top of page

GENESIS 22: Die Opferung Isaaks aus der Perspektive der Liebe

Autorenbild: Dalibor Truhlar
Dalibor Truhlar
23. Sept.
35 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 24. Sept.

Bibelkommentar zur Bindung Isaaks bzw. Erprobung Abrahams


Autor: Dalibor Truhlar, September 2026





»Meine Gnade genügt dir«








Einleitung



Im zweiundzwanzigsten Kapitel der Genesis, des ersten Buchs der Bibel, findet sich die Erzählung von der Opferung Isaaks, auch als Bindung Isaaks oder Erprobung Abrahams bezeichnet. (Gen 22,1-19) 


Darin will Gott Abraham auf die Probe stellen. Er fordert ihn auf, seinen Sohn Isaak auf einem Berg als Brandopfer darzubringen. Abraham tut, was Gott sagt. Kurz bevor er Isaak opfern kann, greift Gott ein und ersetzt das Opfer durch einen Widder. Weil Abraham auf diese Weise seinen Glauben und Gehorsam bewies, schenkt Gott ihm Segen in Fülle, verheißt ihm Nachkommen zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand und dass die Völker der Erde sich mit seinen Nachkommen segnen werden. 


Trotz des guten Ausgangs, gehört die Erzählung zu den wohl erschütterndsten des Alten Testaments. Allerdings aus dem Grund, weil sie oft falsch gelesen wird. So, als sollte der Vater den Sohn tatsächlich opfern. Das ist aber nicht der Fall. Denn gleich im ersten Satz steht, dass Gott Abraham auf die Probe stellen will. Er will also nicht, dass er Isaak tötet. Er will ihn prüfen. Die Stelle bleibt dennoch erschütternd. Doch die Erschütterung besteht in der Liebe.


Gott zeigt durch die Prüfung seine Liebe gegenüber Abraham, gegenüber Isaak, gegenüber uns allen. Es ist nur auf den ersten Blick vielleicht nicht gleich ersichtlich, weil wir es gewohnt sind, die Erzählung aus dem Blickwinkel einer Erschütterung zu lesen, die sie missversteht. Wenn wir unseren Blickwinkel aber ändern, ändert sich alles. 


Betrachten wir die Erzählung deshalb aus der Perspektive der Liebe. Es ist die beste Perspektive, die Bibel zu verstehen. Gott ist Liebe (1 Joh 4,8.16) und deshalb sollten wir sein Wort auch als Liebe aufnehmen und in Liebe annehmen. Das zeigt sich gerade an dieser Stelle. Denn ja, sie ist erschütternd. Aber wenn wir uns mit ihr aus der Perspektive der Liebe beschäftigen, erkennen wir die Liebe in ihr und das führt zu einem besseren Verständnis.


Augustinus schreibt: »Wer immer also die Heiligen Schriften oder irgendeinen Teil von ihnen verstanden zu haben glaubt, aber durch dieses Verstehen nicht jene doppelte Liebe zu Gott und zum Nächsten aufbaut, hat sie noch nicht verstanden.« (Augustinus, De doctrina christiana, I, 36,40, eig. Übers.) Er sagt weiter, dass wer die Bibel so liest, dass er in ihr Liebe findet, sie richtig versteht, auch wenn er sich in der Auslegung des Sinns irrt: »Wer immer aber eine solche Meinung daraus gewonnen hat,  dass sie für diese aufzubauende Liebe nützlich ist, und dennoch nicht das sagt, was jener, den er liest, an dieser Stelle nachweislich gemeint hat, der wird weder verderblich getäuscht noch lügt er überhaupt.« (ebenda) Wir befinden uns dann zwar im Irrtum, aber einem, der ins Ziel bringt, so, »wie wenn jemand durch Irrtum den Weg verlässt, dennoch über das Feld dorthin gelangt, wohin auch jener Weg führt.« (ebenda, 41)



Die Erprobung Abrahams – aus Liebe zu Abraham



Betrachten wir die Erprobung Abrahams aus der Perspektive der Liebe, insofern sie mit Abraham zu tun hat. Die Erzählung beginnt mit einem Satz von entscheidender Bedeutung, einer persönlichen Anrede mit einer Antwort voller Hingabe und einer Aufforderung, die die Handlung des gesamten Kapitels zusammenfasst:


»Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sagte: Hier bin ich. Er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar!« (Gen 22,1-2) 


Der erste Satz ist deshalb von Bedeutung, weil er die Ausrichtung der gesamten Erzählung bestimmt, ihr Ziel benennt und damit ihren Rahmen vorgibt. Dass Gott Abraham prüfen will, ist etwas, woran wir beim Lesen laufend denken sollten, um die Geschichte wirklich zu verstehen. Es ist dieser Anfang, von dem sich das Ende erschließt.


Die Ansprache, mit der Gott sich an Abraham wendet, ist persönlich, weil er ihn bei seinem Namen ruft, und die Antwort, die Abraham ihm gibt, ist voller Hingabe: Er antwortet mit dem berühmten ›Hier bin ich‹, auf Hebräisch ›Hineni‹ (הִנֵּֽנִי, Gen 22 WLC Int), das ein bedingungsloses Sich-hingeben und uneingeschränktes Sich-zur-Verfügung-stellen ausdrückt. Er wird es im Lauf der Erzählung insgesamt dreimal wiederholen und jedes Mal stellt es die Antwort auf einen Ruf dar. Das erste Mal auf den Ruf Gottes, der ihn zur Opferung auffordert (Gen 22,1), dann auf die Anfrage seines Sohnes, der ihn nach dem Opfer fragt (Gen 22,7), dann auf den Ruf des Engels, der die Opferung unterbricht (Gen 22,11). Und jedes Mal ist es eine Antwort, in der sich seine Liebe ausdrückt und mit der er sich in die Liebe hineinstellt und in der Liebe aufhält. 


Die Aufforderung, mit Isaak in das Land Morija zu gehen und dort auf einen Berg, um ihn als Brandopfer darzubringen, umreißt die Handlung und stellt die Handelnden dar. Denn sie beide werden gehen, auch wenn es anders kommen wird. Und das aus dem Grund, weil Abraham Gott gehorcht. Durch diesen Gehorsam beweist er seinen Glauben und sein Vertrauen, seine Treue und seine Liebe. 


Die Liebe beweist auch und gerade Gott. Das müssen wir uns vor Augen halten. Denn die Prüfung, von der hier die Rede ist, ist eine Prüfung aus Liebe. Und sie führt zu mehr Liebe. Das mag unverständlich klingen, wenn wir an die Aufforderung denken, aber es wird verständlich, wenn wir sie aus der Perspektive der Liebe betrachten.


Gott liebt Abraham. Er begleitet ihn sein Leben lang. Er führt ihn in das Land der Verheißung. Er schenkt ihm Nachkommen. Wie sollte die Prüfung sonst zu erklären sein, wenn nicht aus Liebe? Insofern Abrahams Glaube geprüft wird, wird auch seine Liebe geprüft, die sich im Glauben ausdrückt. Der Glaube ist eine Antwort an Gott (KKK 26) und diese Antwort kann nur in Liebe gegeben werden.


Dass Gott es überhaupt zur Prüfung kommen lässt, zeigt bereits seine Liebe. Weil er Abraham dadurch die Chance schenkt, sich selbst zu erweisen. Gott weiß ja, wie es kommen wird, weil Gott allwissend ist. Gott prüft Abraham nicht, damit er etwas erkennt, sondern damit Abraham etwas erkennt, damit Isaak etwas erkennt und damit auch wir es erkennen: »erprobt wird Abraham mit der Opferung seines geliebtesten Sohnes Isaak selbst, damit sein frommer Gehorsam geprüft und den kommenden Zeitaltern bekannt gemacht wird«. (Augustinus, De Civitate Dei, 16,32, eig. Übers.)


Indem Gott Abraham prüft, lässt er ihn durch die Prüfung auch wachsen. In seinem Glauben und in seiner Liebe. So spricht der Katechismus der Katholischen Kirche gerade bei dieser Prüfung von einer »Läuterung«: »Als letzte Läuterung seines Glaubens wird von Abraham [...] verlangt, den Sohn zu opfern, den Gott ihm geschenkt hat. Sein Glaube wankt nicht«. (KKK 2572) Unter Läuterung des Glaubens können wir eine Reinigung des Glaubens verstehen, die den Glauben in einer neuen Reife vollendet. Und so lässt Gott Abraham in seinem Glauben an Glauben zunehmen und in seiner Liebe an Liebe zulegen. Aus Liebe.


Ja, die Prüfung ist erschütternd. Aber das muss sie auch sein. Wäre sie es nicht, wäre sie nicht die Prüfung, durch die Abraham und mit ihm wir alle im Glauben und Gehorsam und damit in der Liebe wachsen können. Stellen wir uns vor, wie wir reagieren würden, wenn er seinen ganzen Besitz opfern müsste. Das wäre nicht einfach, aber auch nicht beeindruckend. Stellen wir uns vor, er müsste sich selbst verletzen. Das wäre hart, aber wir könnten es uns vorstellen. Stellen wir uns vor, er müsste sich selbst töten. Das würde eine Grenze überschreiten. Aber auch hier kennen wir Beispiele von Menschen, die genau das taten. Es wäre also nicht etwas, das noch Jahrtausende später als Beispiel für die Festigkeit des Glaubens gelten könnte. Doch dass er seinen Sohn opfern soll, das tut es. Das sprengt den Rahmen. Und genau diese Rahmensprengung bildet unter anderem den Grund dafür, warum wir uns noch heute so daran erinnern, noch heute so darüber sprechen, noch heute so darüber erschüttert sind. Weil es das Ertragen der Unerträglichkeit ist, die diese Probe so einzigartig macht. Die große Härte der Prüfung ist erforderlich, um die Größe des Glaubens und Gehorsams zu belegen und auch uns noch heute sichtbar zu machen. 


Und so bricht Abraham mit Isaak und zwei Dienern auf, um zu tun, was Gott ihm sagt: 


»Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, nahm zwei seiner Jungknechte mit sich und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Brandopfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte.« (Gen 22,3)


Deshalb wird Abraham als »Vater des Glaubens« bezeichnet bzw. als »Vater aller Glaubenden«. (KKK 144, 2572, siehe auch Röm 4,11 EÜ, NE 1904 INT) Weil er in dieser Prüfung seinen Glauben beweist. Weil er dadurch auch in seinem Glauben wächst. Weil er dadurch zeigt, dass er im Glauben das Unerträgliche erträgt. »Es ist ja nicht jede Versuchung vom Übel, vielmehr gibt es auch begrüßenswerte Versuchungen, durch die es zur Erprobung kommt … Abraham hätte sicher nie geglaubt, daß Gott an Menschenopfern Gefallen finde; aber wenn ein Befehl Gottes ergeht, heißt es gehorchen, nicht sich herumstreiten.«  (Augustinus, De Civitate Dei, 16,32) Wobei wir anmerken sollten, dass es kein Verdienst des Menschen an sich ist, als würde nur die Selbstüberwindung zählen. Denn der Glaube kommt zwar aus uns, aber nicht von uns. Er ist ein Geschenk, das Gott uns gibt und das uns eben deshalb mit Kraft stärkt, damit wir ihm im Glauben antworten können. Hätte Abraham dieses Geschenk des Glaubens nicht angenommen, hätte er wohl kaum zur Prüfung antreten können. Hätte er den Glauben nicht verinnerlicht, hätte er wohl kaum die Prüfung bestanden. Hätte er nicht im Glauben geantwortet, könnten wir ihn uns heute nicht als Vorbild nehmen. Und ja, Abraham ist ein Vorbild. Nur sollten wir hier vorsichtig sein und uns noch einmal bewusst machen, worin dieses Vorbild besteht. Das Vorbild besteht darin, Gott zu glauben, ihm zu vertrauen und zu gehorchen. Es besteht nicht darin, seinen Sohn zu opfern, denn das sollte Abraham auch nicht tun. Abraham ist ein Vorbild, weil er Gott im Glauben, in Hoffnung und in Liebe antwortet. 


Wie wir wissen, gehören Glaube, Hoffnung und Liebe zusammen. (1 Kor 13,13)  Sie gehören zusammen, weil die Liebe aus Gott ist (1 Joh 4,7) und weil Gott sie in unsere Herzen ausgießt (Röm 5,5) und in unsere Seelen eingießt (KKK 1813). Indem Abraham die Prüfung meistert, wird er zum Vater des Glaubens und erweist sich damit auch als ein großer Liebender. Denn er liebt Gott. Und er zeigt es. Deshalb folgt er ihm, deshalb gehorcht er ihm. Aus Liebe. Auch die Hoffnung spielt hier eine Rolle. Wie Paulus über Abraham sagt: »Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde«. (Röm 4,18) Gerade an der Erzählung von der Erprobung Abrahams erkennen wir eine solche Hoffnung, die kein bloßes Hoffentlich ist, sondern eine Gewissheit. 


Und ja, Abraham liebt auch seinen Sohn Isaak. Gott selbst sagt gleich zu Beginn: »Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak …« (Gen 22,2) Philon spricht sogar von »unsagbarer Liebe« (Philon von Alexandria, Über Abraham, 32, auch 34) und Flavius Josephus schreibt, dass er ihn »über die Maßen« liebte (Flavius Josephus, Jüdische Altertümer, I, 13, 222). Dass er ihn liebt, ist der springende Punkt. Würde er ihn nicht lieben, wäre die Prüfung keine Prüfung. Es ist eine Prüfung, weil er ihn liebt. Ist seine Liebe zum Sohn deshalb kleiner als seine Liebe zu Gott? Wenn wir so fragen, missverstehen wir, worin die Liebe besteht und worum es bei der Liebe geht. Denn die Liebe zum Sohn hat ihren Ursprung in Gott, wie jede andere Liebe auch. Wir lieben andere, weil Gott uns diese Liebe schenkt. Indem wir die Liebe zu Gott hochhalten, halten wir jede andere Form der Liebe hoch. Die Liebe zum Sohn wird also durch die Liebe zu Gott nicht geringer, sondern im Gegenteil, wahrer. Ohne Gottesliebe gibt es keine Kinderliebe, keine Elternliebe, keine Geschwisterliebe, keine Partnerliebe, keine Menschenliebe, keine Nächstenliebe. Indem wir Gott lieben, lieben wir alle anderen. Deshalb verdankt sich das, was Abraham tut, der Liebe zu Gott, die sich der Liebe Gottes zu uns verdankt, und deshalb liebt Abraham auch und gerade seinen Sohn. 


Lesen wir weiter: »Als Abraham am dritten Tag seine Augen erhob, sah er den Ort von Weitem. Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich aber und der Knabe, wir wollen dorthin gehen und uns niederwerfen; dann wollen wir zu euch zurückkehren.« (Gen 22,4-5)


Wir könnten vielleicht annehmen, dass Abraham sich denken kann, dass er Isaak gar nicht opfern würde. Schließlich wurde ihm versprochen, dass Isaak Nachkommen haben wird und zum Zeitpunkt der Bindung hat er noch keine (Gen 25,19-26): »deine Frau Sara wird dir einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Isaak geben. Ich werde meinen Bund mit ihm aufrichten als einen ewigen Bund für seine Nachkommen nach ihm.« (Gen 17,19) »Denn nach Isaak sollen deine Nachkommen benannt werden.« (Gen 21,12, siehe auch Röm 9,7 und Hebr 11,18) Er müsste also noch Nachkommen bekommen und dazu müsste er am Leben bleiben. Manchmal wird auch darauf hingewiesen, dass Abraham zu den Dienern sagt: »wir wollen dorthin gehen und uns niederwerfen; dann wollen wir zu euch zurückkehren.« (Gen 22,5) Warum sollte er es sagen, wenn er es nicht erwarten würde? »Abraham hätte sicher nie geglaubt, daß Gott an Menschenopfern Gefallen finde; aber wenn ein Befehl Gottes ergeht, heißt es gehorchen, nicht sich herumstreiten. Indes hat Abraham – auch darin rühmenswert – an die sofortige Auferstehung seines Sohnes nach der Hinschlachtung geglaubt. Gott hatte ihm ja, als er Bedenken trug, bezüglich der Ausschaffung der Magd und ihres Sohnes den Willen seiner Frau zu erfüllen, mit klaren Worten gesagt: ›In Isaak wird dein Same gerufen werden‹.« (Augustinus, De Civitate Dei, 16,32)


Ebenso können wir sagen, dass Abraham weiß, dass Gott alles kann und deshalb auch Isaak auferwecken kann, selbst wenn er geopfert wird: »Er war überzeugt, dass Gott sogar die Macht hat, von den Toten zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.« (Heb 11,19) Das schmälert übrigens nicht Abrahams Glauben in dem Sinn, dass ihm dadurch die Prüfung leichter fällt, weil er sich eines guten Ausgangs sicher sein kann. Im Gegenteil, es bestätigt seinen Glauben, weil es belegt, wie stark sein Glaube ist, dass er sich so sicher sein kann. 


Nun wird oft eingewendet, was Abraham für ein Vater sei, wenn er auf eine Stimme hört, die ihm sagt, dass er seinen Sohn opfern soll. Dieser Einwand ist falsch, weil er von einer falschen Annahme ausgeht. Abraham hört nicht auf eine Stimme, er hört auf die Stimme Gottes. Es ist die Stimme, auf die er schon immer hörte. Sie brachte ihn dazu, seine Heimat zu verlassen und ins Ungewisse zu ziehen. (Gen 12,1) Sie verhieß ihm Land und Nachkommen. (Gen 12,2; Gen 12,7; Gen 13,15-16; Gen 15,5.18; Gen 17,4-6.8; Gen 22,17; Gen 24,7) Sie kündigte ihm die Geburt Isaaks an. (Gen 18,10.14) Sie änderte seinen Namen von Abram, erhabener Vater, zu Abraham, Vater einer Menge von Völkern (Gen 17,5), um zu verdeutlichen, dass er viele Nachkommen haben wird. Sie wandelte auch den Namen seiner Frau von Sarai, meine Fürstin, zu Sara, Fürstin, in einem allgemein gültigen Sinn, um zu bestätigen, dass von ihr Völker und Könige von Völkern stammen werden, gerade durch Isaak. (Gen 17,15-16) Es ist also nicht irgendeine Stimme im Hintergrund, sondern die eine Stimme im Vordergrund seines Lebens. Sie steht im Zentrum seines Seins, schenkt ihm alles, gibt ihm alles und so auch seinen Sohn. 


Wir sollten auch bedenken, dass, als Abraham bereit ist, seinen Sohn zu opfern, er damit auch sein eigenes Leben hingibt. Denn Isaak ist sein Leben, könnten wir sagen. Aber Leben ist nur in Gott, müssen wir sagen. Wenn er Gott nicht hätte, hätte er Isaak nicht. Er hat Isaak, weil er Gott hat. Und so geht es letztlich nicht nur um das Leben hier auf der Erde, sondern um das ewige Leben, das Leben bei, mit und in Gott.


Und deshalb, nicht trotzdem, macht Abraham sich mit Isaak auf den Weg: »Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander.« (Gen 22,6)


So beginnt ihr Aufstieg, der sich beim Lesen wie ein Abstieg anfühlen mag. In Wirklichkeit führt ihr Weg ganz hinauf nach oben. Papst Benedikt XVI.: »Und wir können uns diesen Weg auf den Gipfel des Berges vorstellen, und das, was in seinem Herzen und im Herzen des Sohnes vorging. [...] Abraham vertraut Gott vollkommen, so daß er auch bereit ist, seinen eigenen Sohn zu opfern und mit dem Sohn die Zukunft, denn ohne Sohn bedeutet die Verheißung des Landes nichts, sie endet im Nichts. Und indem er den Sohn opfert, opfert er sich selbst, seine ganze Zukunft, die ganze Verheißung.« (Benedikt XVI., Predigt, 4. März 2012) »Zum Glaubensweg Abrahams gehört der Augenblick der Freude über das Geschenk seines Sohnes Isaak ebenso wie der Augenblick der Dunkelheit, als er auf den Berg Morija steigen muß [...] Das volle Vertrauen Abrahams in einen Gott, der den Verheißungen treu ist, schwindet auch dann nicht, wenn sein Wort geheimnisvoll und schwierig, fast unmöglich anzunehmen ist.« (Benedikt XVI., Generalaudienz 19. Dezember 2021)


Bei all dem, was wir bis jetzt sagten, um die Liebe hinter der Erprobung bzw. in der Erprobung zu erkennen, dürfen wir natürlich nicht vergessen, dass Gott »der Herr ist über Leben und Tod«, wie Thomas über diese Stelle schreibt. (Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I–II, q. 100, a. 8, ad 3, eig. Übers.) Doch wenn wir Gott zuhören und auf ihn hören, erweist sich gerade seine Liebe als das Leben. Und auf diese Liebe müssen wir in Liebe antworten.


Kardinal Müller fasst es schön zusammen: »An Abraham wird sichtbar, daß der Glaube im Hinhören besteht auf das, was Gott will. Der Glaube steigt nicht als ein erhabenes Bewußtsein aus der Tiefe einer Seele empor, sondern er kommt als Anforderung und Anspruch von außen auf den Menschen zu. Glauben bedeutet: Hinhören auf den Willen Gottes und ihn tun. Das Gespräch mit Gott ist nicht ein Vorspiel, das überflüssig wäre, weil der Mensch ohnehin gehorchen muß. Gott sucht die Zustimmung des Menschen, und der Mensch, der sucht und sein Leben von dieser Suche verändern läßt, erfährt die Prüfungen und den Segen des Glaubens.« (Gerhard Müller, Eröffnungsvortrag, 26. Oktober 2014)


Das, was sich in der Erprobung Abrahams zeigt, ist die Liebe. Es ist die Liebe Gottes zu Abraham, wie wir gerade ausführten. Es ist die Liebe Gottes zu Isaak, wie wir gleich besprechen werden. Und es ist die Liebe zu uns, wie wir bald sehen werden.



Die Bindung Isaaks – aus Liebe zu Isaak



Betrachten wir die Bindung Isaaks aus der Perspektive der Liebe, insofern sie mit Isaak zu tun hat. 


Als Erstes werden wir uns sicher fragen, inwiefern es mit Liebe zu tun hat, dass Isaak überhaupt geopfert werden soll. Und hier müssen wir nochmals klarstellen, dass Isaak eben nicht geopfert werden soll. Gott fordert es zwar von Abraham, aber um ihn zu prüfen, nicht damit er es wirklich ausführt. Gerade daran können wir die Liebe erkennen. Denn Gott will nicht, dass Isaak geopfert wird, er will nicht, dass er getötet wird. Es könnte trotzdem sein, dass dieses Argument nicht alle überzeugt. Schließlich geht es hier darum, dass Isaak gebunden wird und damit um die Frage, wie sich in der Bindung Liebe ausdrückt. Gehen wir deshalb ein wenig in die Tiefe.


Vielleicht könnten wir antworten, dass sich die Liebe darin zeigt, dass Gott Isaak überhaupt einbezieht. Das mag überraschend klingen, aber wenn wir es von dieser Seite bedenken, macht es gerade im Hinblick auf die Liebe bzw. im Blick aus der Liebe heraus einen Sinn. Gott erwählt Isaak, diese Rolle zu spielen. Das ist etwas Besonderes. Damit gibt Gott auch ihm, wie schon seinem Vater, die Gelegenheit, seinen Glauben und Gehorsam zu vertiefen und in seinem Vertrauen und seiner Liebe zu wachsen. Überlegen wir nur, wie groß sein Glaube werden muss, wenn er auf diese Weise bestätigt wird, wie fest sein Gehorsam werden muss, wenn er auf diese Weise belohnt wird, wie stark sein Vertrauen werden muss, wenn es in einer solchen Weise bestärkt wird, und wie tief seine Liebe wachsen muss, wenn sie in einer solchen Weise bekräftigt wird. Nichts wird enttäuscht, alles wird erfüllt. 


Was uns beim Lesen aber möglicherweise daran hindert, das zu erkennen, ist, dass wir die Szene aus einem Blickwinkel betrachten, der uns durch die historischen Darstellungen der bildenden Kunst vermittelt ist. Berühmte Gemälde stellen die Szene als einen Kampf zwischen Abraham und Isaak dar, der sich durch eine Brutalität des Niederdrückens und Ringens auszeichnet, bei dem ein Wehrloser sich zu wehren versucht. Das geschieht aus verständlichen Gründen künstlerischer Dramatisierung, die auch berechtigt ist, weil es sehr wohl dramatisch ist. Nur steht darüber kein Wort in der Bibel. Und so enden wir mit einer Wahrnehmung, die uns darauf programmiert, Grausamkeit statt Glaube zu sehen, Gewalt statt Gehorsam, Vernichtung statt Vertrauen, Leid statt Liebe. Und das ist falsch, soweit wir es beurteilen können. Die Bibel zu lesen empfiehlt sich umso mehr.


Es trägt wohl auch ein oberflächliches Drüberlesen dazu bei, weil wir beim Sohn sehr leicht an ein Kind denken, was die Vorstellung umso schlimmer macht. Ob diese Vorstellung aber richtig ist, ist eine andere Frage. In der hebräischen Tora wird Isaak an dieser Stelle als ›na’ar‹ (נַעַר, Gen 22,5 WLC Int) bezeichnet, was mit ›Knabe‹, ›Junge‹ oder ›junger Mann‹ übersetzt werden kann. Es wird auch von ›Jüngling‹ gesprochen. In deutschen Bibelübersetzungen heißt es entsprechend ›Knabe‹ oder ›Junge‹. (Gen 22,5; EÜ, ELB, LUT, SLT) Nur ist gerade das nicht wirklich eindeutig. Denn zwischen einem Knaben und einem jungen Mann besteht ein großer Unterschied und ein Jüngling kann heute zwischen achtzehn und dreißig Jahre alt sein. Samuel, der Prophet und letzter Richter, wird als  ›na’ar‹ bezeichnet, als er entwöhnt wird (1 Sam 1,24 INT), Joseph, der Sohn Jakobs und Enkel Isaaks, als er bereits siebzehn ist (Gen 37,2 INT). Es geht also quer durch die Bank. Auch in der jüdischen Tradition. Hier wird Isaak manchmal als Fünfjähriger, manchmal als Dreizehnjähriger und manchmal als Siebenundreißigjähriger angesehen. (Ibn Ezra zu Genesis 22,5) Flavius Josephus spricht von fünfundzwanzig Jahren. (Flavius Josephus, Jüdische Altertümer, I, 13, 227) Sein Alter aufgrund der Bezeichnung abzuschätzen ist nicht möglich und mittels anderer Angaben auszurechnen nur, wenn wir Annahmen treffen, die selbst zu hinterfragen sind. 


Wir sollten aber nicht übersehen, dass Isaak offensichtlich stark genug ist, um das Holz für das Brandopfer den Berg hinaufzutragen, wie wir an der zuletzt zitierten Stelle sahen: »Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander.« (Gen 22,6) Und offensichtlich ist er auch alt genug, um eine Frage zu stellen, die ein größeres Wissen und reiferes Denken voraussetzt, wie an die weiteren Bibelverse zeigen, die die Erzählung ab dieser Stelle fortsetzen: »Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham. Er sagte: Mein Vater! Er antwortete: Hier bin ich, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? Abraham sagte: Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter.« (Gen 22,7-8)


Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Abraham zum Zeitpunkt der Bindung laut Überlieferung einiges über 100 Jahre alt ist. (Gen 21,5) Ob Isaak nun Kind oder junger Mann ist, er dürfte wohl schneller und vielleicht auch kräftiger als Abraham sein.


Und so gibt es Interpretationen, die besagen, dass Isaak sich nicht nur nicht wehrte, sondern sogar mitmachte und dadurch ebenso seinen Glauben und seinen Gehorsam bewies wie sein Vater. Sonst wäre es nicht zu erklären, warum er sich binden lässt. Das wird zwar nur kurz beschrieben, aber eben diese Kürze deutet auf den Gehorsam hin, der sich darin zeigt, dass er keinen Widerstand leistet:


»Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham dort den Altar, schichtete das Holz auf, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz.« (Gen 22,9) 


Hier ist keine Rede von Abwehr, nicht einmal von Widerspruch. Wir könnten zwar einwenden, dass es aufgrund der kurzen Darstellung übersprungen wird. Aber eine Bindung braucht sicher ihre Zeit und hätte sich ein Kampf ergeben, wäre es sicher so bedeutend, dass es erwähnt werden würde, allein schon aus dem Grund, um durch das Protestieren die Größe des Opfers zu demonstrieren. Aber das hier nicht der Fall. Wie Abraham den Anweisungen Gottes folgt, so folgt auch Isaak den Anweisungen seines Vater und damit den Anweisungen Gottes. 


So schreibt Ambrosius über den Gehorsam Isaaks und den Gehorsam Abrahams, den er zuerst erwähnt: »Sobald er das göttliche Geheiß vernommen, zögerte er mit dem Opfer nicht ferner, sondern beeilte sich, seinen Gehorsam zu beweisen. Isaak zauderte nicht, seinem Vater, der mit rascherem Schritte voranging, zu folgen; er weinte nicht, als er gebunden wurde; er begehrte keinen Aufschub, als das Opfer gebracht werden sollte.« (Ambrosius von Mailand, Über die Jungfräulichkeit, II) Und er betont auch Isaaks Glauben, wenn er sagt, dass Isaak »kraft des Glaubens nicht einmal vor dem Schlachtmesser des Vaters erzitterte« (Ambrosius von Mailand, De obitu Theodosii oratio, 9) und besonders gottesfürchtig war: »Isaak war schon als Sprößling Abrahams gottesfürchtig und von solcher Ehrerbietung gegen den Vater, daß er sich wider des Vaters Willen nicht einmal dem Tod widersetzte.« (Ambrosius von Mailand, De Officiis Ministrorum, I, 17, 66) 


Chrysostomos bezeichnet Isaaks in dieser Hinsicht sogar als fromm und sanftmütig: »Aber aus Isaaks Munde kommt kein frevelnd Wort; an ihm ist Alles fromm und sinnig. [...] Fühlt ihr euch nicht alle im Innersten ergriffen, Männer wie Frauen? Umarmt nicht ein Jedes von euch und küßt im Geiste diesen Knaben und bewundert seine Einsicht und schaut mit Ehrfurcht auf den kindlich frommen Sinn, mit dem er sich binden und auf’s Holz legen läßt, ohne ausser sich zu gerathen, ohne aufzuspringen und den Vater des Wahnsinns zu zeihen? Ja er läßt sich binden und emporheben und auf’s Holz legen, geduldig und schweigsam wie ein Lamm, oder vielmehr wie unser aller Herr. Denn Isaaks Sanftmuth war das Vorbild der Sanftmuth Christi, von dem geschrieben steht: ›Wie ein Schaf zur Schlachtbank läßt er sich führen, und dem Lamme gleich vor seinem Scheerer ist er stumm.‹« (Johannes Chrysostomos, Homilien über den zweiten Brief an die Korinther, 3, VII., zur zitierten Stelle siehe Jes 53,7; Apg 8,32; Offb 5,6; Offb 13,8)


Und Cyprian schreibt an einer Stelle über das Märtyrertum: »Denn nicht um unser Blut ist es Gott zu tun, sondern um unseren Glauben. Sind doch auch weder Abraham noch Isaak noch Jakob getötet worden, und dennoch haben sie, ausgezeichnet durch die Verdienste des Glaubens und der Gerechtigkeit, unter den Patriarchen sich den ersten Platz erworben.« (Cyprian von Karthago, Über die Sterblichkeit, Teil 2, Kapitel 17) Er spricht damit übrigens nicht gegen das Märtyrertum, sondern erklärt seinen Grund und sein Ziel. Es geht nicht um das Blutvergießen, es geht um den Glauben. Und dieser zeigt sich, indem wir Gottes Willen tun: »Wir dürfen nicht vergessen, daß wir nicht unseren, sondern Gottes Willen tun müssen nach den Worten, die uns der Herr täglich beten hieß. Wie widerspruchsvoll und wie verkehrt ist es, daß wir zwar darum bitten, daß Gottes Wille geschehe, wenn uns aber Gott ruft und von dieser Welt abfordert, nicht sofort dem Befehle seines Willens gehorchen wollen!« (ebenda, Kapitel 18)


Eine Prüfung ist deshalb nichts Schlimmes, sondern etwas Wichtiges. Sie kann zu etwas Gutem führen, wenn wir uns in ihr bewähren. Die Prüfungen Gottes als Gelegenheiten zu betrachten, durch die wir mehr in der Liebe wachsen können und mehr in die Liebe Gottes hineinwachsen dürfen, hat eine lange Tradition: »Bei alldem aber lasst uns dem Herrn, unserem Gott, danken, dass er uns ebenso prüft wie schon unsere Väter. Denkt daran, was er mit Abraham machte, wie er Isaak prüfte und was Jakob im syrischen Mesopotamien erlebte, als er die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter, hütete. Denn wie er diese Männer im Feuer geläutert hat, um ihr Herz zu prüfen, so hat er auch mit uns kein Strafgericht vor, sondern der Herr züchtigt seine Freunde, um sie zur Einsicht zu führen.« (Jdt 8,26)


In Teilen der rabbinischen Tradition wird Isaak sogar eine aktivere Rolle bei der Bindung zugesprochen. Beispielsweise soll er der Opferung zugestimmt und sogar selbst vorgeschlagen haben, gebunden zu werden, um das Opfer nicht ungültig zu machen. (Bereschit Rabbah 56, 8, Midrasch Tanchuma, Vayera 23, 3 und 4) Insofern könnten wir bei Isaak von einer besonderen Hingabe sprechen, weil Einwilligung und Mithilfe von seiner Seite aus erfolgen. 


Eine Hauptrolle der Handlung scheint er zwar nicht unbedingt zu spielen. Es ist Abraham, der vorangeht, und Isaak, der folgt. Wenn wir uns in die Szene jedoch hineindenken und hineinfühlen, müssten wir in ihm sehr wohl ein Subjekt der Handlung erkennen. Schließlich bringt er das Holz und das Feuer, stellt die Frage und ist derjenige, der gebunden wird. Er tut also etwas und es geht auch um ihn. Vielleicht könnten wir sagen, dass er ein Handelnder ist, der durch sein Nicht-Handeln handelt?


Wenn es um die Überlieferung geht, steht Abraham im Vordergrund. Wir sehen das bereits an den Namen, die diesem Kapitel in den unterschiedlichen Bibelübersetzungen gegeben werden: ›Erprobung Abrahams‹, ›Abrahams Opfer‹, ›Das Opfer Abrahams‹, ›Abrahams Gehorsamsprüfung: Die Opferung Isaaks‹, ›die schwerste Prüfung‹, ›The Sacrifice of Isaac‹, ›God tests Abraham‹ u. a. (Gen 22 EÜ, ELB, LUT, SLT, B21, ESV, NIV) In den Titeln wird also mehrheitlich von Abraham gesprochen, von Isaak wirklich nur selten. Das zeigen übrigens auch die Bezeichnungen anderer Bibelausgaben. 


Aber wir sollten Isaaks Rolle trotzdem nicht unterschätzen. Wir sehen das gut an der Bezeichnung der Erzählung im außerbiblischen Gebrauch, wo Isaak öfter erwähnt wird. Der traditionelle Ausdruck, der im Judentum für die Opferung verwendet wird, lautet ›Bindung‹, auf Hebräisch ›Akedah‹ (עקדה) bzw. ›Bindung Isaaks‹, also ›Akedat Jizchak‹ (עקדת יצחק). Damit gilt diese Bezeichnung oft als die klassische und sie bezieht sich auf Isaak. Sie ist insofern auch richtig, weil Isaak tatsächlich gebunden wird. (Gen 22,9 WLC Int) Von ›Erprobung Abrahams‹ spricht die deutsche Einheitsübersetzung der Bibel, was insofern korrekt ist, weil es das betont, worauf es bei der Erzählung ankommt, nämlich die Probe, auf die Abraham gestellt wird. Am bekanntesten dürfte jedoch der Begriff ›Opferung Isaaks‹ sein, der oft gebraucht wurde und immer noch wird und in dem von Isaak die Rede ist. Dagegen wird manchmal eingewendet, dass der Ausdruck ›Opferung‹ nicht stimmt, weil die Opferung nicht zu Ende geführt wird. Dagegen kann allerdings eingewendet werden, dass die Opferung den Prozess bezeichnet, nicht dessen Resultat. Das tatsächliche Opfer wäre, wenn es um die Bezeichnung geht, insofern nicht erforderlich, denn der Prozess findet statt, auch wenn er nicht abgeschlossen wird. Allerdings kann die Opferung insofern als vollzogen betrachtet werden, weil Abraham bereit ist, sie durchzuführen (siehe auch Philon von Alexandria, Über Abraham, 32) bzw. weil sie durch die Opferung des Widders abgeschlossen wird (Gen 22,13).


Wie dem auch sei, alle drei Bezeichnungen werden gebraucht und das Schöne daran ist, dass es nicht wirklich erforderlich ist, sich zwischen ihnen zu entscheiden. Denn worauf es selbst bei einer später eingefügten Kapitel-Überschrift ankommt, ist, was dabei herauskommt. Es sollte unser Verständnis erhellen, es vielleicht sogar vertiefen. Und es scheint, als wären alle drei Bezeichnungen, sowohl Erprobung als auch Bindung als auch Opferung, gerade in dieser Hinsicht zielführend, wenn wir sie zusammen verstehen. Denn Abraham soll erprobt werden, und zwar durch die Opferung, bei der er Isaak bindet. 


Und unabhängig davon, welche Person wir in den Vordergrund der Erzählung stellen, in ihrem Zentrum steht immer Gott. Denn nur dank Gott können Abraham und Isaak überhaupt eine Rolle spielen. Weil er sie schuf und erwählte. Weil er sie in die Bindung einbindet. Weil er sie liebt.


Wir sehen die Liebe zu Isaak auch an der weiteren Geschichte, in der Gott ihm beisteht und ihn begleitet: Er kündigt an, dass er mit ihm einen ewigen Bund aufrichten wird (Gen 17,19), erfüllt seinen Wunsch nach Nachkommen (Gen 25,21), ist mit ihm und segnet ihn (Gen 26,24). So wird Isaak neben seinem Vater Abraham und seinem Sohn Jakob zu einem der drei Erzväter Israels. Er ist der einzige von ihnen, der im verheißenen Land bleibt, reich wird, die Arbeit seines Vaters fortsetzt, Brunnen aushebt und freilegt, Rebekka heiratet und mit ihr eine Familie gründet. Zum Schluss muss er zwar erleben, wie seine Söhne Esau und Jakob miteinander streiten, aber auch, dass sie sich versöhnen und aus Jakob die zwölf Stämme Israels hervorgehen. 


So wird Gott als Gott Abrahams auch zum Gott Isaaks und zum Gott Jakobs. Als er ihm erscheint, stellt er sich ihm auch vor als der Gott seines Vaters: »In jener Nacht erschien ihm der HERR und sprach: Ich bin der Gott deines Vaters Abraham. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir! Ich segne dich und mache deine Nachkommen zahlreich wegen meines Knechtes Abraham.« (Gen 26,24) Später sagt er zu seinem Sohn Jakob: »Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks.« (Gen 28,13) Und von da an ist immer wieder die Rede davon, dass Gott der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist: »Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.« (Ex 3,6; auch Ex 3,15; Ex 3,16; Ex 4,5; Mt 22,32; Mk 15,32; Lk 23,37; Apg 3,13; Apg 7,32)


Daran erkennen wir die Liebe Gottes zu Isaak. Er ist inmitten der Erprobung, der Bindung, der Opferung, weil er geliebt wird. So können sein Glaube und sein Gehorsam tiefer und sein Vertrauen und seine Liebe größer werden. Doch bevor es soweit kommt, kommt noch der Höhepunkt der Erzählung, in dem sich alles verdichtet und alles aufgelöst wird: 


»Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel her zu und sagte: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten.« (Gen 22,10-12)


Das ist der Moment, in dem die Probe, die im ersten Satz eingeleitet wird, beendet wird, und die Prüfung, die zu Anfang beginnt, ihren positiven Abschluss findet. Abraham besteht, Isaak lebt: »Gott will nicht den Tod, sondern das Leben, das wahre Opfer bringt nicht den Tod, sondern das Leben, und der Gehorsam Abrahams wird Quelle eines unermeßlichen Segens, bis heute.« (Benedikt XVI., Predigt, 4. März 2012)


Die Erzählung bleibt dennoch erschütternd. Doch das soll sie auch. Denn das macht sie so bedeutend. Wenn wir sie aus der Perspektive der Liebe betrachten, erkennen wir diese Bedeutung, weil wir die Liebe in ihr erkennen.


Allerdings sind wir noch weit davon entfernt, die wahre Größe dieser Liebe zu sehen, wenn wir sie nur auf diese Erzählung beziehen. Um ihre Tiefe zu verstehen, müssen wir in die Geschichte eintauchen, in die die Geschichte der Opferung eingebettet ist, und in der sich die volle Liebe Gottes entfaltet, in Jesus Christus.



Die Opferung Isaaks – aus Liebe zu uns



Betrachten wir die Opferung Isaaks aus der Perspektive der Liebe, insofern sie mit uns allen noch heute und durch alle Zeiten zu tun hat. Das ist deshalb möglich, weil es nicht nur um Abraham und Isaak geht, sondern um uns alle. Und das tut es, weil es um Gott und seine Liebe geht, die sich in dieser Geschichte zeigt und in der Geschichte der Menschheit entfaltet. Denn die Opferung Isaaks verweist uns auf das größte Opfer der Geschichte, das sich hier ankündigt und auf das die Erzählung vorausdeutet. Die Opferung Isaaks ist ein Vorausbild auf das Opfer, das Jesus Christus am Kreuz erbringt. Aus Liebe zu uns. 


Bevor wir uns in dieses Bild vertiefen, sehen wir uns jedoch noch an, wie die Erzählung endet, denn das ist erforderlich, um sie zu verstehen. Wir hörten bereits, dass der Engel des Herrn Abraham aufhält und ihn davon abhält, Isaak etwas zuleide zu, weil er jetzt weiß, dass Abraham Gott fürchtet und ihm seinen Sohn nicht vorenthält. So geht es weiter:


»Abraham erhob seine Augen, sah hin und siehe, ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.« (Gen 22,13) Dem folgt ein Bibelvers, in dem Abraham den Ort benennt: »Abraham gab jenem Ort den Namen: Der HERR sieht, wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der HERR sehen.« (Gen 22,14) Hinter dem Namen verbirgt sich wohl eine Doppelbedeutung, die zeigt, dass Gott alles sieht und für alles vorsieht und der Ort ein Platz der Gottesbegegnung ist. 


Die Aussage dieser Zeilen ist bedeutend, weil sich hier die Klammer schließt, die der erste Satz eröffnet, in dem es heißt, dass Gott Abraham auf die Probe stellt. (Gen 22,1) Nun ist die Probe bestanden. Es ging nicht um die tatsächliche Opferung Isaaks, es ging um den Glauben Abrahams. Der Widder ist der vorgesehene Ersatz, für den Gott selbst sorgt. Isaak wird geschont, Abraham belohnt. 


Das belegen auch die nächsten Zeilen. Sehen wir uns die ganze Stelle an: 


»Der Engel des HERRN rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des HERRN: Weil du das getan hast und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen überaus zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen werden das Tor ihrer Feinde einnehmen. Segnen werden sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast.« (Gen 22,15-18) Es folgt dann noch der abschließende Bibelvers, der die Erzählung beendet: »Darauf kehrte Abraham zu seinen Jungknechten zurück. Sie machten sich auf und gingen miteinander nach Beerscheba. Abraham blieb in Beerscheba wohnen.« (Gen 22,19)


Die Zusage dieser Zeilen ist ebenso bedeutend, weil sich hier eine Klammer öffnet, die in die Zukunft weist. Gott verhieß Abraham bereits an einigen Stellen viele Nachkommen und auch, dass durch ihn alle Völker der Erde Segen erlangen. (Gen 12,2; Gen 13,16; Gen 15,5; Gen 17,2; Gen 18,18) Das wird hier bestätigt. (Gen 22,17). Interessant ist übrigens, dass Gott es damit begründet, dass Abraham auf seine Stimme hört: »weil du auf meine Stimme gehört hast.« (Gen 22,18) Wir sprachen im Abschnitt über Abraham darüber, dass er nicht auf irgendeine Stimme hörte, sondern auf die eine Stimme Gottes. Auch das wird hier bestätigt. 


Sowohl die Nachkommen als auch der Segen der anderen Völker sind deshalb von Bedeutung, weil sie auf Jesus Christus vorausdeuten. Dass alle Völker der Erde sich mit seinen Nachkommen segnen werden, wie Gott auch einige Kapitel später zu Isaak sagt (Gen 26,4), führt uns in das Vorausbild, wie auch der als Völkerapostel bekannte Paulus ausführt: »Abraham wurden die Verheißungen zugesprochen und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: und den Nachkommen, als wären viele gemeint, sondern es wird nur von einem gesprochen: und deinem Nachkommen; das aber ist Christus.« (Gal 3,16)


Paulus greift hier eine Formulierung auf, die aus dem Hebräischen der Tora über das Griechische der Septuaginta bis ins Griechische des Neuen Testaments reicht. Denn der Ausdruck, der im Original für ›Nachkommen‹ verwendet wird, lautet eigentlich ›Same‹ (זֶרַע, sera bzw. zera in der Tora, Gen 22,18 WLC Int, und σπέρμα, sperma in der LXX, Gen 22,18 R-H). Der Ausdruck bezeichnet also die Einzahl, kann aber auch die Mehrzahl meinen. Paulus verwendet ihn in seiner wörtlichen Bedeutung und bezieht ihn auf Christus, durch den und in dem sich die Bedeutung jedoch erweitert: »Wenn ihr aber Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben gemäß der Verheißung.« (Gal 3,29) So können wir Kinder Abrahams sein, wenn wir, entsprechend der Erzählung von seiner Erprobung, aus dem Glauben leben: »Die aus dem Glauben leben, sind Söhne Abrahams.« (Gal 3,7) Und so kann Paulus dazu aufrufen, Kinder der Verheißung zu sein wie Isaak: »Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid Kinder der Verheißung wie Isaak!« (Gal 4,28)


Auch Augustinus, der Abrahams Glauben unser Vorbild nennt, sagt, dass von ihm, Isaak, Jakob und den zwölf Stämmen Israels letztlich Maria und Jesus abstammen und damit auch wir: »von Abraham Isaak, von Isaak Jakob, von Jakob die Zwölf, von den Zwölf das Volk der Juden, vom Volk der Juden die Jungfrau Maria, von der Jungfrau Maria unser Herr Jesus Christus. [...] und was Abraham verheißen war, finden wir erfüllt in uns.« (Augustinus, Predigt 113/A, 10, eig. Übers.)


Nach der Opferung dauert es etwa 2.000 Jahre, wenn wir von der Auslegungstradition der Schriften ausgehen, bis der Herr zu seinem Tempel kommt (Mal 3,1), der Vater seinen eingeborenen Sohn schickt und Jesus Christus erscheint, um sich selbst als Opfer darzubringen für unsere Sünden. So wie Gott für den Widder sorgte, um das Opfer für die Opferung bereitzustellen, so sorgt er nun wieder für das Opfer, indem er sich selbst in der Person des Sohnes für uns hingibt. 


Dass es Jesus Christus und sein Kreuzesopfer ist, für den die Opferung Isaaks das Vorausbild darstellt, lässt sich durch viele Stellen belegen: »Isaak aber zeichnete Christus vor, insofern er selbst dargebracht wurde als Opfer.« (Thomas, Summa, II–II, q. 85, a. 1, ad 3, eig. Übers.) »Seine Stelle vertrat ohne Sträuben Isaak im Opfer.« (Ambrosius von Mailand, Lukaskommentar III, 3, 23) »Auch Isaak, der das Opfer des Herrn voraus im Bilde andeutet…« (Cyprian von Karthago, Vom Segen der Geduld, Kapitel 10) »In seiner (Isaaks) Person ist die verehrungswürdige Geburt Christi vorgebildet«. (Zenon von Verona, Predigten und Ansprachen, Buch 2, Traktat XI, 4) »So wurde Isaak, Sohn der Verheißung, der als Vorausbild unseres Erlösers dem Vater gehorsam wurde bis zum Tod, von betagten Eltern und einer lange unfruchtbaren Mutter geboren.« (Beda Venerabilis, Predigt 39, eig. Übers. aus The Complete Works of Venerable Bede, V, Homilies, Whittaker and Co., London 1843, Seite 287)


Auch Caesarius beschreibt Isaak als Vorausbild für Jesus im Sinne der Präfiguration, also der typologischen Vorausdeutung: »Als der selige Isaak von seinem Vater dargebracht wurde [...] bildete er Christus den Herrn vor«. (Caesarius von Arles, Predigt 121, eig. Übers. nach Saint Caesarius of Arles, Sermons, Volume II, The Catholic University of America Press 1963, Seite 198) »Als Abraham seinen Sohn Isaak opferte, war er ein Vorbild für Gott den Vater, während Isaak unseren Herrn und Retter vorbildete.« (ebenda, Predigt 84, Seite 16) Und er fasst es schön zusammen: »Abraham brachte Gott seinen sterblichen Sohn dar, der nicht sterben sollte, während Gott Seinen unsterblichen Sohn in den Tod hingab, um der Menschen willen.« (ebenda, Seite 18)


Dieses Vorausdeuten geht bis ins Detail: Jesus ist der Sohn Gottes, der Gott dem Vater gehorcht, sein eigenes Kreuz trägt und sich freiwillig opfert. Auch Isaak gehorcht seinem Vater, trägt das Holz für die eigene Opferung und lässt sie zu.


So schreibt Caesarius: »Als Isaak selbst das Holz für seine eigene Opferung trug, bildete er auch darin Christus, unseren Herrn, vor, der Sein eigenes Kreuz zum Ort Seines Leidens trug.« (Caesarius, ebenda, Seite 17) Und Augustinus sagt: »so wie Isaak Christus war als er für die Opferung das Holz trug.« (Augustinus, De Trinitate, 2, 6, eig. Übers., siehe auch Joh 19,17)


Sogar der Ort, an den Abraham und Isaak mit den Dienern gehen und wo die Opferung stattfindet, nämlich Morija, wird in der jüdisch-christlichen Tradition oft mit Jerusalem identifiziert. (Rashi zu Genesis 22,2, Hieronymus, Hebraicarum Quaestionum in Genesim, XXII, 2, Beda Venerabilis, De Templo Salomonis, V) Und es ist Jerusalem, wo Jesus gekreuzigt wird bzw. vor dessen Toren zur damaligen Zeit.


Bereits die Tatsache, dass sie an diesen Ort drei Tage lang unterwegs sind (Gen 22,4), erinnert an die drei Tage von Karfreitag bis Ostersonntag. Entsprechend spricht Caesarius davon, dass die Ankunft am dritten Tag das Geheimnis der Trinität repräsentiert und weist darauf hin, dass unser Herr am dritten Tag auferstand. (Caesarius, ebenda, Seite 16/17) 


Aber im Gegensatz zu Isaak, opfert Jesus sich ganz und gar. Der Widder, der bei der Bindung statt Isaak geopfert wird, wird bei der Kreuzigung durch das unschuldige Lamm ersetzt. Und es ist Jesus, der dieses Lamm ist. So sagt Johannes der Täufer, als er Jesus auf sich zukommen sieht: »Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt«. (Joh 1,29) So sagt Paulus, »als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden« (1 Kor 5,7), und es war in dem Augenblick, »in dem im Tempel von Jerusalem die Paschalämmer geopfert wurden.« (Benedikt XVI., Generalaudienz, 11. Januar 2012, auch Predigt, 5. April 2007) Und so schreibt Johannes in der Offenbarung: »Sie riefen mit lauter Stimme: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und Herrlichkeit.« (Offb 5,12) Die Pastoralkonstitution ›Gaudium et spes‹ hält fest: »Als unschuldiges Opferlamm hat er freiwillig sein Blut vergossen und uns Leben erworben.« (Gaudium et spes 22) 


Dadurch gewinnt die Aussage Abrahams: »Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen« (Gen 22,8), eine neue Tiefe. Denn jetzt können wir in ihr mehr erkennen, als die Augen auf den ersten Blick sehen können. Sie bezieht sich auf die unmittelbare Zukunft des erzählten Ereignisses, weist aber ebenso in die zeitliche Ferne und verweist auf das eine Opfer Christi, das für alle Zeiten erbracht ist: »Nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut ist er ein für alle Mal in das Heiligtum hineingegangen und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt.« (Hebr 9,12; siehe auch Hebr 7,27;  Hebr 10,10)


Selbst das Schweigen Isaaks ist vielsagend, der nur eine einzige Frage stellt und sonst eher passiv wirkt, wie im vorangehenden Abschnitt besprochen. Auch Jesus Christus schweigt an einigen Stellen und gibt den Hohepriestern, Ältesten sowie Herodes und Pilatus keine Antwort. (Mt 27,12.14; Mk 15,5; Lk 23,9; Joh 19,9) Damit erfüllt sich das alttestamentliche Wort des Propheten Jesaja: »Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, so tat auch er seinen Mund nicht auf.« (Jes 53,7, auch Apg 8,32)


Es gibt noch viele andere Details, die wir in dieser Szene finden und die als Verweise auf Jesus und sein Opfer interpretiert werden können. Das geht bis zu Kleinigkeiten, aber Wichtigkeiten wie dem Gestrüpp, in dem sich der Widder mit seinen Hörnern verfängt (Gen 22,13). Das wird an einigen Stellen mit der Dornenkrone in Zusammenhang gebracht (Augustinus, De Civitate Dei, 16,32), die Jesus aufgesetzt wird (Mt 27,29; Mk 15,17; Joh 19,2-5). Diese Deutung ist nicht weit verbreitet, aber verbürgt, und hat ihre Schönheit, weil die Dornenkrone Jesus aufgesetzt wird, um ihn zu demütigen, während er sie gerade durch seine Demut zum Symbol der Liebe wandelt. Es ist die Liebe Gottes, die das, was den Sohn erniedrigen soll, verwandelt und aus der Verhöhnung zur Erhöhung führt.


Manchmal wird im Zusammenhang mit dem Widder, der statt Isaak geopfert wird, auch angeführt, dass dadurch die Einführung des Tieropfers das bis dahin praktizierte Menschenopfer ablöste, was die Liebe noch mehr betonen würde. Denn während andere Gruppen zu dieser Zeit in dieser Region und darüber hinaus Menschen und sogar Kinder opferten, wird nun ein solches Opfer ganz klar abgelehnt. 


Letztlich werden aber auch die Tieropfer nicht mehr erforderlich sein, wenn die Zeit erfüllt ist. Papst Benedikt XVI. sagt im Zusammenhang mit der Tempelreinigung: »Die Zeit ist zu Ende, in der Tiere für Gott geopfert wurden. Immer schon waren die Tieropfer nur ein armseliger Ersatz gewesen, eine Gebärde der Sehnsucht nach der wirklichen Weise, Gott anzubeten. [...] An die Stelle der Schlacht- und Speiseopfer tritt Christi Leib, tritt er selbst.« (Benedikt XVI., Predigt, 16. März 2008)


Es sind also viele Details, die in der Erzählung das Kreuzesopfer Christi versinnbildlichen. Worauf es aber ankommt, sind nicht bloß die Deutungen im Detail, sondern die Übereinstimmung im Wesentlichen, also im Gehorsam, Vertrauen und in der Liebe. 


Jesus bezeugt durch sein Kreuzesopfer seinen Gehorsam: »Jesus war seinem Vater in Liebe gehorsam ›bis zum Tod am Kreuz‹ (Phil 2,8).« (KKK 623) »Durch seinen Gehorsam bis zum Tod wurde Jesus zum leidenden Gottesknecht«. (KKK 615) 


Er bekundet dadurch sein Vertrauen: »Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Mit diesen Worten hauchte er den Geist aus.« (Lk 23,46) Das sind die Worte Jesu am Kreuz im Evangelium nach Lukas. Sie beziehen sich auf den Psalm 31 und drücken damit eben das Vertrauen und die Hingabe aus: »Die Worte, die Jesus nach der Anrufung ›Vater‹ ausspricht, greifen ein Wort aus Psalm 31 auf: ›In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist‹ (Ps 31,6). Diese Worte sind jedoch nicht einfach nur ein Zitat. Vielmehr offenbaren sie einen festen Entschluß. Jesus ›liefert sich aus‹ an den Vater in einem Akt völliger Hingabe. Diese Worte sind ein Gebet der ›Hingabe‹, voll Vertrauen in die Liebe Gottes.«   


Er beweist damit seine Liebe: »Da Jesus die Liebe des Vaters zu den Menschen in sein menschliches Herz aufnahm, ›erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung‹ (Joh 13,1), denn ›es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt‹ (Joh 15,13). So wurde seine Menschennatur im Leiden und Sterben zum freien und vollkommenen Werkzeug seiner göttlichen Liebe, die das Heil der Menschen will [Vgl. Hebr 2,10.17-18; 4,15; 5,7-9.]. Aus Liebe zu seinem Vater und zu den Menschen, die der Vater retten will, nahm er sein Leiden und seinen Tod freiwillig auf sich: ›Niemand entreißt [mir mein Leben], sondern ich gebe es aus freiem Willen hin‹ (Joh 10,18).« (KKK 609) Seine Liebe ist die Treue, Selbstaufgabe und Selbsthingabe. »Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.« (Röm 5,8)


Und er erweist sich als »Urheber und Vollender des Glaubens«. (Heb 12,2)


Wie Abraham seinen Gehorsam und seine Liebe bis zur Opferung seines Sohnes bewies, so beweist Jesus seinen Gehorsam bis in den Tod und seine Liebe über den Tod hinaus. Diese Liebe wird nach dem Überschreiten der Schwelle und seiner Auferstehung für unsere Augen in einem Licht sichtbar, das uns ewig leuchtet. 


Wie Abraham der Vater ist und Isaak der geliebte Sohn (Gen 22,2), ist Jesus Christus der geliebte Sohn (Mt 3,17; Mk 1,11; Lk 3,22; Mt 17,5; Mk 9,7), den Gott, der Vater, »nicht verschonen, sondern für uns alle hingeben wird« (KKK 2572). Und Jesus gibt sich freiwillig. Er selbst sagt über Abraham: »Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich.« (Joh 8,56) Nur zwei Bibelverse weiter folgt eine besonders starke Aussage, die die Ewigkeit des Sohnes ausdrückt: »Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich.« (Joh 8,58) Wir verstehen sofort, dass Jesus hier sagt, dass er vor Abraham war. Die Formulierung geht aber noch tiefer, weil sie durch die Gegenüberstellung von ›wurde‹ und ›bin ich‹ die Vergangenheit des Vorangehenden und die Gegenwart des Ewigseienden verdeutlicht, sowohl im Deutschen als auch im griechischen Original und seinem Bezug auf das Hebräische. Jesus verwendet hier den griechischen Ausdruck ›genesthai‹ (γενέσθαι) für Abraham, also ›wurde‹ bzw. ›war‹ im Sinne des Werdens in der Vergangenheit, und stellt ihm den Ausdruck ›Ego eimi‹ (Ἐγώ εἰμι) gegenüber, also ›Ich bin‹ (Joh 8,58 NE1904), mit dem er sich auf die Selbstvorstellung Gottes am Berg Horeb bezieht (Ex 3,14, LXX R-H). Er sagt damit also, dass er Gott ist.


Wir erinnern uns, wie wir im Abschnitt über Abraham darüber sprachen, dass die Prüfung eine Grenze überschreitet und dass seinen Sohn zu opfern jeden Rahmen sprengt. Das ist gerade beim Kreuzesopfer der Fall. Und wir erinnern uns, wie wir sagten, wie erschütternd es für Abraham sein musste, als er aufgefordert wurde, seinen Sohn zu opfern. Hier sendet Gott, der Vater, seinen Sohn, damit er uns durch sein Opfer erlöst. Und wir wissen, wie erschütternd es für Isaak sein musste, als er sah, dass er geopfert werden sollte. Überlegen wir nun, um welche Erschütterung es sich beim Kreuzesopfer handelt.


Dass Jesus Christus sich für uns opfert, ist die wahre Erschütterung. Weil es hier nicht um die Erschütterung eines oder mehrerer Menschen geht, sondern um die Erschütterung der gesamten Menschheit, der gesamten Geschichte, der gesamten Welt.


Vielleicht dürfen wir dabei an das Erdbeben denken, das sich während der Kreuzigung ereignet, als Jesus sein Werk vollbringt: »Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus. Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. [...] Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn war dieser!« (Mt 27,50-51.54)


Das Erdbeben erschüttert die Erde, es erschüttert aber auch den ganzen Kosmos und spaltet die ganze Geschichte. Ihm folgt das tiefe Schweigen (Benedikt XI., Generalaudienz, 19. März 2008, auch Meditation, 2. Mai 2010), das sich wie ein endloser Abgrund bis zum Ostermorgen erstreckt, an dem der Jubelruf der Auferstehung erklingt und sich erweist, dass der Abgrund mit endloser Liebe gefüllt ist. 


Beachten wir, was hier neben dem Erdbeben noch beschrieben wird, nämlich, dass der Vorhang im Tempel entzweireißt. (auch Mk 15,38, Lk 23,45) Auch das ist eine Erschütterung, wenn wir bedenken, wofür dieser Vorhang steht. Der Tempelvorhang war ein schwerer Vorhang, der den Zugang zum Allerheiligsten versperrte, einem Raum, in dem ursprünglich die Bundeslade mit den Zehn Geboten aufbewahrt wurde. Dieser Platz war der Ort der Begegnung mit Gott, seiner Einwohnung bei den Menschen. Nur an einem einzigen Tag im Jahr durfte der Hohepriester durch diesen Vorhang hindurchschreiten und das Allerheiligste betreten, um Vergebung für die Sünden des Volkes zu erbitten. Er tat es, indem er die Deckplatte der Bundeslade mit dem Blut eines Stiers und eines Ziegenbocks beprengte zur Sühne für sich, seine Angehörigen und das gesamte Volk. Ein zweiter Ziegenbock wurde in die Wüste geschickt, um als Sündenbock die Sünden wegzutragen. Im Vorhof des Tempels wurde ein Widder als Brandopfer des Dankes dargebracht.


Dieser Vorhang zerreißt nun, und zwar von oben nach unten, vom Himmel her, nicht von der Erde. Gott selbst öffnet den Zugang zu sich, zur Vergebung, gewährt Eintritt, zur Erlösung. Es ist ein Akt der Liebe, der uns in seine Liebe hineinführt. Jesus nimmt durch seinen Tod unsere Sünden auf sich und damit weg. Er entsperrt, was wir versperrten, entriegelt, was wir verriegelten, schließt auf, was wir verschlossen. Der Weg zu Gott steht allen offen: »So haben wir die Zuversicht, Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch.« (Hebr 10,19-20)


Durch diese Erschütterung ist die Sünde abgeschüttelt und wir sind wachgerüttelt. Jesus tut es aus Liebe und in Liebe. Der Weg zu Gott führt ebenso in Liebe zur Liebe.


Gott liebt uns und das erkennen wir gerade an der Erprobung Abrahams. Weil die Bindung Isaaks uns als Vorbild für den Glauben und Gehorsam, das Vertrauen und die Liebe dienen können. Weil die Opferung Isaaks Licht auf das kommende Opfer wirft, in dem die unendliche Liebe Gottes in unendlichem Licht erstrahlt.



Schluss



Wenn wir die Erzählung aus der Perspektive der Liebe betrachten, verstehen wir sie besser. Wir begreifen, dass Abraham Isaak nicht töten soll, sondern geprüft wird, um seinen Glauben und seinen Gehorsam, sein Vertrauen und seine Liebe zu beweisen und sie zu vertiefen. Aus Gottes Liebe zu Abraham. Wir begreifen, dass Isaak nicht sterben soll, sondern zum Leben berufen ist, das ebenso im Glauben, Gehorsam, Vertrauen und in Liebe besteht, die wachsen können. Aus Gottes Liebe zu Isaak. Und wir begreifen, dass die Geschichte auch unsere Geschichte ist, damit sie uns als Beispiel und Vorbild dient, damit auch wir glauben und gehorchen, vertrauen und lieben und uns Gott so ganz zuwenden und ganz hingeben können. Aus Gottes Liebe zu uns.


Haben auch wir Glauben, der nicht bloß ein Fürwahrhalten ist, sondern ein Verhalten, das Gott eine Antwort in Liebe gibt. 


Haben auch wir Gehorsam, der nicht bloß ein Befolgen ist, sondern ein Nachfolgen, das auf die Stimme Gottes hört. 


Haben auch wir Vertrauen, das nicht bloß ein Hoffentlich ist, sondern eine Gewissheit, durch die Gott uns trägt und hält. 


Haben auch wir Liebe, die nicht nur ein Gefühl oder ein Gedanke ist, sondern alles, wer wir sind, weil Gott Liebe ist, sie aus ihm ist und er sie uns schenkt. 


So können und sollen auch wir zu den Nachkommen Abrahams in Isaak werden, nicht bloß durch die leibliche Abstammung, sondern durch die Verheißung Gottes, wie Paulus schreibt: »auch sind nicht alle, weil sie Nachkommen Abrahams sind, deshalb schon seine Kinder, sondern es heißt: In Isaak wird dir Nachkommenschaft berufen. Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt«. (Röm 9,7-8)


Und so können und sollen auch wir, die indem wir die Erzählung aus der Perspektive der Liebe verstehen, unseren Glauben und Gehorsam vertiefen und im Vertrauen und in Liebe wachsen.









Der Aufsatz "Genesis 22: Die Opferung Isaaks aus der Perspektive der Liebe" (45 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000000084022282) erschien im September 2026, ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.22919839) als PDF gratis heruntergeladen werden.


Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page