Johannes 20,28: "Mein Herr und mein Gott"
- Dalibor Truhlar

- 26. Mai
- 25 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Juni
Bibelkommentar zum Bibelvers Joh 20,28
Autor: Dalibor Truhlar
»Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott!« Joh 20,28
Das große Bekenntnis
Im vorletzten Kapitel des Evangeliums nach Johannes wird berichtet, wie Jesus seinen Jüngern ein zweites Mal nach seiner Auferstehung erscheint. Diesmal ist auch Thomas unter den Aposteln, der beim ersten Mal fehlte:
»Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.« (Joh 20,24-29)
Thomas kann sich zuerst also offensichtlich nicht vorstellen, dass Jesus wirklich auferstand. Und er knüpft seinen Glauben an die Auferstehung, zumindest mit dem, was er sagt, an bestimmte Anforderungen, indem er das Mal der Nägel sehen und berühren und seine Hand in die verwundete Seite Jesu legen will. Dass Jesus sich ihm zeigt und ihn auffordert, genau das zu tun, ist genau das, was die Szene so bedeutend macht. Es führt zu einem Bekenntnis, das in seiner Unmittelbarkeit, Ergriffenheit und Hingabe zu den berührendsten und aussagekräftigsten zählt:
»Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott«. (Joh 20,28)
Papst Benedikt XVI. nennt es ein »bewegendes Glaubensbekenntnis« (Benedikt XVI., Urbi et Orbi 2007) und bezeichnet es sogar als das schönste des ganzen Neuen Testaments: »Thomas reagiert mit dem schönsten Glaubensbekenntnis des ganzen Neuen Testaments: ›Mein Herr und mein Gott!‹« (Benedikt XVI., Generalaudienz, 27. September 2006)
Papst Franziskus bezeichnet es als eines der »schönsten Glaubensbekenntnisse an Christus … die von den Evangelien überliefert wurden« (Franziskus, Ansprache, 5. September 2013) und sagt: »Dieses Bekenntnis, das die rettende Herrschaft und die Gottheit Christi verkündet, begründet im Gebet und im Staunen unseren gemeinsamen Glauben.« (Franziskus, Ansprache, 11. September 2023)
Und Papst Leo XVI. nennt das Glaubensbekenntnis das bedeutendste in diesem Evangelium: »Aus dieser Erfahrung entspringt sein Glaubensbekenntnis, das bedeutendste im gesamten vierten Evangelium: ›Mein Herr und mein Gott!‹« (Leo XVI., Regina Caeli, 12. April 2026)
Das Bekenntnis ist bewegend, schön und bedeutend wegen seiner Aussage als auch wegen der Art, in der es sich ereignet.
Das Bekenntnis ist geprägt von einer Unmittelbarkeit, die sich dem Erlebnis Gottes verdankt. Wir spüren förmlich, wie es aus Thomas herauskommt, weil es aus ihm herausdrängt. Es geht nicht darum, dass er es sagen will, sondern dass er es sagen muss, weil es sich so verhält. Trotz der fast schon sachlichen Nüchternheit der Beschreibung, die sich in der Kürze der Feststellung zeigt, ist es rührend und berührend. Das macht es so bewegend.
Das Bekenntnis zeichnet sich durch eine Ergriffenheit aus, die wir sofort fühlen. Wir können uns richtig vorstellen, wie Thomas auf die Knie fällt und sich zu Boden wirft im Akt der Anbetung. Und das, obwohl gar nicht beschrieben wird, dass er auf die Knie fällt oder sich zu Boden wirft. Das Bekenntnis drückt eine totale Hingabe aus, die sich schon beim Lesen und erst recht beim Nachvollziehen anschaulich greifen und inhaltlich begreifen lässt. Das macht es so schön.
Das Bekenntnis entstammt der Erkenntnis. Es ist die Erkenntnis Gottes, der sich offenbart, erweist und beweist. Das Ereignis ist überwältigend. Thomas erkennt und bekennt. Sein Bekenntnis folgt der Erkenntnis. Die Erkenntnis beginnt sinnlich, weil sie mit den Sinnen erfahren wird. Aber es ist der Grund der Erkenntnis, der zum Bekenntnis führt. Es ist Jesus, Herr und Gott, der die Erkenntnis auslöst. Thomas sieht, weil Gott sich zeigt, hört, weil er spricht und kann ihn berühren, weil er selbst von ihm berührt wird. Das macht es so bedeutend.
Das Bekenntnis des Thomas hat seine Schönheit und Tiefe, weil es sich der höchsten Höhe verdankt und so seine volle Größe entfaltet.
Versuchen wir, uns dieser Größe zu nähern.
Jesus und die Jünger
Das Bekenntnis des Thomas nimmt seinen Anfang, bevor es ausgesprochen wird. Betrachten wir deshalb, was davor kommt und zu dieser Szene führt. Es ist übrigens eine Stelle, die in der Bibel nur bei Johannes vorkommt und zu der es keine Parallelstellen in den anderen Evangelien gibt. Sie berichten aber über die vorangehenden Erscheinungen, auf die wir uns stützen können.
Denken und fühlen wir uns in die Szene hinein. Die Jünger, und so auch Thomas, wissen von der Kreuzigung. Der Einzige, der von ihnen dabei war, ist Johannes. Das muss für sie alle eine totale Erschütterung darstellen. Nicht nur in dem Sinn, dass es sie erschüttert, sondern in dem Sinn, dass es alles erschüttert. Ihren Glauben, ihre Hoffnung, ihr ganzes Leben. Die Erschütterung ist total und bedeutet im Prinzip das Ende. Sie erreichen wohl einen Punkt, an dem sie fassungslos eingestehen müssen, dass sie nicht wissen, wie es weitergeht, wohin es weitergeht und ob es weitergeht.
Doch dann, plötzlich, kommt die Nachricht von Jesu Auferstehung, der sich Maria von Magdala, den Frauen, den Emmausjüngern und Simon Petrus zeigt. (Joh 20,11-18, Mt 28,9-10, Mk 16-9-13, Lk 24,13-35, 1 Kor 15,5) Hoffnung dürfte aufkeimen, von der die Apostel noch nicht wissen, ob sie ihr trauen dürfen. Sie dürfen und sie sollten. Aber sie sind wohl noch nicht so weit.
Und dann, dann kommt Jesus selbst zu ihnen und beweist seine Auferstehung. Er zeigt, dass der Glaube wahr ist, dass die Hoffnung wahr ist, dass das Leben nicht nur weitergeht, sondern mit ihm, durch ihn und in ihm seinen Anfang nimmt und in Gott seine Fülle erreicht.
Das ist die erste Erscheinung Jesu vor den Aposteln. (Joh 20,19-23, Mk 16,9-14, Lk 24,36-49) Diese muss eine Erfahrung sein, die das, was vorhin auf den Kopf gestellt wurde, nun wieder auf die Beine stellt. Ihre Beine sind wohl entsprechend schwach und ihr Kopf dreht sich. Auch wenn jetzt alles in Ordnung ist, sind sie innerlich sicher durcheinander und aufgewühlt.
Und nun erscheint Jesus auch Thomas. Thomas ist noch mittendrin in der Erschütterung, wahrscheinlich geplagt von der gleichen Fassungslosigkeit, Bodenlosigkeit und Orientierungslosigkeit, die zuvor die Jünger plagte. Vielleicht ist auch aus diesem Grund heraus verständlich, warum er im Vorhinein gewissermaßen Bedingungen stellt, dass er erst glaubt, wenn er Jesu Wunden sieht und sie berühren kann. Auch bei ihm keimt vielleicht die Hoffnung, ist aber genauso geschwächt durch das Wissen um die Kreuzigung und geprägt durch die Angst, dass sie aufs Neue zerstört wird. Deshalb traut er sich vielleicht nicht, sich ihr hinzugeben, um nicht enttäuscht zu werden. Wir können das nicht wissen. Aber es würde verständlicher machen, dass er sich dann mit umso größerer und sofortiger Bereitschaft Jesus hingibt in seinem Bekenntnis. Der totalen Erschütterung folgt die totale Hingabe.
Wie wir uns denken können, ist ein solcher Zweifel natürlich nicht richtig. Er entspringt vielleicht dem Glauben als Dafürhalten, nicht dem Glauben als Antwort auf die Offenbarung Gottes. Aber ein solcher Zweifel kann zumindest einen Grund haben, der über den Zweifel hinausführt, wenn er in der Liebe gründet und auf die Liebe abzielt. Diese dürfte insofern noch nicht vollkommen sein, weil sie sich fürchtet statt zu vertrauen. Aber das sind hohe Anforderungen, wenn gerade wir sie heute aus der Ferne stellen. Bedenken wir, in welcher Situation sich die Zwölf damals befanden. Doch vielleicht ist das genau das, worum es dabei geht. Nämlich, dass wir, die wir aus der Gegenwart, der Distanz und mit einem anderen Wissen zurückblicken, begreifen, wie aus Glauben Glaube wird, aus Zweifel Gewissheit und aus Erkenntnis Bekenntnis. So können wir unseren eigenen Glauben prüfen und uns selbst fragen, inwiefern er Glaube ist.
Das Bekenntnis hat entsprechend mit mehr zu tun als nur mit der Situation und den Umständen. Es hat mit Jesus zu tun, der als Herr und Gott erkannt und bekannt wird. Weil er Herr und Gott ist.
Mein Herr und mein Gott
Das Bekenntnis lautet entsprechend der katholischen Einheitsübersetzung: »Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott«. (Joh 20,28) Andere deutsche Bibelübersetzungen übersetzen den Satz genauso, inklusive Rufzeichen, bis auf Schlachter, der am Anfang ein ›Und‹ einfügt, das aus dem Textus Receptus stammt und sich im Codex Alexandrinus findet, aber nicht im Codex Vaticanus, Codex Sinaiticus und auch nicht in den ältesten Quellen wie Papyrus 66. (Joh 20,28 EÜ, ELB, LUT, SLT) Auf Latein lautet er übrigens: »Respondit Thomas et dixit ei: ›Dominus meus et Deus meus!‹.« Joh 20,28 NV
Der Satz ist bedeutend, weil er bezeugt, dass Gott der Herr ist und Jesus Gott. Das gibt dem Bekenntnis seine Größe, Höhe und Tiefe.
Der Ausdruck ›mein Herr und mein Gott‹ hat eine lange Geschichte, die wie ein roter Faden das Alte Testament durchzieht und es auch und gerade an dieser Stelle mit dem Neuen Testament verbindet.
Die Formulierung ›Herr‹ und ›Gott‹ findet sich bereits im Schma Jisrael, dem zentralen Glaubensbekenntnis des Judentums: »Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.« (Dtn 6,4-5) Das ist das Gebot, das Mose »im Auftrag des HERRN, eures Gottes« (Dtn 6,1) dem Volk Israel überbringt und an das sich weitere Gesetze und Rechtsentscheide anschließen. Entsprechend soll dieses Bekenntnis im Judentum täglich gebetet werden.
Jesus selbst zitiert es und verbindet das Gebot der Gottesliebe mit dem Gebot der Nächstenliebe (Lev 19,18), indem er auf die Frage, was das erste Gebot von allen ist, antwortet: »Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.« (Mk 12,29-31, auch Mt 22,36-40, Lk 10,25-28)
›Herr‹ und ›Gott‹ sind hier also überall miteinander verbunden und verknüpft. Der Grund dafür liegt darin, dass der Ausdruck ›Herr‹ eine andere Bezeichnung für ›Jahwe‹ ist, also den Namen Gottes, also Gott selbst. Gott stellt sich Mose in der Szene mit dem brennenden Dornbusch als ›Ich bin, der ich bin‹ vor und sagt Mose, er soll den Israeliten sagen, der ›Ich bin‹ bzw. der ›Er ist‹ schickt ihn, auf Althebräisch ›Jahwe‹. (Ex 3,13-15) Nun sprechen die Juden den Gottesnamen aus Respekt nicht aus und ersetzen ihn durch die Bezeichnung ›Herr‹, wie es auch in den katholischen und anderen Bibelübersetzungen geschieht. Die Formulierung lautet also in der Schrift ›Jahwe‹, wird aber als ›Herr‹ ausgesprochen, im Hebräischen als ›Adonai‹, im Griechischen als ›Kyrios‹. Wenn also von ›Herr‹ und ›Gott‹ die Rede ist, steht ›Herr‹ für ›Jahwe‹ bzw. ›Adonai‹ bzw. ›Kyrios‹ und ›Gott‹ für ›Elohim‹ bzw. ›Theos‹.
Das heißt, wenn Thomas ›Mein Herr und mein Gott‹ sagt, sagt er im Prinzip das Gleiche zweimal. Er betont die Bedeutung, bekräftigt das Bekenntnis, bestätigt die Aussage. Durch die Wiederholung wird sie unterstrichen, durch die Verdoppelung verstärkt. Die Bekenntnisse des Alten Testaments erreichen im Neuen Testament ihren Höhepunkt.
Wobei wir hier anmerken dürfen, dass der Satz auch grammatikalisch interessant ist. Im griechischen Original sagt Thomas: »ἀπεκρίθη Θωμᾶς καὶ εἶπεν αὐτῷ· ὁ κύριός μου καὶ ὁ θεός μου.« Transkribiert: »Apekrithē Thōmas kai eipen autō: ho kyrios mou kai ho theos mou.« (Joh 20,28 NA28) Wenn wir das wortwörtlich übersetzen, lautet der Satz: »Antwortete Thomas und sagte zu ihm: Der Herr von mir und der Gott von mir.« (Joh 20,20 INT, eigene Übersetzung)
Die Ausdrücke ›Herr‹ und ›Gott‹ stehen im Nominativ, im ersten Fall, nicht im Vokativ, dem Anredefall. Zusätzlich steht vor beiden ein bestimmter Artikel. Es kann deshalb diskutiert werden, ob die Anrede umso mehr als Feststellung mit Bekundungscharakter zu deuten ist, also noch stärker als Aussage statt nur Anrede, und ob der Artikel umso mehr anzeigt, dass mit Herr der eine, einzige Herr gemeint ist.
Thomas Söding bringt das Bekenntnis des Thomas entsprechend in direkte Verbindung mit der Selbstaussage Gottes, die sich zu Beginn der Zehn Gebote (Ex 20,2) findet: »›Mein Herr und mein Gott‹ erweist sich, gesamt-biblisch betrachtet, als Antwort auf das: ›Ich bin der Herr, dein Gott‹ aus der Präambel des Dekaloges«, und er weist daraufhin, dass gerade bei Thomas das ›Kyrios‹ zum Bekenntnis wird: »Aber erst beim Thomas … wird ›Kyrios‹ zum Bekenntnis. Gerade die Zusammenstellung mit Gott zeigt dies.« (Thomas Söding, ›Mein Herr und mein Gott‹ (Joh 20,28), Seite 28/29). Er führt auch Stellen im Alten und Neuen Testament an, wo es in dieser Weise verwendet wird, von ›Herr, mein Gott‹ (Dtn 4,5) über ›mein Herr und Gott‹ (1 Chr 17,16, 2 Chr 1,9) und ›Herr und Gott‹ (Jer 1,6, Jer 32,17.25) bis ›Mein Herr und mein Gott‹ (Ps 86,12). Wir können auch an ›ich bin der HERR, dein Gott‹ (Jes 25,1) denken, ›Herr, du bist mein Gott‹ (Jes 41,13), ›ich bin der HERR, dein Gott‹, (Hos 13,4) ›mein Herr und Gott‹ (2 Sam 7,19) u. a.
Das Bekenntnis des Thomas drückt also aus, dass Gott der Herr ist und der Herr Gott. Das gibt dem Bekenntnis seine Größe.
Es verdeutlicht auch, dass Jesus der Herr und Gott ist, weil es die Wesenseinheit des Sohnes mit Gott bezeugt und damit die Gottheit Christi. Das verleiht dem Bekenntnis seine Höhe.
Hilarius nimmt das Bekenntnis entsprechend als Beleg dafür, dass Thomas die Wesenseinheit erkannte: »Thomas erkannte also die Wahrheit des Geheimnisses der Evangelien und hat seinen Herrn auch als seinen Gott bekannt. Hier geht es nicht um eine Ehrenbezeichnung, sondern um das Bekenntnis des Wesens.« (Hilarius von Poitiers, De Trinitate, 7. Buch, 12) Und er schreibt, dass Jesus durch seine folgenden Worte genau das selbst bestätigt: »Er bestätigte aber das Geheimnis des wahren apostolischen Glaubens, er anerkannte für sich den Namen des väterlichen Wesens«. (ebenda, 7. Buch, 12)
Athanasius sagt ebenso: »Und da Thomas ihn anredete: ›Mein Herr und mein Gott‹, läßt er dies zu, oder billigt es vielmehr, indem er es ihm nicht verwehrt. Denn er ist, wie die übrigen Propheten sagen und David singt, ›Herr der Mächte‹, ›Herr Sabaoth‹, d.h. ›Herr der Heerscharen‹, und wahrhaftiger und allmächtiger Gott«. (Athanasius von Alexandria, Orationes contra Arianos, 2. Rede, 23)
Ephräm schreibt: »Wenn er nicht Fleisch war, in wessen Händen betastete dann Thomas die Wundmale der Nägel und in wessen Seite das Mal der Lanze? Und wenn er nicht Gott war, wem rief dann dieser zu: ›Mein Herr und mein Gott!‹?« (Ephräm der Syrer, Rede über die Verklärung Christi, 14)
Und Cassianus sagt: »Er berührte den Leib seines Herrn und antwortete, daß er Gott sei.« (Johannes Cassianus, De incarnatione Domini, 3. Buch, 15)
Die Tradition lehrt auch, dass in der Formulierung ›mein Herr und mein Gott‹ die zwei Naturen Jesu Christi erkannt und anerkannt werden, also die menschliche und die göttliche, weil Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Das gibt dem Bekenntnis seine Tiefe.
So schreibt Theophylakt: »er bekannte die zweifache Natur und die eine Person Christi; indem er sagte, Mein Herr, die menschliche Natur, und indem er sagte, Mein Gott, die göttliche, und indem er beide zusammenfügte, bekannte er, dass ein und dieselbe Person Herr und Gott war.« (Theophylakt von Ohrid, zitiert nach Thomas, Catena Aurea, Chap. 2, eigene Übersetzung)
Und Thomas sagt über Thomas, dass er sich hier als guter Theologe erweist, und zwar wohl eher im Sinne eines Bekenners, »indem er den wahren Glauben bekennt: hinsichtlich der Menschheit Christi, wenn er sagt: mein Herr. Denn so nannten sie ihn vor der Passion … Ebenso hinsichtlich der Gottheit, weil: mein Gott. Vorher nannten sie ihn nämlich nicht Gott, außer als Petrus sagte (Matth. XVI, 16): du bist Christus, Sohn des lebendigen Gottes.« (Thomas von Aquin, Super Evangelium S. Ioannis lectura, 20, 6, eigene Übersetzung)
Und Lapide schreibt: »Mit dem Wort ›Herr‹ bekennt er Christus’ menschliche Natur, mit dem Wort ›Gott‹ Seine göttliche Natur.« (Cornelius a Lapide, The Great Commentary, The Gospel of S. John, 20, Vers 28, eigene Übersetzung)
Auch Albertus Magnus äußert sich dahingehend, dass Thomas ›Mein Herr‹ im Hinblick auf die Menschheit und ›Und mein Gott‹ im Hinblick auf die Gottheit sagt: »Und dies ist das Bekenntnis des wahren Glaubens.« (Albertus Magnus, Commentarius in Ioannem, Kap. 20, V. 28, Borgnet-Edition, Bd. 24, S. 694, eigene Übersetzung).
Es gibt also gewiss vieles, das sich in der Formulierung findet und ausdrückt. Zentral ist, dass Thomas Jesus als Herr und Gott erkennt und bekennt.
Und so können wir wohl mit Augustinus sagen: »Er sah und berührte den Menschen, und er bekannte Gott, den er nicht sah und nicht berührte«. (Augustinus von Hippo, Vorträge über das Johannes-Evangelium, 121, 5)
Der gläubige Thomas
Thomas wird oft als der ungläubige Thomas bezeichnet. So nennt die bekannte Redewendung einen skeptischen Menschen, der erst von etwas überzeugt ist, wenn er den Beweis mit eigenen Augen sieht und mit eigenen Händen greift. Die Begrifflichkeit dürfte in dieser Form aus dem 16. Jahrhundert stammen, auch wenn der Gedanke schon älter ist, und wurde im deutschen Sprachraum möglicherweise durch den Titel des Bildes ›Der ungläubige Thomas‹ von Caravaggio popularisiert. Die Bezeichnung scheint naheliegend, um einen Zweifler zu bezeichnen, und das Bild selbst ist ein Meisterwerk. Wenn wir es allerdings so formulieren und auf Thomas beziehen, tun wir ihm damit wohl Unrecht und missverstehen darüber hinaus, worum es in dieser Szene geht und was sich in seinem Bekenntnis ausdrückt.
Die Bezeichnung ist insofern irreführend, weil Thomas sich in dieser Szene dadurch auszeichnet, dass er glaubt, nicht dadurch, dass er nicht glaubt. Sein anfänglicher Zweifel könnte auch in der Verzweiflung wurzeln, weil er Jesus liebt und der Verlust ihm wehtut. Damit würde er der Liebe entstammen, nicht irgendeiner Form intellektueller Skepsis. Wir könnten vielleicht sogar sagen, dass in seiner Aussage, dass er erst glaubt, wenn er das Mal der Nägel sieht und berührt und seine Hand in Jesu Seite legt (Joh 20,25), in Wirklichkeit eine tiefe Hoffnung zum Ausdruck kommt, es möge sich tatsächlich so verhalten, eben weil er glaubt, glauben will und zu glauben hofft.
Es ist auch deshalb nicht ganz gerechtfertigt, ihn als ungläubig zu bezeichnen, weil Thomas in dieser Szene den Jüngern gewissermaßen einen Schritt hinterher ist. Sie sahen Jesus schon, sie erhielten bereits den Beweis seiner Auferstehung. Thomas fehlt diese Erfahrung und es sollte deshalb nicht verwundern, dass er den Weg, den sie schon gingen, noch gehen muss.
Übrigens glauben auch die Jünger zuerst nicht, als man es ihnen erzählt, wie wir an den Parallelstellen über die erste Erscheinung lesen. Sie glauben Maria aus Magdala nicht, als sie ihnen darüber berichtet: »Als sie hörten, er lebe und sei von ihr gesehen worden, glaubten sie es nicht.« (Mk 16,11) Sie glauben auch den Emmausjüngern nicht, als diese ihnen davon erzählen: »Auch sie gingen und berichteten es den anderen und auch ihnen glaubte man nicht.« (Mk 16,13) Deshalb tadelt Jesus ihren Unglauben, als er ihnen erscheint: »er tadelte ihren Unglauben und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten.« (Mk 16,14)
Und als Jesus ihnen erscheint, sind im ersten Augenblick ihre Augen gar nicht zum Blicken fähig vor lauter Angst und sie scheinen nicht zu glauben: »Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen.« (Lk 24,38) Sogar als er ihnen seine Hände und Füße zeigt und sie auffordert, ihn anzufassen und zu begreifen, dass kein Geist Fleisch und Knochen hat, können sie es immer noch nicht glauben, auch wenn diesmals vor Freude. So isst Jesus vor ihnen den gebratenen Fisch, um es ihnen zu beweisen: »Als sie es aber vor Freude immer noch nicht glauben konnten und sich verwunderten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen.« (Lk 24,41-43)
Es ist übrigens interessant, dass Jesus hier die gleiche Aufforderung an die Apostel richtet wie an Thomas, nämlich ihn zu sehen und zu berühren: »Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht.« (Lk 24,39) Und zu Thomas sagt er: »Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!« (Joh 20,27) Was er später also Thomas anbietet und was schnell als Antwort auf den sogenannten Unglauben des Thomas interpretiert werden kann, erhalten die Jünger gleich und sogar mit zusätzlichen Beweisen.
So schreibt auch Cyrill von Alexandria, dass, obwohl Thomas allein es ist, von dem die Aussage überliefert ist, dass er erst glaubt, wenn er die Male sieht und seine Hände in die Wunden legt, »der Vorwurf des Mangels an Glauben ihnen allen gemeinsam« war. (Cyril of Alexandria, Commentary on the Gospel according to John, Book 7,28, eigene Übersetzung)
Auch John Henry Newman sagt, dass wir nicht annehmen müssen, dass Thomas sich von den anderen Aposteln sehr unterschied, denn auch von ihnen glaubte niemand, bis sie Christus sahen, und Thomas war der Letzte von ihnen, der überzeugt wurde, weil er der Letzte war, der Christus sah. (John Henry Newman, Sermon Faith without Sight, 13-14)
Thomas ergeht es also ähnlich wie den Jüngern, auch wenn er einen anderen Weg geht. Er fordert im Gegensatz zu ihnen tatsächlich einen Beweis, was sie allerdings nicht tun müssen, weil sie ihn bereits erhielten. Und es stellt sich jetzt eher die Frage, ob die Aussage des Thomas sich nicht eher der Liebe, Hoffnung und Sehnsucht verdankt als nur einer skeptischen Forderung nach Evidenz. Schließlich glaubt er, im Gegensatz zu ihnen, sofort und ist nicht zuerst erschrocken und verängstigt. Er bedarf auch keines weiteren Beweises in Form des Essens. Sein Weg ist für uns gerade deshalb ebenso wichtig wie der Weg der anderen Jünger. Denn an seinem Beispiel sehen wir eine Erfahrung des Glaubens, die wohl viele machen.
Auch wir wollen sehen und auch wir wollen greifen. Und das obwohl es sich dabei um den wahrscheinlich schwächsten aller Beweise handelt, weil er von vielen als Einbildung abgelehnt werden könnte. Er ist auch nicht nötig, weil der Glaube eine Gewissheit bietet, die bloßes Wissen niemals haben kann, und schon gar nicht, wenn es nur in visueller und haptischer Wahrnehmung gründet.
Und so ist das, wonach Thomas fragt, eigentlich nur das, was die Jünger bereits erhielten. Als Jesus zu ihnen kommt und ihn sehen und berühren lässt, schenkt er ihm die Erfahrung, die die anderen schon mehr oder weniger hatten. So verwandelt er seinen Unglauben, wenn wir ihn so nennen wollen, in Glauben bzw. seinen enttäuschten Glauben als Dafürhalten in das, was wir als Glaube im religiösen Sinn bezeichnen. Und er tut noch mehr. Er nimmt den alten Zweifel und den neuen Glauben als Anlass, um auch uns, den Nachkommenden, an eben diesem Beispiel zu zeigen, worin der wahre Glaube und mit ihm die Seligkeit besteht: »Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.« (Joh 20,29)
So gesehen war es gut für uns, dass Thomas bei der ersten Begegnung nicht dabei war, weil er bei der zweiten Begegnung stellvertretend für uns alle dabei sein konnte. Wir wissen zwar nicht, wo er sich das erste Mal aufhielt und warum er nicht bei den anderen war. Wir wissen aber, dass wir gerade daraus eine Lehre für uns alle ziehen dürfen, weil wir so Zeugen seines Bekenntnisses werden, aus dem wir lernen dürfen.
Die Finger und die Hände
Es wird diskutiert, ob Thomas seine Finger tatsächlich in die Male der Nägel und seine Hand in die Wunde legt.
Auf der einen Seite ist es naheliegend, denn das ist, wonach er fragt und das, was Jesus zu ihm sagt. Er bietet es ihm an oder fordert ihn sogar dazu auf. Insofern ist es berechtigt anzunehmen, dass er es tut, erst recht, nachdem Jesus es zu ihm sagt. Auf der anderen Seite wird es in diesem Abschnitt nicht erwähnt. Im Gegenteil, das Bekenntnis des Thomas folgt unmittelbar nach der Aufforderung Jesu.
Wir können also nicht sagen, wie es sich genau verhielt. Die Bibel geht hier nicht ins Detail, sondern berichtet das Wesentliche, auf das es ankommt. Das Schöne daran ist, dass beide Auslegungen ins Ziel führen.
Falls Thomas die Male und die Wunde berührte, ist der Beweis erbracht, nach dem er fragte und nach dem uns allen irgendwann zumute ist. Falls er es nicht tat, ist es ein Zeichen dafür, dass bereits die Worte Jesu als Beweis ausreichen und seine Anwesenheit es ist, die überzeugt, weil sie Gewissheit schafft.
Und es ist genau diese Gewissheit, die der Glaube vermittelt und von der Jesus wohl spricht, wenn er sagt: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.« (Joh 20,29)
Damit sind auch und gerade wir gemeint. Sowohl diejenigen, die noch suchen, als auch jene, die schon fanden, aber immer wieder finden müssen.
Ludwig Neidhart weist auf die Ermutigung hin, die darin liegt: »Der anschließende Hinweis Jesu ›selig sind, die nicht sehen und doch glauben‹ will diejenigen ermutigen, die in der Dunkelheit der Anfechtung und Unklarheit leben müssen, durchzuhalten – nicht aber das Suchen nach Beweisen und das Ringen um Klarheit zurückweisen«. (Ludwig Neidhart, Johannesevangelium, 5,16, Seite 71)
Die Male und die Wunde
Es wird auch die Frage gestellt, warum Thomas den Aposteln nicht glaubt, als sie ihm erzählen, dass Jesus auferstand. Sie sind seine Brüder, sie sprechen die Wahrheit, auf sie ist Verlass. Warum reagiert er dann nicht entsprechend?
Vielleicht liegt die Antwort gerade in der Forderung, die er stellt. Er sagt, er will zuerst die Wunden Jesu sehen, die Male der Nägel und die Seitenwunde, um sie zu berühren. (Joh 20,25) Würde es denn nicht reichen, einfach nur Jesus zu sehen? Wäre das nicht Beweis genug? Müssen denn die Wunden und das Berühren sein?
Überlegen wir uns die Absicht der Aussage, nämlich worauf sie abzielt. Wenn er sehen und zusätzlich berühren will, zeigen seine Worte, dass er sich nicht nur versichern, sondern absolut sicher sein will. Es geht ihm nicht darum, überzeugt zu werden, sondern darum, überzeugt zu sein. Deshalb wollen wir doch berühren, um Gewissheit zu erlangen und nicht nur Wissen. Während, wie wir anmerken dürfen, der Glaube selbst absolute Gewissheit ist.
Und weil es die Wunden waren, die zu seinem Tod führten, will er den Lebenden berühren als Beweis dafür, dass die Wunden überwunden sind, weil der Tod überwunden ist.
Vielleicht passt hier das, was Papst Benedikt XVI. schreibt: »Der Apostel darf seine Wundmale berühren, und so erkennt er ihn – erkennt ihn über die menschliche Identität dieses Jesus von Nazareth hinaus in seiner wahren und tiefsten Identität … Der Herr hat seine Wundmale in die Ewigkeit mitgenommen.« (Benedikt XVI., 15. April 2007)
Chrysostomos bemerkt an einer Stelle, dass wir gerade daran, dass Jesus sich Thomas zeigt, nachdem er den Jüngern nicht glaubt, »des Herrn Menschenliebe« bedenken sollten, »wie er sich selbst auch wegen einer einzigen Seele mit Wunden zeigt und kommt, um auch den einen zu retten«. (Johannes Chrysostomus, In Iohannem homiliae, 87, eigene Übersetzung)
Und Augustinus sagt, dass Jesus die Wunden von seinem auferweckten und verherrlichten Leib nach Belieben hätte entfernen können, aber mit den Wunden auferstanden sei, und zwar »um die Wunden des Zweifels in den Herzen seiner Jünger zu heilen.« (Augustinus, Sermo de symbolo ad catechumenos, II, 8)
Das führt uns mitten in den Glauben.
Der wirkliche Glaube
Am Bekenntnis des Thomas und daran, wie es zustandekommt, erkennen wir, was wirklicher Glaube bedeutet. Überlegen wir mal.
Jesus sagt Thomas, dass er gläubig sein soll und nicht ungläubig: »Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!« (Joh 20,27) Und Thomas reagiert darauf mit dem Bekenntnis: »Mein Herr und mein Gott«. (Joh 20,28) Und Jesus sagt darauf: »Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.« (Joh 20,29)
Er bestätigt damit also, dass Thomas jetzt glaubt und vielleicht sogar, dass er jetzt richtig glaubt. Ohne seinen vorherigen Glauben abzuwerten, könnten wir doch sagen, dass der Zweifel, der ihn zuvor erfüllte, nun zur Gewissheit wurde. Er glaubte schon davor, aber jetzt wird sein Glauben wirklicher Glaube.
Dass er schon davor glaubte, ist offensichtlich: Thomas ist der Jünger, der Jesus folgt und ihn begleitet. Er ist derjenige, der, als Jesus nach Betanien gehen will, um Lazarus aufzuerwecken und die Jünger sich um sein Leben Sorgen machen, sagt: »Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben!« (Joh 11,16) Er ist derjenige, der während der ersten Abschiedsrede sagt: »Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?« (Joh 14,5) Er ist also bereit, überallhin zu gehen, auch wenn er den Weg noch gar nicht abschätzen kann. Beide Stellen finden sich übrigens im und nur im Johannesevangelium, in dem er auch im letzten Kapitel erwähnt wird, in dem Jesus den Jüngern am Ufer des See von Tiberias erscheint, und hier sogar gleich an zweiter Stelle nach Simon Petrus erwähnt wird. (Joh 21,2)
Und trotzdem ist er zugleich derjenige, der erst hier, wie es scheint, in die ganze Dimension des wahren Glaubens als Gewissheit eintaucht, hineinsinkt und völlig in ihm aufgeht. In seiner Aussage kommt das volle Ausmaß dieses Glaubens zum Ausdruck, mit seiner fast schon überraschenden Unmittelbarkeit, absoluten Ergriffenheit und totalen Hingabe. Sein Glaube ist die Antwort auf die Offenbarung Gottes. Er ist ihm durch die Erkenntnis geschenkt, dass Jesus Christus Herr und Gott ist.
Der, der schon glaubte, glaubt jetzt richtig. Weil sein Glaube nun nicht eine Vermutung im Sinne des Glaubens als bloßes Überzeugtsein ist, sondern im Sinne des Glaubens als absoluter Gewissheit, die erfahren wird.
Dieser Glaube ist entscheidend und nicht zu verwechseln mit dem Glauben im Sinne des Dafürhaltens. Der Glaube im religiösen Sinn hat nichts mit Denken und Meinen, Wissen und Ahnen zu tun, sondern ist ein Verhalten und eine Reaktion auf die Offenbarung Gottes: »Der Glaube ist die Antwort des Menschen an Gott, der sich dem Menschen offenbart und schenkt und ihm so auf der Suche nach dem letzten Sinn seines Lebens Licht in Fülle bringt.« (KKK 26) Das ist die erste Beschreibung des Glaubens im Katechismus der Katholischen Kirche. Und gerade dieser Glaube wird an gerade dieser Stelle bestätigt.
Thomas fragt nach dem Glauben im Sinn des Dafürhaltens. Er will sehen und tasten und dadurch überzeugt werden. Er erhält aber unendlich mehr, den Glauben als Glaube, der jedes Sehen und jedes Tasten übersteigt, weil er nicht den Sinnen entstammt, sondern der Offenbarung Gottes.
Die Realität des sinnlichen Befühlens ist real, aber ihre Wirklichkeit verblasst zu nichts, wenn Gott sich offenbart. Wenn Gott sich zeigt und wir ihn erkennen, wenn wir also das Ereignis seiner Offenbarung erleben und erfahren, erhalten wir eine Gewissheit, die über jeder Haptik und allem Wissen steht.
So wie Paulus im Hebräerbrief schreibt, der im Zusammenhang mit dieser Stelle oft zitiert wird: »Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht.« (Hebr 11,1)
Hier tritt Gott Thomas entgegen und Thomas erkennt ihn und ist überwältigt. Seine Augen könnten niemals so viel sehen, wie der Glaube ihn jetzt sehen lässt. Seine Hände könnten niemals so viel greifen, wie der Glaube ihn jetzt begreifen lässt. Mehr Beweis ist nicht möglich und nicht nötig. Weil Gott die Antwort auf jede Frage ist.
Uns kann es heute ebenso ergehen. Und uns ergeht es heute ebenso.
Damals kam Jesus zu den Jüngern bei verschlossenen Türen: »Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!«. (Joh 20,26)
Auch heute kommt Gott zu uns, wo auch immer wir uns aufhalten. Selbst wenn alle Türen verschlossen sind, er kommt zu uns. Und ebenso wie damals steht er auch heute in unserer Mitte, wo auch immer wir uns befinden. Und ebenso wie damals sagt er auch heute zu uns, Friede sei mit euch, Friede sei mit dir. Er lässt sich sehen und verstehen, greifen und begreifen. Gott offenbart sich uns. Und wir können ihn erkennen. Wir sollen ihn auch bekennen.
Damit wir glauben
Das Bekenntnis ist auch und gerade heute von Bedeutung. Es dient uns, den Nachkommenden, damit wir lernen. Denn der Bericht beschreibt nicht nur, was passierte, sondern was uns allen passiert.
Wenn Thomas sagt: »Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht« (Joh 20,25), können wir dabei an uns selbst denken. Und wenn Thomas sagt: »Mein Herr und mein Gott« (Joh 20,28), sollen wir es ebenso tun. Und wenn Jesus sagt: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben« (Joh 20,29), müssen wir es tun.
So schreibt Papst Gregor der Große über Thomas, dass der Herr ihm erlaubte zu zweifeln, ihn aber nicht im Zweifel verließ, und sein anfänglicher Unglaube dadurch unserem Glauben nützt: »Glaubt ihr etwa, es ist durch Zufall geschehen, dass jener erwählte Jünger damals fehlte, danach kommend aber hörte, hörend zweifelte, zweifelnd berührte, berührend glaubte? Nicht durch Zufall, sondern durch göttliche Fügung geschah dies. Es wirkte nämlich auf wunderbare Weise die himmlische Gnade, dass jener zweifelnde Jünger, während er die Wunden des Fleisches seines Meisters berührte, in uns die Wunden des Unglaubens heilte. Denn der Unglaube des Thomas hat uns für den Glauben mehr genützt als der Glaube der gläubigen Jünger, denn während jener durch das Berühren zum Glauben zurückgeführt wird, wird unser Geist, alle Zweifel beiseitegeschoben, im Glauben gefestigt.« (Gregorius Magnus, Homiliae in Evangelia, Homilia 26, Lectio S. Evang. Sec. Joan. XX, 19-31, 7, ed. Migne, eigene Übersetzung)
Thomas bestätigt es: »Und obwohl Thomas es wegen seines Zweifels sagte, geschah dies dennoch zu unserem Nutzen und unserer Erbauung.« (Thomas, Commentary on the Gospel of St. John 20, Lectio 5, eigene Übersetzung)
Auch Lapide sagt, dass Christus, als er sich anbot, von Thomas nicht nur gesehen, sondern auch von ihm berührt zu werden, es nicht nur wegen ihm tat: »Und das tat er nicht nur seinetwegen, sondern um der anderen Apostel willen, um sowohl sie als auch uns im Glauben an Seine Auferstehung zu stärken.« (Cornelius a Lapide, The Great Commentary, The Gospel of S. John, 20, Vers 26, eigene Übersetzung)
Und Cyrill von Alexandria schreibt, dass es hier auch wesentlich war, sich auf die Gewissheit unseres Glaubens zu beziehen und erforderlich, vor Augen zu haben, »dass die, die später in den letzten Zeiten kommen sollten, nicht leicht in Unglauben gezogen werden.« (Cyril of Alexandria, Commentary on the Gospel according to John, Book 7,29, eigene Übersetzung)
Petrus Chrysologus äußert sich ähnlich: »Dieses Verlangen, Brüder, stellte die Liebe, so forderte es die Ergebenheit, damit auch in Zukunft der Unglaube nicht mehr zweifeln könne an der Auferstehung des Herrn. Und so heilte Thomas dadurch nicht nur den Zweifel seines eigenen Herzens, sondern auch die Unwissenheit aller Menschen.« (Petrus Chrysologus, Ausgewählte Predigten, IV. Vorträge über das Johannes-Evangelium, 44. Vortrag)
Entsprechend wird die Formulierung oft verwendet, beispielsweise von Teresa von Ávila, auch wenn ohne direkten Bezug auf Thomas. (Theresia von Jesu, Buch der Klosterstiftungen, 22. Hauptstück, 21, Anhang 12, 7, Seelenburg, 4. Wohnung, Zweites Hauptstück, 5, Weg der Vollkommenheit, 42. Hauptstück, 2).
Papst Johannes Paul II. schreibt: »Wie Thomas, so fällt die Kirche anbetend vor dem Auferstandenen in der Fülle seines göttlichen Glanzes nieder und ruft in alle Ewigkeit aus: ›Mein Herr und mein Gott‹«. (Johannes Paul II, Apostolisches Schreiben Novo Millennio Ineunte, 21, siehe auch Instruktion Redemptionis sacramentum, 40)
Und Augustinus sagt: »Indem er ihn seiner Menschheit nach berührte, bekannte er ihn als Gott. Und uns, die wir den jetzt im Himmel Thronenden nicht mehr mit den Händen betasten, aber im Glauben berühren können, uns zum Tröste sprach der Herr zu ihm: ›Weil du gesehen hast, hast du geglaubt; selig, die nicht sehen und doch glauben‹ (Joh. 20, 29). Damit sind wir beschrieben, sind wir bezeichnet. An uns soll die Seligpreisung, die der Herr für die Zukunft gegeben hat, Wirklichkeit werden.« (Augustinus, Predigt über den 1. Johannesbrief, 1. Predigt)
Damit wir in Gott sind
Nach den Worten Jesu: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben« (Joh 20,29), endet das Kapitel mit den Worten des Johannes: »Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.« (Joh 20,30-31)
Wir sehen also, dass Johannes hier den Glauben noch einmal betont. Aus gutem Grund. Durch den Glauben, der uns geschenkt ist, durch das Bekenntnis, das aus ihm folgt, und durch die Liebe, der er entstammt, können wir in Gott sein.
Es gibt im Neuen Testament einige sehr wichtige Bekenntnisse. Dazu gehört das Bekenntnis des Petrus, wo Jesus fragt: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes«. (Mt 16,15-16, siehe auch Mk 8,29, Lk 9,20, Joh 6,69) Wir finden auch Bekenntnisse wie das Johannes des Täufers: »Dieser ist der Sohn Gottes« (Joh 1,34), des Andreas: »Wir haben den Messias gefunden – das heißt übersetzt: Christus« (Joh 1,41), Nathanaels: »du bist der Sohn Gottes« (Joh 1,49), Marthas: »ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes« (Joh 11,27), des Hauptmanns: »Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn« (Mk 15,39, Mt 27,54) u. a.
Sie alle sind entscheidend, denn es heißt bei Paulus: »denn wenn du mit deinem Mund bekennst: Herr ist Jesus – und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden.« (Röm 10,9)
Das Bekenntnis des Thomas fühlt sich vielleicht deshalb so bedeutend an, weil es aus dem bekundeten Zweifel herauskommt und in den bezeugten Glauben hineinführt. So hat es für uns eine besondere Bedeutung, weil es uns die Richtung weist. Weil wir glauben, selbst wenn wir nicht sehen, und dadurch sehen, dass zu glauben mehr ist als zu sehen.
Chrysostomos schreibt an einer Stelle: »Wenn nun jemand sagt: Wenn ich nur in jenen Zeiten gelebt und Christus Wunder vollbringen gesehen hätte!; lasst ihn bedenken: Selig sind, die nicht gesehen, und trotzdem geglaubt haben.« (Chrysostomos, Thomas, Catena Aurea, Chap. 20, eigene Übersetzung)
So können wir die Größe des Bekenntnisses aus dem Zweifel und der Tiefe seiner Umkehr verstehen. Die Größe aber, und das ist wesentlich, verdankt sich nicht in erster Linie dem Zweifel, dem das Bekenntnis folgt, und auch nicht dem Sehen und Berühren, denen das Erkennen folgt, sondern Gott, der den Glauben schenkt und so das Bekenntnis schafft. Der Glaube ist ein Geschenk, den der Herr, unser Gott, ihm und uns allen schenkt.
So schreibt Cassianus: »Deßhalb verkündete auch Petrus auf Eingebung des hl. Geistes, obwohl er von aussen den Sohn des Menschen sah, doch den Sohn Gottes und sprach: ›Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Deßhalb ferner glaubte Thomas, als er den Leib berührte, er habe Gott berührt und rief: ›Mein Herr und mein Gott!‹« (Johannes Cassianus, De incarnatione Domini, 6. Buch, 19)
Und Papst Benedikt XVI. sagt: »Gott ist allgegenwärtig, ja. Aber die leibliche Gegenwart des auferstandenen Christus ist noch einmal etwas anderes, etwas Neues. Der Auferstandene tritt mitten unter uns herein. Und da können wir gar nicht anders als mit dem Apostel Thomas sagen: Mein Herr und mein Gott!« (Benedikt XVI., Ansprache, 22. Dezember 2011)

Der Aufsatz "Randnotiz zu Johannes 20,28: 'Mein Herr und mein Gott'" (37 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000-0000-8402-2282) erschien im Mai 2026, ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.20344431) gratis als PDF heruntergeladen werden.




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