Johannes 17,17: "dein Wort ist Wahrheit"
- Dalibor Truhlar

- 10. Juni
- 22 Min. Lesezeit
Bibelkommentar zum Bibelvers Joh 17,17
Autor: Dalibor Truhlar
»Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.« Joh 17,17
Einleitung
Im Evangelium nach Johannes finden wir das Hohepriesterliche Gebet Jesu, das er nach seinen drei Abschiedsreden beim Mahl mit den Jüngern betet, bevor er verhaftet, verhört und gekreuzigt wird. (Joh 17) Er bittet darin um Verherrlichung und hält Fürsprache für alle, die ihm gegeben sind und an ihn glauben.
Es ist ein Gebet, das die Grenzen von Ort und Zeit überschreitet. Sehen wir uns deshalb nur einen Satz an. Das Besondere an diesem Bibelvers ist, dass es Gott ist, der uns durch sein Wort in dieses Wort hineinführt und uns mit seiner Wahrheit in die Wahrheit hineinnimmt:
»Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.« (Joh 17,17)
Jesus betet, dass der Vater die Apostel in der Wahrheit heiligt, denn sein Wort ist Wahrheit. Das ist eine entscheidende Bitte in diesem entscheidenden Gebet. Doch was bedeutet es, in der Wahrheit geheiligt zu sein? Und was heißt es, dass sein Wort die Wahrheit ist?
Betrachten wir den Satz im Detail und beginnen wir mit dem Wort und der Wahrheit. Halten wir uns dabei vor Augen, was Papst Benedikt XVI. über diese Stelle und dieses Gebet sagt: »Im Mittelpunkt dieses Gebets der Fürsprache und der Sühne für die Jünger steht die Bitte um Heiligung.« (Benedikt XVI., Generalaudienz, 25. Januar 2012) »Es wird ›Hohepriesterliches Gebet‹ genannt, weil Jesus sich in ihm in der Haltung des Priesters zeigt, der Fürsprache für die Seinen einlegt in dem Moment, in dem er sich anschickt, diese Welt zu verlassen.« (Benedikt XVI., Predigt, 5. Juni 2011) Das Gebet wird vor dem Hintergrund des jüdischen Versöhnungsfestes Jom Kippur verständlich, an dem der Hohepriester das Sühneopfer für sich, den Priesterstand und das gesamte Volk bringt: »In jener Nacht wendet Jesus sich an den Vater in dem Augenblick, in dem er sich selbst hingibt. Er, Priester und Opfer, betet für sich, für die Apostel und für alle, die an ihn glauben werden, für die Kirche aller Zeiten«. (ebenda)
So endet Jesu Abschied mit diesem »erhabenen Gebet an den Vater« (Jozef Tomko, Predigt, 13. November 2005), in dem alle angesprochen sind, die glauben: »In diesem ›Hohepriesterlichem Gebet‹ sind die Christen aller Zeiten präsent, Jesus Christus hat sowohl für die Einheit der Apostel als auch derer gebetet, die durch ihr Wort an ihn glauben sollten [...] Das Hohepriesterliche Gebet Jesu Christi umfaßt alle, die an ihn glauben«. (Bischofssynode, XI. Ordentliche Vollversammlung 2005, 85/1, 85/2)
»Dein Wort«
Wenn Jesus sagt: »dein Wort ist Wahrheit« (Joh 17,17), was ist mit dem Wort ›Wort‹ gemeint?
Erst einmal dürfen wir das Wort sicher in seiner wörtlichen Bedeutung nehmen, also in dem Sinn, dass das, was Gott sagt, tatsächlich wahr ist. Gott spricht die Wahrheit: »Ich bin der HERR, der die Wahrheit spricht und der verkündet, was recht ist.« (Jes 45,19) Folglich ist sein Wort auch wahr: »Ja, Herr und GOTT, du bist der einzige Gott und deine Worte sind wahr«. (2 Sam 7,28) Und so können wir es auch verstehen: »›Dein Wort ist Wahrheit.‹ Das heißt, ›es ist keine Falschheit in ihm, und alles, was in ihm gesagt wird, muss unweigerlich in Erfüllung gehen.‹« (Johannes Chrysostomos, In Iohannem homiliae, 82, eigene Übersetzung) »Und darum fügt er hinzu, dein Wort ist Wahrheit: weil nämlich die Wahrheit der Worte Gottes keine Falschheit beigemischt hat«. (Thomas von Aquin, Super Evangelium S. Ioannis Lectura, Caput 9, Lectio 4, 2229, eigene Übersetzung)
Wir werden aber im gleichen Augenblick auch daran erinnert, dass das Wort wesentlich mehr bekundet als nur das Wörtliche, auch und gerade im Johannesevangelium. Es bezeichnet Jesus selbst.
Jesus ist das Wort. Wie gleich der erste Satz des Evangeliums bezeugt: »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.« (Joh 1,1) Damit ist Jesus Christus gemeint. Wenn Jesus also sagt, »dein Wort ist Wahrheit«, spricht er damit über sich selbst. Entsprechend schreibt Augustinus: »›Dein Wort‹, sagt er, ›ist Wahrheit‹. Was hat er damit anders gesagt als: ›Ich bin die Wahrheit‹?« (Augustinus von Hippo, Vorträge über das Johannes-Evangelium, 108, 3) Zugleich ist damit auch der Vater gemeint, denn das Wort Jesu ist das Wort des Vaters: »Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat.« (Joh 14,24) Und damit ist auch der Heilige Geist gemeint, denn wenn der Heilige Geist kommt, wird er »nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.« (Joh 16,13) Und damit ist Gott gemeint, denn das Wort ist Gott: »und das Wort war Gott.« (Joh 1,1) Das bedeutet, dass Jesus Christus Gott ist. Als Wort ist er der Sohn des Vaters und damit die zweite Person der Trinität, das fleischgewordene Wort (Joh 1,14; 1 Tim 3,16; Phil 2,6-7; Kol 2,9), das lebendige Wort (1 Petr 1,23; Hebr 4,12), das Wort, durch das alles erschaffen ist (Joh 1,3). Das schließt auch die Klammer zum Wort ›dein‹ in ›dein Wort‹. Es heißt ›dein Wort‹, weil Jesus das Wort Gottes ist und damit Gott.
Das griechische Wort, das Johannes für ›Wort‹ verwendet, lautet übrigens ›Logos‹ (λόγος). Logos bedeutet Wort oder Rede, ebenso Vernunft und Verstand, Sinn und Bedeutung, Grund und Begründung, Lehre und Gesetz und vieles mehr. Es kann vielfältig übersetzt werden, weil es in der griechischen Philosophie eine bedeutende Rolle spielt. So könnten wir sagen, dass Johannes, indem er dieses griechische Wort gebraucht, an eine begriffliche Tradition anknüpft, die den Menschen bekannt und damit verständlich ist, sowohl den hellenistischen Juden in Israel als auch in der Diaspora als auch allen anderen, die von griechischer Kultur geprägt sind. Er führt damit gewissermaßen die jüdische Kultur mit der griechischen zusammen und internationalisiert sie für die Welt. Zugleich führt er möglicherweise auch die hebräische bzw. aramäische sprachliche Tradition zusammen. Das ist nur ein Gedanke, der aber vielleicht insofern von Bedeutung ist, weil er möglicherweise zum besseren Verständnis des Wortes beiträgt.
Es gibt im Aramäischen das Wort ›Memra‹ (מֵימְרָא), das sich in den Targumim findet, den Übersetzungen der hebräischen und griechischen Schriften ins Aramäische, das damals vom Volk gesprochen wurde. Auch dieses Wort bedeutet ›Wort‹ oder ›Rede‹ und wurde gebraucht, um den Namen Gottes nicht zu missbrauchen, seine Unnahbarkeit zu betonen und einer möglichen Anthropomorphisierung entgegenzuwirken. Wir sehen es an Formulierungen wie: »Und sie hörten die Stimme des Wortes (Memra) des HERRN Gottes« statt »Und sie hörten die Stimme des HERRN Gottes«. (Targum Pseudo-Jonathan, Gen 3,8, auch Targum Jerusalem, Gen 3,8, Targum Onkelos, Gen 3,8 im Vergleich dazu Gen 3,8 WLC INT, eigene Übersetzung)
Wenn nun Johannes das Wort Logos verwendet, könnte es sein, dass es den Menschen damals insofern vertrauter klang, weil sie dabei an das ihnen bereits bekannte Memra denken konnten. Es hätte die Wahrnehmung erleichtert und einen Anknüpfungspunkt geschaffen. Falls es sich so verhielt, wäre es zusätzlich eine Vermittlung zwischen dem Griechischen und dem Jüdischen ebenso wie dem Hebräischen und dem Aramäischen.
Es ist aber wichtig, zu verstehen, dass Memra wohl nicht in dem Sinn verstanden wurde, in dem Johannes davon spricht. Der Ausdruck wurde eher zur Bezeichnung und Umschreibung Gottes verwendet, nicht in personifizierender Form. Das Wort diente offensichtlich dazu, die Transzendenz Gottes zu wahren und als Puffer zum Unnahbaren zu fungieren. (siehe auch Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium, Band 2, Joh 12, 48-49, Seite 528, Anmerkung 2, Herder 1965, und The Gospel according to St. John, Vol. 1, Excursus I, Seite 485, Seabury Press 1965)
Nun wird aber, wie wir im Johannesevangelium lesen, das Wort Fleisch und Gott Mensch. Aus Entfernung wird Nähe, aus Transzendenz Immanenz. Das ist ein totaler Bruch mit dem, was Memra bezeichnete und als was es verstanden wurde. Aber eben das ist der springende Punkt.
Johannes verkündet eine Offenbarung, die die bisherige voll entfaltet, krönt und abschließt. Falls er dabei an ein vertrautes Wort anknüpft, erleichtert er den Menschen das Verständnis und stellt es zugleich auf neue Beine. Obwohl wir vielleicht sagen könnten, dass, so wie die Menschen damals das Alte Testament aus der Perspektive ihrer Zeit verstanden und wir es heute aus der Perspektive des Neuen Testaments lesen, vielleicht auch hier auf Wegen, die wir nicht kennen, bereits damals neue Wege geschaffen wurden.
Sicherheitshalber müssen wir jedoch hinzufügen, dass die Targumim nur mündlich überliefert und erst in der nachchristlichen Zeit verschriftlicht wurden. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass sie bereits in der vorchristlichen Zeit verwendet wurden, wie die Schriftrollen von Qumran belegen. In den aufgefundenen Rollen und Fragmenten kommt das Wort Memra zwar nicht vor, wir können jedoch annehmen, dass es schon verwendet wurde, weil die Überlieferung sehr treu ist, wie wir am Masoretischen Text erkennen, und es später kaum erfunden und eingeführt worden wäre.
Aber unabhängig davon, wie wir es interpretieren, wir sollten es nicht überkonstruieren. Denn obwohl wir versuchen sollten, die Wörter zu verstehen, geht es nicht nur darum, warum oder wozu welches Wort verwendet wird, sondern was die Aussage ist.
Johannes saß wahrscheinlich nicht am Schreibtisch und suchte nach Verbindungen zwischen Begrifflichkeiten. Er überlegte sich sicher genau, was er sagt und wie er es sagt. Aber das, was er schrieb, schrieb er, weil er es erlebte. Er folgte Jesus Christus. Er war bei ihm und mit ihm. Und das heißt, er sah Gott und er hörte Gott: »Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben vom Wort des Lebens – das Leben ist erschienen und wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt.« (1 Joh 1,1-3)
Das müssen wir uns vor Augen halten, denn das ist das Entscheidende: Wenn Johannes vom Wort Gottes spricht, tut er das, weil es das Wort Gottes ist. Er schreibt vom Wort Gottes und er schreibt es auf, weil er es erlebte und nun bezeugt und verkündet.
Deshalb können wir auch von der Heiligen Schrift als dem Wort Gottes sprechen, denn »die Heilige Schrift ist Gottes Rede«, und ebenso von der Heiligen Überlieferung, die »das Wort Gottes, das von Christus dem Herrn und vom Heiligen Geist den Aposteln anvertraut wurde«, weitergibt. (Dei Verbum, 9)
»ist Wahrheit«
Wenn Jesus sagt: »dein Wort ist Wahrheit« (Joh 17,17), was ist mit dem Wort ›Wahrheit‹ gemeint?
Wir dürfen das Wort Wahrheit erst einmal wohl so auffassen, wie wir es gewohnt sind, es aufzufassen, nämlich wörtlich. Jesus wendet sich an den Vater und sagt, dass sein Wort Wahrheit ist. Es heißt also, dass das, was er sagt, wahr ist. Er sagt die Wahrheit, er spricht die Wahrheit. Er tut auch die Wahrheit und handelt nach der Wahrheit und in der Wahrheit. Aber wir müssen bedenken, dass eine solche bloß wörtliche Interpretation zu kurz greift und an der wahren Bedeutung der Wahrheit vorbeigeht. Denn warum ist es so, dass er die Wahrheit sagt und spricht und tut? Es ist aus dem Grund so, weil die Wahrheit zum Wesen Gottes gehört. Er ist als wahrer Gott ein wahrer Gott, das heißt, dass er ganz Wahrheit ist. Mit Wahrheit ist also Gott gemeint, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Betrachten wir dazu einige Aussagen.
Jesus selbst sagt in seiner ersten Abschiedsrede: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.« (Joh 14,6) Und schon am Anfang des Johannesevangeliums steht: »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.« (Joh 1,14) Das bedeutet: »Er selbst ist die Wahrheit, die Wahrheit in Person.« (Benedikt XVI., Eucharistiefeier, 30. August 2009)
Der Heilige Geist ist ebenso Wahrheit und wird sogar als Geist der Wahrheit bezeichnet: »Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten.« (Joh 16,13, siehe auch Joh 15,26) »Und der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit.« (1 Joh 5,6)
Der Vater ist natürlich auch Wahrheit, denn Jesus betet zu ihm gerade an dieser Stelle und sagt: »aber ich bin nicht von mir aus gekommen, sondern er, der mich gesandt hat, ist wahrhaftig« (Joh 7,28), »der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt. Sie verstanden nicht, dass er damit den Vater meinte.« (Joh 8,26-27)
Das heißt, Gott ist Wahrheit: »Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.« (Joh 17,3) »Der Sohn Gottes ist gekommen und er hat uns Einsicht geschenkt, damit wir den Wahren erkennen. Und wir sind in diesem Wahren, in seinem Sohn Jesus Christus. Er ist der wahre Gott und ewiges Leben.« (1 Joh 5,20)
Alle Ausdrücke, die Johannes hier verwendet, von ›Wahrheit‹ über ›wahrhaftig‹ bis ›wahr‹, basieren bzw. sind abgeleitet von dem griechischen Begriff für ›Wahrheit‹, ἀλήθεια (alētheia), sie sagen also das Gleiche, was ihren Zusammenhang und ihre Einheit bestätigt. (Joh 14,6; Joh 1,14; Joh 16,13; 1 Joh 5,6; Joh 7,28; Joh 8,26; Joh 17,3; 1 Joh 5,20; alle NE 1904 INT) Das wird gleich eine Rolle spielen, wenn wir uns mit dem Ausdruck Aletheia im Detail beschäftigen.
Gott ist Wahrheit, in allen drei Personen. Deshalb kommt von ihm alle Wahrheit und ist von seiner Wahrheit jede Wahrheit abgeleitet. Alles, wovon wir wahrhaft sagen können, dass es sich in Wahrheit so oder so verhält, verhält sich so oder so, weil es seine Wahrheit aus und durch und in Gott hat. Hier gilt es möglicherweise, ein wenig umzudenken, weil wir oft in die falsche Richtung blicken, wenn wir versuchen, uns der Wahrheit auf gewissermaßen weltliche Weise zu nähern. Sehen wir uns das genauer an.
Wahrheit wird klassischerweise als Übereinstimmung von Aussagen mit Sachverhalten definiert. Als Wahrheit gilt, wenn das, was wir sagen, tatsächlich den Tatsachen entspricht, wenn das, was wir erkennen, wirklich Wirklichkeit ist, wenn das, was wir denken, in Realität real ist. Und das ist natürlich richtig. Nur ist zugleich genau das natürlich eine richtige Plattitüde. Denn wenn wir Wahrheit als Übereinstimmung der Richtigkeit eines Satzes mit seinem Gegenstand bezeichnen, haben wir damit recht, allerdings nichts davon, weil es sich dabei um eine Selbstverständlichkeit handelt. Wir können Wahrheit im Sinne einer Korrespondenz oder Kohärenz interpretieren, sie semantisch oder konsensual definieren, aber das führt uns nicht einen Schritt näher zur Wahrheit. Ja, die Wahrheit ist Übereinstimmung von Aussage und Sachverhalt, Sache und Verstand, Erkenntnis und Gegenstand, ohne Widerspruch, sprachlich präzise, logisch und anerkannt und auf dem basierend, was wir glauben, dass wir glauben im Sinne des weltlichen Glaubens. Nur was haben wir davon?
Alles, was wir unter diesem Gesichtspunkt als wahr feststellen können, betrifft die Welt und unser Denken und Erkennen und Sprechen in Bezug auf die Welt. Aber alles, was in der Welt ist, und damit auch unser Denken und Erkennen und Sprechen, hat seinen Ausgang in Gott. Nicht immer in der Form, wie wir es vorfinden, denn unsere Welt und auch wir sind durch die Sünde entstellt, die die Freiheit der Schöpfung missbraucht, was auch den Grund für die Vergänglichkeit der Welt darstellt. Aber eben das bedeutet, dass, wenn wir die Welt verstehen und die Wahrheit finden wollen, wir uns auf Gott ausrichten müssen, um ihn zu verstehen und seine Wahrheit zu finden, denn nur von ihm her ist ein Weltverständnis überhaupt möglich und ist Wahrheit Wahrheit.
Alle Beschreibungen der Wahrheit mögen also richtig sein, sie bringen nur keinen Erkenntnisgewinn, weil sie die Theorie um Theorien erweitern, ohne zur Wahrheit vorzudringen und ohne dass sich mit ihnen eine sinnvolle Praxis verwirklichen lässt, zumindest nicht in dem Sinn sinnvoll, als sie sich nicht auf den großen Sinn des Lebens beziehen. Wir finden auf ihrer Grundlage viele kleine Wahrheiten, aber nicht die große Wahrheit. Die einzelnen Wahrheiten sind für den Alltag erforderlich, aber sie beziehen sich auf den Alltag in einer Welt, die vergänglich ist, und so sind auch sie vergänglich, denn es zählt und entscheidet nur die Wahrheit, von der alle Wahrheiten ihre Wahrheit haben. Das drückt auch das Adjektiv ›wahr‹ aus, das als Eigenschaftswort die Eigenschaft der Wahrheit beschreibt, sich an den Einzelsachen zu bewahrheiten.
Das Wort, das Johannes an dieser Stelle für ›Wahrheit‹ verwendet, lautet im griechischen Original ἀλήθεια (aletheia), wie bereits erwähnt. (Joh 17,17, NE 1904 INT, übrigens auch an der Stelle, wo Pilatus nach ihr fragt, wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden, Joh 18,38, ebenda)
›Aletheia‹ bedeutet im Prinzip ›Unverborgenheit‹ oder ›Enthüllung‹ und deshalb ›Wahrheit‹. Es setzt sich zusammen aus ›a-‹ im Sinne der Verneinung, bedeutet also ›nicht-‹ oder ›un-‹, und ›lethe‹, das ›Verbergen‹ und ›Vergessen‹ bedeutet, sowie dem Suffix ›-ia‹, das die Endung darstellt und aus dem Wort ein Hauptwort macht. Wir könnten es also als ›Un-Verborgenheit‹ oder ›Nicht-Verborgenheit‹ beschreiben. Das Hauptwort ›lethe‹ leitet sich seinerseits vom Verb ›letho‹ ab. Insofern steht das Sich-verbergen oder Sich-verstecken am Anfang. Wenn wir es positiv ausdrücken wollen, kommen wir zu ›Ent-Borgenheit‹ bzw. ›Ent-Versteckheit‹. Wir könnten vielleicht noch präziser sein, um den Prozess des dynamischen Ent-Bergens zu beschreiben und könnten es als ›Ent-Bergenheit‹ bezeichnen. Wenn wir es zusätzlich noch positiver von der Seite des Ergebnisses dieses Prozesses darstellen wollten, kommen wir zum ›Ans-Licht-Bringen‹. Das ist zwar bereits eine Interpretation, die über das Wort hinausgeht, weil es von dem Gedanken getragen wird, dass etwas, das verborgen ist, entborgen wird und somit ans Licht gelangt. Allerdings deutet vieles darauf hin, dass ein solcher Zusammenhang zwischen Wahrheit und Licht bereits in der griechischen Antike vorlag. Hier wurde der Weg zur Wahrheit auch als Vorgang des Enthüllens des in der Nacht Verborgenen zum Licht hin dargestellt. In neuerer Zeit wurde Wahrheit ebenfalls als Entbergen betrachtet, mit Aletheia in Verbindung gebracht und als Lichtung vorgestellt.
Es ist nur entscheidend zu verstehen, dass Gott selbst das Licht ist und die Wahrheit. Solange wir uns nur mit konkreten Einzelwahrheiten aufhalten, halten wir uns nicht in der Wahrheit auf. Wir müssen in der Wahrheit sein, um die Wahrheit zu erkennen und damit alle Wahrheiten. Das zeigt sich auch und gerade im Evangelium nach Johannes und es zeigt sich auch und gerade an dieser Stelle, über die wir hier sprechen.
Jesus wird im Johannesevangelium sehr oft als Licht bezeichnet und spricht auch von sich selbst als Licht: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.« (Joh 8,12, siehe auch Joh 1,4-5; Joh 1,7-8; Joh 3,19-20; Joh 9,5; Joh 11,9-10; Joh 12,35-36) Auch Gott wird als Licht bezeichnet, weil er das Licht ist: »Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.« (1 Joh 1,5) Deshalb brauchen wir sein Licht, um die Wahrheit zu erkennen, und seine Wahrheit, um das Licht zu sehen. So kommt auch Johannes der Täufer, »um Zeugnis abzulegen für das Licht« (Joh 1,7) und, wie Jesus sagt, »er hat für die Wahrheit Zeugnis abgelegt.« (Joh 5,33) »Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.« (Joh 3,21)
Es ist also nicht erforderlich, einer bestimmten Theorie zu folgen oder einen besonderen Erkenntnisakt durchzuführen, um zur Wahrheit zu gelangen. Wir brauchen keine bestimmte Perspektive, die wir einnehmen müssten, um die Wahrheit zu erblicken, und keinen bestimmten Platz, an dem wir stehen müssten, um in der Wahrheit zu sein. Selbst das dichteste Dickicht des dunkelsten Waldes ist vom Licht Gottes erfüllt und steht in seiner Wahrheit. Wir brauchen nur Gott. So ist auch die Wahrhaftigkeit ein Sich-aufhalten in der Wahrheit und damit in Gott, oder besser gesagt, in Gott und damit in der Wahrheit. In dieser Wahrheit, in ihm, sollen wir wandeln: »Ich habe keine größere Freude, als zu hören, dass meine Kinder in der Wahrheit wandeln.« (3 Joh 4)
Beide, Wahrheit und Licht, sind in Psalm 43 verbunden: »Sende dein Licht und deine Wahrheit; sie sollen mich leiten; sie sollen mich bringen zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen.« (Ps 43,3) Denken wir daran, was Jesus in seiner ersten Abschiedsrede vor seinem Hohepriesterlichen Gebet sagt: »Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.« (Joh 14,2)
Wer ist Wahrheit?
Was wir gerade über die Wahrheit sagten, hilft vielleicht dabei, die Szene im nächsten Kapitel tiefer zu verstehen, in der Jesus von Pilatus verhört wird. (Joh 18,28-40) Wir begeben uns damit zwar ins nächste Kapitel, aber nur, um eben die Stelle, um die es uns hier geht, zu konkretisieren und damit zu veranschaulichen, dass Jesus die Wahrheit ist und dieses Verständnis alles Verständnis eröffnet.
Pilatus stellt hier die berühmte Frage, die inzwischen zu einem geflügelten Wort wurde: »Was ist Wahrheit?« (Joh 18,38) Und wir sehen sogleich, dass seine Frage falsch gestellt ist. Er sollte nicht fragen, was Wahrheit ist, sondern wer Wahrheit ist. Deshalb erhält er wohl auch keine Antwort, will keine Antwort erhalten und es würde ihm nicht helfen, wenn er eine Antwort erhalten würde. Weil die Frage in die völlig falsche Richtung weist.
Vergegenwärtigen wir uns die Szene: Nach seinem Hohepriesterlichen Gebet geht Jesus mit seinen Jüngern in den Garten, wo er verhaftet, zu Hannas und dem Hohepriester Kajaphas geführt und anschließend zu Pontius Pilatus gebracht wird, dem römischen Statthalter.
Pilatus verhört Jesus und es scheint, als würde ihm nicht wirklich etwas daran liegen und er ihn am liebsten sogar gehen lassen würde. Aber die versammelte Menge will, dass er verurteilt wird. Pilatus stellt Jesus deshalb Fragen, um mehr über ihn zu erfahren. Unter anderem fragt er, ob er ein König ist. Das tut er, weil die Versammlung es als Anklagepunkt gegen ihn anführt (Luk 23,1-2) und damit Pilatus auch politisch in die Enge treibt (Joh 19,12). Jesus bestätigt es. Und er gibt eine Antwort, die jede Frage übersteigt, weil sie die Grundlage von allem bildet:
»Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.« (Joh 18,37)
Daraufhin sagt Pilatus: »Was ist Wahrheit?« (Joh 18,38) Dann dreht er sich um und geht hinaus, um der Menge zu sagen, dass er an ihm keine Schuld findet.
Bedenken wir, was Pilatus hier sagt. Auf den ersten Blick scheint seine Frage verständlich. Er ist mit einem Fall konfrontiert, mit dem er offensichtlich nichts zu tun haben will. Er muss eine Entscheidung treffen und dazu will er die Wahrheit erfahren, um sie zu beurteilen und die Konsequenzen abzuschätzen, die sein Handeln gegenüber den Menschen draußen als auch gegenüber dem Kaiser in Rom haben wird. Aber in Wirklichkeit geht die Frage ins Leere.
Die Frage ist berechtigt, wenn sie ernst gemeint ist, denn es ist wichtig zu wissen, was Wahrheit ist. Zugleich ist die Frage aber belanglos, weil sie gegenstandslos ist, so wie sie gestellt wird. Sie fragt mit ihrem Was nach einem Gegenstand, dem, wie allen Gegenständen dieser Welt, die Vergänglichkeit eben dieser Welt anhaftet. Damit zielt die Frage auf eine nur äußere Fassade ab, die beim geringsten Windhauch abbröckelt und zerbröselt.
Seine Frage ist wegweisend, weil Wahrheit entscheidend ist, aber irreführend, weil sie nirgendwo hinführt. Wir sehen es gerade an seinem Fall, weil er in einer Sackgasse ohne Antwort bleibt. Er fragt nach der Wahrheit, ohne zu sehen, dass die Wahrheit vor ihm steht. Wenn wir nicht in der Wahrheit sind, erkennen wir die Wahrheit nicht. Es ist, als würden wir uns in dem Moment, in dem wir die Antwort hören sollen, die Ohren zuhalten, und in dem Moment, in dem wir die Antwort sehen wollen, die Augen schließen.
Entsprechend geht Pilatus gleich nach seiner Frage hinaus, als würde er die Antwort nicht abwarten, redet zu den Menschen, also wollte er die Wahrheit nicht hören, und blickt offensichtlich in eine andere Richtung, als wollte er die Wahrheit nicht sehen. (Joh 18,38)
Welche Antwort darf er sich überhaupt erhoffen auf eine solche Frage? Sucht er eine Definition der Wahrheit, die ihm egal sein kann, weil sie selbstverständlich ist und er sie deshalb nicht braucht? Oder will er alle Einzelantworten auf alle Einzelfragen dieser Welt?
Wenn wir so allgemein nach der Wahrheit fragen, erhalten wir bestenfalls eine Definition der Wahrheit, die uns nichts bringt, weil sie nichts klärt und immer in Frage gestellt werden kann. Und wenn wir nach der Wahrheit der einzelnen Sachen fragen, können wir unendlich viele Fragen stellen und auf sie unendlich viele Antworten geben. Sie werden aber zu keinem wirklichen Erkenntnisgewinn führen, sondern uns letztlich sogar von der wesentlichen Frage nach der Wahrheit wegführen. Was haben wir von einer Million Antworten auf eine Million Fragen, wenn sie die wichtigste aller Fragen nicht beantworten, von denen jede Frage und jede Antwort abhängt?
Wir wissen übrigens nicht genau, warum Pilatus diese Frage stellt. Vielleicht meint er es pragmatisch und will es wirklich wissen, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Vielleicht meint er es philosophisch, weil es ihn beschäftigt. Vielleicht meint er es skeptisch, weil er der Wahrheit misstraut. Vielleicht meint er es ironisch, weil er glaubt, dass die Wahrheit keine große Rolle spielt. Vielleicht meint er es zynisch, weil er sich lustig machen will. Vielleicht weiß er selbst nicht, wie er es meint. Wir können es nicht beurteilen. Aber wir können sagen, dass seine Frage falsch gestellt ist.
Pilatus sollte nicht fragen: Was ist Wahrheit? Er sollte fragen: Wer ist Wahrheit? Denn die Wahrheit, um die es hier geht, um die es immer geht, die wahre Wahrheit, ist nicht ein Etwas, sondern ein Er. Gott ist die Wahrheit.
Deshalb erhält Pilatus vielleicht auch keine Antwort. Auch hier können wir zwar nicht sagen, warum. Vielleicht ist er beim Fragen schon im Umdrehen und geht bereits weg. Vielleicht ist er innerlich schon längst überzeugt, dass er nicht überzeugt werden kann. Vielleicht ist er sogar verzweifelt in dem Sinn, dass er an der Wahrheit zweifelt und sein Zweifel absolut ist. Was auch immer der Grund sein mag, es zeigt, dass er sich der Antwort gar nicht öffnet, weil er sich bereits der Frage verschließt. Er ist nicht in der Antwort und kann deshalb die Frage nicht richtig stellen.
Jesus selbst sagt an dieser Stelle: »Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.« (Joh 18,37) Wir müssen also aus der Wahrheit sein, um auf seine Stimme zu hören. Dass Pilatus nicht auf seine Stimme hört, zeigt, dass er nicht aus der Wahrheit ist, weil er nicht in der Wahrheit ist. Wäre er aus der Wahrheit und in der Wahrheit, würde er wahrscheinlich gar nicht fragen, weil er die Antwort kennen würde. Die Jünger folgen Jesus, sobald er nur sagt: »Folge mir nach!« (Mt 9,9; Mk 2,14; Lk 5,27; Joh 1,43;) Sie hören seine Stimme und sie hören auf seine Stimme. Weil sie aus der Wahrheit sind, weil sie in ihm sind. Pilatus braucht ein ganzes Verhör und kommt trotzdem nicht zum Folgen.
Genauso kann es auch uns gehen. Wir alle sind in unserem Fragen Pilatus oft ähnlich. Auch wir fragen: Was ist Wahrheit? Und auch wir können sie nicht begreifen, wenn wir von ihr nicht ergriffen werden. Wir müssen uns in der Wahrheit aufhalten, um sie zu verstehen. Auch wir sollten nicht bloß fragen: Was ist Wahrheit? Sondern: Wer ist Wahrheit? Dann erhalten wir nicht bloß eine Antwort, dann haben wir die Antwort, weil wir in der Antwort sind.
Wenn wir fragen, was Wahrheit ist, erweisen sich unsere Fragen als wichtig, aber unrichtig, und unsere Antworten als richtig, aber unwichtig. Wenn wir aber fragen, wer die Wahrheit ist und erkennen, dass Gott die Wahrheit ist, erhalten wir die Antwort auf alle Fragen, weil sich von dieser Antwort auf diese Frage alle Antworten auf alle Fragen ableiten: Wer ist Wahrheit? Die Antwort lautet: Gott.
Wir müssen uns auch bewusst sein, dass ein solches Fragen nach der Welt immer zu Antworten aus der Welt führt. Wir sollten aber die Fragen und Antworten nach der Wahrheit dieser Welt nicht mit der entscheidenden Frage und Antwort auf die entscheidende Frage und Antwort verwechseln, die über die Welt hinausweist, weil sie auf die Wahrheit Gottes hinweist.
Gott ist die Wahrheit und diese Wahrheit ist die einzige, die zählt und entscheidet. Insofern können wir sagen, dass, wenn unser Fragen uns zu dieser Frage und damit zu dieser Antwort führt, unser Fragen tatsächlich Sinn macht. Wenn wir die Antwort hören, müssen wir nichts anderes hören und wollen wir nichts anderes hören, weil es nichts anderes zu hören gibt.
So sehen wir gerade an dieser Szene, dass das Wort die Wahrheit ist, Jesus Christus: »Darum ist auch Er die Wahrheit«. (Athanasius von Alexandrien, Orationes contra Arianos, 3. Rede, 19) Er ist die Wahrheit und außer ihm gibt es keine Wahrheit, weil es außerhalb von ihm keine Wahrheit geben kann, weil außerhalb von ihm nichts existieren kann. Jede Wahrheit ist von ihm als Wahrheit abgeleitet.
Gott ist die Antwort auf jede Frage.
»Heilige sie in der Wahrheit«
Aus der Perspektive des Wortes und der Wahrheit können wir auch den Beginn des Bibelverses verstehen, in dem Jesus den Vater für seine Jünger und alle bittet, die er ihm gab und die an ihn glauben:
»Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.« (Joh 17,17)
Wenn Jesus das Wort und die Wahrheit ist, dann bittet er hier den Vater darum, dass der Vater die Jünger in ihm heiligt, weil er als Sohn das Wort ist. »Was sonst also hat er auch hier mit den Worten gemeint: ›Heilige sie in der Wahrheit‹, als: Heilige sie in mir?« (Augustinus, Johannes-Evangelium, 108, 2) Und weil auch der Vater die Wahrheit ist und der Heilige Geist die Wahrheit ist und das Wort vom Vater ausgeht und der Heilige Geist vom Vater und Sohn hervorgeht, sollen sie in Gott geheiligt sein. Es ist wichtig, dass wir die Einheit verstehen, um die Dreiheit zu verstehen, und das Grundlegende erkennen, um das Umfassende zu erkennen. Die Einheit ist gerade in diesem Kapitel angesprochen: »dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.« (Joh 17,3) Damit zielt »das gesamte Hohepriesterliche Gebet Jesu [...] darauf ab, die Menschheit am Zeugnis der Einheit der Trinität teilhaben zu lassen«. (Synodus Episcoporum, Oktober 2008)
Aber was heißt es, in der Wahrheit geheiligt zu werden?
Heiligkeit ist etwas, das Gott zukommt und von Gott ausgeht. So sprechen wir von heiligen Personen, heiligen Gegenständen oder heiligen Orten, weil diese Gott geweiht und für ihn ausgesondert sind. Sie erhalten ihre Heiligkeit durch Anteil an seiner Heiligkeit. Es ist Gott, der heilig ist und heiligt. »Heiligkeit ist der Ausdruck für seine besondere Seinsweise, für das göttliche Sein als solches.« (Joseph Ratzinger, Jesus von Nazareth, 2. Teil, 4. Kapitel, Seite 104, Herder 2011, siehe auch Benedikt XVI., Generalaudienz, 25. Januar 2012)
Die Bitte ist also die Bitte um die Aufnahme in seine Heiligkeit, seine Vollkommenheit und Reinheit. Es heißt, dass wir uns in der Wahrheit aufhalten, weil wir in der Wahrheit gehalten werden. Es heißt, dass wir in der Wahrheit sind, weil wir in Gott sind, in seiner Heiligkeit.
Thomas sagt über die Stelle und das, was Jesus hier ausdrückt: »Und darum, Vater, heilige, das heißt, vollende sie, und mache sie heilig. Und das in Wahrheit, das heißt, in mir, deinem Sohn, der ich Wahrheit bin [...] gleichsam als würde er sagen: mache sie Teilhaber an meiner Vollendung und Heiligkeit. Und darum fügt er hinzu, deine Rede, das heißt, dein Wort, ist Wahrheit, damit der Sinn sei: heilige sie in mir, der Wahrheit, weil ich, dein Wort, die Wahrheit bin. Oder heilige sie, indem du den Heiligen Geist sendest; das heißt in der Erkenntnis der Wahrheit des Glaubens und deiner Gebote [...] Denn wir werden geheiligt durch Glauben und Erkenntnis der Wahrheit«. (Thomas, Gospel of St. John 17, Lectio 4, eigene Übersetzung)
Papst Benedikt XVI. bringt das Hohepriesterliche Gebet mit der Priesterweihe der Söhne Aarons durch Einkleidung in die heiligen Gewänder und Salbung in Verbindung, um zu zeigen, dass es Jesus ist, der die Wahrheit ist, die reinigt und heiligt: »Die Jünger Jesu werden geheiligt, geweiht ›in der Wahrheit‹. Die Wahrheit ist das Bad, das sie reinigt; die Wahrheit ist das Gewand und die Salbung, derer sie bedürfen. Diese reinigende und heiligende ›Wahrheit‹ ist letztlich Christus selbst. In ihn müssen sie eingetaucht sein, mit ihm gleichsam ›umkleidet‹ werden, und so sind sie an seiner Heiligung beteiligt, an seinem priesterlichen Auftrag, an seinem Opfer.« (Joseph Ratzinger, Jesus von Nazareth, 2. Teil, 4. Kapitel, Seite 107, Herder 2011)
Jesus bezieht sich mit seiner Bitte übrigens auf die Jünger, aber auch auf alle, die an ihn glauben: »Für sie bitte ich …« (Joh 17,9), »… damit sie eins sind wie wir…« (Joh 17,11), »… damit sie meine Freude in Fülle in sich haben« (Joh 17,3), »Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein …« (Joh 17,20-21)
So wie der Priester sich selbst, die Priesterschaft und die ganze Gemeinde Israels entsühnt, »so betet Jesus für sich selbst, für die Apostel und schließlich für alle, die durch sein Wort künftig an ihn glauben werden«. (Ratzinger, Jesus von Nazareth, Seite 96) »Das Hohepriesterliche Gebet Jesu ist Vollzug des Versöhnungstages, das gleichsam für immer zugängliche Versöhnungsfest Gottes mit den Menschen.« (ebenda, Seite 97)
Jesus heiligt sich also für sie und für uns, durch sein Leben und sein Opfer: »Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.« (Joh 17,19) Dabei ist er es, der heiligt, weil er Gott ist: »Denn nicht von einem andern wird er geheiligt, sondern er heiligt sich selbst, damit auch wir in der Wahrheit geheiligt werden. Der aber sich selbst heiligt, ist der Herr der Heiligung.« (Athanasius, Contra Arianos, 1 Rede, 46) »Er selbst ist die Wahrheit. Er hat uns geheiligt, das heißt für immer an Gott übergeben, damit wir von Gott her und auf ihn hin den Menschen dienen können.« (Benedikt XVI., Predigt, 5. April 2012)
Wir sehen also gerade hier, dass es um die große Wahrheit geht, die Gott ist, nicht um die kleinen Wahrheiten, die der vergänglichen Welt angehören: »Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.« (Joh 17,16) »Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.« (Joh 17,14)
Und wir sehen auch und gerade hier, dass es bei der Wahrheit darum geht, sich in ihr aufzuhalten, im Wort, in Gott: »Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.« (Joh 8,31-32)
Wie sollte die Wahrheit uns befreien, wenn sie nur eine Übereinstimmung unserer Aussagen mit einem Sachverhalt wäre? Wie könnte die Wahrheit uns befreien, wenn sie nur die Übereinstimmung unserer Erkenntnis oder unseres Verstandes oder unserer Semantik oder bestimmter logischer Verbindungen mit dem wäre, was in der Welt ist? Sie könnte uns freuen. Sie könnte uns helfen. Aber sie würde uns niemals befreien. Befreien kann uns nur jemand. Und wahrhaft befreien kann uns nur der, der wahrer Gott ist.
Nur Gott kann uns befreien, indem er uns in sich aufnimmt.

Der Aufsatz "Randnotiz zu Johannes 17,17: 'dein Wort ist Wahrheit'" (30 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000-0000-8402-2282) erschien im Juni 2026, ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.20612016) gratis als PDF heruntergeladen werden.




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