor 12,12-13) Darum gehören wir zusammen, leiden zusammen und freuen uns zusammen: »Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.« (1 Kor 12,26-27) Auch das ist etwas, das unmittelbar und innerlich mit Liebe zusammenhängt, weil dieser Zusammenhang nur durch Liebe und in Liebe möglich ist, die Gott ist. Das zeigt auch der letzte Bibelvers dieses Kapitels, der eine direkte Einleitung zum Hohelied der Liebe darstellt: »Strebt aber nach den höheren Gnadengaben! Dazu zeige ich euch einen überragenden Weg«. (1 Kor 12,31)
Im dreizehnten Kapitel kommt nun das Hohelied der Liebe. Sehen wir es uns im Detail an.
Zuerst stellt Paulus fest, dass wir ohne Liebe nichts sind: »Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.« (1 Kor 13,1-3)
Diese Zeilen sind wunderschön. Aber ihre Schönheit stammt nicht bloß aus der Formulierung, sondern verdankt sich dem Inhalt. Bedenken wir, wie groß es ist, was hier gesagt wird: Wir wären nichts. Bereits das ist eine große Feststellung. Und jetzt überlegen wir weiter: Wir wären nichts, selbst wenn wir alle Geheimnisse wüssten, alle Erkenntnis hätten und alle Glaubenskraft besäßen. Alle Geheimnisse und alle Erkenntnisse, das ist einiges. Und was ist mit Glaubenskraft, die Berge versetzt? Und alles verschenken, was wir besitzen? Sogar unseren Leib? Auch das bringt nichts ohne Liebe? Richtig, auch das nützt uns nichts ohne sie. Es geht nicht darum, den Text nochmals als Fragen zu wiederholen. Es geht darum, ihn durch Wiederholung als Antwort zu verstehen.
Paulus fährt fort, indem er darstellt, wie diese Liebe ist: »Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.« (1 Kor 13,4-8)
Auch diese Zeilen sind wunderschön. Und auch sie müssen in ihrer Aussage verstanden werden. Wenn von Langmut gesprochen wird, ist nicht die Ausdauer in einem zeitlichen Ausmaß gemeint. Es ist das Immer der Liebe. Wenn es heißt, dass sie gütig ist, bedeutet es nicht nur, dass sie Gutes tut, sondern dass sie von sich aus gut und in sich gütig ist. Sie stammt ja von dem, der als Einziger gut ist. Sie hat ja das Wohlwollen zum Ausgang und zur Ankunft. Deshalb kümmert sie sich nicht um sich, sondern um die anderen. Deshalb hört sie niemals auf. Das Immer der Liebe ist die Ewigkeit der Liebe.
Nun zeigt Paulus die Bedeutung der Liebe am Beispiel der Gaben und erweitert sie, indem er unsere Erkenntnis der Liebe mit unserem Erkanntwerden in Liebe zusammenführt: »Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.« (1 Kor 13,8-12)
Auch das sind wunderschöne Zeilen. Und auch sie überzeugen mit ihrer Botschaft. Zugleich wird die Botschaft erweitert und ins Unermessliche gesteigert. Das müssen wir uns bewusst machen. Denn die Liebe, von der hier die Rede ist, von der im ganzen Brief die Rede ist, ist nicht nur ein Gefühl, nicht bloß ein Gedanke und unendlich mehr als jede Tat. Die Liebe kommt von Gott, die Liebe stammt von Gott, »die Liebe ist aus Gott«. (1 Joh 4,7) Denn »Gott ist Liebe«. (1 Joh 4,8.16) Von ihm sprechen wir, wenn wir von Liebe sprechen. In ihm sind wir, wenn wir in der Liebe sind.
Und so schließt das Hohelied mit einem Bibelvers, der überwältigt mit seiner Tiefe und seiner Höhe: »Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.« (1 Kor 13,13)
Verstehen wir, worüber hier gesprochen wird. Glaube und Hoffnung sind entscheidend. Und doch sind sie eingebettet in das unendliche Geschenk der Liebe, das Gott uns macht. Wenn wir erkennen, wem wir sie verdanken, erkennen wir, worin sie besteht. Gott schenkt sie uns, gibt sie uns, legt sie in uns: »die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist« (Röm 5,5), sie ist mit Glaube und Hoffnung »in die Seele der Gläubigen eingegossen« (KKK 1813).
Und so kann Paulus im vierzehnten Kapitel sagen: »Jagt der Liebe nach!« (1 Kor 14,1) Denn um vieles sollen wir uns bemühen, aber der Liebe müssen wir nachjagen. So fordert Paulus die Gemeinde auch auf, nach den Geistesgaben zu streben. Hier nennt er vor allem die prophetische Rede (1 Kor 14,1), auch um sie gegenüber der Zungenrede ein wenig zu betonen. Man soll und will ja verstanden werden, damit man so »zum Aufbau der Gemeinde beitragt«. (1 Kor 14,12) Er spricht auch wieder vom Verhalten beim Gottesdienst. Die Anweisungen, die er gibt, klingen plötzlich fast schon zu praktisch nach den Höhen des Hoheliedes, gründen aber ebenso in Liebe, weil sie in Gott gründen. So ist beispielsweise wieder vom Verhalten der Frauen und Männern die Rede, aber auch hier es wieder darum, für Ordnung und Frieden zu sorgen in der Gemeinde und Unfrieden und Unordnung zu vermeiden, und zwar wegen Gott: »Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens.« (1 Kor 14,33) Und so fasst er es in den letzten Bibelversen zusammen: »Strebt also nach dem prophetischen Reden, meine Brüder und Schwestern, und verhindert nicht das Reden in Zungen! Doch alles soll in Anstand und Ordnung geschehen.« (1 Kor 14,39-40)
Im fünfzehnten Kapitel erinnert er sie, am Evangelium festzuhalten, das er ihnen verkündete, und betont die Unerlässlichkeit dieses Evangeliums: »Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe«. (1 Kor 15,2) Es folgt eine Zusammenfassung eigentlich des ganzen Evangeliums in aller Kürze und Klarheit. Er berichtet, dass Christus für unsere Sünden starb und am dritten Tag auferweckt wurde, den Aposteln und Jüngern erschien und zuletzt auch ihm, »gleichsam der Missgeburt. Denn ich bin der Geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin«. (1 Kor 15,8-10) Halten wir uns hier vor Augen, dass Liebe Gnade ist (Benedikt XVI., Caritas in veritate, 5) und es sich bei ihr um den »leuchtenden Ausdruck der Liebe« handelt, die heilt (Benedikt XVI., Generalaudienz, 6. Juli 2005). Paulus spricht auch von der Auferstehung der Toten (1 Kor 15,12-34), um den Gemeindemitgliedern die Gewissheit der Auferweckung zu geben. Dabei sagt er die großen Worte: »Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.« (1 Kor 15,20-22) Er spricht auch über den Auferweckungsleib: »Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben?« (1 Kor 15,35) Und er antwortet: »Was gesät wird, ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich. Was gesät wird, ist armselig, was auferweckt wird, herrlich. [...] Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib.« (1 Kor 15,43-44) Hier ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass mit dem überirdischen Leib der geistliche, also pneumatische Leib gemeint ist (1 Kor 15,44 NE1904 Int), denn »Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben; das Verwesliche erbt nicht das Unverwesliche«, aber »wir werden alle verwandelt werden« (1 Kor 15,50-51). Paulus bestärkt sie also im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe, die sich in alldem zeigt, wie es auch im Hohelied heißt: »Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.« (1 Kor 13,13)
Im sechzehnten Kapitel fragt er noch nach der Geldsammlung für die Heiligen in Jerusalem: »Jeder soll immer am ersten Tag der Woche etwas zurücklegen und so zusammensparen, was er kann.« (1 Kor 16,2) Das ist natürlich wichtig, auch und gerade aus Liebe, um andere zu unterstützen. Er spricht auch von seinen Reiseplänen, wann er zu ihnen kommt und wie lange er bleibt. Dann fügt er hinzu: »Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.« (1 Kor 16,14) Und er sagt: »Marána thá – Unser Herr, komm!« (1 Kor 16,22) Und er schließt mit Liebe, die im Herrn ist: »Meine Liebe ist mit euch allen in Christus Jesus.« (1 Kor 16,24).
So können wir den ersten Korintherbrief als Liebesbrief bezeichnen, weil er von Liebe handelt und zwar auf eine besonders liebevolle Weise, wie das Hohelied der Liebe bezeugt. Liebe ist das Thema dieses Briefes aber aus dem Grund, weil Gott das Hauptthema ist und Gott Liebe ist. Es gibt zwar genug Kapitel, die sich mit anderem beschäftigen, von Spaltungen zu Speisegeboten, vom Gottesdienst zu Geistesgaben. Aber auch hier überall scheint die Liebe durch, weil die Antworten auf die Fragen der Liebe entstammen und zur Liebe führen. So findet sich das Thema der Liebe auch dort, wo der Brief scheinbar nicht über sie spricht. Das ist oft die Erfahrung, dass die schönen Seiten der Liebe sich an den unschönen Seiten des Lebens erweisen. Doch diese Liebe, und das müssen wir uns vor Augen halten, ist nicht einfach ein bestimmtes Denken, Empfinden oder Handeln. Gott ist Liebe und Liebe ist aus Gott. Sie ist ein Geschenk, das wir erhalten, um uns ganz und gar in ihr aufzuhalten und in ihr zu verhalten. Gott steht im Zentrum, weil Gott das Zentrum ist.

Der Aufsatz "1. Korinther - der Liebesbrief: Erster Brief des Paulus an die Korinther" (28 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000000084022282) erschien im Oktober 2026 als Kapitel des Buches "Paulusbriefe: Charakteristik mit thematischer Auslegung", ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.23809858) als PDF gratis heruntergeladen werden.




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