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Johannes 6,21: "schon war das Boot am Ufer"

  • Autorenbild: Dalibor Truhlar
    Dalibor Truhlar
  • 25. Apr.
  • 22 Min. Lesezeit

Bibelkommentar zum Bibelvers Joh. 6,21


Autor: Dalibor Truhlar



»Sie wollten ihn zu sich in das Boot nehmen, aber schon war das Boot am Ufer, das sie erreichen wollten.« Joh 6,21




Die Stelle


Im Evangelium nach Johannes findet sich die Erzählung, in der die Jünger in ihrem Boot über den See Genezareth fahren. Es ist Nacht. Ein Sturm kommt auf, Wind und Wellen. Da erblicken sie Jesus. Er geht auf dem See über das Wasser und kommt ihnen entgegen. Sie fürchten sich. Er beruhigt sie. Die Erzählung endet mit dem Satz: »Sie wollten ihn zu sich in das Boot nehmen, aber schon war das Boot am Ufer, das sie erreichen wollten.« (Joh 6,21, EÜ)


Es ist ein Satz, der fast schon überraschend abrupt die Geschichte beendet. Mit einem Mal ist sie vorbei. Wir lesen den Satz noch einmal, sicherheitshalber. Und plötzlich wird uns bewusst, was hier überhaupt gesagt wird. Dass das Boot schon am Ufer ist. Einfach so. Wie ist das möglich? Es ist eine große Erzählung, weil sie von einem großen Wunder berichtet. Schließlich geht Jesus über den See. Passiert in diesem Satz etwa ein weiteres Wunder, das nicht näher ausgeführt wird? 


Sehen wir uns zuerst die ganze Stelle an, damit wir den Zusammenhang des Satzes verstehen. Die Stelle lautet: 


»Als es aber Abend geworden war, gingen seine Jünger zum See hinab, bestiegen ein Boot und fuhren über den See, auf Kafarnaum zu. Es war schon dunkel geworden und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. Da wurde der See durch einen heftigen Sturm aufgewühlt. Als sie etwa fünfundzwanzig oder dreißig Stadien gefahren waren, sahen sie, wie Jesus über den See kam und sich dem Boot näherte; und sie fürchteten sich. Er aber rief ihnen zu: Ich bin es; fürchtet euch nicht! Sie wollten ihn zu sich in das Boot nehmen, aber schon war das Boot am Ufer, das sie erreichen wollten.« (Joh 6,6-21)


Diese Erzählung findet sich auch in den Evangelien nach Matthäus (Mt 14,22-33) und Markus (Mk 6,45-52), die aber andere Schwerpunkte setzen und bei denen der letzte Satz nicht enthalten ist.


Wenden wir uns jetzt diesem Satz zu.



Der Satz


Der Satz scheint so unscheinbar. Zumindest auf den ersten Blick. Es wird nur etwas festgestellt und keine große Geschichte daraus gemacht. Aber wenn wir ein zweites Mal hinsehen und uns veranschaulichen, was da passiert, und uns bewusst machen, was es bedeutet, wächst der Satz vor unseren Augen zu einer großen Aussage.


Überlegen wir: Das Boot befand sich wohl in einiger Entfernung vom Ufer. Johannes spricht davon, dass sie etwa fünfundzwanzig oder dreißig Stadien gefahren waren. Ein Stadion entspricht etwa 185 Metern. Wir dürfen also davon ausgehen, dass es schätzungsweise an die fünf Kilometer waren, die sie bereits zurückgelegt hatten. Damit ist zwar nur ausgesagt, wie viel Strecke sie hinter sich hatten, nicht, wie viel noch vor ihnen lag. Wäre aber ein Ufer nah gewesen, hätte er eher diese Entfernung angegeben. Hier helfen uns möglicherweise die Parallelstellen: Matthäus spricht davon, dass es »schon viele Stadien vom Land entfernt war« (Mt 14,24) und Markus sogar davon, dass es »mitten auf dem See war« (Mk 6,47), wobei Jesus erst später zu ihnen kommt, in der vierten Nachtwache. Wir dürfen also annehmen, dass das Ufer nicht gerade in der Nähe lag. Wo auch immer das Boot sich befand, von dort gleich ans Ufer zu gelangen, war ohne Wunder wohl kaum möglich.


Das Wunder besteht aber auch darin, dass im Text, wenn wir ihn aufmerksam lesen, gar nicht behauptet wird, dass das Boot schnell ans Ufer gelangte, sondern, dass es bereits dort war: »schon war das Boot am Ufer«. (Joh 6,21) Es war also keine wundersam hohe Geschwindigkeit, mit der das Boot das Ufer erreichte, es war gar keine Geschwindigkeit. Das Boot war dort. Das ist das Besondere.


Es ist gerade diese Unmittelbarkeit des Geschehens, die die Macht Gottes zeigt. Gott spricht und es geschieht. Gott spricht und es ist. Das Geschehen muss sich gar nicht ereignen. Und wenn es doch passiert im Sinne eines zeitlichen Vollzugs, dann liegt es für unsere Wahrnehmung schon immer in der Vergangenheit und ist immer erst im Nachhinein des Geschehens als Geschehenes zu begreifen. Das Am-Ufer-sein ist hier nicht als Ergebnis eines Prozesses dargestellt, der abgeschlossen wird, sondern als Feststehen einer Tatsache vorgestellt, die festgestellt wird. 


Wenn wir den Text genau betrachten, vergeht nicht einmal ein Augenzwinkern. Das ist aus gutem Grund möglich. Die Wirklichkeit Gottes steht über der Zeitlichkeit der Welt. Es spielt keine Rolle, ob es das Millionstel einer Sekunde oder eine Million von Jahren dauert. Was passiert, passiert nicht schnell. Es geschieht in dem Sinn, dass es ist. Das Boot ist am Ufer. Es ist am Ziel.


Aber was könnte das bedeuten? Was könnte damit ausgesagt werden, dass das Boot am Ziel ist? 


Die christliche Tradition setzt das Boot oft mit der Kirche gleich. So wie das Boot ist auch die Kirche durch stürmische Zeiten unterwegs. Papst Benedikt XVI. sagt über die Parallelstelle bei Matthäus: »Der See symbolisiert das gegenwärtige Leben und die Unbeständigkeit der sichtbaren Welt; der Sturm verweist auf jede Art von Drangsal und Schwierigkeiten, die den Menschen bedrücken. Das Boot hingegen steht für die von Christus gestiftete und von den Aposteln geleitete Kirche.« (Benedikt XVI., Angelus, 7. August 2011) So könnte die Aussage des Satzes anzeigen, dass die Kirche mit Gott zum Ziel, ans Ziel und ins Ziel gelangt. 


Wir könnten die Szene vielleicht auch mit unserem eigenen Leben vergleichen. Papst Franziskus sagt ebenfalls über die Parallelstelle bei Matthäus: »Das Bild dieser Fahrt über den See erinnert in gewisser Weise an die Reise unseres Lebens«. (Franziskus, Botschaft, 8. März 2020) Erlauben wir uns also, die Geschehnisse von diesem Gesichtspunkt aus zu betrachten. 


So wie das Boot auf dem See, sind auch wir in unserem Leben unterwegs. Manchmal scheint die Sonne, manchmal herrscht dunkle Nacht. Manchmal wirkt alles friedlich, manchmal werden wir von den Wellen hin- und hergerissen. Wir rudern ums Überleben und sehnen uns danach, endlich das Ufer zu erreichen. Dabei könnte es sein, dass wir gar nicht wissen, was wir mit Ufer meinen. Woher sollen wir wissen, wo das Ufer liegt und wie es am Ufer ist, wenn wir es noch nie betraten und es deshalb noch gar nicht kennen? Wie können wir uns also danach sehnen? Wir können es, weil wir die Ahnung des Ufers bereits in uns haben, weil die Sehnsucht nach dem Ufer schon längst in uns gelegt ist. Weil Gott das Ufer ist. Weil Gott das Ziel ist.


Gott ist das Ufer, weil Gott das Ziel ist. Deshalb ist Gott auch unsere Rettung auf dem See. Weil wir mit ihm in dem Augenblick am Ufer sind, in dem er zu uns ins Boot kommt. Und wir können ihn schon während der Bootsfahrt erkennen, weil er sich uns zeigt. Wir erkennen ihn selbst und gerade in der dunklen Nacht, während des Sturms, weil sein Licht uns leitet. 


Wir brauchen ihn nur ins Boot nehmen zu wollen, wie der Satz es beschreibt, und schon sind wir am Ufer. Wir brauchen ihn nur annehmen und aufnehmen zu wollen und schon sind wir im Ziel. Bedenken wir, wie leicht es uns gemacht wird. Es ist nicht einmal erforderlich, dass wir uns anstrengen. Wir müssen nicht rudern und gegen den Wind kämpfen. Wir müssen nicht Kraft aufwenden und uns abmühen. Wir müssen keine großen Taten vollbringen. Es reicht, wenn wir es einfach nur wollen. Und schon sind wir dort. Die großen Taten werden folgen. Aber sie werden sich aus diesem Wollen ergeben, das ein Sehnen nach und ein Streben zu Gott ist. Und sie werden sich deshalb daraus ergeben, weil sie sich aus unserem Glauben an Gott ergeben, den er uns schenkt. Aus seiner Größe, seiner Güte, seiner Liebe. Sobald wir Gott in unser Boot nehmen wollen, in unser Leben, ist er schon in unserem Boot, in unserem Leben, und wir sind mit ihm am Ufer. Dort, wohin wir wollen, wohin wir sollen. Bei Gott, mit Gott, in Gott.


Es sollte angemerkt werden, dass wir diesen Satz mit seinen Formulierungen zwar wörtlich nehmen können, aber nicht buchstäblich nehmen müssen. Die Parallelstellen bei Matthäus und Markus, die die  gleiche Geschichte erzählen, führen die Erzählung in einer anderen Weise weiter und enthalten den Satz nicht, wie wir bald sehen werden. Trotzdem sind sie perfekt harmonisierbar, weil sie die Wahrheit beschreiben, auch wenn jedes Evangelium einen anderen Aspekt der Wahrheit betont. Auch die Auslegung einzelner Begriffe wie beispielsweise ›schon‹ statt ›sogleich‹ oder ›Ufer‹ statt ›Land‹ sollte nicht überinterpretiert werden, wie sich am Ende zeigen wird. Es geht nicht um die Reihenfolge der Geschehnisse oder die Präzision der Formulierung. Es geht um das, was die Erzählung uns erzählt. Nicht der Ausdruck steht im Vordergrund, sondern das, was ausgedrückt wird. 


So können wir wohl die Aussage gerade dieses Satzes so verstehen, dass in dem Augenblick, in dem wir Gott ins Boot nehmen wollen, wir bereits am Ufer sind, weil Gott das Ziel ist. Wenn wir ihn annehmen und aufnehmen wollen, stellt sich heraus, dass er uns schon längst annahm und aufnahm. 


So wird der Aufbruch auf den See der stürmischen Nacht durch den Wunsch nach Annahme und Aufnahme zu einer Ankunft, in der wir selbst angenommen und aufgenommen sind.



Das Kapitel


Betrachten wir jetzt das gesamte Kapitel. Der Bibelvers und die Perikope sind eingebettet zwischen die Erzählung von der Brotvermehrung (Joh 6,1-15) und die Rede über das Himmelsbrot in der Synagoge von Kafarnaum (Joh 6,22-59). 


Zu Beginn ist Jesus mit seinen Jüngern am See Tiberias in Galiläa. Eine große Menschenmenge folgt ihm, weil sie die Zeichen sehen, die er tut. Er steigt auf den Berg und will den Menschen Brot geben, damit sie zu essen haben. Ein kleiner Junge hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Jesus lässt die Leute sich auf das Gras setzen. Es sind etwa fünftausend Männer. Er nimmt die Brote, spricht das Dankgebet und teilt es aus. Das Gleiche macht er mit den Fischen. Die Menge isst und wird satt. Am Ende werden die übrig gebliebenen Brocken eingesammelt. Es sind zwölf gefüllte Körbe. Die Menschen erkennen, dass er wirklich der Prophet ist, der in die Welt kommen soll. (Joh 6,14, Dt 18,15) Daraufhin zieht Jesus sich allein auf den Berg zurück.


Dann kommt die bereits beschriebene Szene mit dem Seewandel. Als es Abend wird, besteigen die Jünger das Boot und fahren allein über den See nach Kafarnaum. Es ist dunkel und der See wird durch einen heftigen Sturm aufgewühlt. Da sehen sie, wie Jesus über den See kommt und sich dem Boot nähert. Sie fürchten sich, er beruhigt sie, sie wollen ihn ins Boot nehmen und schon ist das Boot am Ufer.


Danach folgt die Erzählung, in der Jesus über das Himmelsbrot spricht. Er sagt der Menge, dass sie an ihn glauben sollen, an ihn, den Gott sandte. Und er sagt ihnen, dass es der Vater ist, der ihnen das wahre Brot vom Himmel gibt und damit der Welt das Leben. Die versammelten Menschen wollen dieses Brot und bitten ihn darum. Jesus antwortet: »Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.« (Joh 6,35) »Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens.« (Joh 6,47-48


So steht die Erzählung vom Seewandel zwischen zwei Erzählungen, in denen es um Brot geht. Das erste Brot ist das vergängliche, das nur vorübergehend sättigt. Das zweite ist das wahre Brot vom Himmel, das ewiges Leben schenkt. Die erste Geschichte wird übrigens auch als Speisung der Fünftausend bezeichnet und wird in allen vier Evangelien erwähnt, in diesem Fall also auch bei Lukas, der die Erzählung über den Seewandel nicht anführt. (Lk 9,10-17) Diese Brotvermehrung ist allerdings nicht zu verwechseln mit der Speisung der Viertausend, die nur bei Matthäus (Mt 15,32-39) und Markus (Mk 8,1-10) vorkommt und bei der sieben Brote und ein paar Fische vermehrt werden statt fünf Gerstenbroten und zwei Fischen.


Sagt uns diese Einbettung zwischen diese beiden Erzählungen etwas? Es könnte sein. Denn dass die stürmische Bootsfahrt zwischen der Geschichte vom vergänglichen und der Geschichte vom himmlischen Brot stattfindet, macht Sinn. 


Wir denken wohl als Erstes an das Manna in der Wüste, mit dem Gott das Volk Israel sättigte und das Johannes selbst in diesem Kapitel erwähnt. (Joh 6,31.49-51) Das ist der Bezug der ersten Geschichte. Und wir denken an die Eucharistie, in der wir die konsekrierte Hostie, den Leib Christi, als Brot des Lebens empfangen. Die Eucharistie wurde von Jesus beim Abendmahl vor seiner Kreuzigung eingesetzt, also im Rahmen des Paschafestes. Und es ist gerade zu Beginn dieses Kapitels, wo Johannes davon spricht, dass das Pascha, das Fest der Juden, nahe war, auch wenn es sich bei diesem um ein anderes handelt. (Joh 6,4) Das ist der Bezug der zweiten Geschichte. Zwischen beiden liegt die stürmische Seefahrt.


Wir können deshalb die Seefahrt als Verbindung zwischen den beiden Brot-Erzählungen auffassen. Die Fahrt ist ein Weg, den wir gehen müssen, um vom irdischen zum himmlischen Brot zu gelangen. Wir müssen diesen Weg durch den Sturm wagen. Wir müssen uns entfernen von der bloßen Sättigung des Hungers und uns befreien von dem Wunsch nach normalem Brot. Wir müssen uns hingeben dem Wunsch nach dem Brot des Lebens und aufbrechen zu dem Brot, das Gott uns schenkt. Der Weg kann schwierig sein. Es ist Nacht und in diese Nacht müssen wir uns begeben. Es wütet ein Sturm und diesen Sturm müssen wir ertragen. Es wird aber leicht, wenn wir Gott wollen. Denn in dem Augenblick, wo wir ihn wollen, sind wir bereits am Ufer, am Ziel, bei ihm. Und wir erhalten das Brot des Lebens.


So führt der Weg von einem Brot zum anderen. Und so ist die ganze Stelle mit dem Satz in das gesamte Kapitel eingefügt und vertieft den Sinn der Erzählung.


Die Erzählung vom Seewandel ist eingebettet zwischen die Brotvermehrung und die Rede vom Himmelsbrot, weil zwischen dem gewöhnlichen Brot, das der Sättigung des Hungers dient, und dem himmlischen Brot, das uns ewiges Leben schenkt, ein Weg liegt. Dieser Weg kann auch voller Stürme sein, aber uns bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu gehen. Wenn wir Gott ins Boot nehmen wollen, sind wir schon am Ufer. Das Boot ist schon am Ufer, weil Gott das Ufer ist, weil Gott das Ziel ist.



Die Szene


Begeben wir uns tiefer in die Szene hinein und versuchen wir, sie aus der Perspektive der Jünger nachzuerleben, um sie von innen zu verstehen. 


Die Jünger befinden sich inmitten des Sturms. Sie kämpfen gegen den Wind und mit den Wellen und dürften schon erschöpft sein. Sie werden sich sicher um sich selbst Sorgen machen, inmitten dieser Finsternis. 


Genauso geht es uns in unserem Leben. Auch wir befinden uns mitten am See, mitten im Sturm, mitten in der Dunkelheit. Auch wir haben Angst, dass unser Boot untergeht und sinkt. Das passiert nicht bloß in Situationen der Bedrohung, sondern in jeder Situation unseres Lebens, in unserem ganzen Leben überhaupt. Selbst, wenn alles in Ordnung scheint. Unser Leben kann mit einem Mal aufhören. Und das wird es eines Tages. Und wir wissen es. Und es ist genau diese Einsicht, die das Leben ins Dunkel taucht und diese Aussicht, die es zu einem Sturm der Hoffnungslosigkeit wandelt, gegen die wir ankämpfen können, so viel wir wollen, ohne jemals zu siegen. Aber Gott bringt Licht in diese Nacht und lässt den Sturm versiegen. So sagt Jesus Christus: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.« (Joh 8,12) Das Folgen besteht im Glauben: »Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt.« (Joh 12,46) Dieses Glauben ist zugleich ein Hoffen und ein unendlich tiefes Lieben.


Den Jüngern geht es vielleicht erst einmal nur um die Finsternis der Nacht und den Sturm, der die Wellen hochpeitscht. Stellen wir uns nur vor, wie sie sich fühlen müssen, wenn sie in dieser Nacht auf diesem See in diesem Sturm, der sie ohnehin das Fürchten lehrt, nun auch noch Jesus erblicken, der er über den See geht. Ihn zu sehen, wie er über das Wasser schreitet, muss ein Erlebnis sein, das im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich ist, nämlich kaum zu glauben. Bis dahin unvorstellbar, unverstehbar, unbegreifbar. Auch wenn sie aufgrund der Wunder, deren Zeugen sie bereits wurden, wie gerade eben bei der Brotvermehrung, den Glauben und die Hoffnung bereits haben sollten und leben müssten. So wie auch wir in unserem Leben. Doch vielleicht braucht es eben diese Nacht auf diesem See in diesem Sturm, damit wir das Licht erkennen, uns nach ihm ausstrecken und er uns ans Land bringt.


So ist es wohl zu erklären, warum die Jünger sich fürchten, nachdem sie Jesus sehen, wie Johannes schreibt. Wahrscheinlich erkennen sie ihn nicht, wie Matthäus und Markus betonen, sondern nehmen nur eine Gestalt wahr, die etwas tut, das niemand tut. Sie haben also nicht nur mit der Dunkelheit und dem Sturm, dem See und sich selbst zu kämpfen, sie müssen sich nun auch fragen, was sie da gerade erleben. Das Wunder ist womöglich noch erschütternder als die Wellen, die ihr Boot erschüttern. Es muss sie im wahrsten Sinne des Wortes verwundern. Und zu einer solchen Verwunderung kann auch eine gewisse Furcht im Sinne des Erschauderns gehören. Dass er ihnen über das Wasser entgegenkommt, ist ja etwas, das gegen alle Logik spricht und jeder Erfahrung widerspricht. 


Dass sie sich fürchten, steht wörtlich bei Johannes, wie wir bereits sahen: »Als sie etwa fünfundzwanzig oder dreißig Stadien gefahren waren, sahen sie, wie Jesus über den See kam und sich dem Boot näherte; und sie fürchteten sich.« (Joh 6,19)


Dass sie von Furcht erfüllt sind, belegt auch die Parallelstelle bei Matthäus: »Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.« (Mt 14,26) In dieser Erzählung wird übrigens noch dargestellt, dass Petrus zu Jesus über das Wasser geht, aber, als er den heftigen Wind bemerkt, Angst bekommt und unterzugehen beginnt. Jesus hilft ihm und fragt ihn, warum er gezweifelt hat. Die Szene schließt damit, dass die Jünger im Boot vor Jesus niederfallen und bekennen, dass er wahrhaftig Gottes Sohn ist.


Auch bei Markus erschrecken sie und schreien, weil sie meinen, es sei ein Gespenst. Weiter wird beschrieben, wie bereits Jesu Gegenwart den Wind beruhigt: »Dann stieg er zu ihnen ins Boot und der Wind legte sich. Sie aber waren bestürzt und fassungslos.« (Mk 6,51


Gerade an diesen Stellen, die zum Parallellesen einladen, zeigt sich die Stärke der Evangelien, weil sie sich gegenseitig ergänzen und so ihre Wahrheit bestätigen. Sie bestätigen einander, weil sie das Gleiche beschreiben. Insofern herrscht Übereinstimmung. Aber weil sie es nicht gleich beschreiben, sondern unterschiedlich darstellen, wird belegt, dass sie nicht voneinander abgeschrieben sind. Das beweist, dass es sich um echte, ehrliche Berichte handelt und das beweist ihre Richtigkeit. Darüber hinaus bilden sie in genau dieser Hinsicht eine große Einheit, weil sie unterschiedliche Aspekte zu einer Erzählung verdichten und dadurch wichtige Punkte passend zusammenführen.


Matthäus zeigt uns, dass wir glauben sollen, egal, welche Stürme um uns herumwüten. Und sogar dann, wenn wir zu zweifeln beginnen und damit unterzugehen, wie Petrus, der sich an dieser Stelle aus dem Boot herauswagt, brauchen wir nur den Herrn zu rufen und ihn um Rettung zu bitten – und damit übrigens eben unseren Glauben zu bekunden – und er streckt sofort die Hand aus und ergreift uns. Als sie dann beide im Boot ankommen und der  Wind sich legt, begreifen die Jünger, fallen vor Jesus nieder und sagen: »Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.« (Mt 14,33) Entsprechend trägt die Stelle den Titel ›Die Offenbarung des Gottessohnes auf dem Wasser‹. 


Markus wiederum zeigt uns, dass es Gott ist, der den stärksten Gegenwind beruhigt, uns die Mühe abnimmt, wenn wir uns beim Rudern abmühen und uns in unserer Angst beisteht, indem er zu uns ins Boot kommt. In dem Augenblick, wo er das Boot betritt, legt sich der Wind. Trotzdem können wir noch immer so erschüttert sein wie die Jünger, dass wir nicht gleich verstehen und nicht sofort zur Einsicht kommen: »Dann stieg er zu ihnen ins Boot und der Wind legte sich. Sie aber waren bestürzt und fassungslos. Denn sie waren nicht zur Einsicht gekommen, als das mit den Broten geschah; ihr Herz war verstockt.« (Mk 6,50-51) Auch diese Stelle trägt die Überschrift  ›Die Offenbarung des Gottessohnes auf dem Wasser‹.


In diesem Zusammenhang sollten wir anmerken, dass die Jünger wohl aus dem Grund so bestürzt und fassungslos sind und Jesus als Gottes Sohn erkennen, weil er über das Wasser geht, nicht deshalb, weil der Wind sich legt. Dass Jesus imstande ist, den Sturm zu stillen, wissen die Jünger ja bereits, weil er es bereits tat. In der Erzählung vom ›Sturm auf dem See‹, die sich zeitlich früher ereignete, sind sie ebenfalls im Boot, es erhebt sich ebenfalls ein gewaltiger Sturm und das Boot droht ebenfalls von den Wellen überflutet zu werden. Jesus droht den Winden und den Wellen und es tritt völlige Stille ein. (Mt 8,23–27, Mk 4,35–41, Lk 8,22–25) Die Jünger wissen also bereits, dass Wind und Meer ihm gehorchen bzw. sie sollten es wissen. Aber offensichtlich brauchen sie einige solcher Erfahrungen von Wundern und Zeichen, bis sie verstehen, so wie auch wir länger brauchen, bis wir verstehen. Entsprechend fragt Jesus die Jünger in dieser Erzählung ob sie denn noch keinen Glauben haben bzw. wo ihr Glaube ist (Mk 4,40, Lk 8,25), und in der Erzählung, mit der wir uns hier beschäftigen, an Petrus gerichtet, warum er zweifelt bzw. erlebt er die Bestürzung und Fassungslosigkeit der Jünger  (Mt 14,31, Mk 6,51-52).


Wir können alle drei Stellen, Matthäus, Markus und Johannes zusammenlesen und sie auf diese Weise harmonisieren. Zuerst kommt Jesus zum Boot, wie bei Johannes beschrieben. Dann kommt Petrus zu ihm aufs Wasser, wie bei Matthäus beschrieben. Und dann kommt Jesus auf das Boot und der Wind legt sich, wie bei Markus beschrieben. Und schon ist das Boot am Ufer, wie Johannes sagt. 


Und alle drei Stellen zeigen eins: Dass Gott uns entgegenkommt und der Glaube uns rettet, weil Gott uns rettet.


Sie zeigen auch, dass Angst uns zum Untergang treibt. Wir müssen uns aber weder vor dem See noch vor dem Sturm fürchten. Wir müssen keine Angst haben vor Wind und Wellen. Und wir müssen schon gar nicht erschrecken, wenn wir Zeugen der Offenbarung werden, auch wenn sie uns überwältigt. 


Bei Johannes fürchten sich die Jünger, als sie sehen, wie Jesus über den See kommt und sich dem Boot nähert. (Joh 6,19) Bei Matthäus erschrecken sie, weil sie meinen, es sei ein Gespenst und sie schreien vor Angst (Mt 14,26). Bei Markus erschrecken und schreien sie ebenfalls, ebenso aus dem Grund, weil sie meinen, es sei ein Gespenst. (Mk 49,50


Deshalb beruhigt Jesus sie gleich als Erstes und fordert sie auf, sich nicht zu fürchten. Bei Matthäus und Markus sagt er zu ihnen: »Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!« (Mt 14,27, Mk 6,50)


Bei Johannes ruft Jesus ihnen zu: »Ich bin es; fürchtet euch nicht«. (Joh 6,20) Das ist auch deshalb bedeutend, weil das ›Ich bin es‹ im griechischen Original ›Ego eimi‹ (Ἐγώ εἰμι, Joh 6,21, NE1904) lautet, also ›Ich bin‹, ohne das ›es‹. Das ist ein direkter Bezug auf den Namen Gottes, der sich in der berühmten Szene mit dem brennenden Dornbusch Mose als »Ich bin, der ich bin« bzw. als »Ich bin« vorstellt und seinen Namen »Jahwe« nennt, das heißt, »Er ist«. (Ex 3,14) Jesus bezeugt damit also seine Gottessohnschaft. Er tut das auch an anderen Stellen, beispielsweise im Garten Getsemani, als er gefangen genommen wird und durch diese Aussage die Soldaten und Gerichtsdiener dazu bringt, zurückzuweichen und zu Boden zu stürzen (Joh 18,6, EÜ, NE 1904), oder im anschließenden Verhör beim Hohepriester, woraufhin er zum Tod verurteilt wird (Mk 14,62 EÜ, NE 1904 und Lk 22,70 EÜ, NE 1904).


Den Ausdruck ›Fürchtet euch nicht‹ verwendet Jesus ebenso an anderen, ebenso wichtigen Stellen, beispielsweise im Zuge seiner Verklärung (Mt 17,7). Es sagt bereits der Engel, der sich den Hirten auf dem Feld zeigt, als Jesus geboren wird: »Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.« (Lk 2,10-11) Und es ist der Engel, der am Grab des Auferstandenen zu den Frauen spricht: »Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat.« (Mt 28,5-6


Die Formulierung findet sich auch im Alten Testament, unter anderem in den Büchern des Mose, wo Mose ihn auch in Bezug auf Gott verwendet (Bibelstellen bei Bibelserver) sowie bei Jesaja, wo an einigen Stellen Gott es ist, der ihn ausspricht: »Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott«. (Jes 41,10) Und im Psalm 107 steht, sogar passend zur Szene mit dem Boot am See: »Sie schrien zum HERRN in ihrer Bedrängnis und er führte sie heraus aus ihren Nöten, er machte aus dem Sturm ein Säuseln und es schwiegen die Wogen des Meeres. Sie freuten sich, dass die Wogen sich legten, und er führte sie zum ersehnten Hafen.« (Ps 107,28-30) Sie finden sich in ähnlicher Form der Du-Ansprache auch in der Offenbarung des Johannes, wo er über Christus spricht: »Er aber legte seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.« (Offb 1,17-18) Und es waren die Worte »Habt keine Angst«, die der heilige Papst Johannes Paul II. zu seiner Amtseinführung sprach (Johannes Paul II, Ansprache 22. Oktober 1978) und sie später in der Tradition des ›Fürchtet euch nicht‹ bestätigte (Johannes Paul II., Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, 34, Hoffmann und Campe 1994).


Und so zeigt uns diese Szene, was passiert, wenn wir uns am meisten Sorgen machen: Gott kommt uns entgegen, so wie Jesus den Jüngern auf dem See entgegenkommt. Er nimmt uns die Angst, nimmt uns die Furcht, hüllt uns in Licht und füllt uns mit Liebe. Er bringt uns ans Ufer.



Auslegungsgeschichte


Wir sehen, dass die Szene voll von Hinweisen und Verweisen ist. Sie verbindet das Alte Testament mit dem Neuen Testament. Sie verbindet die Brotvermehrung mit dem Himmelsbrot. Sie verbindet unsere Furcht vor dem Untergang mit der Freude über unsere Rettung. Und der letzte Satz, der hier im Vordergrund steht, verbindet den Aufbruch mit der Ankunft. Er ist damit der wundervolle Höhepunkt einer Erzählung voller Wunder.


Umso überraschender ist es, dass es in der Exegese nicht so viele oder keine so umfangreichen Ausführungen zu diesem Satz zu geben scheint. 


Augustinus behandelt die Stelle in seinen Vorträgen über das Johannes-Evangelium und führt unter anderem aus, dass das Boot bzw. das Schifflein die Kirche vorbildet (Augustinus, Tractatus in Euangelium Iohannis, 25. Vortrag, 5). Er spricht davon, dass die Finsternis zunimmt, das Verständnis abnimmt und die Ungerechtigkeit und die Drangsale sich vermehren. Aber »Jesus geht darüber hin, die Wogen tretend.« (ebenda, 6.) Über den letzten Satz schreibt er, dass sie ihn in das Schiff nehmen wollten und das Schiff alsbald am Land war: »Man kam endlich ans Land, vom Nassen ans Trockene, von der Unruhe zur Ruhe, von der Reise zum Ziele.« (ebenda, 7)


Ähnlich schreibt es Alkuin und beschreibt das Land bzw. den Hafen als Ort der Seligkeit: »Und sofort war das Boot an dem Land, in welches sie gingen. Es geschah die Ankunft am Land, vom Nassen zum Festen, vom Aufgewühlten zum Sicheren, vom Reisen zum Ziel, das heißt, zu der vollkommenen Ruhe, die es nur im Hafen ewiger Heiterkeit geben wird. Dort ist die ganze Liebe und keine Ungerechtigkeit, das ganze Glück und keine Störung, wo jene ohne Ende herrschen werden, die hier tapfer bis zum Ende ihres Lebens ringen.« (Alcuinus, Commentaria in Joannem, Liber III, Caput VI, Patrologia Latina/Migne, 100, 826, Frobenius II, 52, eigene Übersetzung)


Theophylakt unterscheidet an dieser Stelle explizit drei Wunder: »Siehe nämlich die drei Wunder; eines, dass er wandelte auf dem Meer; zweites, dass er die Wogen niederstreckte; drittes, das sofortige Machen-Werden des Bootes an das Land, in das sie gingen, obwohl es weit entfernt war von dem Land, als der Herr dazutrat.« (Theophylakt von Ohrid, Enarratio in Evangelium S. Joannis, Patrologia Graeca/Migne, 124, 1292, eigene, möglichst wortgetreue Übersetzung)


Die Aufzählung der drei Wunder ist wichtig, weil wir geneigt sein könnten, das dritte Wunder, von dem der letzte Satz handelt, zu übersehen. Wir kennen das Wunder, dass Jesus über das Wasser schreitet. Dieses ist so berühmt, dass es zu einem Bild wurde, das wir vor Augen haben, wenn wir an Wunder denken. Wir erkennen das Wunder, dass der Wind sich legt, als er das Boot betritt, wie Matthäus und Markus berichten. Aber dass das Boot sich plötzlich am Ufer befindet, könnte überlesen werden, weil es die Stelle so abrupt abschließt. Dabei spielt auch dieses Wunder eine Rolle, weil es uns zeigt, dass wir mit Gott gleich im Ziel sind. 


Theophylakt fügt noch ein wenig später sehr schön hinzu: »Wenn aber auch wir Christus in unser Schiff aufnehmen wollen, das heißt, Christus in unserem Herzen einwohnen lassen, werden wir sogleich gefunden werden in dem Land, in das wir geführt werden. Aber welches Land ist dieses? Ganz und gar das Land der Verheißung, der Himmel, das Land der Sanftmütigen und von aller Bosheit zum Frieden Gekommenen.« (ebenda, 1293)


Beide Aussagen werden von Thomas in seiner Catena Aurea zitiert. (Thomas von Aquin, Catena Aurea, Caput 6, Lectio 2 sowie ebenda, in Englisch von John Henry Newman hier und hier)


Ludwig Neidhart äußert sich zu der Frage, ob Jesus nach dem Gang über das Wasser in das Boot der Jünger stieg, also ob sich die Stelle bei Johannes mit den Stellen bei Matthäus und Markus vereinbaren lässt: »Doch sagt Johannes keineswegs, dass die Jünger ihr Vorhaben nicht durchführten oder dass Jesus das Boot nicht betrat. Vielmehr lässt es der Evangelist völlig offen, ob es dazu kam oder nicht. Es kam ihm bei der Abfassung des Textes an dieser Stelle anscheinend ein weiteres Wunder in den Sinn, dass die übrigen Evangelisten übergangen hatten: Dass nämlich, nachdem Jesus ins Boot gekommen war, sie sich plötzlich an Land befunden hatten«. (Ludwig Neidhart, Das Johannesevangelium, 3.3, 8)



Anmerkungen


Aus Gründen philologischer Vollständigkeit sollten wir hinzufügen, dass unterschiedliche Bibelübersetzungen leicht unterschiedliche Ausdrücke verwenden. 


Die hier verwendete Übersetzung ist die katholische Einheitsübersetzung und in ihr lautet der Satz: »Sie wollten ihn zu sich in das Boot nehmen, aber schon war das Boot am Ufer, das sie erreichen wollten.« (Joh 6,21, EÜ)


Die Elberfelder schreibt: »Sie wollten ihn nun in das Boot nehmen, und sogleich war das Boot am Land, wohin sie fuhren.« (Joh 6,21, ELB) Schlachter sagt: »Da wollten sie ihn in das Schiff nehmen, und sogleich war das Schiff am Land, wohin sie fahren wollten.« (Joh 6, 21, SLT) Und bei Luther steht: »Da wollten sie ihn ins Boot nehmen; und sogleich war das Boot am Land, wohin sie fahren wollten.« (Joh 6,21, LUT)


Nun steht im griechischen Original für ›schon‹ das Wort εὐθέως (eutheōs), das auch mit ›gleich‹ oder ›sofort‹ übersetzt wird. (NE 1904) Das übersetzen die anderen Bibelübersetzungen mit ›sogleich‹. (EÜ, ELB, LUT, SLT)


Für ›Ufer‹ wird im Griechischen γῆς (gēs) verwendet, das eigentlich ›Land‹ meint. (NE 1904) Das übersetzen die anderen mit ›Land‹. (EÜ, ELB, LUT, SLT)


Und für die Wendung ›das sie erreichen wollten‹, steht im Original ὑπῆγον (hypēgon), das eher ›wohin sie gingen‹ heißt. (NE 1904) Das übersetzen die anderen mit ›wohin sie fuhren‹ bzw. ›wohin sie fahren wollten‹. (EÜ, ELB, LUT, SLT)


Es sei auch angemerkt, dass das Wort ›aber‹ im Griechischen καὶ (kai) lautet, also ›und‹. (NE 1904) Das übersetzen die anderen ebenso mit ›und‹.


In der lateinischen Nova Vulgata lautet der Satz: »Volebant ergo accipere eum in navem, et statim fuit navis ad terram, in quam ibant.« (Joh 6,21, NV) Das lässt sich übersetzen als: »Sie wollten ihn also in das Boot aufnehmen, und sofort war das Boot an Land, in welches sie gingen.« Wobei ›sofort‹ vielleicht noch passender mit ›auf der Stelle‹ übersetzt werden könnte, weil ›statim‹ von ›stare‹, also ›stehen‹ kommt. So könnten wir die Wendung ›statim fuit‹ mit ›stehend-war‹ bzw. mit ›auf-der-Stelle-war‹ übersetzen.


Das entspricht auch dem Griechischen: »ἤθελον οὖν λαβεῖν αὐτὸν εἰς τὸ πλοῖον, καὶ εὐθέως ἐγένετο τὸ πλοῖον ἐπὶ τῆς γῆς εἰς ἣν ὑπῆγον« (ēthelon oun labein auton eis to ploion, kai eutheōs egeneto to ploion epi tēs gēs eis hēn hypēgon.), auf Deutsch: »Sie wollten ihn also aufnehmen in das Boot, und sofort war das Boot an dem Land, in welches sie gingen« (Joh 6,21, NA 28, eigene Übersetzung). 


Ich will diese Unterschiede nicht beurteilen, darf aber zum besseren Verständnis auf etwas hinweisen. Der Ausdruck ›Ufer‹ statt ›Land‹ ist verständlich und korrekt, weil das Ufer einen Teil des Landes bildet und zwar den ersten, den man erreicht. Eben dadurch bildet es aber nur einen Ausschnitt ab. Wenn wir vom Ufer als Ziel sprechen, denken wir vielleicht nur an die Küste, während das ganze Land das Ziel ist und damit eine größere Form von Mächtigkeit, Festigkeit und Weite ausdrückt. Ich hoffe jedoch, dass es kein Problem für die Auslegung darstellt. Wörter sind wichtig, aber was sie sagen ist wichtiger. Und wenn wir zusätzlich die Stelle in ihrer Gesamtheit und das Kapitel in seiner Ganzheit betrachten, erfassen wir eher den Sinn des Satzes.



Schluss


Dieser Kommentar wurde länger als geplant. Aber so ergab es sich. An einem Samstag kurz vor Mittag las ich das Tagesevangelium, in diesem Fall Johannes 6,16-21. Der letzte Satz überraschte mich: »Sie wollten ihn zu sich in das Boot nehmen, aber schon war das Boot am Ufer, das sie erreichen wollten.« (Joh 6,21)


Ich fing gleich an zu schreiben. Dabei ging es mir nicht um das Studium dessen, was andere schrieben, sondern um das Durchdenken des Gedankens, der sich für mich aus dem Satz ergab: Mit Gott sind wir schon immer am Ufer, an Land, im Ziel, weil Gott das Ziel ist.


Am nächsten Tag las ich die Tagespredigt von Papst Leo XIV., die dieser Stelle gewidmet war: »Die Kirche hat auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte oft Stürme und ›Gegenwinde‹ erlebt, und auch wir können uns vielleicht manchmal in die Gefühle der Angst und des Zweifels hineinversetzen, die die Jünger während der Überfahrt über den See Gennesaret empfanden. Das ist es, was wir in den Momenten empfinden, in denen wir unterzugehen scheinen, überwältigt von widrigen Kräften, wenn alles dunkel zu sein scheint und wir uns allein und schwach fühlen. Doch es ist nicht so. Jesus ist bei uns, immer, stärker als jede Macht des Bösen; in jedem Sturm kommt er zu uns und sagt uns erneut: ›Ich bin hier bei dir: Fürchte dich nicht.‹« (Leo XIV., Predigt, 18. April 2026)


Und schon ist das Boot am Ufer.









Der Aufsatz "Randnotiz zu Johannes 6,21: 'schon war das Boot am Ufer'" (30 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000 0000 8402 2282) erschien im April 2026, ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.19732697) auch als PDF heruntergeladen werden.








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