top of page

Johannes 21,4: "Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer"

  • Autorenbild: Dalibor Truhlar
    Dalibor Truhlar
  • 12. Mai
  • 34 Min. Lesezeit

Bibelkommentar zum Bibelvers Joh. 21,4


Autor: Dalibor Truhlar



»Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.« Joh 21,4




Einleitung



Im letzten Kapitel des Evangeliums nach Johannes findet sich die Erzählung, in der sich Jesus, nachdem er gekreuzigt wurde, auferstand und seinen Jüngern zweimal erschien, ein drittes Mal offenbart. Die Jünger sind am See Genezareth die ganze Nacht fischen, fangen aber nichts. Als es Morgen wird, steht Jesus am Ufer. Sie erkennen ihn aber nicht. Er sagt ihnen, sie sollen das Netz auf der rechten Seite des Bootes auswerfen. Sie tun es und können es nicht wieder einholen, weil es so voller Fische ist. Da erkennen sie ihn. Sie kommen zu ihm ans Land und sehen am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen. Jesus sagt ihnen, sie sollen von den Fischen bringen, die sie gerade fingen. Dann nimmt er das Brot und den Fisch und gibt sie ihnen. Anschließend fragt er Petrus dreimal, ob er ihn mehr liebt als diese. Petrus bestätigt. Jesus beauftragt ihn, seine Lämmer und Schafe zu weiden. (Joh 21, EÜ)


Die Erzählung geht noch ein bisschen weiter und hat mit dem Jünger zu tun, den Jesus liebt. Gemeint ist Johannes, einer der zwölf Apostel und Verfasser des Evangeliums. Damit endet dieses Evangelium, das sich durch seine theologische Tiefe auszeichnet. Oder beginnt zugleich etwas Neues?


Es ist ein großes Kapitel von großer Bedeutung. Entsprechend viel wurde darüber geschrieben und entsprechend weniger brauchen wir hier zu wiederholen. 


Betrachten wir es aber kurz aus der Perspektive des ersten Satzes, der sich in diesem Bibelvers findet:


»Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.« (Joh 21,4


Sehen wir uns diesen Morgen an, von dem hier die Rede ist, und bedenken wir, was er bedeutet. Betrachten wir ihn als einen neuen Anfang voller Aufwachen, Aufstehen, Aufbruch und Auftrag Es ist ein Neubeginnen, mit dem das letzte Kapitel des letzten Evangeliums neue Kapitel eröffnet. 


Weil der Morgen durch den kommt, der der Morgen ist – Jesus. Weil Gott der Morgen ist. 



Der Anfang mit dem Schluss



Um den Satz besser zu verstehen, müssen wir das Kapitel kennen und um das Kapitel besser zu begreifen, sollten wir uns auch das Ende des vorangehenden Kapitels ansehen. Es ist das Kapitel 20, das das Kapitel 21 in einer gewissen Weise einleitet. Hier findet sich am Ende eine Stelle, die oft als erster Schluss bezeichnet wird, so beispielsweise in der Überschrift dieser Perikope. Die Stelle lautet: 


»Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.« (Joh 20,30-31


Wenn wir das lesen, hört es sich irgendwie nach Ende an. Wenn wir aber weiterblättern, kommen wir noch zum letzten Kapitel, mit dem das Evangelium dann tatsächlich abschließt, demjenigen, mit dem wir uns hier beschäftigen. Dieses setzt die Erzählung also fort und endet mit dem sogenannten zweiten Schluss: 


»Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist. Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.«  (Joh 21,24-25


Die Erklärungen für diese beiden Schlüsse lauten, dass Johannes vielleicht im Nachhinein etwas einfiel und er es deshalb nachtrug. Damit wäre das letzte Kapitel also hinzugefügt worden. Es gibt auch Theorien, dass es von seinen Schülern stammt, die das Kapitel später verfassten. Ebenso kann man aber auch einwenden, dass der erste Schluss gar kein Schluss ist. Es ist kein Manuskript ohne das letzte Kapitel erhalten, was dafür spricht, dass das letzte Kapitel schon immer das letzte Kapitel war. 


Augustinus bemerkt entsprechend, dass hier gewissermaßen ein Ende des Buches eingefügt wurde, aber gleichsam als Einleitung zur nachfolgenden Erzählung, um ihr »einen herausragenderen Platz zu schaffen«. (Augustinus von Hippo, Vorträge über das Johannes-Evangelium, 122, eigene Übersetzung aus Tractatus 122) Es ist also etwas da, das sich wie ein Schluss liest, es kann aber unterschiedlich interpretiert werden. 


Die Ausdrucksweise klingt, als würde sich das Evangelium zu Ende neigen. Aber wer weiß, wie sehr wir es als Schluss empfinden würden, wenn die Überschrift dort nicht stehen würde und wir es nicht wüssten. Vielleicht würde es dann als Abschluss der Haupthandlung anmuten mit ihren großen öffentlichen Wundererzählungen, die im zweiten Kapitel mit der Hochzeit in Kana beginnen (Joh 2) und hier eben enden. Es werden im letzten Kapitel zwar noch viele Fische gefangen, was ein Wunder ist, aber vielleicht gilt das nicht als öffentliches Wunder. Chrysostomos benennt in dieser Szene sogar drei Wunder, nämlich, dass so viele Fische gefangen werden, dass das Netz nicht reißt und dass schon Fisch und Brot vorbereitet sind. (Johannes Chrysostomus, In Iohannem homiliae, 87, 2) Aber diese Wunder ereignen sich im Kreis der Jünger und dienen nicht als Zeichen gegenüber der Öffentlichkeit. 


Ein solcher vorgelagerter Abschluss der großen Handlungserzählung würde auch literarisch gut dazu passen.


Das Evangelium beginnt mit einem großen Prolog (Joh 1,1-18), der die Schöpfungserzählung des ersten Kapitels des Alten Testaments (Gen 1) aufgreift, fortsetzt und vertieft. So wie in den ersten Sätzen zu Beginn der Bibel darüber berichtet wird, dass Gott die Welt schuf, wird hier in den ersten Worten am Anfang des Evangeliums darüber berichtet, dass er es durch das Wort tat. Insofern wäre die literarische Komposition des Evangeliums von einer poetischen Perfektion, sowohl von seiner Einbettung in die Bibel als auch von der Struktur der Erzählung des Evangeliums selbst.


Das Johannesevangelium eröffnet mit einem Prolog und klingt aus mit einem Epilog. Es beginnt mit einer Einleitung, die uns in die Geschichte eintaucht, und endet mit einem Nachwort, das uns in eine neue Geschichte hineinführt. Es ist logisch, die Erzählung auf eine Weise zu beenden, wie sie begonnen wird. Und es ist schön, es zu tun, weil die literarische Balance die inhaltliche Perfektion verdeutlicht. Es macht die Erzählung vom poetischen Standpunkt perfekt. Das ist aber nur ein ergänzender Punkt, denn wir sollten uns ständig vor Augen halten, dass es nicht auf Rhetorik und Erzählstruktur ankommt, sondern auf den Inhalt, der sich der persönlichen Erfahrung verdankt. (Benedikt XVI., Verbum Domini, 5)


Und so brauchen wir die Diskussion der beiden Schlüsse nicht zu entscheiden. Stattdessen dürfen wir uns darüber freuen, wie sie die Geschichte in erzählerischer Hinsicht ausgestalten.


Jede Erzählung erreicht irgendwann ihren Höhepunkt. Es ist der Augenblick, in dem die Geschichte ihre Aussage vollständig entfaltet, in ihrer ganzen Weite offenbart und bestätigt. Das geschieht hier in der Beschreibung der Kreuzigung in Kapitel 19 (Joh 19), der Auffindung des leeren Grabes im Kapitel 20 (Joh 20) und der Erscheinung Jesu vor Maria von Magdala und seinen Jüngern, die seine Auferstehung beweisen. Nach solchen Höhepunkten bricht die Erzählung nicht gleich ab. Es folgt noch eine Szene, die alles abschließt, alles abrundet und auch einen neuen Ausblick schenkt. Das ist der Fall im Kapitel 21. (Joh 21)


Wenn wir nun dieses letzte Kapitel aus diesem Blickwinkel lesen, wird es uns umso mehr als Ende erscheinen, weil es durch den vorläufigen Schluss eingeleitet wurde. Die Geschichte ist erzählt, von ihrem großen Anfang und ersten Beginn über die vielen Wunder und erklärenden Ausführungen bis zur Kreuzigung und Auferstehung. Diese Handlung geht zu Ende, obwohl noch vieles zu erzählen wäre, wie Johannes anmerkt. (Joh 20,30-31) Trotzdem drängt es uns, noch eine Szene zu erleben, in der wir uns innerlich zurücklehnen können, um alles zu überblicken und zu verstehen. Diese Szene gehört eingeleitet und der sogenannte erste Schluss ist eine solche Einleitung. 


Der Epilog passt zum Prolog und ist dabei zugleich selbst ein neuer Prolog. Nicht zu der Geschichte, die gerade erzählt wurde, denn diese wurde in vier Evangelien dargestellt und ist abgeschlossen. Es ist der Prolog zu dem Leben nach diesen Geschehnissen. Obwohl die Geschichte also endet, beginnt eine neue, in die sie hineingleitet. Sie wird fortgesetzt in der nachfolgenden Apostelgeschichte, den anschließenden Briefen und der abschließenden Offenbarung. 


So könnten wir das Ende des vorletzten Kapitels als den Schluss vor dem Anfang bezeichnen. Denn das Ende dieses Evangeliums fühlt sich wirklich an wie ein neuer Anfang. 


Es ist Morgen, ein neuer Tag.



Als es schon Morgen wurde



Das letzte Kapitel beschreibt die Erscheinung Jesu am See von Tiberias und beginnt mit einem Bericht über die Jünger, die die ganze Nacht erfolglos fischen sind: 


»Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.« (Joh 21,1-3)


Nun kommt der Bibelvers, um den es uns hier geht: »Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.« (Joh 21,4


Wenn hier von Morgen die Rede ist, ist damit sicher erst einmal der Morgen gemeint. Es ist früh in der Früh. Und so sollten wir es auch nehmen. Aber es kommt wohl noch etwas anderes hinzu. Denn wenn wir es lesen, denken wir etwas, empfinden wir etwas und stellen uns etwas vor. Und der, der es schrieb, dachte auch etwas, empfand auch etwas und hatte auch ein Bild vor Augen. Es ist das, was in der Szene selbst beschrieben und dargestellt ist, in ihr angelegt ist, ihr eignet. Es ist das, was in der Luft liegt. Was ist es? 


Vielleicht könnten wir sagen, es ist der Morgen, der ein Neubeginnen ist. Denn der Morgen ist ein Anfang und ein Aufbruch, ein Aufstehen und ein Aufwachen und vieles mehr. 


Der Morgen ist ein Anfang, weil mit ihm der Tag beginnt. Gerade deshalb ist er auch ein Aufbruch, weil er auf den Tag verweist, in den er aufbricht. Diese Stimmung des Neubeginnens ist es, die dem Morgen innewohnt. Der Blick des Morgens richtet sich auf den Tag und so ist in ihm der Vormittag ebenso enthalten wie der Mittag, der Nachmittag und der Abend. Sie liegen noch vor ihm, ihre Ahnung ist aber bereits in ihm. Der Blick des Morgens ist damit ein Blick in die Zukunft, der sie durch dieses Hineinblicken in die Gegenwart des Morgens holt. So ist im Morgen die Hoffnung des Tages angekündigt, den wir gerade betreten, mit allen Möglichkeiten, die er bietet und allen Perspektiven, die er eröffnet. Der Horizont des Morgens umfasst so den ganzen Tag. Er nimmt die Zukunft in sich auf und zieht sie in die Gegenwart, die von ihr getragen wird.


In dieser Morgenszene müssen wir zugleich die Nacht mitdenken, die die Jünger hinter sich haben. Sie sind die ganze Nacht fischen und das ist Arbeit. Auch wenn sie währenddessen schlafen und es als Fischer gewohnt sind, sie kommen aus dem Tun, nicht aus dem Entspannen. Zusätzlich sind ihre Anstrengungen umsonst, denn sie fangen nichts.


Nun gehört aber die Nacht gerade in der Bibel zum Tag dazu, weil damals der nächste Tag mit der Nacht zu diesem Tag begann. Wenn die Sonne untergeht und die Nacht beginnt, beginnt mit ihr auch der nächste Tag. Diese Wahrnehmung dürfte heute verschoben sein. Damals aber leitete die Nacht den Tag ein, so wie auch heute noch in der Liturgie. Das hat seine Richtigkeit. Wir kommen immer aus der Nacht in den Tag. Wir müssen durch die Dunkelheit, um ans Licht zu treten. 


Der Morgen ist auch die Zeit des Aufstehens und des Aufwachens. Wir sollten diese beiden unterscheiden, weil zwischen ihnen ein wesentlicher Unterschied besteht. Wir wachen auf, dann stehen wir auf. Doch das wirkliche Aufwachen kommt meist erst nach dem Aufstehen, wie wir aus Erfahrung wissen. Wir müssen aufwachen, um aufzustehen, aber aufstehen, um wirklich aufzuwachen. Unsere Augen werden beim Aufwachen zwar geöffnet, aber wirklich zu sehen beginnen sie erst später, wenn das wirkliche Aufwachen dem Aufstehen folgt. Sie müssen sich noch an das Licht des Tages gewöhnen. So wie hier, wo die Jünger Jesus erblicken, ihn aber nicht gleich erkennen. Wo sie ihn schon die ganze Zeit kannten und trotzdem nur schrittweise erkannten. Ihre Augen müssen lernen zu sehen, aufzuwachen. 


Deshalb fühlt sich der Morgen in dieser Szene auch so friedlich an. Betrachten wir das Ufer, lauschen wir den Wellen, hören wir das Knistern des Feuers, an dem Fisch und Brot liegen, wie wir gleich lesen werden. Wir riechen den Duft von Frühstück. Es ist eine Zeit, in der alles gelöst ist und entspannt, in der alles noch ein wenig innehält. 


Heute ist der Morgen für viele von uns wohl eher eine Zeit der Hast und Mühe, in der der äußere Lärm den inneren Lärm schafft. Aber die Jünger in dieser Szene kehren gerade aus dem Lärm der Nacht zurück, die ihnen nicht die volle Ruhe gönnte. Und sie haben nicht nur diese Nacht hinter sich, sondern auch die Nacht der Kreuzigung. Sie sind zwar eingetaucht in den Morgen der Auferstehung, aber wirklich aufgewacht sind sie vielleicht noch nicht ganz. Sie wurden bereits auf den Weg geschickt (Joh 20,21), aber wirklich angelangt im neuen Tag sind sie wohl noch nicht ganz. Nun nähern sie sich dem Ufer. Der Aufbruch steht bevor. 


Bevor wir uns in diesen hineinstürzen, betrachten wir noch ein wenig die Wörter, um ihre Bedeutung besser zu verstehen und damit auch den Satz und die Szene besser zu begreifen. 


Im griechischen Original lautet der Satz: »Πρωΐας δὲ ἤδη γενομένης ἔστη Ἰησοῦς εἰς τὸν αἰγιαλόν, οὐ μέντοι ᾔδεισαν οἱ μαθηταὶ ὅτι Ἰησοῦς ἐστιν.« Transkribiert: »Prōïas de ēdē genomenēs estē Iēsous eis ton aigialon, ou mentoi ēdeisan hoi mathētai hoti Iēsous estin.« (Joh 21,4 NA28) Und auf Latein, gewissermaßen sicherheitshalber: »Mane autem iam facto, stetit Iesus in litore; non tamen sciebant discipuli quia Iesus est.« (Joh 21,4 NV)


Der Satz beginnt im griechischen Original also mit dem Wort Πρωΐας (Prōias), ›Morgen‹ bzw. der ›frühe Morgen‹. (Joh 21,4 INT) Hier steht es aber im Genitiv, also im zweiten Fall, und heißt deshalb, um genau zu sein, ›Morgens‹. Damit es nicht mit ›morgens‹ verwechselt wird, könnten wir es als  ›Des-Morgens‹ schreiben.


Dabei setzt sich Πρωΐα (Prōia), der Morgen, zusammen aus πρωί (prōi), das ›früh‹ heißt, und -ια (-ia), das Zugehörigkeit andeutet, also das zum ›Frühen‹ Gehörige. Im Wort πρωί (prōi) steckt aber auch das Wort πρό (pro), das ›vor‹ oder ›vorne‹ heißt. Wenn wir ›Prōia‹ in diesem Sinn wortwörtlich nehmen, könnten wir sagen, dass es eigentlich ›Vor-iges‹ oder ›Vorne-iges‹ bedeutet. 


Das macht Sinn, wenn wir daran denken, dass der Morgen die erste Zeit des Tages ist. Das, was vor dem Morgen liegt, gehört zur Nacht. Selbst der Übergang von Dunkel zu Licht im Sinn des Morgengrauens ist eben noch nicht der Morgen im Sinn des Tages und des Lichts. Der Morgen geht aus der Nacht hervor, ist aber erst Morgen, wenn er Tag ist. So ist auch der Tag im Morgen enthalten. Deshalb kommt dem Morgen eine solche Mächtigkeit in der Wahrnehmung zu. Alle Zeiten des Tages haben ihre Größe, aber sie wurzelt im Anfang des Morgens. 


Insofern könnten wir den Morgen tatsächlich als ›Vorn-iges‹ bezeichnen, weil er vorne steht, vor den anderen, und als ›Vor-iges‹, weil er auf den Tag verweist mit seinen Unterteilungen, deren Reihe er eröffnet und deren Etappen er ankündigt. Dazu gehören der Vormittag, Mittag, Nachmittag, Abend und die Nacht, selbst wenn wir sie dem nächsten Tag zurechnen, mit all den Zeiten dazwischen. Sie alle sind im Morgen angekündigt, was die Bedeutung des Morgens unterstreicht.


Das Wort δέ (de), das dem Wort ›Prōïas‹ folgt, heißt übrigens ›und‹ oder ›aber‹ und kann auch in anderer Form übersetzt werden. Wie es übersetzt wird, richtet sich nach dem Kontext. Hier signalisiert es den Übergang von der Nacht zum Morgen. Insofern wäre es naheliegend, es als ›aber‹ zu übersetzen. Das ist ein wenig interpretativ, aber das liegt am Wort und seinen Möglichkeiten und der Tatsache, dass es den Morgen von der Nacht abgrenzt. Das wiederum ist deshalb von Bedeutung, weil sich hier, in diesem Satz, in diesem Augenblick, eine Wende ereignet. Es ist eine Wende, die die gesamte Erzählung in eine völlig neue Richtung bringt. Von der Nacht in den Tag, vom leeren Netz zum vollen Netz, vom Dunkel ins Licht. 


Das nächste Wort ist ἤδη (ēdē), das ›schon‹ oder ›bereits‹ oder auch ›jetzt schon‹ heißt. Es bezeichnet etwas, das abgeschlossen ist.


Das letzte Wort in diesem Satz ist γενομένης (genomenēs), das mit ›war‹ oder ›wurde‹ übersetzt wird. Es kommt von γίνομαι (ginomai), das ›werden‹, ›entstehen‹ oder ›geschehen‹ bedeutet. Dieses Wort steht übrigens auch im dritten Satz des berühmten Anfangs des Johannesevangeliums: »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.« (Joh 1,1-3) Der Ausdruck, der hier für ›geworden‹ verwendet wird, lautet ἐγένετο (egeneto), also im Prinzip die Vergangenheitsform von γίνομαι (ginomai). (Joh 1,3 INT)


Wenn wir also die gesamte Formulierung für ›Prōïas de ēdē genomenēs‹, ›Als es schon Morgen wurde‹ wörtlich präzise übersetzen, könnten wir sagen: »Des Morgens aber schon wurdend« oder »Des Morgens aber schon gewordend«.


Das hört sich vielleicht nach einer zu spezifischen Wortspielerei an und wir müssen es nicht übertreiben mit den Wörtern. Aber das Verständnis, dass hier mit ›Morgen‹ ein Zustand bezeichnet wird, der bereits erreicht ist, zugleich jedoch auch das Geschehen mitausdrückt, das zu ihm führt, ist hilfreich, weil es uns hilft, uns in den Satz und damit in die Szene hineinzufühlen. Sie ist nicht statisch, sondern zutiefst dynamisch. Weil sie den Tag einleitet. 


Der Morgen hier ist ein Neubeginnen nach der Nacht, das den neuen Tag eröffnet. Er ist ein Aufstehen und ein Aufwachen, erfüllt von tiefstem Frieden. Dieser Friede verdankt sich demjenigen, der den Frieden bringt. Er steht hier am Ufer. Er ist der Morgen. Er ist der neue Tag. 



Stand Jesus am Ufer



Der Satz mit dem Morgen geht weiter und wird um das Wichtigste an diesem Morgen erweitert: 


»Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer.« (Joh 21,4


Jesus ist das Wichtigste an diesem Morgen. Und er ist es, der den Morgen zum Morgen macht. Er macht ihn zu einem Anfang und Aufbruch, Aufstehen und Aufwachen und allem anderen. Weil er der Anfang ist. Wir werden es gleich sehen.


Denken wir jetzt aber erst einmal daran, dass der Morgen sich dadurch von der Nacht unterscheidet, dass die Sonne zu strahlen beginnt und mit ihrem Licht die Welt erfüllt. Gerade hier, in dieser Szene, ist es nicht der Stern, von dem das Licht kommt. Es ist der, der am Ufer steht, denn er ist das Licht: »Ich bin das Licht der Welt«, sagt Jesus an anderer Stelle. (Joh 8,12) So stammt der Morgen aus ihm. So feiern wir die Heilige Messe noch heute in Richtung des Ostens, der aufgehenden Sonne, von wo wir den Herrn erwarten. 


Es heißt hier auch, dass Jesus am Ufer steht. Bereits das können wir als einen Anfang betrachten. Denn das Ufer ist der Anfang von Land aus der Perspektive derjenigen, die vom Meer ans Ufer gelangen. Und da wir das Meer als unser irdisches Leben betrachten können und das Land als das Ziel dieses Lebens, können wir das Ans-Ufer-Kommen als das Erreichen des Ziels betrachten. Wir erreichen mit dem Ufer das Land, das heißt, das wirkliche Leben, das heißt, Gott. Und hier steht er bereits am Ufer und wartet auf uns.


Auch das Wort ›stehen‹ ist in diesem Zusammenhang interessant. Denn der Ausdruck, der hier aus dem griechischen Original übersetzt wird, lautet ἔστη (estē) und das heißt ›stand‹, kann aber auch als ›stellte sich hin‹ oder ›trat hin‹ übersetzt werden. Es beschreibt also zwar einen Zustand, aber als Ergebnis eines Vorgangs, der abgeschlossen wurde. Auch hier zeichnet sich die Statik durch die Dynamik aus, die zu diesem Zustand führte. Damit hat das Stehen eine gewisse Plötzlichkeit und Unmittelbarkeit des Erscheinens. (Joh 21,4 INT)


Der Bibelvers geht aber noch weiter, denn es heißt: »Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.« (Joh 21,4


Das ist der Text der katholischen Einheitsübersetzung, von der wir hier ausgehen. Andere Übersetzungen übersetzen es leicht abweichend und setzen keinen Punkt nach Ufer: »Als aber schon der frühe Morgen anbrach, stand Jesus am Ufer; doch wussten die Jünger nicht, dass es Jesus war.«. (Joh 21,4 ELB) »Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.« (Joh 21,4 LUT) »Als es aber schon Morgen geworden war, stand Jesus am Ufer; doch wussten die Jünger nicht, dass es Jesus war.« (Joh 21,8 SLT


Die Jünger erkennen Jesus also nicht und es stellt sich die Frage, warum nicht. Wir klammern diesen Aspekt hier ein wenig aus, weil es uns in erster Linie um den ersten Satz geht, dessen Aussage schon groß genug ist. Dass die Jünger Jesus nicht gleich erkennen, findet sich aber auch in anderen Kapiteln (Lk 24,16.3, Joh 20,14.16) und bildet eigentlich ein eigenes Kapitel, weil es eine eigene Diskussion verdient. Die Antwort kann in aller Kürze lauten, dass Jesus nach seiner Auferstehung einen verherrlichten Leib hat und die Jünger genauso wie wir die Augen und Herzen öffnen müssen, um ihn zu erkennen. Das würde auch bestätigen, dass sie trotz des Aufstehens noch nicht das Aufwachen erlebten und ihre Augen noch nicht sehen, weil ihre Herzen noch nicht erkennen. Das Aufwachen wird aber gleich folgen und Jesus wird es sein, der es bewirkt durch seine Taten. 


Wir könnten zwar auch fragen, ob es nicht an der Entfernung liegt, denn diese wird als zweihundert Ellen vom Land angegeben. Auf der anderen Seite entspricht das etwa neunzig Metern und das dürfte nicht wirklich ins Gewicht fallen. 


Nun steht Jesus am Ufer und mit ihm kommt der Morgen und mit ihm der neue Tag. Dieser Tag ist im wahrsten Sinne des Wortes neu, weil seine ganze Ausrichtung neu ist. Das zeigt sich gerade an diesem Satz. Es ist nicht mehr ein Tag, wie er früher war, der sich zu Ende neigt und zur Nacht wandelt. Es ist ein Tag, der niemals endet, ein ewiger Tag, ein ständiger Morgen.



Die vielen Fische



Nach dieser Stelle folgen weitere, große Stellen. Sie hier zu diskutieren, würde den Rahmen sprengen. Betrachten wir sie deshalb nur kurz aus der Perspektive des neuen Morgens, den Jesus schenkt.


Gleich als Nächstes wird beschrieben, wie Jesus die Jünger nach Essen fragt und sie, nachdem ihr Fischfang erfolglos war, auffordert, ihr Netz auf die rechte Seite auszuwerfen, woraufhin sie viele Fische fangen, Johannes Jesus erkennt und Petrus sich auf den Weg zu ihm macht: 


»Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.« (Joh 21,5-7)


Auch dieser Fischfang ist etwas Neues. Er ist ein neuer Auftrag, weil ihnen gesagt wird, was sie tun sollen. Er ist ein Aufstehen, weil sie wieder auf die Beine kommen müssen, um die Arbeit zu tun, die ihnen die ganze Nacht hindurch nichts brachte, jetzt aber, wo das Licht des Tages da ist, alles bringt, weil das Licht des Herrn da ist. Er ist ein Aufbruch, weil sie mit diesem Fischfang im wahrsten Sinne des Wortes zu neuen Ufern aufbrechen, nämlich zu dem Ufer, an dem der Herr sie erwartet. Und er ist ein Aufwachen, weil ihnen jetzt und wohl durch eben diesen Fischfang die Augen wirklich geöffnet werden und sie Jesus erkennen. Das sehen wir an Johannes, der erkennt, und an Petrus, der handelt. 


Der Auftrag und damit der Aufbruch besteht natürlich nicht nur darin, dass sie Fische fangen sollen. Unter den vielen Fischen versteht die Tradition die vielen Menschen, die von den Aposteln gewonnen werden, indem sie diese in die Kirche, ans Ufer bringen, also zum Herrn. 


Kyrill von Alexandria sagt, dass die Jünger Menschen fischen und die, die gefangen werden und glauben, unzählige sind. Er fügt noch hinzu, dass das nur durch die Worte des Erlösers und die Gebote in den Evangelien möglich ist: »Denn es ist das Werk Christi, der durch seine eigene Macht die Schar der Geretteten in der Kirche auf Erden sammelt, wie ins Netz der Apostel.« (Cyril of Alexandria, Commentary on the Gospel according to John, Book 12, eigene Übersetzung)


Das Neue erkennen wir auch daran, dass sie die Netze auf der rechten Seite auswerfen sollen und sie trotz der vielen Fische nicht reißen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu einem anderen Fischfang am See Genezareth, über den Lukas berichtet. (Lk 5,4-11) Dort arbeiten die Jünger ebenfalls die ganze Nacht und fangen nichts. Erst als Jesus ihnen sagt, sie sollen hinausfahren und ihre Netze hinauswerfen, fangen sie eine große Menge Fische. Diese Erzählung kommt chronologisch zuerst und stellt eine sehr ähnliche Situation dar, wie wir sehen. Beide Szenen unterscheiden sich jedoch wesentlich. Damals sollten die Jünger die Netze einfach auswerfen, jetzt wird ihnen die rechte Seite angegeben. Damals drohten die Netze zu reißen und die beiden Boote, mit denen sie gefüllt waren, zu versinken, jetzt hält das Netz. (Lk 5,6-7)


Augustinus schreibt, dass damals die Netze nach beiden Seiten ausgeworfen wurden, um sowohl die Guten als auch die Bösen zu fangen, jetzt aber nur auf die rechte Seite wegen der Guten. Deshalb zerrissen damals die Netze fast aufgrund der Spaltungen, hier aber nicht wegen des Friedens der Heiligen. (Augustinus, Johannes-Evangelium, 122, 7


Dass die rechte Seite für die Guten steht, dürfte aus der klassischen Wahrnehmung ersichtlich sein. Wir könnten vielleicht auch darauf hinweisen, dass Jesus zur Rechten des Vaters sitzt. Vielleicht könnten wir auch an die Wunde Christi denken, die ihm bei der Kreuzigung an der rechten Seite mit der Lanze zugefügt wurde und aus der sich Blut und Wasser ergossen (Joh 19,33-34), die Sakramente der Kirche (Augustinus, ebenda, 120,2, auch De Civitate Dei, 15, 26), Eucharistie und Taufe. 


Die Stelle bei Lukas ist in diesem Zusammenhang auch deshalb von Bedeutung, weil sie damit endet, dass Petrus Jesus zu Füßen fällt und sagt: »Geh weg von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr!« Und Jesus antwortet: »Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.« (Lk 5,8-10) Daraufhin ziehen sie die Boote an Land und folgen ihm nach.


Die Aufforderung mit dieser Aussage findet sich auch im Evangelium nach Matthäus in der Szene der Berufung der ersten Jünger, wo Jesus am See von Galiläa entlanggeht und Simon Petrus und Andreas sieht. Als Fischer sind sie gerade dabei, ihr Netz in den See zu werfen. Und er sagt zu ihnen: »Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.« (Mt 4,19)


Beide Erzählungen beinhalten also die Verheißung, dass Jesus die Jünger zu Menschenfischern machen wird. Er spricht hier übrigens in der Zukunftsform, er sagt also, dass er sie dazu machen wird. Wir könnten es also als Ankündigung verstehen, die in der Szene bei Johannes erfüllt wird. Denn hier beginnen sie tatsächlich Menschenfischer zu sein.


So hat diese Stelle starke Bezüge zu anderen Stellen, denen sie ähnelt und damit an sie anschließt, sich aber von ihnen unterscheidet und sie damit fortsetzt, indem sie sie erfüllt. Auf diese Weise ist auch diese Szene der Anfang von etwas Neuem. Der Morgen ist der Beginn eines neuen Lebens für alle Jünger. Und er ist es, weil Jesus ihn dazu macht. Er ist es, der ihnen den Auftrag gibt und das Wunder wirkt. Durch ihn fangen sie so viele Fische.


Zusätzlich kündigt sich bereits hier, das dürfen wir wohl sagen, auch ein großer Neuanfang für Petrus an, der gleich folgen wird. Er wird spürbar und greifbar, als Petrus in den See springt. Schon einmal versuchte er, Jesus auf dem Wasser entgegenzukommen. Damals schaffte er es nicht, weil er zweifelte und begann unterzugehen. Jesus rettete ihn und fragte ihn, warum er gezweifelt habe. (Mt 14,28-31)


In dieser Szene jetzt zieht Petrus sofort sein Obergewand an und springt gleich ins Wasser. Er ist auf dem Weg zum Herrn. Er tut damit etwas, das die anderen nicht tun, und damit etwas mehr, als die anderen. Das könnten wir betonen vor allem in Hinsicht auf die Frage bzw. die drei Fragen, die Jesus ihm bald stellen wird, nämlich, ob er ihn mehr liebt als diese. 


Interessanterweise tut er das als Folge davon, dass Johannes den Herrn erkennt und es sagt. Wie beim leeren Grab (Joh 20,3-8) ist es auch hier Johannes, der als Erster am Ziel ist, weil er als Erster am leeren Grab ankommt und hier als Erster den Herrn erkennt, und trotzdem in beiden Fällen Petrus den Vortritt lässt, damit er als Erster das leere Grab betritt und hier als Erster zu Jesus ans Ufer gelangt. 



Die hundertdreiundfünfzig Fische



Was die Anzahl der Fische anbelangt, ereignet sich hier ebenfalls etwas Neues, denn es sind nicht bloß viele Fische, die die Jünger fangen, es sind ganz genau hunderdreiundfünzig: 


»Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie  waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt! Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.« (Joh 21,8-11)


Die Erklärung für diese präzise Angabe der Fische lautet mehrheitlich, dass sie symbolisch zu interpretieren ist und mit ihr eine große Anzahl bezeichnet wird.


Augustinus beispielsweise zählt zehn und sieben zusammen, wobei die Zehnzahl für die Zehn Gebote als Gesetz steht und die Siebenzahl für den Heiligen Geist, der als Gnade hinzukommt und durch die Heiligung des siebten Tages u. a. angedeutet wird. Das ergibt siebzehn. Nun fügt er den einzelnen Zahlen von eins bis siebzehn aufsteigend die jeweils nächste Zahl hinzu, er rechnet also eins plus zwei plus drei usw. bis siebzehn. Und das ergibt hundertdreiundfünfzig. Durch diese symbolische und umfassende Zahl werden alle sinnbildlich bezeichnet, die zum ewigen Leben auferstehen werden. (Augustinus, Johannes-Evangelium, 122, 8


Auch Thomas schreibt: »Aber werden etwa nicht mehr gerettet als hundertdreiundfünfzig? Ganz im Gegenteil, diese Zahl bezeichnet etwas auf mystische Weise. Denn niemand kann in das Vaterland kommen, wenn nicht durch das Befolgen des Dekalogs, noch ist das Befolgen möglich, wenn nicht durch die siebenfache Gnade des Heiligen Geistes.«  (Thomas, Commentary on the Gospel of St. John 21, 2605, eigene Übersetzung)


Hieronymus beruft sich auf Oppian aus Kilikien, der schreibt, dass es einhundertdreiundfünfzig Arten von Fischen gibt und schlussfolgert daraus, dass diese alle von den Aposteln gefangen werden, dass also jede Art von Menschen aus dem Meer dieser Welt zur Rettung herausgezogen wird. (Hieronymus, Commentaria in Ezechielem, 14, 47


Und Kyrill von Jerusalem sagt, dass die Einhundert für die Fülle der Heiden steht, die ins Netz gehen, die Fünfzig für die kleinere Anzahl der Juden, die gerettet werden und die Drei die Heilige Dreieinigkeit repräsentiert. (Cornelius a Lapide, The Great Commentary, The Gospel of S. John, 21


Es gibt noch andere Erklärungen. Aber unabhängig davon, welche Bedeutung die Zahl haben mag, in einem Punkt scheinen sich die meisten einig zu sein: Die Zahl zeigt an, dass viele gerettet werden und dass deren Anzahl weit über die genannte Zahl hinausgeht. 


Wir sollten auch bedenken, was es bedeuten würde, wenn die Zahl nicht symbolisch gemeint wäre. Denn falls die Zahl außer einer Beschreibung keine Bedeutung hätte, würde es belegen, dass Johannes auf jeden Fall ein Augenzeuge war, sonst wüsste er es nicht so genau. Die Präzision seiner Angabe bestätigt seine Aussage.


Wie dem auch sei, dass hundertdreiundfünfzig Fische gefangen werden, ist ebenfalls nur Jesus zu verdanken. Er bewirkt das Wunder und er bringt das Neue an diesem Morgen. 



Der eine Fisch und das Brot



Nun geht die Erzählung weiter und beschreibt, wie Jesus den Jüngern Essen anbietet, die nun wissen, dass er Jesus ist. Dass er sie zu diesem Frühstück einlädt, scheint selbstverständlich, ist aber ebenfalls grundlegend neu, wenn wir uns ansehen, was er ihnen anbietet: 


»Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.« (Joh 21,12-14)


Hier ist also die Rede von Brot und Fisch, die er ihnen gibt. Erinnern wir uns an den Satz, der sich an der im vorherigen Abschnitt zitierten Textstelle findet: »Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen.« (Joh 21,9


Das ist von Bedeutung. Denn es ist anzunehmen, dass Jesus ihnen eben diesen Fisch und dieses Brot gibt. Ob sie die Fische essen, die sie gerade ans Land zogen, wissen wir nicht. Auf der einen Seite sieht es nicht so aus, weil es gleich weitergeht, sodass sie die Fische gar nicht zubereiten könnten. Auf der anderen Seite wurde die Zeit der Zubereitung vielleicht nur übersprungen. Was wir aber wissen, ist, dass Jesus ihnen Brot und Fisch gibt. Und weil er es ist, der Fisch und Brot hat, dürfte es sich um den Fisch und das Brot handeln, die bereits über dem Kohlenfeuer lagen. Was hat es also mit diesem Fisch und diesem Brot auf sich? 


Augustinus bringt den Fisch und das Brot mit Jesus in Verbindung: »Der gebratene Fisch ist der leidende Christus. Er ist auch das Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist. Ihm wird die Kirche einverleibt, damit sie an der ewigen Seligkeit teilnehme.« (Augustinus, Johannes-Evangelium, 123, 2, er verwendet hier die Formulierung ›Piscis assus, Christus est passus‹, siehe Tractatus in Euangelium Iohannis, 123,2)


Auch Thomas interpretiert den Fisch als den leidenden Christus: »Denn der gebratene Fisch ist der leidende Christus, der über die Kohlen gelegt wird, wenn er aus dem Feuer der Liebe zu uns am Kreuz geopfert wird.« (Thomas, Commentary on the Gospel of St. John 21, 2599, eigene Übersetzung, mit der Formulierung ›nam piscis assus, est Christus passus‹ bezieht er sich offensichtlich auf Augustinus, siehe oben) Auch über das Brot sagt er: »Ebenso bereitet er das Brot, durch das man gestärkt wird, welches er selbst ist.« (ebenda, 2599)


Insofern wäre eben dieser eine Fisch der Grund für die vielen Fische, die diesem einen nachfolgen, und für das Wunder der hundertdreiundfünfzig Fische, die gefangen werden können, weil dieser eine Fisch sich für sie hingab.


Insofern wäre das Brot nicht nur eine Speise, die sättigt, sondern die Speise, die uns auf dem Weg zu und mit und in Gott stärkt und in Gott hält. Dieses Brot macht nicht bloß voll, sondern bringt die Fülle des Lebens. Wie Jesus an einer anderen Stelle des Johannesevangeliums sagt: »ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.« (Joh 10,10). Wobei wir anmerken dürfen, dass Jesus hier den Ausdruck ζωή (zōē) gebraucht, der nicht nur das normale Leben im Sinne des Existierens bezeichnet, sondern das ewige Leben in Gott meint (Joh 10,10 INT)


Es ist also ein neues Mahl. Und dieses Mahl ist nicht bloß ein Frühstück, sondern unsere Rettung. Jesus schenkt sich selbst. Er gibt den Jüngern das Brot, das er selbst ist, und schenkt uns das Leben, in jeder Kommunion, die wir empfangen. So erhalten wir, was wir brauchen, um ewiges Leben zu erhalten.


Denken wir an das Manna, das Gott den Israeliten während der Wüstenwanderung als Brot vom Himmel regnen lässt, um ihren Hunger zu stillen. (Ex 16) Denken wir an die beiden Brotvermehrungen, also die Speisung der Fünftausend mit nur sieben Broten und ein paar Fischen (Lk 9,10-17) und die Speisung der Viertausend mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen (Mt 15,32-39, Mk 8,1-10), die Jesus vermehrt, um sie zu sättigen. 


Denken wir aber auch daran, dass Jesus uns das himmlische Brot schenkt, das er selbst ist, damit wir durch ihn das Leben haben: »Ich bin das Brot des Lebens« (Joh 6,35), »Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.« (Joh 6,51) Und denken wir an das letzte Abendmahl, als er das Brot den Jüngern reicht, damit wir auch heute in der Eucharistie seinen Leib empfangen: »dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib.« (Mt 26,26, auch Mk 14,22, Lk 22,19, 1 Kor 11,23-24)


So schreibt Gregor der Große: »Deshalb aß er gebratenen Fisch und Brot, um uns durch eben diese seine Speise zu zeigen, dass er sowohl das Leiden unserer Menschlichkeit ertrug als auch für unsere Erneuerung aus seiner Göttlichkeit sorgte.« (Gregorius Magnus, Homiliae in Evangelia, Lectio S. Evang. Sec. Joan. XXI, 1-14, ed. Migne, eigene Übersetzung)


Das von Jesus zubereitete und vorbereitete Mahl ist also ein neues Mahl, zu dem wir alle eingeladen sind, die Jünger ebenso wie die vielen hundertdreiundfünfzig Fische. 


Dazu ein paar ergänzende Anmerkungen, die alle Stellen der Bibel aufzählen, in denen das Wort ›Fisch‹ vorkommt und die sich in der Einheitsübersetzung finden. (Bibleserver) Interessanterweise haben sie alle mit Jesus zu tun, nur im Alten Testament gibt es eine kleine Ausnahme.


Ein Fisch spielt eine wichtige Rolle bei Jona, weil er ihn verschlingt und Jona sich drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches befindet, bis der Herr befiehlt und der Fisch Jona an Land speit. (Jona 2) Und es ist Jesus selbst, der darauf Bezug nimmt, als er sagt, dass diese Generation ein Zeichen fordert, ihr aber kein anderes gegeben wird als das Zeichen des Jona, das Jesus auf sich  bezieht, weil er als Menschensohn ein Zeichen für diese Generation sein wird, womit seine Auferstehung am dritten Tag gemeint ist. (Mt 16,4, Lk 11,29)


Ebenso von einem Fisch spricht Jesus, als es ums Beten geht und er fragt, ob denn einer da ist, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet. (Mt 7,9-10) Er will damit verdeutlichen, dass wir empfangen, wenn wir bitten, finden, wenn wir suchen und uns aufgetan wird, wenn wir anklopfen, wobei darauf hinzuweisen ist, dass es hier um den Heiligen Geist geht, um den wir bitten. (Lk 11,9-13)


Um einen Fisch geht es auch bei der Frage nach der Tempelsteuer, bei der Jesus seine Gottessohnschaft bestätigt, sich aber zugleich dem Gesetz unterordnet. (Mt 17,27)


Besonders wichtig ist die Szene, als Jesus sich den Jüngern das erste Mal nach seiner Auferstehung zeigt. Sie sind in Jerusalem versammelt und sprechen mit den Emmausjüngern, die ihnen von seiner Erscheinung berichten. Da tritt er in ihre Mitte und grüßt sie. Sie erschrecken. Er aber beruhigt sie und zeigt ihnen seine Hände und Füße als Beweis, dass er Fleisch und Knochen hat. Dann sagt er zu ihnen: »Habt ihr etwas zu essen hier? Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen.« (Lk 24,41-43) Diese Szene ist deshalb von Bedeutung, weil es auch hier um einen Fisch geht und Jesus auch hier fragt, ob sie etwas zu essen haben. Nur dass er ihnen in diesem Fall durch das Essen beweist, dass er tatsächlich auferstand. Nun teilt er an dieser neuen Stelle bei Johannes seinen Fisch mit seinen Jüngern und lässt sie teilhaben.


Zum Abschluss kommt noch die schöne und fast schon unterhaltsame Geschichte mit dem Fisch im Buch Tobit. (Tob 6,1-9) Tobias, der Sohn von Tobit, heilt auf Empfehlung des Erzengels Raphael mit einem Fisch die Erblindung seine Vaters, befreit Sarah von einem Dämon und heiratet sie. 



Morgen für Petrus



Auch die Berufung des Petrus, die nun folgt, wirkt wie ein Neuanfang, weil in diesem letzten Kapitel ein neues Kapitel beginnt, in dem Petrus von Jesus einen neuen Auftrag erhält, und zwar seine Lämmer und Schafe zu weiden und zu hüten bzw. zu leiten:


»Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Liebst du mich? Er gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!« (Joh 21,15-19)


Es ist eine wichtige Szene, zu der viel gesagt werden kann und viel gesagt wurde. Von der dreimaligen Frage mit ihren abwechselnden Ausdrücken von agapás bzw. phileîs und philō über den Bezug zur Szene im Hof des Hohepriesters, in der Petrus Jesus dreimal verleugnet und in der übrigens auch ein Holzkohlefeuer brennt, ein Ausdruck, der im Neuen Testament nur von Johannes an diesen beiden Stellen genannt wird (Mt 26,69-75, Mk 14,66-72, Lk 22,55-62, Joh 18,15-18.25-27), und der jetzt erfolgenden Versöhnung und Wiederherstellung der Beziehung durch die dreimalige Bestätigung bis zur Ankündigung, auf welche Weise Petrus Gott verherrlichen wird. Sehen wir uns deshalb die Szene nur unter den Aspekten des Morgens an, wie bis jetzt dargestellt. 


Es ist ein neuer Anfang, weil Petrus eine neue Aufgabe und damit einen neuen Auftrag erhält, nämlich die Lämmer und Schafe zu weiden. Es ist die Einsetzung in ein neues Amt, das des sichtbaren Stellvertreters auf Erden. 


Es ist ein Aufbruch in ein neues Leben. Wir erkennen es daran, dass ab diesem Augenblick in der Schrift nicht mehr darüber berichtet wird, wie Petrus als Fischer fischen geht, sondern nur darüber, wie er als Menschenfischer das Evangelium verkündet und Jesus als Christus bekennt. Hier in dieser Szene ist er noch in der Nacht fischen, geht also seiner alten Tätigkeit nach. Nach dieser Szene ist er es, der statt Broterwerb Brotbrechen vollzieht. (Apg 2,42.46


In diesem Zusammenhang stellt sich übrigens die Frage, warum er und die anderen zu Beginn dieser Szene überhaupt zu ihrer früheren Tätigkeit zurückkehren, erst recht, nachdem sie Zeugen solcher Ereignisse wurden, warum sie also nicht bereits hier unterwegs sind, um das Wort zu verkünden. 


Augustinus erklärt es damit, dass es ihnen ja nicht verboten war und sie etwas brauchten, wovon sie leben konnten. (Augustinus, Johannes-Evangelium, 122, 2 und 122,3) Er weist in dem Zusammenhang auf Paulus hin, der seinen Lebensunterhalt mit eigenen Händen verdiente, um niemandem zur Last zu fallen, in diesem Fall war es der Beruf des Zeltmachers. (2 Thess 3,7-8, Apg 18,3-1


Gerade deshalb ist es aber aufschlussreich zu sehen, dass die nachfolgende Apostelgeschichte nicht mehr davon spricht, dass Petrus seinen alten Beruf ausübt oder wovon er sich ernährt. Es wird nur davon gesprochen, was er tut, um die Lämmer und Schafe zu weiden. Das heißt nicht, dass er nicht von etwas lebt. Es zeigt aber, wie total und absolut sich alles umdreht und worauf es tatsächlich ankommt.


Es ist ein neuer Auftrag, den er hier erhält, und es ist der letzte Auftrag in diesem letzten Kapitel dieses letzten Evangeliums, den er bis ans Ende seines irdischen Lebens ausübt.


Dieser Aufbruch ist ein neues Leben durch und durch. Ihm wurde bereits verheißen, dass Jesus auf ihm seine Kirche errichten wird: »Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.« (Mt 16,18, wobei darauf hingewiesen sei, dass Petrus im Griechischen Felsen bedeutet) Hier, an dieser Stelle jetzt, ist er wirklich der Fels, auf dem die Errichtung sich vollzieht und in vollem Gange ist. 


Erinnern wir uns, dass es im vorletzten Abschnitt über die hundertdreiundfünfzig Fische hieß: »Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land.« (Joh 21,11) Er war also bereits im Begriff, die Lämmer und Schafe zu weiden. Er war bereits aufgestanden. Vielleicht dürfen wir sagen, dass sich im dreimaligen Bekenntnis seiner Liebe ein Aufwachen ereignet, bei dem seine Augen ganz sehen und sein Herz ganz versteht. 


Jesus führt ihn in diesen neuen Anfang.



Morgen für Johannes



Nun folgt noch die Stelle, in der es um das Schicksal des Lieblingsjüngers geht und in der auch für Johannes etwas Neues beginnt:


»Petrus wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus liebte und der beim Abendmahl an seiner Brust gelegen und ihm gesagt hatte: Herr, wer ist es, der dich ausliefert? Als Petrus diesen sah, sagte er zu Jesus: Herr, was wird denn mit ihm? Jesus sagte zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an? Du folge mir nach! Da verbreitete sich unter den Brüdern die Meinung: Jener Jünger stirbt nicht. Doch Jesus hatte ihm nicht gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?« (Joh 21,20-23)


Als Petrus fragt, was mit ihm wird, könnten wir meinen, dass es ihn einfach interessiert. Schließlich ist Johannes gemeinsam mit Petrus und seinem eigenen Bruder Jakobus bei den großen Szenen der Auferweckung der Tochter des Jairus (Mk 5,37-43), der Verklärung Jesu auf dem Berg (Mt 17,1-9) und im Garten Gethsemane (Mt 26,36-46). Sein Schicksal ist umso mehr mit Petrus verbunden, als es wahrscheinlich Johannes ist, der gemeinsam mit Andreas, dem Bruder des Petrus, Jesus als Erster begegnet, woraufhin Andreas Jesus zu Petrus führt. (Joh 1,35-42) Er ist wohl auch derjenige, der im Hof des Hohepriesters dafür sorgt, dass Petrus hereingelassen wird (Joh 18,15-16) und ist schließlich auch Zeuge der Kreuzigung (Joh 19,25-27). 


Es wäre deshalb naheliegend, dass Petrus sich gerade im Zusammenhang des Nachfolgens und des damit verbundenen Schicksals dafür interessiert, was mit Johannes wird, dass er also wissen will, wohin der Weg Johannes führt. Und es könnte sein, dass seine Frage deshalb Ausdruck der Liebe und damit der Sorge ist. Denn auch wenn der Weg, der vor Petrus liegt, einschließlich seiner Kreuzigung, schwierig ist, ist er gerade deshalb ein Weg, der zum Ziel führt, weil er zum Herrn führt. Und so könnte er sich auch wünschen, dass Johannes der Weg zum Herrn mit dem Herrn offensteht. Das würde erklären, warum Jesus ihm so antwortet, indem er ihn darauf hinweist, dass er sich nicht zu sorgen braucht, weil Jesus es entsprechend seinem Willen bereits in seiner Hand hat.


So schreibt Chrysostomos über Petrus: »Er zeigt hier auch die Liebe die er ihm gegenüber empfindet; denn Peter liebte Johannes sehr, wie klar ist aus dem, was folgte, und ihre enge Beziehung zeigt sich durch das gesamte Evangelium und die Apostelgeschichte.« (Johannes Chrysostomus, In Iohannem homiliae, 88, 2, eigene Übersetzung) Und er fährt fort und erklärt, dass die Wege des Petrus und des Johannes nun auseinandergehen müssen: »denn da sie im Begriff waren, die Verantwortung für die Welt zu empfangen, war es erforderlich, dass sie nicht länger eng miteinander verbunden sein sollten; denn das wäre gewiss ein großer Verlust für die Welt.« (Chrysostomus, ebenda, 88, 2, eigene Übersetzung) Vielleicht könnten wir sagen, dass es aus dem Grund erforderlich ist, damit sie beide ihren eigenen Weg gehen können, um zum gleichen Ziel zu gelangen.


Johannes ist schließlich damit beauftragt, sich um Maria, die Mutter Jesu, zu kümmern. Und es ist Johannes, der durch sein langes Leben als Letzter der Apostel nach Hause zurückkehrt und deshalb dafür sorgen kann, dass das Evangelium weitergetragen wird und die drei Evangelien durch sein Evangelium vervollständigt werden. Vielleicht könnten wir auch entsprechend der weiteren Erzählung der Bibel an die Offenbarung des Johannes denken, die die Offenbarung der Bibel als letztes Buch abschließt und zugleich in die Zukunft blickt.


Es ist also für Johannes ebenso ein Morgen des Neuanfangens. Auch er erlebt den Aufbruch und erhält einen Auftrag. Auch er steht auf und auch er wacht auf, sogar als Erster. Denn er ist es, der in dieser Szene Jesus erkennt. Denken wir daran, dass es bereits im Kapitel davor von ihm heißt, als er nach Petrus das leere Grab betritt: »er sah und glaubte.« (Joh 20,8) Der Glaube ist es, der seine Augen und sein Herz öffnet. Und der Glaube ist ein Geschenk Gottes.


Es ist Jesus, der ihn auf diesen Weg bringt. 



Der Schluss mit dem Anfang



Das Kapitel schließt mit einer Stelle, die als zweiter Schluss bezeichnet wird, um sie von dem ersten Schluss zu unterscheiden, der im Kapitel davor angeführt ist, wie zu Beginn besprochen: 


»Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist. Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.« (Joh 21,24-25)


An dieser letzten Stelle wird nicht von Anfang gesprochen, nicht von Aufbruch und Auftrag, nicht von Aufstehen und Aufwachen. Insofern brauchen wir es mit dem Morgen als Neuanfang und Neubeginnen nicht zu übertreiben. 


Trotzdem dürfen wir hinzufügen, dass gerade in diesem Absatz die Dimensionen nach allen Seiten hin geöffnet werden. Es wird gezeigt, dass das Viele, das beschrieben wurde, nur ein Weniges von dem darstellt, was es zu erzählen gibt. Das Ende verweist also auf vieles Weitere, über das berichtet werden könnte. 


Es ist ein Schluss, der öffnet. Weil der Morgen ein Anfang für uns alle ist. Weil Jesus der Morgen ist.



Morgen mit Jesus



Wir brauchen den Morgen in diesem Satz natürlich nicht zu überinterpretieren, aber vielleicht hilft sein Durchdenken uns dabei, tiefer in die unendliche Tiefe des Wortes Gottes vorzudringen, denn letztlich ist der Satz nicht wegen des Morgens von Bedeutung, sondern wegen dem, der diesen Morgen bringt:


»Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.« (Joh 21,4


Die Emotionalität des Morgens als eines Neuanfangens mit all seinen Assoziationen des Neubeginnens durchzieht das gesamte Kapitel. Es deutet fast an, dass das letzte Kapitel ein neues Kapitel eröffnet. Sowohl aus dem Grund, weil es danach weitergeht mit der Apostelgeschichte, den Briefen und der Offenbarung, als auch deshalb, weil alles darin so neu ist. Es ist ein neuer Tag und es ist ein Tag einer neuen Schöpfung. 


Alles ist verdichtet zu einem großen Ganzen: Der Morgen, der Fischfang, das Frühstück, der Auftrag an Petrus, der Lieblingsjünger. Alles ist durchdrungen von Aufwachen, Aufstehen und Aufbrechen. Alles ist eingebettet in diesen Morgen, dessen Stimmung friedlich, ruhig und entspannt wirkt.


Das müsste überraschen. Denn es ist ein Kapitel, in dem laufend viel geschieht: Zuerst fischen die Jünger die ganze Nacht, dann ereignet sich das Wunder mit dem Fischfang, dann erkennen sie Jesus, ziehen die vielen Fische ans Land und schließlich wird Petrus mit einer großen Aufgabe betraut und ihm wird verheißen, wie er Gott verherrlichen wird. Es tut sich so viel und es herrscht so viel Bewegung, dass es fast unmöglich scheint, von einer friedlichen Szene zu sprechen. 


Trotzdem herrscht eine friedliche Stimmung: der Morgen, das Ufer, das Essen, die Gespräche. Und es wirkt umso friedlicher, wenn wir bedenken, was in den Kapiteln davor geschah: die Verhaftung, die Kreuzigung, die Auferstehung, die Erscheinungen. Nach alldem wirkt diese Szene umso friedlicher. Was ist der Grund für diesen Frieden? 


Der Grund, warum dieses Kapitel so friedlich wirken mag, ist der, dass derjenige, der den Frieden bringt, der der Friede selbst ist, hier ist – Jesus. 


Papst Benedikt XVI. schreibt über den Morgen des Ostersonntags, an dem Jesus auferstand: »Zu Ostern, am Morgen des ersten Wochentages hat Gott von neuem gesagt: ›Es werde Licht.‹ Die Nacht am Ölberg war vorausgegangen. Die Sonnenfinsternis der Passion und des Todes Jesu, die Nacht des Grabes. Aber nun ist wieder der erste Tag – die Schöpfung beginnt ganz neu … Das Dunkel der vergangenen Tage ist vertrieben in dem Augenblick, in dem Jesus aus dem Grab aufersteht und selbst reines Licht Gottes wird. Dies aber bezieht sich nicht nur auf ihn allein und bezieht sich nicht nur auf die Finsternis jener Tage. Mit der Auferstehung Jesu ist das Licht selbst neu geschaffen. Er zieht uns alle nach in das neue Leben der Auferstehung hinein und besiegt alles Dunkel. Er ist der neue Tag Gottes, der uns allen gilt.« (Benedikt XVI., Ostervigil, 7. April 2012)


Benedikt spricht über die Auferstehung, die Johannes im Kapitel 20 beschreibt, nicht über das Kapitel 21, über das wir hier sprechen. Trotzdem könnten wir vielleicht sagen, dass, weil die Auferstehung eine »neue Weise des Lebens« und »eine neue Dimension der Schöpfung« eröffnet und damit »zum Tag der neuen Schöpfung« wird (Benedikt XVI., Ostervigil, 23. April  2011), die Szene, die Johannes im Kapitel 21 beschreibt, zu eben dieser neuen Schöpfung gehört.


Und es ist Thomas, der den Satz »Als es schon Morgen wurde« in Verbindung mit der Auferstehung bringt und über den Evangelisten sagt: »Er sagt deshalb, der Morgen ist aber schon geworden. Mystisch wird unter dem Morgen aber die Herrlichkeit der Auferstehung verstanden. Ps 29, 6: Am Abend wird das Weinen verweilen, am Morgen die Freude. Ebenso im Zustand des ewigen Lebens. Ps 5,5: Am Morgen werde ich vor dir stehen und sehen.« (Thomas, Super Evangelium S. Ioannis lectura, 21, 1, eigene Übersetzung)


So dürften wir wohl eben dieses Kapitel mit eben diesem Satz unter eben diesem Gesichtspunkt verstehen. 


Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, worum es bei dem Morgen geht. Es geht um Jesus. Es geht um Gott.


So lautet der erste Teil des Satzes: »Als es schon Morgen wurde«, und ihm folgt unmittelbar der zweite Teil: »stand Jesus am Ufer.« Es ist Jesus, durch den es Morgen wird, durch den es überhaupt Morgen werden kann. Weil durch ihn der Morgen ist. Weil in ihm der Morgen ist. In ihm ist der Anfang und das Neubeginnen, jeder Aufbruch und jeder Auftrag, alles Aufstehen und alles Aufwachen. 


Er ist es, der die Jünger anspricht und ihnen eine Aufgabe gibt. Er ist es, durch den die Jünger so viele Fische fangen, alle einhundertdreiundfünfzig. Er ist es, der sich ihnen und uns als der eine Fisch und das Brot schenkt. Er ist es, der Petrus mit einer neuen Aufgabe betraut und für seinen Aufbruch sorgt. Er ist es, der Johannes in eine neue Zukunft führt. Weil er es ist, der hier am Ufer steht. Weil er das Ufer ist. Weil er das Ziel ist. 


Jesus ist der Morgen. Weil Gott der Morgen ist. 









Der Aufsatz "Randnotiz zu Johannes 21,4: 'Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer'" (47 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000 0000 8402 2282) erschien im Mai 2026, ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.20123136) gratis als PDF heruntergeladen werden.











Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page