GENESIS 3: Der Sündenfall aus der Perspektive der Liebe

Aktualisiert: vor 6 Tagen
Bibelkommentar zum Fall des Menschen im Buch Genesis
Autor: Dalibor Truhlar, September 2026
»Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden« Röm 5,20
Einleitung
Im dritten Kapitel der Bibel, im Buch Genesis, findet sich die Erzählung vom Sündenfall (Gen 3): Adam und Eva, die ersten Menschen, leben im Garten Eden bei und mit Gott. Es geht ihnen wunderbar und sie dürfen von allen Bäumen essen, nur vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollen sie nicht essen. Die Schlange verführt sie, es doch zu tun. Nachdem Adam und Eva von den Früchten des Baums essen, erkennen sie, dass sie nackt sind und verstecken sich vor Gott. Gott spricht mit ihnen und sie erzählen ihm, was geschah. Dabei schieben sie die Schuld von sich. Daraufhin müssen sie das Paradies verlassen.
Die Geschichte ist von zentraler Bedeutung, weil mit ihr die Geschichte der Menschen in der Welt beginnt und weil sich aus ihr alles Weitere ergibt, was unser weiteres Schicksal anbelangt. Sie ist auch deshalb bedeutend, weil sie bekannt ist. Die Erzählung wird oft erzählt und wir kennen sie deshalb. Selbst wer die Bibel noch nie zur Hand nahm, hörte wahrscheinlich schon von ihr. Und wer die Bibel das erste Mal öffnet, wird wohl am Anfang anfangen und nicht gerade in der Mitte oder am Ende. So lesen wir also zumindest die ersten Seiten und diese enthalten diese Geschichte.
Entsprechend viel wurde schon darüber geschrieben und es empfiehlt sich, es zu lesen. Von den Kirchenvätern über die Kirchenlehrer bis zum Katechismus. Dennoch gibt es einiges, das wir immer wieder anmerken können, damit wir es uns vor Augen halten. Nicht aus Gründen der Interpretation, die längst da ist, der Lehre, die längst klar ist oder der Dogmatik, die längst feststeht. Sondern aus dem Grund, weil wir die Interpretation, Lehre und Dogmatik möglicherweise gar nicht kennen, die Bibel nicht so aufmerksam studieren und vor allem von dem beeinflusst sein könnten, was wir darüber hören und was wir deshalb darüber zu wissen meinen. Das Problem ist also nicht, dass wir nichts darüber wissen, sondern ob das, was wir darüber wissen, tatsächlich stimmt. Und es gibt gerade an dieser Stelle Stellen, bei denen wir uns unsicher sein könnten.
Auf den folgenden Seiten werden wir deshalb versuchen, uns einigen dieser Stellen zuzuwenden, vielleicht sogar, um mögliche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, damit wir dieses zentrale und bedeutende Kapitel besser verstehen.
Dabei werden wir die Erzählung aus der Perspektive der Liebe betrachten. Das ist entscheidend, denn wir können die Bibel nur aus der Perspektive der Liebe verstehen. Gott ist Liebe (1 Joh 4,8.16) und sein Wort ist Liebe. Deshalb sollten wir alles, was in der Bibel geschrieben steht und was sein Wort uns sagt, unter dem Gesichtspunkt der Liebe auslegen. (Augustinus, De doctrina christiana, I, 36,40) Das ist gerade an jenen Stellen wichtig, die wir auf den ersten Blick nicht verstehen, die aber aus dem Blickwinkel der Liebe immer verstanden werden.
»Davon dürft ihr nicht essen« - ein Gebot aus Liebe
Das dritte Kapitel der Genesis beginnt im Garten Eden. Die Schlange versucht, Eva zu verführen, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Eva trägt allerdings noch nicht ihren Namen, denn diesen erhält sie erst zum Schluss und wird hier deshalb als Frau bezeichnet. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wird hier auch nicht namentlich genannt, sondern nur als der Baum bezeichnet, der in der Mitte des Gartens steht (Gen 3,3). Es ist aber offensichtlich, dass damit der Baum aus dem vorangehenden Kapitel gemeint ist (Gen 2,9.17), weil er mit dem Baum identifiziert wird, von dem Gott dem Menschen gebot, nicht zu essen (Gen 3,11.17):
»Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.« (Gen 3,1-3)
Wir merken gleich, wie listig und hinterhältig die Schlange ist, weil sie ihre Frage formuliert, als hätte sie Interesse an der Wahrheit, während sie genau weiß, dass ihre Unterstellung falsch ist. Im Gegensatz dazu gibt Eva eine ehrliche Antwort, denn Gott verbot im vorangehenden Kapitel Adam, hier noch als Mensch bezeichnet, tatsächlich nur, vom Baum der Erkenntnis zu essen: »Dann gebot Gott, der HERR, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.« (Gen 2,16-17)
Eva wiederholt also das Gebot, fügt dem Gebot aber noch hinzu, dass es ihnen sogar verboten ist, daran zu rühren: »daran dürft ihr nicht rühren.« (Gen 3,3) Das wurde so nicht gesagt. Dieses Detail gab bereits Anlass zu Diskussionen, warum sie es so ausdrückt, ob vielleicht Adam es ihr so erzählte oder aus anderen Gründen. Hier geht es aber nicht um die Auslegung der Stelle, die schon oft interpretiert wurde, sondern darum, sie aus der Perspektive der Liebe zu betrachten. Tun wir es also. Denn wenn wir es tun, erkennen wir, dass es sich gerade bei diesem Verbot um ein Gebot der Liebe handelt.
Gott verbot Adam und damit auch Eva vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, weil er sie liebt. Es ist wichtig, es so klar zu sagen, weil wir in dem Verbot möglicherweise eine harte Einschränkung sehen könnten, die den Menschen gewissermaßen willkürlich etwas vorschreibt. Und wir sollten auch zugeben, dass es tatsächlich eine Einschränkung darstellt. Allerdings eine sehr wichtige und richtige, denn sie hilft den Menschen, am Leben zu bleiben. Und obwohl Gott jede Willkür zusteht, hat er und nennt er auch einen Grund, und zwar einen, der in seiner Liebe wurzelt. Er will, dass dem Menschen nichts Schlimmes passiert und es ihm gut geht.
Betrachten wir die Worte ›darfst du nicht essen‹ (Gen 2,17) im Detail: Im hebräischen Original steht der Ausdruck ›lō tōkal‹ (תֹאכַ֖ל לֹ֥א), das heißt wörtlich ›nicht du-isst‹ bzw. ›nicht du-wirst-essen‹, also auf Deutsch im Prinzip ›iss nicht‹ (Gen 2,17, WLC Int). Wir könnten es entsprechend auch mit ›Esst nicht davon‹ übersetzen, wenn es um die Antwort Evas geht. (Gen 3,3) Das hört sich plötzlich nicht mehr so streng an. Es ist allerdings streng, das sollten wir nicht missverstehen. Es ist ja ein Gebot und in dieser Form sogar ein starkes. Der Satz wird bereits mit dem Wort ›waj’tsaw‹ (וַיְצַ) eingeleitet, also ›er befahl‹. (Gen 2,16, WLC Int) Und wenn wir uns auch noch ansehen, wie dem Menschen gerade in diesem Bibelvers erlaubt wird, von allen Bäumen des Gartens zu essen, nämlich ›chol to’chel‹ (אָכֹ֥ל תֹּאכֵֽל), also ›Essend du isst‹, sehen wir umso mehr den Kontrast, weil ihm die Erlaubnis auf eine sehr betonte Weise gewährt wird und das Verbot dadurch umso strenger formuliert ist. Das unterstreicht die Festigkeit des Gebots. Es wird festgestellt und deshalb ist es so. Wenn Gott es sagt, gilt es.
Allerdings, und das ist der springende Punkt, könnte uns die Übersetzung mit ›darfst du nicht‹, ›sollst du nicht‹ und dem einen oder anderen Rufzeichen am Ende des Satzes in die falsche Richtung führen. (Gen 2,16-17, EÜ, ELB, LUT, SLT, KJV, NIRV, BKR und B21, wobei die beiden Letzteren nur ›iss nicht‹ sagen, was dem Original ohne Interpunktionszeichen in dieser Hinsicht nahekommt) Die Übersetzungen sind berechtigt, rufen aber vielleicht eine Wahrnehmung hervor, wo wir die falschen Bilder im Kopf haben. Wir implizieren dann assoziativ, dass uns hier etwas vorgeschrieben wird, woran wir uns einfach so und ohne Grund halten sollten. Hier wird uns aber nicht etwas aufgetragen, das wir nur befolgen müssen, weil es so gewünscht wird. Selbst in diesem Fall sollten und müssten wir uns daran halten, denn Gott ist der Herr. Aber gerade hier sehen wir, dass er es sagt, um uns zu schützen und zu beschützen. Er will uns vor einem Fehler bewahren. Er sagt es unseretwegen, damit es uns gut geht. Das Gebot hat also eine klare Entschiedenheit, aber keine kalte Härte. Das Ziel des Gebotes ist nicht das Verbot, sondern das Wohlergehen. Es geht um Liebe.
Lesen wir den Bibelvers noch einmal und halten wir uns dabei die unendliche Liebe Gottes vor Augen: »Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.« (Gen 2,16-17) Plötzlich klingt es nicht mehr nach Drohung, sondern nach Warnung. Gott wollte Adam und Eva nicht drohen, er wollte sie warnen. Er wollte sie davor bewahren, dass ihnen etwas Schlimmes passiert. Er kam ihnen als Liebender entgegen, um sie vor einem Fehler zu bewahren. Dieser Fehler hätte sie das Leben gekostet und Gott wies sie daraufhin. Er hatte damit recht. Sehen wir uns nur an, wo wir heute sind.
Selbst wenn wir uns am Ende des Satzes sogar drei Rufzeichen vorstellen, die das Verbot drohender machen würden, könnten wir nur sagen, zu Recht. Denn es droht eine Gefahr und zwar eine große. Adam und Eva sollen sich an das Gebot halten, um ihr Leben zu behalten. Die Bedrohung besteht in der Sache, nicht in dem, was Gott sagt, wie er es sagt oder dass er es sagt. Es ist eine wichtige Information, die er bestens begründet. Sie entstammt seiner Liebe. Und es ist gut, dass er es in aller Klarheit mit Nachdruck betont.
»Wo bist du?« – eine Frage aus Liebe
Adam und Eva lassen sich aber von der Schlange verführen, das Gebot Gottes zu missachten: »Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.« (Gen 3,4-6)
Die Schlange lügt. Und die Menschen lassen sich belügen. Sie essen von den Früchten des Baums, weil er eine Augenweide und begehrenswert ist und auch, um klug zu werden. Sie setzen sich damit über das Gebot Gottes hinweg und damit über Gott. Sie sind sich selbst wichtiger als er. Sie tun es vielleicht nicht einmal aus böser Absicht, insofern sie keine schlimmen Konsequenzen ihres Tuns wünschen. Aber sie tun es. Und was passiert? Sie werden klug. Zumindest in dem Sinn, dass ihnen die Augen aufgehen und sie erkennen, dass sie nackt sind:
»Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. Als sie an den Schritten hörten, dass sich Gott, der HERR, beim Tagwind im Garten erging, versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott, dem HERRN, inmitten der Bäume des Gartens. Aber Gott, der HERR, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du?« (Gen 3,7-9)
Die Frage, die Gott ihnen stellt, ist das Erste, was er sagt, nachdem sie gegen sein Gebot verstoßen. Das ist bedeutend. Denn er spricht schon davor mit ihnen. Er gibt ihnen den Auftrag, fruchtbar zu sein und sich zu mehren (Gen 1,28). Er gibt ihnen das Gebot, von allen Bäumen des Gartens zu essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (Gen 2,16-17). Und als er das erste Mal überhaupt spricht in der Schrift, wird durch sein Wort im ersten Kapitel der Genesis die Welt erschaffen. (Gen 1,3) Sein Wort ist also entscheidend. Doch nun stellt er eine Frage. Warum? Und wozu? Er weiß, was geschah und was sie taten. Er ist allwissend. Er weiß, dass sie sich verstecken und wo sie sich befinden. Warum sagt er nicht etwas darüber und dazu? Warum fragt er dann? Die beste Erklärung, die wir auch hier geben können, ist, dass er es aus Liebe tut.
Vielleicht stellt er die Frage, um sie in ein Gespräch zu führen und ihnen so eine Chance zu geben. Er müsste es nicht tun. Doch tut er es. Er könnte sie gleich aus dem Paradies schicken. Doch tut er es nicht. Stattdessen beginnt er ein Gespräch und er beginnt es mit einer Frage, um sie zu einer Antwort einzuladen. Obwohl sie gegen sein Gebot verstießen, kommt er auf sie zu. Obwohl sie sich von ihm abwandten, wendet er sich von ihnen nicht ab. Er zeigt Interesse, wahrscheinlich sogar Sorge, und eröffnet ihnen so den Raum für ihre Reaktion.
Wir müssen bedenken, wie schön das ist. Zugleich müssen wir uns bewusst sein, wie fürchterlich Adam und Eva sich verhalten und wie oft wir es ebenso tun. Sie verstecken sich vor ihrem Schöpfer. Sie verstecken sich vor der Liebe. Wie schlimm muss der Akt der Abkehr sein, dass es durch ihn zu dieser Absurdität des Agierens kommt? Wie ist es überhaupt möglich, dass sie zu so etwas überhaupt imstande sind? Adam und Eva verstecken sich vor dem Schöpfer, der das Leben selbst ist. Das ist irrsinnig, weil es sie aus dem Leben ausklammert, und unsinnig, weil es zu nichts führt. Gott weiß alles und Gott sieht alles. Es führt sie nur weg von ihm. Aber das tut es wohl bereits deshalb, weil sie bereits von ihm weggeführt sind. Durch die Sünde, die sie in diesen Zustand brachte. Und durch das, was sie zur Sünde trieb. Umso wichtiger ist es, den Weg zurückzufinden. Und genau diesen Weg öffnet Gott ihnen mit seiner Frage.
Gott schenkt Adam und Eva mit seiner Frage eine Gelegenheit. Vielleicht ist es eine Gelegenheit, um sich zu entschuldigen, zu bereuen und zu bekennen. Vielleicht dient sie dazu, dass der Mensch überhaupt versteht, was er tat und in welche Situation er sich brachte. Vielleicht hilft es ihm, nachzudenken und zu begreifen. Augustinus beschreibt es treffend, als er meint, dass Gott Adam durch seine Frage eigentlich zur Besinnung bringen wollte: »Er fragte natürlich nicht aus Nichtwissen, sondern ermahnte mit Nachdruck, damit er merkte, dass er war, wo Gott nicht war.« (Augustinus, De Civitate Dei, 13, 15, eig. Übers.)
Und Chrysostomos sagt, gerade auch mit Bezug auf die Liebe: »Allein Gott wollte auch hierin zeigen, daß die Sünde seine Liebe nicht ausgelöscht, noch der Ungehorsam sein Wohlwollen für ihn vernichtet habe, sondern daß er noch sorge und sich kümmere um den Gefallenen, – und sprach: ›Adam, wo bist du?‹ nicht, weil er nicht wußte, wo er weilte, sondern weil den Sündern der Mund vernäht ist; denn die Sünde macht ihnen die Zunge abwendig, und das Gewissen hält sie ihnen gefangen; darum bleiben solche Menschen starr und stumm, und das Schweigen bindet sie gleich einer Fessel. Da nun Gott den Adam zu einer freimüthigen Unterredung ermuntern, ihm Muth machen und ihn zur Entschuldigung dessen, was er gefehlt, veranlassen wollte, damit er doch einiger Vergebung theilhaftig würde: so rief er selbst ihn zuerst und benahm der Qual desselben durch seine Ansprache das Meiste ihrer Heftigkeit, indem er durch jenen Ruf die Furcht vertrieb und ihm den Mund öffnete. Darum also sagte er: ›Adam, wo bist du?‹« (Johannes Chrysostomos, Homilien über die Bildsäulen, 7. Homilie, Kap. 4)
Aber unabhängig davon, aus welchen Gründen zu welchen Zielen Adam und Eva diese Gelegenheit erhalten, sie ist auf jeden Fall ein Entgegenkommen Gottes. Sie ist ein Beleg für seine Liebe. Er zürnt nicht. Er straft nicht. Er fragt. Und er gibt eben dadurch den Menschen die Möglichkeit, aus ihrem Versteck herauszukommen und in das Licht der Liebe Gottes zu treten.
Die Frage, die Gott stellt, ist also eine Frage aus Liebe. Die Antwort sollte deshalb eine Antwort in Liebe sein. Adam und Eva sollten, ebenso wie wir alle, mit einem klaren Bekenntnis antworten, das ihre Bereitschaft bekundet, sich Gott ganz hinzugeben: Hineni, hier bin ich. Das ist die Antwort, die Gläubige geben, wenn Gott sie ruft. Propheten im Alten Testament antworten mit ›Hineni‹, wenn sie den Ruf Gottes hören. (Gen 22,1; Gen 31,11; Gen 46,2; Gen 3,4; 1 Sam 3,4; Jes 6,8) Und alle, die zu Priestern geweiht werden, antworten ›Adsum‹, lateinisch für Hineni, hier bin ich, um ganz im Dienst zu sein.
Denken wir auch daran, dass im Katechismus der katholischen Kirche der Glaube als Antwort des Menschen an Gott beschrieben wird, der sich dem Menschen offenbart. (KKK 26) Der Glaube ist also die Antwort auf die Liebe und diese Antwort kann nur in Liebe gegeben werden.
»Hast du von dem Baum gegessen« – Abkehr von der Liebe
Adam antwortet auf Gottes Frage, wo er ist, dass er sich versteckt, weil er nackt ist und sich fürchtet: »Er antwortete: Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.« (Gen 3,10)
Wir können hier erst einmal anerkennen, dass Adam überhaupt antwortet und die Wahrheit sagt. Er traut sich heraus und gibt es zu. Das ist deshalb wichtig, weil er bereits durch die Sünde verletzt ist. Seine Natur ist verwundet, sein Verstand verdunkelt, sein Wille geschwächt. Es ist der Zustand, in dem wir uns befinden. (KKK 417, Gaudium et spes 14, Benedikt XVI., Generalaudienz, 6. Februar 2013, Johannes Paul II., Reconciliatio et paenitentia, 16) Trotzdem schafft er es, vor Gott zu treten und die Wahrheit zu sagen. Das darf uns allen Hoffnung geben, weil wir daran erkennen, dass wir selbst in einem solchen Zustand jederzeit vor Gott treten dürfen und sollen. Es ist umso bedeutender, weil wir als Getaufte zwar von den Fesseln der Sünde befreit sind, aber noch immer an ihren Folgen leiden. Deshalb sollten wir uns gar nicht erst verstecken und uns niemals fürchten. Auch und gerade daran erkennen wir die Liebe Gottes, der uns mit seiner Frage ruft und unserer Antwort zuhört.
Nachdem Adam so antwortet, fragt Gott ihn, ob er vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aß: »Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen?« (Gen 3,11)
Gott stellt dem Menschen also eine weitere Frage und schafft ihm dadurch noch mehr Platz für weitere Antworten. Er hilft ihm sogar, indem er für ihn das ausspricht, was ihm wohl schwerfallen dürfte, auszusprechen. Allerdings kommt hier der Punkt, an dem sich das, was wir vorhin bei Adam noch anerkennen konnten, nämlich, dass er Auskunft über sein Handeln gab, in sein Gegenteil verkehrt. Denn statt sich zu entschuldigen, beginnt er, sich zu rechtfertigen:
»Der Mensch antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen.« (Gen 3,12) Gott wendet sich deshalb an die Frau, die den Kreis von Antworten fortsetzt, die die wichtigste Antwort nur verschieben, um sie letztlich nicht zu geben: »Gott, der HERR, sprach zu der Frau: Was hast du getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt. So habe ich gegessen.« (Gen 3,13) Gott gibt in seiner Liebe also beiden die Gelegenheit zu antworten, erhält aber von beiden nur Verweise, die zu weiteren Fragen führen, statt in Liebe zu münden.
Ihre Antworten sind nur Ausflüchte. Adam redet sich auf Eva aus und Eva auf die Schlange. Statt ihre Sünde zu bekennen, schieben sie die Schuld auf andere. Sie bringen Erklärungen statt Entschuldigungen. Die Kausalität der Verweise mag ja richtig sein, denn was geschah, geschah tatsächlich in dieser Reihenfolge aus diesen Gründen. Es sind also keine Lügen, denn es waren diese Ursachen, die zu diesen Ergebnissen führten, von der Schlange über Eva bis Adam. Nur hier geht es nicht um die Abfolge der Handlungen, sondern darum, dass es ihnen leidtun sollte. Sie sollten bereuen, nicht sich rechtfertigen. Das Gleiche gilt für uns, wenn wir unsere Sünden beichten.
Augustinus schreibt über die Antwort Adams, der die Schuld von sich weist, indem er auf Eva verweist: »Welcher Stolz! Sagte er etwa, Ich habe gesündigt? Er hat die Deformation des Verwirrtseins, und hat nicht die Demut des Geständnisses.« (Augustinus, De Genesi ad litteram, PL 11, Buch 11, 35, eig. Übers.)
Wir könnten sagen, dass sie noch Kinder sind. Dass sie nicht wirklich verstehen, was sie taten und tun. Irenäus bringt es schön auf den Punkt: »Allein der Mensch war ein Kind, seine Gedanken waren noch nicht vollkommen geklärt«. (Irenäus von Lyon, Erweis der apostolischen Verkündigung, Erster Hauptteil, Kapitel 12) Aber selbst wir als ihre Nachkommen und damit als Nachkommende sind weit davon entfernt, reifer und weiter vorangeschritten zu sein. Wir haben immer das Beispiel vor Augen, aber nicht immer die Liebe im Herzen. Die ganze Geschichte der Schrift liegt vor uns entfaltet. Verhalten wir uns entsprechend?
Ja, sie wurden verführt. Und ja, den Verführer trifft die Schuld der Verführung. Aber die Verführten trifft die Schuld des Sichverführenlassens. Sie waren es, die sich selbst vorzogen, sich für sich selbst entschieden, sich von Gott entfernten, so wie wir es heute immer wieder tun: »In dieser Sünde zog der Mensch sich selbst Gott vor und mißachtete damit Gott: er entschied sich für sich selbst gegen Gott, gegen die Erfordernisse seines eigenen Geschöpfseins und damit gegen sein eigenes Wohl.« (KKK 398) Damit verlor der Mensch seine Heiligkeit und fiel aus dem Zustand heiligmachender Gnade: »Die Schrift zeigt die verhängnisvollen Folgen dieses ersten Ungehorsams. Adam und Eva verlieren sogleich die Gnade der ursprünglichen Heiligkeit«. (KKK 399)
Sie sind damit bereits auf dem Weg aus dem Garten Eden, wie wir bald sehen werden. (Gen 3,23) Aus gutem Grund. Eine solche Gesinnung passt nicht ins Paradies, weil sie der Liebe widerspricht. Sie ist bereits die Folge der Sünde, also der Abkehr, des ersten Blicks und des ersten Schritts in die falsche Richtung. Sie schauen nicht mehr zu Gott und sehen deshalb nicht seine Liebe. Sie gehen nicht mehr auf ihn zu und entfernen sich dadurch von ihm. Gott gibt ihnen eine Chance nach der anderen. Sie nutzen die Gelegenheiten nicht. Sie blicken weg und sind damit auf dem Weg hinaus.
»Weil du das getan hast« – Folgen der Abkehr
Nun antwortet Gott, indem er ihnen die Folgen ihres Tuns aufzeigt: »Da sprach Gott, der HERR, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch wirst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens. Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse. Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir und häufig wirst du schwanger werden. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Nach deinem Mann hast du Verlangen und er wird über dich herrschen. Zum Menschen sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes wirst du essen. Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst; denn von ihm bist du genommen, Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.« (Gen 3,14-19)
Wenn wir diese Zeilen lesen, könnten wir leicht auf den Gedanken kommen, dass Gott hier Strafen ausspricht und verhängt. Und vielleicht tut er es auch. Schließlich gibt er sich als der Handelnde zu erkennen und sagt unter anderem, dass er die Mühsal bereitet. Und er hat jedes Recht dazu. Aber wenn wir die Zeilen aufmerksam lesen, erkennen wir zugleich, dass er nirgendwo behauptet, zu strafen, geschweige denn, strafen zu wollen. So wie er sich ausdrückt, klingt es eher nach einer Aufzählung der Folgen, die sich aus dem vom Menschen verursachten Geschehen ergeben. Und diese Folgen sind, um ehrlich zu sein, genau das, was wir als unser Leben bezeichnen. Es ist nicht mehr das Leben im Paradies, bei und mit Gott, weil die Menschen das Paradies durch ihr Handeln verließen, vielleicht schon davor durch ihre innere Abkehr. Es ist also nicht so, dass Gott Adam und Eva etwas verbietet und sie dann vertreibt. Es ist so, dass Gott sie schützt und dann weiter beschützt. Gott kann alles gebieten und tun, und doch verdankt sich alles, was er anordnet und macht, der Liebe und zielt auf Liebe ab. Deshalb sollen wir die Bibel so auslegen, dass sie zur Liebe antreibt. (Ludwig Neidhart, Allgemeines über die Bibel, 11, Seite 39)
Und tatsächlich, wenn wir auch diese Stelle aus der Perspektive der Liebe betrachten, erkennen wir sogar noch mehr, denn erst die Liebe eröffnet ihren wahren Sinn: Das Wichtigste an dieser Stelle ist nicht die bloße Aufzählung der Folgen, sondern die große Ankündigung ihrer Überwindung. Gott selbst sagt gleich zu Beginn dieses Abschnitts zur Schlange, dass er Feindschaft setzen wird zwischen sie und die Frau und dass der Nachkomme der Frau den Nachkommen der Schlange am Kopf treffen wird und sie ihn an der Ferse: »Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.« (Gen 3,15)
Bei diesen Worten denken wir natürlich an Jesus Christus. Er wird als neuer Adam von Maria als neuer Eva geboren und besiegt durch seinen Opfertod und seine Auferstehung die Schlange. (KKK 411, Lumen Gentium 55, Röm 16,20, Gal 4,4, Joh 2,4, Justin der Märtyrer, Dialogus cum Tryphone, 100) An dieser Stelle steht also nicht die Niederlage im Vordergrund, sondern der Triumph, nicht der Verlust, sondern der Gewinn. Während die Zeilen sich für uns so anhören mögen, als würde hier eine Strafe der nächsten folgen, wird in Wirklichkeit die Liebe Gottes offenbar, die sich im weiteren Verlauf der Heilsgeschichte in ihrer vollen Größe entfaltet. Der Messias wird verheißen, der durch seinen Gehorsam in Liebe jede Sünde besiegt und jede Schuld tilgt. Es ist Gott selbst, der sich für uns opfert. Aus Liebe.
Es ist also Liebe, die hier anklingt und durchklingt. Sie durchzieht die Geschichte des Menschen von seiner Erschaffung bis zu seiner Erlösung und darüber hinaus, weil Gott Liebe ist. Auch uns ist das Leben aus Liebe geschenkt, auch wenn wir als Nachkommen Adams und Evas in den Zustand der Entfernung von Gott geboren werden. In Jesus Christus ist diese Entfernung durch die Taufe aber aufgehoben und die Distanz überwunden. Auch das geschieht aus Liebe, weil er sich aus Liebe zu uns am Kreuz ganz hingab.
Im anschließenden Bibelvers, und erst im anschließenden Bibelvers, erhält Eva übrigens ihren Namen: »Der Mensch gab seiner Frau den Namen Eva, Leben, denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.« (Gen 3,20) Durch diese Namensgebung wird zum Ausdruck gebracht, dass wir von Eva und Adam abstammen, wie im vorherigen Absatz angeführt. Denn Eva heißt auf Hebräisch ›Chawwah‹ (חַוָּה), also ›die Lebendige‹, und das hängt zusammen mit ›Chajim‹ (חַיִּים), also ›Leben‹. Entsprechend steht am Ende des Satzes ›Em Kol-Chaj‹ (אֵ֥ם כָּל־חָֽי), also ›Mutter aller Lebendigen‹. (Gen 3,20, WLC Int) Es sei angemerkt, dass wir Chawwah, also Eva, wortwörtlich als ›die Leben‹ im Sinn eines weiblichen Substantivs übersetzen könnten. Das würde gut zu Chajim passen, denn dieses Wort steht im Plural und könnte wortwörtlich ebenso mit ›die Leben‹ im Sinn der Mehrzahl übersetzt werden. Dadurch wäre die Verbindung rein sprachlich besonders betont. Allerdings überschreitet die Bedeutung von Chajim, wie wir im vorletzten Abschnitt sehen werden, das, was wir normalerweise unter Leben verstehen, und führt uns in Richtung des ewigen Lebens.
So können wir auch darin einen Verweis auf Maria und die Geburt des Erlösers erblicken: »Sie ist es, die durch Eva vorgezeichnet wurde, welche vorbildlich den Ehrentitel ›Mutter der Lebendigen‹ erhielt [...] Und es war wirklich auffallend, daß sie nach dem Sündenfall diesen großen Beinamen behielt. Rein äußerlich betrachtet, ist ja von jener Eva das ganze Menschengeschlecht geboren. So aber ist in Wirklichkeit von Maria das Leben selbst der Welt geboren worden, auf daß sie einen Lebendigen gebäre; darum wurde Maria selbst zur Mutter der Lebendigen.« (Epiphanius von Salamis, Haereses, 78, 18)
»Und bekleidete sie« – die Sorge aus Liebe
Wir sehen, dass die gesamte Erzählung vom Fall des Menschen von Gottes Liebe durchdrungen ist. Gott gibt dem Menschen ein Gebot, um ihn zu schützen. Der Mensch verstößt dagegen und versteckt sich. Gott schenkt dem Menschen die Gelegenheit, herauszukommen. Der Mensch sucht nur Ausflüchte. Gott zählt dem Menschen die Folgen auf, die sein Tun hat und eröffnet ihm eine neue Chance, indem er sich für den Menschen opfert. Obwohl der Mensch aus Liebe in Liebe zur Liebe geschaffen wurde, nimmt er sich aus der Liebe heraus. Aber Gott kümmert sich weiter um ihn und hilft ihm. Er bekleidet ihn sogar, wie es im nächsten Bibelvers heißt:
»Gott, der HERR, machte dem Menschen und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit.« (Gen 3,21)
Auch das ist wieder ein Beweis seiner Liebe. Er bekleidet sie, damit sie geschützt sind. Damit ihnen warm ist, wenn es kalt ist. Damit sie sich nicht fürchten müssen, weil sie nackt sind. Das ist ein wichtiger Punkt. Erinnern wir uns, was Adam sagt, als Gott ihn fragt, wo er ist: »Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.« (Gen 3,10)
Wir wissen, dass seine Furcht falsch ist, weil sie unberechtigt ist. Der Mensch muss sich nicht fürchten vor seinem Schöpfer, vor der Liebe, vor dem Leben. Aber er tut es, weil er gegen das Gebot verstieß. Wir sehen daran, was der Genuss der Frucht bewirkte, welche Distanz er schaffte. Wir sehen daran auch, welches falsche Denken, Fühlen und Wollen er bedingte bzw. welches falsche Denken, Fühlen und Wollen wohl schon zum Genuss führte. Die Furcht ist die Folge der Frucht. Aber wohl deshalb, weil ihr Genuss bereits gegen das Gebot geht. Das bringt es mit sich, dass der Mensch seine Nackheit erkennt und sich zu fürchten beginnt. Das Essen der Frucht führte den Menschen von Gott weg, die resultierende Furcht trieb ihn sogar dazu, sich vor ihm zu verstecken.
Denken wir daran, wie oft und wie eindringlich Jesus seinen Jünger sagt: »Fürchtet euch nicht!« (Mt 14,27; Mt 17,7; Mt 28,10; Mk 6,50; Luk 12,7; Joh 6,20; Offb 1,17), wie die Engel es sagen (Mt 28,5-6; Lk 2,10-11), wie Gott es sagt (Jes 44,8; Hag 2,5; Sach 8,13.15) und wie oft die Worte »Fürchte dich nicht« von Gott, Jesus und seinen Engeln gesprochen werden (Gen 15,1; Gen 26,24; Dt 1,21; Jos 8,1; Jes 10,24; Jes 41,10.13; Jes 43,1.5; Jes 44,2; Jer 30,10; Jer 46,27-28; Dan 10,12.19; Joel 2,21; Zef 3,16; Mk 5,36; Lk 1,13.30; Lk 5,10; Lk 8,50; Lk 12,32; Joh 12,15; Apg 18,9; Apg 27,24; Tob 5,17; Tob 6,18 u. a.). Es ist offensichtlich erforderlich, uns zu versichern, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen. Wir tun es, weil wir als Sünder den Grund dafür erkennen und kennen. Es ist die Entfernung von Gott. Aber Gott in seiner Liebe kommt auf uns zu und nimmt die Furcht von uns, sodass kein Grund mehr dafür besteht.
Daran sehen wir vielleicht auch, dass die Furcht an sich nicht das wahre Problem ist. Wahrscheinlich auch nicht die Nacktheit. Und wahrscheinlich auch nicht die Erkenntnis der Nacktheit. Sondern die Tatsache, dass die Erkenntnis der Nacktheit und mit ihr die Furcht durch die Sünde erfolgt. Die Sünde ist es, die uns im wahrsten Sinne des Wortes nackt macht, weil sie alles von uns nimmt. Und es ist Gott, der uns im wahrsten Sinne des Wortes bekleidet, weil er unsere Sünden bedeckt (Röm 4,7; Ps 32,1), aber nicht nur verbirgt, sondern vergibt, nicht nur versteckt, sondern verwandelt. Nicht nur, damit wir angezogen sind. Nicht nur, damit wir uns nicht fürchten. Sondern auch, damit wir uns auf dem Weg, der vor uns liegt und der uns zu ihm führt, leichter tun. Das Gewand hilft uns, unsere Nacktheit zu verdecken, damit wir uns nicht verstecken. Aber es bedeckt nur den Körper, nicht unsere Sünden. Die sind entdeckt. Sie liegen offen vor Gott. Nur er kann sie vergeben. Dazu müssen wir jedoch herauskommen, sie bereuen und bekennen.
Sehen wir uns in diesem Zusammenhang und zum besseren Verständnis an, was hier mit Sünde gemeint ist. Dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen, ist die erste Sünde. Wir bezeichnen sie als die Erbsünde. Aber vielleicht ist die Bezeichnung Ursünde treffender, weil der lateinische Ausdruck ›peccatum originale‹ eine ursprüngliche Sünde bezeichnet, in der die Sünden ihren Ursprung haben und ihren Anfang nehmen. Diese Ursünde hob Jesus Christus durch seinen Kreuzestod und seine Auferstehung auf, indem er sich als Sühne für unsere Sünden opferte. (1 Joh 4,10) Er wird deshalb von Paulus auch als der ›letzte Adam‹ bezeichnet: »Adam, der erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der letzte Adam wurde lebendig machender Geist.« (1 Kor 15,45). Papst Benedikt XVI. bezeichnet ihn auch als ›neuen Adam‹ (Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, 2. Kapitel, 1, Seite 234) bzw. als ›zweiten Adam‹ (Joseph Ratzinger, Im Anfang schuf Gott, 3. Predigt Seite 48/49). So wurde der Ungehorsam der ersten Eltern durch seinen Gehorsam abgelöst und aufgelöst: »Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern gemacht worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.« (Röm 5,19)
Falls der Ausdruck Gehorsam in unseren heutigen Ohren ein wenig antiquiert klingt, liegt es an unseren Ohren. Denn was bedeutet Gehorsam gegenüber Gott anderes, als sich ganz in seine Liebe zu geben? Und was bedeutet Ungehorsam anderes, als sich aus seiner Liebe auszuschließen? Wenn Gehorsam darin besteht, zu tun, was Gott uns sagt, und alles, was er uns sagt, er uns aus Liebe sagt, besteht der Gehorsam darin, in seiner Liebe zu sein. In der Liebe besteht der Sinn des Gehorsams, in der Sünde der Unsinn des Ungehorsams. Die Sünde ist Abkehr von Gott, weil sie Abkehr von seiner Liebe ist. So ist der Verstoß gegen Gottes Gebot ein Ausdruck der Selbstorientierung, die den Menschen auf sich selbst ausrichtet, und der Selbstliebe, durch die er sich aus der Gottesliebe herausnimmt. Als Adam und Eva von der Frucht essen, sind sie nicht im Willen Gottes, sondern in ihrem eigenen. Es geht ihnen um sich selbst. Als sie die Kleidung erhalten, können sie sich auf den Weg machen. Der Weg führt sie aus dem Paradies, aber zu Gott, wie wir gleich sehen werden.
Die Kleidung ist ein Schutz, aber nicht vor dem Schmutz, mit dem wir uns durch die Sünde selbst beflecken. Seit Gott Mensch wurde und sich in seiner unendlichen Liebe für uns opferte, erhalten wir in der Taufe ein neues, weißes Kleid. Auch dieses beschmutzen wir ständig aufs Neue. Doch Gott wäscht es immer wieder rein, wenn wir unsere Sünden bekennen. Er nimmt sie weg (Joh 1,29; 1 Joh 3,5), damit unsere Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht werden (Offb 7,14). Das und gerade das ist der größte Ausdruck der größten Liebe.
Wir alle sind nackt, weil wir ohne Gott nichts sind und nichts haben. Wir alle stehen mit leeren Händen da, weil es außer Gott nichts gibt, woran wir uns halten könnten. Wir können aber unsere Arme ausstrecken und unsere Hände öffnen und er ist es, der sie füllt, indem er uns erfüllt. Weil er es ist, der uns in seinen Armen hält und in seinen Händen trägt. Weil er es ist, der uns bekleidet, indem er uns in seine Liebe hüllt.
»Er vertrieb den Menschen« – die Rettung aus Liebe
Nachdem Gott die Menschen bekleidet, schickt er sie aus dem Garten Eden: »Dann sprach Gott, der HERR: Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Böse erkennt. Aber jetzt soll er nicht seine Hand ausstrecken, um auch noch vom Baum des Lebens zu nehmen, davon zu essen und ewig zu leben. Da schickte Gott, der HERR, ihn aus dem Garten Eden weg, damit er den Erdboden bearbeite, von dem er genommen war. Er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Kerubim wohnen und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.« (Gen 3,22-24)
Wir sehen deutlich, dass Gott Adam und Eva aus dem Paradies schickt. Er vertreibt sie sogar, wie es wörtlich heißt. Das mag in unseren Ohren streng klingen und wir könnten uns fragen, ob es denn so sein muss. Und die Antwort lautet: Ja. Die Antwort sollte auch dann Ja lauten, wenn wir uns der Begründung nicht sicher sein sollten. Denn Gott weiß, was richtig ist, unabhängig davon, ob wir es wissen oder nicht. Aber es gibt gerade hier genügend Begründungen, die belegen, dass es aus Liebe geschieht und zu noch mehr Liebe führt.
Wir müssen uns als Erstes vergegenwärtigen, dass, wenn Gott Adam und Eva aus dem Paradies schickt, das eine Folge von dem ist, was sie taten. Es ist keine Strafe im juristischen Sinn, über den Gott unendlich erhaben ist. Er tut es nicht, weil er ihnen etwas verübelt. Gott ist derjenige, der sie liebt, der uns liebt. Dass er sie wegschickt, ist die Konsequenz ihrer Handlung, die sie sich selbst zuzogen. Und er war es, der sie ausdrücklich und nachdrücklich davor warnte. Und zwar, wieder, aus dem Grund, weil er sie liebt. Erinnern wir uns, wie wir im ersten Abschnitt darüber sprachen, ob das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, nicht vielleicht zu hart klingt. Hier sehen wir, dass es offensichtlich nicht hart genug klang für die Ohren des Menschen. Aber es gibt hier eben kein Hart und kein Weich, sondern nur die Bestimmtheit und Entschiedenheit, mit der das Gebot zu recht ausgesprochen wurde, und die Nachlässigkeit und Überheblichkeit des Menschen, der das Gebot zu unrecht missachtete und nicht bewahrte. Wir tragen die Folgen von dem, was wir tun. Und Gott hilft uns sogar dabei.
Ja, wir wurden aus dem Garten Eden »geschickt« (Gen 3,23) und »vertrieben« (Gen 3,24). Aber das haben wir uns selbst zuzuschreiben und anzurechnen, weil wir es sind, die wir uns abkehrten, weil wir es sind, die wir uns entfernten. Wir konnten nicht im Paradies bleiben, weil wir nicht mehr zum Paradies gehörten. Wir waren nicht mehr ein Teil davon, weil wir uns selbst herausgenommen hatten. Wir distanzierten uns und schufen dadurch Distanz.
So schreibt Irenäus: »Den Menschen verwies er von seinem Angesichte und gab ihm seinen Wohnsitz vor den Toren des Paradieses. Denn das Paradies nimmt die Sünder nicht in sich auf.« (Irenäus von Lyon, Erweis der apostolischen Verkündigung, I., 1, 16)
Und Athanasius sagt: »Da aber die Menschen das Ewige von sich wiesen und auf Eingebung des Teufels sich dem Vergänglichen zuwandten, so haben sie selber damit ihre Vergänglichkeit im Tode verschuldet; sie waren ja wohl, wie vorhin bemerkt, von Natur aus sterblich, wären aber diesem natürlichen Los dank ihrer Teilnahme am Logos entronnen, wenn sie gut geblieben wären.« (Athanasius von Alexandrien, De incarnatione Verbi, 5)
Stellen wir uns selbst die Frage: Wie hätten wir mit einer Einstellung, die uns zu einem solchen Verhalten führte, nämlich dem Verstoß gegen das Gebot Gottes, überhaupt im Paradies bleiben können? So zu denken, wie sie dachten, so zu fühlen, wie sie fühlten, so zu handeln, wie sie handelten, führt natürlich zu einem Sein, das der Liebe widerspricht. Aber das Paradies gibt es nicht ohne Liebe. Insofern Gott Liebe ist und das Paradies in Gott ist, gibt es das Paradies nur in seiner Liebe. Dass wir das nicht verstehen oder uns daran nicht halten, ist übrigens etwas, das uns heute noch jeden Tag zu schaffen macht, wenn wir es nicht schaffen, seinen Willen über unseren zu stellen und seine Liebe als Quelle unserer Liebe zu erkennen: »denn die Liebe ist aus Gott«. (1 Joh 4,7)
Deshalb, so können wir vielleicht weiter sagen, wurden wir nicht einfach aus dem Paradies vertrieben, sondern wir selbst schlossen uns aus dem Paradies aus. In dem Augenblick, in dem wir gegen Gottes Gebot handelten, uns unserem eigenen Willen zuwandten und dadurch von seiner Liebe abwandten, verließen wir bereits das Paradies, das nur dort ist, wo Gott ist, weil es nur bei ihm, mit ihm und in ihm ist. Der Sündenfall war ein Hineinfallen in die Sünde und dadurch ein Herausfallen aus dem Paradies. Selbstverschuldet, selbstverursacht und damit, was die Folgen anbelangt, auch völlig selbstverständlich.
Dass wir aus dem Paradies mussten, geschah uns ganz recht. Wir wurden gerecht und gut erschaffen, verdarben uns aber selbst, wie Augustinus über den Menschen schreibt: »von sich aus verdorben und zu Recht verurteilt«. (Augustinus, De Civitate Dei, 13, 14) Nur geht es hier nicht bloß darum, dass es unsere Schuld ist und dass es gerecht ist, sondern wer die Schuld aufhebt und wer die Gnade schenkt. Und es ist Gott, der unsere Schuld auf sich nimmt, sie trägt und erträgt, erlässt und vergibt. Und er tut es, weil er uns in seiner Liebe in seine Gnade aufnimmt und annimmt.
Wohin sollte die Sünde, also die Abkehr von Gott, uns auch sonst führen als aus dem Paradies? Insofern wir es sind, die sündigten, und zwar aus eigenem Antrieb, sind wir diejenigen, die uns abkehrten, damit selbst ausschlossen und damit eigentlich selbst bestraften. Es ist eine logische und automatische Folge. Wenn wir uns abkehren, sind wir abgekehrt. Wenn wir uns abwenden, sind wir abgewendet.
Nun ist es aber so, dass Adam und Eva und mit ihnen auch wir, nicht nur etwas zu erleiden haben, sondern auch etwas zu erhoffen.
Adam und Eva werden deshalb weggeschickt, wie es heißt, damit der Mensch nicht seine Hand ausstreckt, »um auch noch vom Baum des Lebens zu nehmen, davon zu essen und ewig zu leben.« (Gen 3,22) Das ist eine wichtige Begründung. Und auch sie könnte befremdend wirken, wenn wir die Liebe in ihr nicht verstehen. Fragen wir nach dem Grund der Begründung, warum wir nicht vom Baum des Lebens essen sollen. Denn auch das ist etwas, das nicht gegen den Menschen gerichtet ist, sondern für den Menschen ist und uns allen hilft.
Der Baum des Lebens, der im Garten Eden stand und den Menschen das Leben schenkte, hätte ihr Leben in der Abkehr von Gott verlängert und sie damit zur Ewigkeit in der Dunkelheit der Sünde verurteilt. Durch die Vertreibung erhielten sie, und erhalten wir, die Möglichkeit, zurückzukehren. Und zwar in einer Weise der Liebe, durch die wir ganz in Gott sein können, um so ewiges Leben in ihm zu erhalten. Der Grund für die Vertreibung liegt also in der liebevollsten Absicht. Er entstammt nicht dem Zorn, sondern verdankt sich der Liebe, weil Gott uns auf diese Weise trotz unserer Abkehr die Aussicht auf Rückkehr eröffnet. Und zwar nicht mehr in das irdische Paradies, sondern sogar in das himmlische.
Dass er Adam und Eva aus dem Paradies schickt und vertreibt, ist für sie und für uns zwar schwierig, aber besser, weil wir nur so durch Liebe gerettet werden können. Der Weg aus dem Paradies führt uns auf den Weg ins Paradies.
Überlegen wir: Wären Adam und Eva im Paradies geblieben und hätten sie vom Baum des Lebens gegessen, hätten sie ewig in dem Zustand gelebt, in den sie sich durch die Missachtung des Gebotes gebracht hatten. Das aber hätte bedeutet, dass sie in der Abkehr und im Abgewandtsein von Gott gelebt hätten. Ein solches Leben ist kein Leben. Zumindest nicht das Leben, das wir uns erträumen. Es wäre ein bloßes Existieren im Sinne eines Daseins als Vorhandensein. Und es wäre ein Leben in der Sünde, ohne Aussicht auf Rettung. Die Sünde aber ist kalt. Und so wäre dieses Leben ein Leben ohne Sonne und Wärme. Die Sünde aber tut weh. Und so wäre dieses Leben nur Qual und Schmerz. Die Sünde aber ist die wahre Strafe. Und so wäre dieses Leben ein ewiges Weg-sein von Gott, ein ständiges Ohne-ihn-sein, ein dauerndes Ohne-Liebe-sein, ein absolutes Ohne-Licht-sein, ein totales Verloren-sein. Und das, wie wir uns denken können, wollte Gott verhindern und vermeiden. Weil er sie liebte und uns liebt.
Deshalb schickte er sie aus dem Paradies. Damit sie und wir nicht in diesem furchtbaren Zustand ewig leben müssen. Damit sie und wir gerettet werden, selbst wenn wir uns für das Böse statt des Guten entscheiden. Damit uns gerade in der Ausweglosigkeit der Weg offen steht.
So schreibt Chrysostomos, dass die Vertreibung des Menschen für den Menschen besser war und erfolgte, damit seine Sünde nicht unsterblich werde: »Also war die Austreibung aus dem Paradies mehr eine Fürsorge als eine Strafe.« (Des hl. Johannes Chrysostomus Homilien über die Genesis, XVIII, Seite 220, Schöningh, Paderborn 1913)
Und Irenäus sagt: »Deswegen warf er ihn auch aus dem Paradiese hinaus und entfernte ihn von dem Baume des Lebens, nicht als ob er ihm diesen nicht gegönnt hätte, wie einige sich erkühnen zu behaupten, sondern aus Erbarmen, damit er nicht für immer der Sünder bliebe und die Sünde an ihm nicht unsterblich wäre«. (Irenäus, Contra Haereses, 3, 23, 6)
So erkennen wir gerade an der Vertreibung die Liebe Gottes. Adam und Eva werden aus dem Paradies geschickt, damit sie zurückkehren können. Damit wir zurückkehren können. Zu Gott. Wären sie dort geblieben, wäre gerade das nicht möglich gewesen. Sie wären zwar im Paradies, dennoch aus ihm ausgeschlossen, weil in Entfernung von Gott. Nun haben wir die Gelegenheit umzukehren und zurückzukehren. Damit wir in Gottes Liebe sein können.
»Vom Baum der Erkenntnis« – in Freiheit zur Liebe
Es kann nun gefragt werden, und wird wohl auch oft gefragt, warum der Baum der Erkenntnis überhaupt im Garten Eden stand. Wäre er nicht dort gewesen, so könnte man einwenden, wäre nichts passiert. Dann hätte Gott es Adam im zweiten Kapitel nicht verbieten müssen: »vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen« (Gen 2,17), und Eva und Adam hätten im dritten Kapitel nicht davon gegessen: »Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.« (Gen 3,6)
Warum war es also so? Erst recht, wenn wir bedenken, dass Gott allwissend ist und deshalb wusste, was passiert? Die Antwort auf diese Frage ist in dieser Frage bereits enthalten, auch wenn sie in unseren Ohren unbefriedigend klingen mag. Denn die Antwort lautet, dass wir die Antwort nicht kennen. Gott weiß es, wir nicht. Wir können uns aber sicher sein, dass es so, wie es war, richtig war. Denn was Gott tut, ist richtig.
Augustinus stellt sich die fast gleiche Frage im Zusammenhang mit der Schlange und gibt eine ehrliche Antwort: »Wenn also gefragt wird, warum Gott es erlaubte, dass der Mensch versucht wird, von dem er im Voraus wusste, dass er dem Versucher nachgeben würde, kann ich die Tiefe seines Ratschlusses nicht ergründen und ich gestehe, dass dies meine Fähigkeiten gewiss bei Weitem übersteigt.« (Augustinus, De Genesi ad litteram, XI, 4, 6, eig. Übers.) Allerdings vermutet Augustinus, dass Gott es deshalb zuließ, damit der Stolz im Herzen des Menschen geheilt wird und weil er voraussah, welches Gute er aus seinen bösen Taten wirken würde. (ebenda, XI, 9,12, siehe auch Augustinus, Enchiridion, 28, 104)
Vielleicht war der Baum eine Prüfung. Vielleicht kam es auf den Baum gar nicht an, sondern darauf, wie wir uns verhalten. Nicht der Baum macht die Sünde, sondern wir durch unsere Abkehr. (siehe Theophilus von Antiochien, Ad Autolycum, 2. Buch, 25 und Augustinus, De Genesi ad litteram, VIII, 6, 12) Insofern kann uns der Baum heute als Beispiel dienen, um daraus zu lernen. Die Versuchung ist eine Möglichkeit, uns zu bewähren und in Liebe zu wachsen. Und wir müssen in der Liebe wachsen, um erwachsen zu werden und ganz Liebe zu sein. Unser Versagen zeigt, wie unfähig wir ohne Gott sind, aber die Liebe Gottes befähigt uns, umso bewusster in seine Liebe hineinzuwachsen. Insofern können wir gerade den Baum der Erkenntnis aus der Perspektive der Liebe interpretieren.
Der Baum ist ein Zeichen dafür, dass Gott uns Freiheit schenkt. Er gibt uns ein Gebot und gerade mit diesem Gebot auch die Freiheit, es zu befolgen oder nicht. Wenn wir unfrei wären, würden wir kein Gebot erhalten, gegen das wir verstoßen könnten, sondern einen Befehl, den wir befolgen müssten. Wenn Gott uns nun eine solche Freiheit schenkt, ist das natürlich ein Ausdruck der Liebe. Denn Freiheit zu geben, ist ein Zeichen der Liebe. Liebe befreit.
Gleichzeitig braucht eben die Liebe die Freiheit. Denn Liebe gibt es nur in Freiheit. Ohne Freiheit ist Liebe nicht möglich. Wären wir zur Liebe gezwungen, wäre sie keine Liebe. Liebe braucht das Ja des Menschen, das der Mensch nur freiwillig geben kann.
Indem Gott uns Freiheit schenkt, beweist er, dass er uns liebt, und schenkt uns gerade dadurch die Möglichkeit, ganz Liebe zu sein. Der Baum der Erkenntnis ist ein Beleg für die Freiheit, die wir haben. Sie kann uns in die Liebe hineinführen oder uns von ihr wegführen. Es kommt darauf an, was wir daraus machen. Und so stellt sich nicht so sehr die Frage, warum der Baum der Erkenntnis im Garten Eden stand, als vielmehr, welches offensichtlichere Zeichen unserer Freiheit und seiner Liebe Gott uns hätte geben sollen.
Aber gehen wir noch einen Schritt weiter, um zu sehen, wie gerade diese Freiheit aus dieser Liebe uns noch stärker in die Liebe hineinführt.
Indem wir von den Früchten des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse aßen, erhielten wir, so dürfen wir annehmen, die Erkenntnis von Gut und Böse. So heißt es gerade in diesem Kapitel: »Dann sprach Gott, der HERR: Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Böse erkennt.« (Gen 3,22)
Wenn wir nun zwischen Gut und Böse unterscheiden können, bedeutet es, dass wir uns auch zwischen Gut und Böse entscheiden müssen. Gott will, dass wir uns für das Gute, die Liebe entscheiden. Wenn wir das tun, kommen wir zu ihm und können bei ihm und mit ihm und in ihm sein. Wir erhalten das ewige Leben in Liebe und Glück, weil wir in Gott sind. Wenn wir es nicht tun, leben wir in Abwendung statt Zuwendung und Abkehr statt Rückkehr. Übertragen wir das auf das Beispiel mit Adam und Eva.
Indem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen, erwerben sie die Kenntnis von Gut und Böse. Sie sehen also, was gut und was böse ist. Sie können zwischen Gut und Böse unterscheiden und müssen sich deshalb zwischen Gut und Böse entscheiden. Das ist die Situation, in der wir uns als ihre Nachkommen immer noch befinden. Auch wir müssen jeden Tag aufs Neue zwischen Gut und Böse wählen und uns jeden Tag aufs Neue zwischen Gut und Böse entscheiden. Wir können uns nicht nicht entscheiden. Wir können nicht nicht wählen. Jede Nicht-Entscheidung ist eine Entscheidung, weil sie zu einem Ergebnis führt. Jedes Nicht-Wählen ist ein Wählen, weil es ein Resultat zur Folge hat. Selbst wenn wir eine Entscheidung verweigern, ist unser Verweigern die Entscheidung, die wir treffen. Wir sind also gerufen und berufen, zwischen Gut und Böse zu wählen. Und wir sollten uns selbstverständlich für das Gute entscheiden. Für Gott. Wir haben aber die Freiheit der Entscheidung. Gott schenkt uns diese Freiheit, weil er uns liebt und weil es uns nur so möglich ist, zu ihm zurückzukehren und in ihm zu sein und in ihm Liebe und Leben zu finden. Dazu ist eben Liebe aus Freiheit erforderlich, weil es sonst keine Liebe wäre. Gott will, dass wir uns aus Liebe für Liebe entscheiden, für ihn, damit wir so Leben haben, dass nur in ihm möglich ist.
Die Freiwilligkeit der Entscheidung ist also grundlegend erforderlich. Wir könnten auch sagen, wesentlich notwendig, weil sie zum Wesen der Liebe gehört. Wir müssen uns aus Liebe für Liebe entscheiden, um in Liebe zu sein, weil wir anders gar nicht in Liebe sein können. Und anders können wir nicht in Gott sein. Und nur in Gott, der Liebe ist, ist Leben.
So spricht der Katechismus im Zusammenhang mit der Erbsünde, also dem Essen vom Baum der Erkenntnis als Verstoß gegen das Verbot Gottes, auch von der »Prüfung der Freiheit« (KKK 396) und bezeichnet die Sünde als einen »Missbrauch der Freiheit, die Gott uns gab, damit wir ihn und einander lieben können« (KKK 387): Der Mensch »mißbrauchte seine Freiheit und gehorchte dem Gebot Gottes nicht. Darin bestand die erste Sünde des Menschen [...] Danach wird jede Sünde Ungehorsam gegen Gott und Mangel an Vertrauen auf seine Güte sein.« (KKK 397)
»Zum Baum des Lebens« – in Liebe zu Gott
Kommen wir nun vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens, von dem im letzten Satz des dritten Kapitels die Rede ist: »Er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Kerubim wohnen und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.« (Gen 3,24)
Wir beschäftigten uns schon mit diesem Vers und begründeten, worin die Liebe hier besteht, nämlich darin, dass uns durch die Vertreibung, also dadurch, dass wir nicht vom Baum des Lebens essen können, ein ewiges Leben in Entfernung von Gott erspart wird und wir so die Gelegenheit erhalten, in Liebe zu Gott zurückzukehren und in ihm das ewige Leben in Fülle zu finden. Vertiefen wir uns in diesen entscheidenden Gedanken, um ihn besser zu verstehen. Er belegt, wenn wir ihn aus der Perspektive der Liebe betrachten, die Liebe Gottes, die auch unsere Zukunft miteinbezieht, unsere Rettung und unseren Platz in seiner neuen Schöpfung.
Der Weg zum Baum des Lebens, der im irdischen Paradies steht, wird versperrt. Aus Liebe, damit wir nicht ewig in Abkehr ohne Liebe leben, trotz unserer Abkehr von der Liebe. Zugleich eröffnet uns Gott einen neuen Weg zum ewigen Leben im himmlischen Paradies, bei ihm und mit ihm, weil er uns liebt. Das kündigt sich bereits hier an, wird bald klarer verheißen und findet seine Erfüllung schließlich im Kreuz. Gott selbst wird Mensch, aus Liebe zu uns, opfert sich am Kreuz, aus Liebe zu uns, und eröffnet uns so den Weg über das Kreuz in den Himmel, in das ewige Leben in Liebe: »Das Kreuz Christi wird so zum neuen Baum des Lebens« (Benedikt XVI., Generalaudienz, 6. Februar 2013), »der die Frucht einer neuen Hoffnung trägt.« (Benedikt XVI., Ansprache Karfreitag, 6. April 2012) Die Verbindung zwischen dem Baum des Lebens und dem Kreuz des Gottessohnes zeigt, dass »gerade das Kreuz der wahre Baum des Lebens ist« (Benedikt XVI., Palmsonntag-Predigt, 9. April 2006), dass das Kreuz »für die Kirche zum ›Baum des Lebens‹ geworden« ist (Johannes Paul II., Pastores Gregis, 5), denn »Christus ist der wieder zugänglich gewordene Baum des Lebens. Wenn wir uns an ihm anhalten, dann sind wir im Leben.« (Benedikt XVI., Osternacht-Predigt, 3. April 2010)
Es ist also bereits die Rettung vorgesehen, auch wenn sie den Menschen noch nicht ganz ersichtlich ist. Wir erkennen es aber bereits an den Worten, die hier verwendet werden.
Der Baum des Lebens heißt auf Hebräisch ›Etz ha-Chajim‹ (עֵץ הַחַיִּים, Gen 3,24 WLC Int), wörtlich also ›Holz des Lebens‹ bzw. ›Holz der Leben‹, weil ›Etz‹ Holz heißt und eben deshalb Baum bedeutet, während das Wort ›Chajim‹ im Plural steht, wie um die ganze Fülle dieses Lebens anzudeuten.
Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse heißt im Hebräischen ›Etz ha-Da'at Tov va-Ra‹ (עֵץ הַדַּעַת טוֹב וָרָע, Gen 2,9 WLC Int), wörtlich also ›Holz das Wissen Gut und Böse‹, wobei Wissen und Erkennen zusammenhängen und nicht nur als intellektueller Akt des Denkens bzw. nur als sinnliche Wahrnehmung zu verstehen sind, sondern auch als persönliche Erfahrung und veränderndes Erlebnis. Die Gegenüberstellung von Gut und Böse kann darüber hinaus als Merismus verstanden werden, der durch die begriffliche Gegensätzlichkeit die Gesamtheit ausdrückt und damit das Ganze umfasst.
Nun wird diese Bezeichnung für Baum als Holz in anderen Sprachen übernommen und stellt eine stellenweise wortwörtliche Verbindung zum Kreuz dar: Im Hebräischen des Alten Testaments lautet die Bezeichnung für Baum Etz (עֵץ, Gen 2,9 WLC), im Griechischen der Septuaginta xýlon (ξύλον, Gen 2,9, LXX) und im Lateinischen der Nova Vulgata ›lignum‹ (Gen 2,9 NV), also ›Holz‹. Das Kreuz, an dem Jesus Christus sich für uns opferte, wird an einigen Stellen des Neuen Testaments ebenso als ›Holz‹ bezeichnet, und zwar griechisch als ›xylon‹ (Apg 5,30; Apg 10,39; 1 Petr 2,24, WLC) sowie lateinisch als ›lignum‹ (Apg 5,30; Apg 10,39; 1 Petr 2,24, NV). Damit erinnert es eben an den Baum des Lebens. So stehen sowohl der Baum als auch das Kreuz bereits sprachlich miteinander in Verbindung. Mehrheitlich werden zwar die Ausdrücke ›Stauros‹ (σταυρός) bzw. ›Crux‹ für das Kreuz verwendet, auch und gerade von den Evangelisten (Mt 27,32; NE1904; NV; Mk 15,21; NE1904; NV; Lk 14,27; NE1904; NV; Joh 19,19; NE1904; NV). Wir sehen aber beispielsweise bei Paulus sehr gut die Verbindung gerade dort, wo er sich im Neuen Testament auf das Alte Testament beruft und hier von ›Holz‹ als ›xylon‹ bzw. ›lignum‹ spricht (Gal 3,13; NE1904; NV, der Bezug geht übrigens auf Dt 21,23, wo in der Einheitsübersetzung allerdings ›Pfahl‹ steht, das Wort im Original aber Etz heißt, also Holz bzw. Baum, NE1904).
Neben dem Sprachlichen spielt natürlich das Inhaltliche die Hauptrolle. Entsprechend gilt das Holz des Kreuzes (lignum crucis) in Bezug auf das Holz des Lebens (lignum vitae, NV, xylon tes zoes, Gen 2,9 LXX,) als dasjenige, das uns das Leben schenkt, das wir im Paradies verloren. Eine solche Typologie findet sich beispielsweise bei Johannes von Damaskus: »Ein Vorbild dieses kostbaren Kreuzes war der von Gott im Paradiese gepflanzte Baum des Lebens.« (Johannes von Damaskus, Expositio fidei, IV, 11) Auch Justin der Märtyrer sagt vom Gekreuzigten: »Nach der Kreuzigung von diesem, von dem die Schriften erweisen, dass er in Herrlichkeit wiederkommen wird, für ihn steht das Holz des Lebens, von dem gesagt wurde, das es im Paradies gepflanzt worden war«. (Justin der Märtyrer, Dialogus cum Tryphone, 86, eig. Übers.).
Und wenn wir vom Anfang der Bibel bis zu deren Ende blättern, vom dritten Kapitel der Genesis bis zum zweiten Kapitel der Offenbarung des Johannes, lesen wir, wie Jesus selbst den Sinn der Erzählung vom Baum des Lebens enthüllt: »Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht.« (Offb 2,7) Und noch weiter heißt es, als der Engel Johannes die heilige Stadt, das neue Jerusalem zeigt: »Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, steht ein Baum des Lebens. Zwölfmal trägt er Früchte, jeden Monat gibt er seine Frucht; und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker.« (Offb 22,2) Dadurch ist ein Bezug auf die Vision des Tempelbaus des Propheten Ezechiel gegeben (Ez 47,12), die während des babylonischen Exils und danach hoffnungsgebend und tatinspirierend wirkte, sich aber aufgrund ihrer Dimensionen nicht realisieren ließ. Hier jedoch, im himmlischen Jerusalem, ist sie Realität, weil Gott es ist, der Wirklichkeit ist. So ergibt sich auch der Baum des Lebens aus der Wirklichkeit Gottes, der das Leben ist und aus dem das Leben kommt: »Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus.« (Offb 22,1)
Der Weg für unsere Rückkehr ins Paradies steht uns also offen, aus Liebe. Es ist aber nicht das irdische Paradies wie am Anfang, es ist das himmlische Paradies, das bei Gott und in Gott ist, in seiner Liebe. Und der Weg, den Jesus Christus uns durch sein Opfer am Kreuz eröffnete, durch seine Liebe, erstreckt sich vom Holz des Baums des Lebens über das Holz des Kreuzes, das Leben schenkt, bis zu dem Leben, das wir in Gott zu erhalten hoffen dürfen.
Nachdem wir uns jetzt mit dem ›Holz‹ bzw. dem ›Baum‹ im ›Baum des Lebens‹ beschäftigten, sehen wir uns an, welche Tiefe der Ausdruck ›Leben‹ hat.
Im Alten Testament gibt es unterschiedliche Ausdrücke für Leben. Die zwei wesentlichen, die gerade hier, in der Genesis, eine Rolle spielen, lauten ›Chajim‹ (חַיִּים) und ›Nefesh‹ (נֶפֶשׁ). Chajim heißt Leben und Nefesh heißt eigentlich Kehle oder Atem und bedeutet Seele bzw. lebendige Seele, auch Wesen. So wird Adam als lebendige Seele erschaffen, Nefesh chajja (נֶפֶשׁ חַיָּה), weil Gott ihm den Atem des Lebens, Nishmat chajim (נִשְׁמַ֣ת חַיִּ֑ים), einhaucht, seinen Lebensatem (vergleiche Gen 2,7 EÜ und Gen 2,7 WLC Int). Wir dürfen übrigens hinzufügen, dass der Mensch von Gott nach seinem Bild geschaffen wird, ihm ähnlich (Gen 1,26-27), also im Sinne der Gottebenbildlichkeit, und das bedeutet, in Liebe zur Liebe berufen, denn es ist »die Berufung zur Liebe das, was den Menschen zum echten Ebenbild Gottes macht«. (Benedikt XVI., Pastoraltagung, 6. Juni 2005)
Die beiden Begriffe Chajim und Nefesh werden im Neuen Testament auf Griechisch als ›Zoe‹ (ζωή) und ›Psyche‹ (ψυχή) übernommen. Psyche bezeichnet das Leben als lebendige Seele. Zoe bezeichnet das ewige Leben als Leben in Fülle. So sagt Jesus: »ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben«. (Joh 10,10) Er verwendet dabei den Ausdruck zoen (ζωὴν) in Verbindung mit perisson (περισσὸν), also überfließend. (vergleiche Joh 10,10; NE1904; NA28) In einer anderen, sehr berühmten Aussage verbindet er sogar beide, was den Unterschied besonders hervorhebt: »Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.« (Joh 12,25; EÜ, NE1904; NA28). Hier werden die beiden ersten Leben als psychen (ψυχὴν) bezeichnet und das ewige Leben als zoen aionion (ζωὴν αἰώνιον), also als ewiges Leben bzw. als Leben zeitalterliches, wenn wir es wörtlich übersetzen.
Wir sollten allerdings anmerken, dass im Alten Testament Chajim zuerst wohl eher als normales Leben verstanden wurde, was sich im Lauf der Zeit weiterentwickelte. Im Neuen Testament ist Chajim als Zoe bereits als ewiges Leben zu begreifen und ebenso auch rückblickend, weil das Alte Testament aus dem Blickwinkel des Neuen Testaments gelesen wird, entsprechend den schönen Worten des Augustinus, dass »im Alten sich das Neue verbirgt, im Neuen das Alte entbirgt«. (Augustinus, Quaestiones in Heptateuchum II, 73, eig. Übers.)
Nefesh bzw. Psyche ist also das Leben im Sinne des Seins, das wir von Gott haben. Chajim bzw. Zoe ist das Leben in Fülle, das wir in Gott finden. Es ist das wahre und wirkliche, echte und richtige Leben.
Im Deutschen fehlt uns eine solche Unterscheidung, was die Hauptwörter anbelangt. Deshalb können die Begriffe nicht ohne Weiteres übersetzt werden. Sie können aber mit Eigenschaftswörtern beschrieben werden, wie wir es gerade taten, und wie es auch beispielsweise an der zuletzt zitierten Stelle aus dem Evangelium nach Johannes in verschiedenen Bibelübersetzungen steht, wo Zoe als ›ewiges Leben‹ übersetzt wird. (Joh 12,25; EÜ, ELB, LUT, SLT)
Wenn wir nun das alles aus der Perspektive der Liebe betrachten, erkennen wir, was dieses Leben, eben dieses ewige Leben, eigentlich meint. Es ist das Leben bei Gott und mit Gott und in Gott. Und das bedeutet, es ist ein Leben in der Liebe, aus der Liebe und durch die Liebe. Es unterscheidet sich wesentlich von dem, was wir sonst als Leben bezeichnen und das kein volles Leben ist, wenn es nicht von Liebe durchdrungen ist, von Gott.
Es ist wichtig, das festzuhalten, denn der Baum des Lebens in der Genesis bezieht sich wohl eher auf das Leben des Körpers, nicht der Seele (Thomas, Summa, I, q. 97, a. 4 ad 1–3) und dient dem Menschen eher dazu, »damit ihn nicht das Alter aufreibe.« (Augustinus, De Civitate Dei, 14, 26) Denn die Seele ist unsterblich (KKK 366, 382, 990, 1703) und es kommt deshalb darauf an, in welcher Form sie das ewige Leben lebt, also ob sie bei Gott ist oder von ihm entfernt.
Wir können ja nicht wirklich sagen, ob Adam und Eva nicht vielleicht schon vor ihrem Sündenfall vom Baum des Lebens aßen oder ob sie, wenn sie nach dem Sündenfall davon gegessen hätten, ewig gelebt hätten oder ewig davon hätten essen müssen. Beides läuft aber aufs Gleiche hinaus. Der Baum des Lebens hätte Adam und Eva so oder so körperlich am Leben erhalten. Sie mussten aus dem Paradies, damit sie nicht davon essen und damit ewig leben, oder vielleicht auch, damit sie davon nicht ewig essen und entsprechend ewig leben.
Das neue Leben aber, das wir nun erhalten können, ist nicht bloß eine Verlängerung des irdischen, leiblichen Lebens, sondern ein ewiges, geistliches Leben, in dem wir als Seele nach der Auferstehung einen verherrlichten Leib empfangen. (1 Kor 15,44 EÜ, NE1904) Und das können wir nur dank Gott und seiner Liebe. Wir haben es ihm zu verdanken, dass er aus unserem Vergehen und unserer Verfehlung etwas Gutes entstehen und hervorgehen lässt. Dass er trotz unserer Übertretung ein neues Betreten nicht nur erlaubt, sondern ermöglicht und erleichtert. Und das geschieht aus Liebe. Gott wandelt unsere Abkehr zur Rückkehr und unser Weggehen zu einem Zurückkommen, in dem wir nicht bloß in alter Form zurückkehren, sondern in einer verwandelten Form in ihm ankommen. Dank seiner Liebe kann unser Sündenfall zur Auferstehung führen.
So zeigt uns der Baum des Lebens die Liebe Gottes. Dadurch, dass er ihn ins Paradies stellte. Aber auch dadurch, dass er uns den Zugang zu ihm verwehrte. Damit wir nicht in totaler Trennung schattenhaft dahinexistieren, sondern zu einem neuen, wahren, wirklichen, richtigen, echten und ewigen Leben gelangen. Der Grund dafür ist Gott und seine unendliche Liebe. Denn das wahre Leben ist nur in Gott, weil Gott das Leben ist. (Joh 11,15) Und weil er die Quelle des Lebens ist: »Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.« (Ps 36,10)
So führt uns der Weg über den Baum der Erkenntnis vom Baum des Lebens durch das Kreuz zu Gott. Es ist ein Weg der Liebe.
Schluss
Das dritte Kapitel der Genesis wird am besten aus der Perspektive der Liebe verstanden. Denn es erzählt uns, dass Gott uns liebt.
Wir sehen seine Liebe daran, dass er uns aus Liebe schuf (KKK 1604) und uns schenkte, was wir brauchten. Dass er uns aus Liebe davor warnte, vom Baum der Erkenntnis zu essen, um uns zu schützen. Dass er sich uns in Liebe zuwandte, als wir uns abwandten. Dass er uns mit Liebe bekleidete, als wir nackt waren. Dass er uns aus dem Garten Eden schickte, damit wir kein Leben außerhalb der Liebe führen, sondern das wahre Leben in Liebe finden. Dass wir aus dem irdischen Paradies mussten, um in das himmlische Paradies zu gelangen, geläutert durch Liebe in Liebe. Dass er sich für uns opferte, damit wir durch ihn und in ihm ewiges Leben in Liebe haben.
Die Erzählung muss nicht wörtlich genommen, aber in ihrer Aussage verstanden werden: »Der Bericht vom Sündenfall [Gen 3] verwendet eine bildhafte Sprache, beschreibt jedoch ein Urereignis, das zu Beginn der Geschichte des Menschen stattgefunden hat«. (KKK 390). Und die Geschichte, die es erzählt, ist eine Geschichte der Liebe Gottes.
Deshalb müssen wir die Heilige Schrift so auslegen, dass wir in ihr Gottes Liebe erkennen: »Gott liebt den Menschen« (Benedikt XVI., Deus Caritas est, 10) und zwar mit einer »absoluten Liebe«, (KKK 1604), »einer unwiderruflichen Liebe« (KKK 1648). Er ist es, »der sich in seinem Wort als unendliche Liebe offenbart« (Benedikt XVI., Verbum Domini, 82) und die »Schöpfung ist der Ort, an dem sich die ganze Geschichte der Liebe zwischen Gott und seinem Geschöpf entfaltet« (ebenda, 9).
Die Bibel sollte deshalb aus der Perspektive der Liebe gelesen werden. Das gilt auch und gerade für jene Stellen, die wir nicht gleich verstehen, die wir aber aus der Perspektive der Liebe sofort begreifen. Das dritte Kapitel der Genesis ist das beste Beispiel dafür.

Der Aufsatz "Genesis 3: Der Sündenfall aus der Perspektive der Liebe" (54 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000 0000 8402 2282) erschien im September 2026, ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.22708726) als PDF gratis heruntergeladen werden.




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