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GENESIS 6-9: Die Sintflut aus der Perspektive der Liebe

Autorenbild: Dalibor Truhlar
Dalibor Truhlar
vor 1 Stunde
35 Min. Lesezeit

Bibelkommentar zur Sintflut-Erzählung im Buch Genesis


Autor: Dalibor Truhlar, September 2026





»Aus Gnade seid ihr gerettet«







Einleitung



Im sechsten bis neunten Kapitel der Genesis, des ersten Buchs der Bibel, findet sich die Erzählung von der Sintflut. (Gen 6, Gen 7, Gen 8, Gen 9) Es ist eine sehr bekannte Erzählung und auch eine sehr wichtige. Allerdings könnte sie uns, wenn wir sie unaufmerksam lesen oder nur oberflächlich durchdenken, auf falsche Gedanken bringen. Schließlich ist hier die Rede davon, dass fast die gesamte Menschheit ausgelöscht wird. Wenn wir sie aber aus der Perspektive der Liebe betrachten, erkennen wir ihre volle Wahrheit. Denn sie erzählt von der Liebe.


Sehen wir uns die Erzählung von der Sintflut deshalb aus der Perspektive der Liebe an. Das ist deshalb wesentlich, weil die Bibel immer aus der Perspektive der Liebe gelesen werden sollte. Gott ist Liebe (1 Joh 4,8.16; KKK 218, 257) und alles, was er sagt und tut, geschieht aus Liebe, in Liebe und zielt auf Liebe ab. Wenn wir die Heilige Schrift unter diesem Gesichtspunkt auslegen, hilft es uns, das Wort Gottes richtig zu verstehen: Die Bibel wurde »unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet«, »unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben« und hat »Gott zum Urheber« (Dei Verbum, 11). Deshalb muss »die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden [...] in dem sie geschrieben wurde«. (Dei Verbum 12) Dieser Geist ist der Geist der Liebe, die ausgegossen ist »in unsere Herzen durch den Heiligen Geist«. (Röm 5,5) Das ist gerade an jenen Stellen entscheidend, die schwierig anmuten. Um eine solche Stelle handelt es sich wohl auch bei der Sintflut-Erzählung. Es ist deshalb wichtig herauszufinden, was das, was hier geschieht, mit Liebe zu tun hat und wie es zur Liebe führt. Die Antwort können wir schon jetzt geben: Es hat alles mit Liebe zu tun, nur mit Liebe zu tun und es führt auch zur Liebe.


Nachdem diese Stelle schon oft interpretiert wurde, wollen wir uns mit ihr nur aus diesem Blickwinkel beschäftigen. Nachdem ›Noah‹ weltweit meistens ›Noah‹ genannt wird, bleiben wir bei dieser Schreibweise und verwenden den Namen ›Noach‹ nur dort, wo er in den Zitaten so geschrieben wird. Nachdem die Erzählung vier Kapitel umfasst, müssen wir nicht jeden Bibelvers in der richtigen Reihenfolge zitieren, sondern nur ausgewählte, die thematisch zum jeweiligen Abschnitt passen. Es ist also eine gute Gelegenheit, die Kapitel parallel selbst nachzulesen bzw. wieder zu lesen.



Warum die Sintflut – aus Liebe



In sechsten Kapitel der Genesis wird berichtet, wie es zur Sintflut kommt: 


»Der HERR sah, dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war. Da reute es den HERRN, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh. Der HERR sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben.« (Gen 6,5-7


Nur wenige Zeilen weiter wird der Grund dafür näher ausgeführt: 


»Die Erde aber war vor Gott verdorben, die Erde war voller Gewalttat. Gott sah sich die Erde an und siehe, sie war verdorben; denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben. Da sprach Gott zu Noach: Ich sehe, das Ende aller Wesen aus Fleisch ist gekommen; denn durch sie ist die Erde voller Gewalttat. Siehe, ich will sie zugleich mit der Erde verderben.« (Gen 6,11-13


Wenn wir genau hinsehen, merken wir, dass hier zwei Wörter mit dem gleichen Wortstamm vorkommen, ›verdorben‹ und ›verderben‹. Beide hängen auch im hebräischen Original zusammen, wo das Wort für ›verdorben‹ ›nischtachata‹ (נִשְׁחָתָה, Gen 6,12 WLC Int) lautet und das Wort für ›verderben‹ ›maschchitam‹ (מַשְׁחִיתָ֖ם, Gen 6,13 WLC Int). Das Verderben führt also zum Verderben. Insofern könnten wir es auch in der Weise verstehen, dass das eine aus dem anderen folgt und eine logische Konsequenz darstellt. 


Nur ein paar Bibelverse später wird die Sintflut beschrieben: 


»Ich bin es. Siehe, ich will die Flut, das Wasser, über die Erde bringen, um alle Wesen aus Fleisch unter dem Himmel, alles, was Lebensgeist in sich hat, zu verderben. Alles auf Erden soll den Tod finden.« (Gen 17)


Gott sieht also, wie böse die Menschen sind und schickt die Sintflut, um sie zu tilgen. Es dürfte deshalb klar sein, warum die Sintflut sich ereignet, nämlich wegen der Menschen, und wer die Schuld daran trägt, nämlich die Menschen. Die Sintflut war furchtbar, aber sie war es aus dem Grund, weil die Menschen furchtbar waren. Sie waren es, die durch ihre Bösartigkeit und ihr Benehmen die Sintflut verschuldeten. Sie waren nicht in der Liebe und so war die Liebe nicht in ihnen. Die Liebe kann aber nur gewinnen, wenn der Hass unterliegt. Deshalb kam die Sintflut. Vielleicht, so können wir hoffen, wurden die Menschen dadurch sogar davor bewahrt, noch größeres Übel anzurichten, durch das sie sich dann gänzlich verdammt hätten, ohne Aussicht auf Rettung. Denn, so dürfen wir hoffen, die unendliche Gnade Gottes eröffnet auch den größten Sündern neue Wege zur Liebe.


Vertiefen wir uns aber gerade deshalb noch mehr in die Frage: Wenn Gott Liebe ist und er alles, was er tut, aus Liebe tut, wie lässt es sich damit vereinbaren, dass er die Sintflut schickt, die fast die ganze Menschheit auslöscht? Diese Frage klingt naheliegend und lässt sich wohl nicht nur durch den Verweis auf die offensichtliche Verantwortung des Menschen beiseite schieben. Sie ist umso wichtiger, weil ihre Beantwortung die Liebe Gottes beweist und zugleich belegt, wie falsch unser Denken ist, wenn wir eine solche Frage überhaupt stellen müssen und die Antwort nicht selbst gleich wissen. Denn die Sintflut lässt sich sogar sehr einfach mit der Liebe vereinbaren, weil es die Liebe ist, auf die die Sintflut abzielt. Betrachten wir es aus der Perspektive der Liebe.   


Die Sintflut kommt, um die Bosheit wegzuspülen, die Gewalt wegzuwaschen, die Verdorbenheit wegzuschwemmen. Also genau aus dem Grund, von dem gleich zu Beginn die Rede ist: »Der HERR sah, dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war.« (Gen 6,5) Und wie es weiter heißt: »Die Erde aber war vor Gott verdorben, die Erde war voller Gewalttat. Gott sah sich die Erde an und siehe, sie war verdorben; denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben.« (Gen 6,11-12


Gott handelt also gegen diese Verdorbenheit, gegen diese Gewalt, gegen diese Bosheit. Und das ist natürlich etwas Gutes. Und es geschieht selbstverständlich aus Liebe. Aus welchem Grund denn sonst? Wenn jemand etwas gegen das Böse unternimmt, ist das nicht böse, sondern gut. Wenn jemand etwas gegen die Gewalt tut, handelt er nicht schlimm, sondern richtig. Wenn Hass und Zorn zerstört werden, Grausamkeit und Ungerechtigkeit ausgelöscht, Geiz und Gier vernichtet, Neid und Feindseligkeit besiegt, dann stärkt das die Liebe. Und die Zustände dieser Zeit waren besonders schlimm, wie bereits die Tradition der rabbinischen Tora-Auslegung belegt: Der Mensch brachte das größte Unheil auf die Erde, die Gegenwart ist über alle Maßen schlecht (Hirsch, Gen 6,5), es herrschen Diebstahl und Unterdrückung, Frauen werden gegen ihren Willen genommen (Ibn Ezra, Gen 6,11). Wundern wir uns deshalb nicht, dass die Liebe Gottes sich gegen all das wendet, denn all das widerspricht der Liebe.


Fragen wir uns stattdessen etwas anderes: Wie oft beschweren sich die Menschen darüber, welche schlimmen Dinge auf der Welt passieren und warum Gott nichts dagegen tut? Hier tut er etwas dagegen und wir wollten uns wieder beschweren? Denken wir an den aufrüttelnden Ruf des Propheten Habakuk: »Wie lange, HERR, soll ich noch rufen und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht. Warum lässt du mich die Macht des Bösen sehen und siehst der Unterdrückung zu? Wohin ich blicke, sehe ich Gewalt und Misshandlung, erhebt sich Zwietracht und Streit.« (Hab 1,2-3) Doch dann kommt die Antwort auf seine Klagen: »Der HERR gab mir Antwort und sagte: Schreib nieder, was du siehst, schreib es deutlich auf die Tafeln, damit man es mühelos lesen kann! [...] Sieh her: Wer nicht rechtschaffen ist, schwindet dahin, der Gerechte aber bleibt wegen seiner Treue am Leben.« (Hab 2,2.4) Und dann folgt die Reaktion: »Du hast deinen Bogen aus der Hülle genommen, gesättigt sind die Pfeile mit Botschaft. Du spaltest die Erde und es brechen Ströme hervor. Wenn sie dich sehen, erbeben die Berge, das Tosen der Wasser rauscht vorüber; es erhebt die Urflut ihre Stimme, hoch oben vergisst die Sonne ihre Strahlen.« (Hab 3,9-10) Obwohl diese Zeilen lange nach der Sintflut geschrieben werden, beschreiben sie ihren Kern sogar mit passenden Worten, übrigens auch, was den Bogen und die Pfeile anbelangt, wie wir im vorletzten Abschnitt sehen werden. 


Gott gibt uns so viele Chancen, damit wir uns ändern, und so viel Zeit, damit wir uns bessern. Allein zwischen Adam und Noah liegen 10 Generationen und zwischen dem Garten Eden und der Sintflut über 1.600 Jahre, wenn wir uns nach den Altersangaben der Bibel richten. Das ist genug Dauer mit genug Gelegenheiten, um damit zu beginnen, uns anständig zu benehmen. Wenn wir sie nicht nutzen, brauchen wir uns nicht zu beschweren, dass es auf der Welt schlimm aussieht und letztlich schlimm mit ihr endet. Wie Augustinus über die Sintflut schreibt, Gott gibt allen Zeit zur Buße. (Augustinus, Vom ersten katechetischen Unterricht, 2, 19)


Gott schickt die Sintflut nicht, um die Menschen einfach zu bestrafen, denn das tun sie selbst, indem sie sich von ihm abwenden und der Sünde zuwenden. Gott sendet die Sintflut, damit die Bosheit und die Gewalt getilgt werden, die das Gegenteil von Liebe sind. Er tut es aus Liebe. Denn die Sintflut kommt, um die Sünde wegzuschaffen, die die Menschen von der Liebe wegführt und zum Bösen hinführt. 


Gott tut es übrigens nicht leichten Herzens, im Gegenteil, es tut seinem Herzen weh: »Da reute es den HERRN, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh.« (Gen 6,6) Aber beachten wir gerade an dieser Stelle, was es ist, was seinem Herzen wehtut. Es ist, dass er den Menschen machte und der Mensch so wurde. Das ist das Problem und die Ursache des Übels. Die Sünde. Nicht die Sintflut.


Daran erkennen wir, wie schlimm die Sünde ist. Wenn wir uns vorstellen, wie entsetzlich es ist, dass fast die ganze Menschheit ausgelöscht wird, können wir uns vielleicht vorstellen, wie überentsetzlich die Sünde sein muss, die dazu führt. Die Sintflut ist eine Katastrophe fürchterlicher Ausmaße, aber die Sünde ist die Katastrophe fürchterlichster Ausmaße. Und Gott ist der Erste, der es sieht, und der Einzige, der dagegen handelt. Ihm tut es leid. Den Menschen, die der Sintflut zum Opfer fallen, nicht. Weil er Liebe ist. Und die Menschen, die der Sintflut zum Opfer fallen, nicht. Daran erkennen wir, dass es bei der Sintflut nicht um die ganze Menschheit geht, sondern nur um einen Teil der Menschheit. Und zwar jenen, der die ganze Menschheit von der Liebe abbringt.


Deshalb sollten wir die Frage, wie Gott die Sintflut schicken kann, um fast die ganze Menschheit zu vertilgen, so gar nicht formulieren, sondern sie inhaltlich präzisieren: Wie kann Gott die Sintflut schicken, die alle auslöscht, die böse sind und Böses tun, die gewalttätig handeln und mit ihrer Gewalt die Welt, die Liebe und alle anderen zerstören? Plötzlich wird uns klar, dass wir die Antwort längst kennen. Denn wie anders sollte es denn sein? Es passiert nicht einfach aus dem Grund, weil Menschen, die so sind, es verdienen. Sondern aus dem Grund, weil die Menschen, die nicht so sind, es verdienen. Denn diejenigen, die Gutes tun, die sich bemühen, gerecht zu handeln, die in Liebe sind und Liebe geben, diese sollten in Liebe sein dürfen. Ohne die Verdorbenheit der Bösartigen und Gewalttätigen, die sich gegen die Liebe stellen, gegen die Barmherzigkeit, gegen die Gerechtigkeit.


Wie Ambrosius schreibt: »Darum ließ Gott, da er wiederherstellen wollte, was verloren war, die Sintflut entstehen und hieß den gerechten Noë in die Arche steigen.«  (Ambrosius von Mailand, Über die Mysterien, III, 10) Denn, so sagt Hieronymus: »Die Welt sündigt und kann nur im Wasser der Sintflut gereinigt werden.« (Hieronymus, Briefe, 69, An Oceanus)



Wozu die Sintflut – für Liebe



Das Schlimme an der Sintflut waren die Sünden der damaligen Zeit. Denn es waren die Sünden, die zur Sintflut führten. Ohne Sünden hätte es keine Sintflut gegeben. Die Sintflut fand statt, weil die Menschen sich freiwillig von Gott abwandten und der Sünde zuwandten. So trifft die Sünde die Schuld an der Sintflut und mit ihr die Menschen. Die Menschen sind für Liebe geschaffen und sie wenden sich von ihr ab. Nach der ersten Sünde erhalten wir neue Chancen und wir nutzen sie für neue Sünden. Das hat nichts mit Liebe zu tun, sondern mit ihrem Gegenteil.


Fragen wir aber nicht nur nach dem Grund, also warum die Sintflut passierte, sondern auch nach dem Ziel, also wozu sie geschah. Es scheint offensichtlich, dass sie dazu diente, die Sünden wegzuwaschen, »um die Menschheit in der Sintflut zu erneuern.« (Franziskus, Desiderio Desideravi, 13) Und erneuert wurde sie für die Liebe. 


Das zeigt sich bereits am Wort ›Sintflut‹, das gerade im Deutschen eine Geschichte durchlief, die von einem Irrtum geprägt war, in dem sich jedoch die Wahrheit andeutet. Das Wort ›Sintflut‹ kommt vom althochdeutschen ›Sinfluot‹, das im frühen Mittelalter verwendet wurde und sich im Mittelhochdeutschen zu ›Sinvluot‹ wandelte. Seit etwa dem 11. Jahrhundert wird es mit einem eingefügten ›t‹ als ›Sintvluot‹ bezeichnet. Das Wort ›Sin‹ könnten wir mit ›immer‹, ›überall‹, ›immerwährend‹, ›andauernd‹, ›umfassend‹, ›groß‹ oder ›allumfassend‹ übersetzen. Es kommt von ›sim‹, das sich vom indoeuropäischen ›sem‹ ableitet und das mit ›eins‹ oder ›in eins zusammen‹ im Sinne von ›einheitlich‹, ›zusammen‹ oder ›in einem Stück‹ übersetzt werden könnte. ›Fluot‹ ist natürlich die ›Flut‹ im Sinne von fließendem Wasser. Dementsprechend lässt sich der Ausdruck ›Sintflut‹ als eine umfassende und dauernde Überschwemmung verstehen. 


In der folgenden Zeit, insbesondere ab dem 16. Jahrhundert, bürgerte sich im Deutschen allerdings die Bezeichnung ›Sündflut‹ ein. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Volksetymologie, also eine interpretative Umdeutung, die in das Wort etwas hineinlegt und es entsprechend auslegt, also aus dem ›Sint‹ die ›Sünde‹ macht. Diese Bezeichnung ist sprachlich nicht korrekt, aber inhaltlich nicht unrichtig, weil es nicht nur um die Sprache geht, sondern um die Sünde, die hier tatsächlich weggewaschen wird. 


Dafür sind die griechische und die lateinische Übersetzung der Genesis die besten Belege. Die griechische Septuaginta nennt die Sintflut ›kataklysmon hydor‹. (κατακλυσμὸν ὕδωρ, Gen 6,17 LXX R-H) ›Kata‹ heißt ›hinab‹ oder ›herab‹ und ›klysmos‹ bedeutet ›Spülen‹ oder ›Waschen‹. Wir könnten es also als ›Herabspülen‹ interpretieren im Sinne von Reinigung durch Wasser, denn ›Hydor‹ steht für ›Wasser‹. Die Säuberung von der Sünde wäre hier offensichtlich. 


Ähnlich verhält es sich in der lateinischen Nova Vulgata, die von der Sintflut als ›Diluvium‹ spricht. (Gen 6,17 NV) ›Di‹ oder ›dis‹ heißt ›auseinander‹ bzw. ›weg‹ und ›luere‹ bedeutet ›waschen‹ oder ›baden‹. Insofern könnten wir hier wortwörtlich an das ›Wegwaschen‹ oder ›Wegbaden‹ der Sünde denken. 


Interessanterweise wird der deutsche Ausdruck ›Sintflut‹, den wir gewohnt sind zu verwenden, im Text einiger deutscher Bibelübersetzungen gar nicht genannt, nur bei Luther, Schlachter und Zürcher (Gen 7, EÜ, ELB, LUT, SLT, ZÜ). Die Einheitsübersetzung und die Elberfelder verwenden ihn nur als Kapitelnamen, wie auch Luther und Zürcher, und bleiben sonst bei ›Flut‹. (Gen 6, EÜ, ELB, LUT, SLT, ZÜ) Ebenso verhält es sich in den englischen Übersetzungen, wo von ›Flood‹ gesprochen wird (Gen 6, ESV, KJV, NIV), obwohl im normalen Sprachgebrauch der Ausdruck ›Great flood‹ oder ›Deluge‹ verwendet wird, ähnlich dem französischen ›Déluge‹, dem spanischen ›Diluvio‹ oder dem italienischen ›Diluvio universale‹. Im Tschechischen heißt Sintflut übrigens ›Potopa světa‹, also die ›Flut der Welt‹, wobei in den tschechischen Bibelübersetzungen ›Potopa‹ oder ›Záplava‹ angeführt ist, gleichermaßen ohne den Ausdruck ›Welt‹, ähnlich den anderen Übersetzungen. (Gen 6, BKR, B21) ›Potopa‹ kommt von ›potopit‹, also ›versenken‹, und heißt entsprechend ›das Versenken‹. Interessanterweise deutet ›po‹ in diesem Zusammenhang an, dass man etwas unter die Oberfläche bringt und ›topit‹ im Sinn von ›topit se‹ heißt ›ertrinken‹, bezeichnet aber noch den Vorgang. In ›Záplava‹ steckt ›za‹, das in diesem Zusammenhang die Vollendung andeutet, und ›plavit‹, also ›schwemmen‹, deshalb ›Überschwemmung‹. 


Der hebräische Ausdruck für Sintflut lautet im Original allerdings ›ha-mabbūl mayim‹ (הַמַּבּ֥וּל מַ֖יִם, Gen 6,17 WLC Int). Das heißt, um genau zu sein, ›die-Flut Wasser‹. Ha (הַ) ist der bestimmte Artikel, Mabbul (מַבּוּל) steht für die ›Flut‹ und Mayim (מַ֙יִם֙) für ›Wasser‹, das eigentlich ein Plural ist und deshalb ›die Wasser‹ heißt. Der Ausdruck ›Flut‹ wird auch ohne den Zusatz ›Wasser‹ verwendet, es ist also ein feststehender Ausdruck im Sinne von Flut. 


Wir sehen daran, dass die Sprache oft unterschiedliche Wege geht und manchmal sogar Umwege einschlägt. Wir müssen es deshalb mit dem sprachlichen Wegwaschen der Sünden nicht übertreiben. Aber vielleicht hilft uns dieser Hintergrund, es besser zu verstehen. Denn das Abwaschen der Sünden steht inhaltlich im Vordergrund.


Gott sagt gleich zu Beginn der Sintflut-Erzählung, dass er die Menschen vom Erdboden vertilgen wird. (Gen 6,7) Für ›vertilgen‹ wird ein Wort gebraucht, das eigentlich ›abwischen‹ heißt, nämlich ›emcheh‹ (אֶמְחֶ֨ה, Gen 6,7 WLC Int). Dieses Verb bedeutet ›tilgen‹ oder ›vertilgen‹ im Sinne von ›auslöschen‹ und ›vernichten‹. So wird es auch in deutschen Bibeln als ›vertilgen‹ übersetzt. (Gen 6,7 EÜ, ELB, LUT, SLT) Aber das heißt es aus dem Grund, weil die Verbwurzel ›machah‹ eigentlich ›abwischen‹ heißt im Sinn von etwas abwischen, etwas sauber machen. In dieser Bedeutung wird es auch an anderen Stellen als Abwischen oder Wegwischen der Vergehen und Verbrechen verwendet, der Übertretungen und Missetaten, der Frevel und Sünden. (vergleiche Jes 43,25 EÜ mit Jes 43,25 WLC Int, mocheh, מֹחֶ֥ה; Jes 44,22 EÜ mit Jes 44,22 WLC Int, machiti, מָחִ֤יתִי; Ps 51,1.11 EÜ mit Ps 51,1 WLC Int und Ps 51,9 WLC Int, beide Male mecheh, מְחֵ֣ה) Das unterstreicht, dass die Sintflut ein Wegwaschen und Wegwischen ist, das wir eben auch auf die Sünden beziehen können. Es dürfte nicht bloß ein Akt sein, der der Vernichtung und Auslöschung dient, sondern auch dem Wegwaschen und Wegwischen von etwas, das weggewaschen und weggewischt gehört. Dadurch wurde die damalige Welt von Vergehen und Verbrechen gereinigt, von Übertretungen und Missetaten gesäubert, von Frevel und Sünden zumindest kurzzeitig befreit.


Uns sollte deshalb jeder Mensch leidtun, der der Sintflut zum Opfer fiel. Und noch mehr. Uns sollte jeder Mensch leidtun, der schon davor zu Schaden kam, weil er der Sünde zum Opfer fiel. Weil ihn die Gewalt zerstörte, die er ausübte, weil ihn das Böse vernichtete, das er verrichtete, weil ihn die Sünde auslöschte, die er beging. Wir sollten Mitleid mit allen haben, nicht nur, weil die Sintflut sie tilgte, sondern weil sie sich durch das, was sie taten, selbst tilgten. 


Deshalb ist gerade die Sintflut ein Beispiel für uns, mit Gott zu gehen, gerecht zu sein, Liebe zu sein, wachsam zu sein: »Und wie es in den Tagen des Noach war, so wird es auch in den Tagen des Menschensohnes sein. Die Menschen aßen und tranken und heirateten bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging; dann kam die Flut und vernichtete alle.« (Lk 17,26-27) »Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.« (Mt 24,42


Die Sintflut war gerecht, wenn es um ihren Grund geht. Denn sie wischte das Böse weg. Die Sintflut war auch gnädig, wenn es um ihr Ziel geht. Denn das Wegwaschen der Sünde schuf Platz für die Liebe. In dieser Liebe können und dürfen, sollen und müssen wir sein. Wir müssen in Gottes Gerechtigkeit immer die Gnade sehen und in seiner Gnade immer die Gerechtigkeit: »weder kann seine Gnade ungerecht sein, noch seine Gerechtigkeit grausam.« (Augustinus, De Civitate Dei, 12, 28, eig. Übers.)



Die Rettung Noahs – mit Liebe



Nachdem Gott beschließt, den Menschen aufgrund seiner Bösartigkeit vom Erdboden zu vertilgen (Gen 6,7), findet Noah Gnade in seinen Augen: »Nur Noach fand Gnade in den Augen des HERRN.« (Gen 6,8) Dass es nur Noah ist als einer unter vielen, zeigt, wie schlimm es mit den Menschen steht und um sie steht. Im nächsten Bibelvers wird der Grund dafür genannt, warum ausgerechnet Noah Gnade in Gottes Augen findet und seine Familie wird angeführt: »Das ist die Geschlechterfolge nach Noach: Noach war ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen; er ging mit Gott. Noach zeugte drei Söhne: Sem, Ham und Jafet.« (Gen 6,9-10


Noah ist also gerecht und untadelig und geht mit Gott. Wir können uns wohl auch ohne tieferes Wissen vorstellen, was damit gemeint ist. Allerdings hat der Ausdruck ›gerecht‹ eine besondere Bedeutung, die es sich lohnt, zu verstehen. Ein ›Gerechter‹ heißt auf hebräisch ›Zaddik‹ und ist im Judentum ein Ehrentitel für Menschen von besonderer Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit, die das Gesetz befolgen und mehr tun, als es fordert. Noah lebt also entsprechend dem Gesetz und zwar in untadeliger Weise, er hält sich daran ganz und gar. Petrus nennt ihn sogar den »Künder der Gerechtigkeit«. (2 Petr 2,5) Dass er mit Gott geht, bedeutet, dass er mit Gott lebt. Er steht zu ihm in ständiger Beziehung, ist mit ihm im Vertrauen verbunden, folgt ihm im Gehorsam, wandelt mit ihm. (Gen 6,9 EÜ, ELB, LUT, SLT) Diese Beziehung, dieses Vertrauen und dieser Gehorsam zeigen sich unter anderem daran, dass er absolut alles tut, was Gott ihm anordnet. Als Gott ihm sagt, dass er eine Arche bauen soll, baut er eine Arche. (Gen 6,14.22) Als Gott ihm sagt, dass er mit seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhne in die Arche gehen soll, geht er in die Arche. (Gen 6,18.22) Als Gott ihm sagt, dass er mit seiner Familie aus der Arche herauskommen soll, kommt er aus der Arche heraus. (Gen 8,16.18) Noah geht also mit Gott im wahrsten ebenso wie im wörtlichsten Sinn. Sein Gerechtsein ist ein Gerechtsein auf Gott hin und von Gott aus. 


Im Buch der Weisheit wird in dieser Hinsicht auf Noah  Bezug genommen, und zwar an der Stelle, wo von Adam und Kain die Rede ist und wo Letzterer aufgrund seines Zorns, Abfalls und des Brudermordes als Ungerechter bezeichnet wird. Dadurch wird gezeigt, dass die Sintflut wegen der Ungerechtigkeit kam und Noah durch die Gerechtigkeit überlebte: »Die Weisheit hat die Erde, die seinetwegen überflutet wurde, wieder gerettet und den Gerechten auf wertlosem Holz durch die Wasser gesteuert.« (Weish 10,4) Allerdings ist hier mit Weisheit noch unendlich mehr angesprochen, da sie typologisch für Jesus Christus steht. (1 Kor 1,24)


Was ist der Grund für die Rettung, die hier angesprochen ist und um die es bei der Sintflut geht? Wir wissen, dass Noah Gnade in Gottes Augen findet, weil er gerecht und untadelig ist und mit Gott geht. Aber worin besteht die Gnade? Vielleicht könnten wir sagen, dass die Gnade hier ein Ausdruck der Liebe Gottes ist. Sie äußert sich in der konkreten Zuwendung Gottes zum Menschen, die seiner Liebe entstammt und ihn in seiner Liebe aufnimmt. Sie ist »das Wohlwollen, die ungeschuldete Hilfe, die Gott uns schenkt, um seinem Ruf zu entsprechen.« (KKK 1996, siehe auch KKK 2021) Die Gnade deutet auf Liebe hin, weil sie Liebe bedeutet: »Gnade bedeutet die Liebe in ihrer Reinheit und Schönheit, sie ist Gott selbst so wie er sich in der Heilsgeschichte offenbart hat, über die die Bibel berichtet und die in Jesus Christus ihre Erfüllung findet.« (Benedikt XVI., Ansprache, 8. Dezember 2012)


Aus dieser Liebe heraus sagt Gott zu Noah, dass er sich eine Arche bauen soll, wörtlich eigentlich einen ›Kasten‹ (hebräisch teva, תֵּבָה, griechisch kibotos, κιβωτός). Dieser wird ihm und seiner Familie sowie den Tieren während der Sintflut als Schiff dienen. Für den Bau gibt er ihm sogar sehr genaue Anweisungen, was Materialien, Ausmaße und Einrichtung anbelangt: »Mach dir eine Arche aus Goferholz! Statte sie mit Kammern aus und dichte sie innen und außen mit Pech ab! So sollst du sie machen: Dreihundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch soll sie sein. Mach der Arche ein Dach und hebe es genau um eine Elle nach oben an! Den Eingang der Arche bring an der Seite an! Richte ein unteres, ein zweites und ein drittes Stockwerk ein!« (Gen 6,14-16


Gott sagt weiter zu Noah, dass er Tiere in die Arche bringen soll, damit auch diese überleben: »Von allem, was lebt, von allen Wesen aus Fleisch, führe je zwei in die Arche, damit sie mit dir am Leben bleiben; je ein Männchen und ein Weibchen sollen es sein. Von allen Arten der Vögel, von allen Arten des Viehs, von allen Arten der Kriechtiere auf dem Erdboden sollen je zwei zu dir kommen, damit sie am Leben bleiben. Nimm dir von allem Essbaren mit und leg dir einen Vorrat an! Dir und ihnen soll es zur Nahrung dienen.« (Gen 6,19-21)


Gott lässt Noah und seine Familie die Sintflut also überleben, die Tiere ebenso. Und er gibt ihnen auch die Mittel dazu, um sie zu schützen. Er rettet sie. Und er rettet sie aus Liebe. Das erkennen wir auch daran, was während der Baubeschreibungen noch gesagt wird. Denn zwischen den Anweisungen und unmittelbar bevor er ihm sagt, dass er mit seiner Familie in die Arche gehen soll, sagt Gott zu Noah etwas Entscheidendes. Er sagt ihm, dass er mit ihm seinen Bund aufrichtet: 


»Mit dir aber richte ich meinen Bund auf. Geh in die Arche, du, deine Söhne, deine Frau und die Frauen deiner Söhne!« (Gen 6,18


Dass Gott mit Noah einen Bund aufrichtet, bedeutet, dass er von sich aus, freiwillig, bedingungslos und uneingeschränkt eine dauerhafte, beständige und treue Verbindung eingeht, bei der er mit seinem Versprechen als Verpflichtung in Vorleistung geht. Es ist wichtig, das zu verstehen. Denn das Schließen des Bundes ist kein Bündnis, das auf Gegenseitigkeit basiert, wie es zwischen Menschen der Fall ist, die ihn als gleichberechtigte Partner eingehen. Dieser Bund basiert nicht auf Gegenseitigkeit, weil der Mensch erst einmal nichts zu ihm beiträgt, sondern wird von Gott einseitig eingesetzt, nämlich von seiner Seite aus. Das macht ihn zu einem Bund ohnegleichen, weil es sich um ungleiche Partner handelt. Er wird von Gott gewährt und stellt sein Entgegenkommen dar. Gott schließt den Bund mit dem Menschen ungeschuldet und der Mensch empfängt den Bund mit Gott unverdient. Gott tut das aus Liebe. Und der Mensch braucht nur in Liebe zu antworten. Das Wort ›Bund‹ kommt hier übrigens das erste Mal in der Bibel vor. (Päpstliche Bibelkommission, Bibel und Moral, 2.2.1.a.)


Und so sagt Gott wenige Bibelverse später, zu Beginn des siebten Kapitels: »Der HERR sprach zu Noach: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus, denn ich habe gesehen, dass du in dieser Generation ein Gerechter vor mir bist!« (Gen 7,1)


Im weiteren Verlauf wird die Sintflut beschrieben. Gott weist Noah an, sich von allen Tieren Paare von Männchen und Weibchen zu nehmen, damit Nachwuchs auf der ganzen Erde am Leben erhalten wird (Gen 7,2-3), ein Zeichen dafür, dass Gott in seiner Liebe Leben wünscht. Weiters heißt es: »Denn noch sieben Tage dauert es, dann lasse ich es vierzig Tage und vierzig Nächte lang auf die Erde regnen und tilge vom Erdboden alle Wesen, die ich gemacht habe.« (Gen 7,4) Wir sehen hier übrigens, dass davon gesprochen wird, dass alle Wesen getilgt werden, während wir aber wissen, dass doch einige überleben, nämlich Noah mit seiner Familie und die Tiere. Es ist also ein Verständnis erforderlich, dass hinter die Ausdrucksweise blickt. Es werden einige überleben. Und durch sie werden letztlich alle überleben, die nachkommen werden.


Noah tut alles so, wie Gott es ihm gebietet (Gen 7,5) und geht mit seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhne in die Arche (Gen 7,7) Nach sieben Tagen kommt die Sintflut: 


»Als die sieben Tage vorbei waren, kam das Wasser der Flut über die Erde. Im sechshundertsten Lebensjahr Noachs, am siebzehnten Tag des zweiten Monats, an diesem Tag brachen alle Quellen der gewaltigen Urflut auf und die Schleusen des Himmels öffneten sich. Der Regen ergoss sich vierzig Tage und vierzig Nächte lang auf die Erde.« (Gen 7,10-12) Die Sintflut ist also etwas, das von oben und von unten kommt, sowohl vom Himmel als auch aus der Tiefe. Das macht sie auch in dieser Hinsicht allumfassend. Der hebräische Ausdruck für die Urflut lautet übrigens Tehom (תְּהוֹם, Gen 7,11 WLC Int). Es ist der gleiche Ausdruck, der bereits im zweiten Satz der Bibel, im Schöpfungsbericht, gebraucht und als Urflut oder Tiefe übersetzt wird (Gen 1,2 EÜ, ELB, SLT, LUT sowie WLC Int). Das dürfte die Übergröße des Ereignisses unterstreichen.


Die Flut dauert, wie gesagt, vierzig Tage: »Die Flut auf der Erde dauerte vierzig Tage. Das Wasser stieg und hob die Arche immer höher über die Erde. Das Wasser schwoll an und stieg immer mehr auf der Erde, die Arche aber trieb auf dem Wasser dahin. Das Wasser war auf der Erde gewaltig angeschwollen und bedeckte alle hohen Berge, die es unter dem ganzen Himmel gibt.« (Gen 7, 17-19) Während dieser Flut sterben nun alle mit Ausnahme von jenen, die sich in der Arche befinden: »Da fanden alle Wesen aus Fleisch, die sich auf der Erde geregt hatten, den Tod, Vögel, Vieh und sonstige Tiere, alles, wovon die Erde gewimmelt hatte, und auch alle Menschen. Alles, was auf der Erde durch die Nase Lebensgeist atmet, und alles, was auf dem Trockenen lebt, starb. Gott vertilgte also alle Wesen auf dem Erdboden, vom Menschen bis zum Vieh, bis zu den Kriechtieren und die Vögel des Himmels; sie alle wurden von der Erde vertilgt. Übrig blieb nur Noach und was mit ihm in der Arche war.« (Gen 7,21-23) Dass es so kommt, ist ein harter Schlag, aber ein harter Schlag gegen die Sünde. Die Liebe steht immer gegen die Sünde.


Es geht noch weiter: »Das Wasser aber schwoll hundertfünfzig Tage lang auf der Erde an.« (Gen 7,24


Dann, im achten Kapitel, beginnt die Sintflut abzunehmen: »Da gedachte Gott des Noach sowie aller Tiere und allen Viehs, die bei ihm in der Arche waren. Gott ließ einen Wind über die Erde wehen und das Wasser sank. Die Quellen der Urflut und die Schleusen des Himmels wurden geschlossen; der Regen hörte auf, vom Himmel zu fallen, und das Wasser verlief sich allmählich von der Erde. So nahm das Wasser nach hundertfünfzig Tagen ab.« (Gen 8,1-3)


Die Sintflut kommt, die Sintflut geht, bis die Arche endlich aufsetzt: »Am siebzehnten Tag des siebten Monats setzte die Arche auf dem Gebirge Ararat auf.« (Gen 8,4) Das Wasser nimmt weiter ab. Die Berggipfel werden sichtbar. (Gen 8,5) Nach vierzig Tagen öffnet Noach das Fenster und lässt einen Raben hinaus. Dieser fliegt aus und wieder zurück. (Gen 8,6-7) Dann lässt Noah eine Taube hinaus. Die Taube kehrt in die Arche zurück, weil sie keine trockene Erde findet. (Gen 8,8-9) Nach sieben Tagen lässt Noah sie wieder aus der Arche (Gen 8,10): »Gegen Abend kam die Taube zu ihm zurück und siehe: In ihrem Schnabel hatte sie einen frischen Ölzweig. Da wusste Noach, dass das Wasser auf der Erde abgenommen hatte. Er wartete noch weitere sieben Tage und ließ die Taube hinaus. Nun kehrte sie nicht mehr zu ihm zurück.« (Gen 8,11-12)


Und so passiert es, dass die Sintflut zu Ende geht: »Im sechshundertersten Jahr Noachs, am ersten Tag des ersten Monats, hatte sich das Wasser von der Erde verlaufen. Da entfernte Noach das Dach der Arche, blickte hinaus und siehe: Der Erdboden war trocken.« (Gen 8,13) Wobei wir vielleicht auch hier anmerken dürfen, dass der Erdboden nicht nur von Wasser trocken war, sondern auch rein von den Sünden. 


»Da sprach Gott zu Noach: Komm heraus aus der Arche, du, deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne! Bring mit dir alles Lebendige heraus, von allen Wesen aus Fleisch, was da ist an Vögeln, Vieh und allen Kriechtieren, die sich auf der Erde regen! Auf der Erde soll es von ihnen wimmeln; sie sollen fruchtbar sein und sich auf der Erde vermehren.« (Gen 8,15-17)


Es beginnt also alles gewissermaßen von Neuem. Die Erde soll von Leben erfüllt sein. Weil die Sintflut nicht zum Ende des Lebens führt, sondern zu seinem Neuanfang. Weil Gott die Menschen liebt und ihnen das Leben schenkt. 


Nun kommen Noah, seine Söhne, seine Frau und die Frauen seiner Söhne sowie alle Tiere aus der Arche heraus. (Gen 8,18-19) Es ist ein großes Neubeginnen. 


Und das Erste, was Noah tut, mitten in diesem Neubeginnen, ist, Gott einen Altar zu bauen und ihm ein Opfer zu bringen: »Dann baute Noach dem HERRN einen Altar, nahm von allen reinen Tieren und von allen reinen Vögeln und brachte auf dem Altar Brandopfer dar.« (Gen 8,20) Gerade das zeigt uns, um welches Neubeginnen es sich handelt. Es ist kein Anfang von Arroganz und Hochmut, sondern in Dankbarkeit und Demut. Der Mensch erkennt und bekennt sich als Geschöpf vor seinem Schöpfer. Und der Schöpfer sieht es.


»Der HERR roch den beruhigenden Duft und der HERR sprach in seinem Herzen: Ich werde den Erdboden wegen des Menschen nie mehr verfluchen; denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an. Ich werde niemals wieder alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe. Niemals, so lange die Erde besteht, werden Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht aufhören.« (Gen 8,21-22


Das ist bedeutend, weil es bedeutet, dass die Menschheit und alles Leben weiterbestehen kann. Und das, obwohl Gott genau weiß, dass das Trachten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend an, wie es hier heißt. 


Allerdings könnten wir fragen, warum er sich so entscheidet. Denn dass das Trachten des menschlichen Herzens böse ist, wusste er schon vorher und es war sogar der Grund, warum er die Sintflut überhaupt kommen ließ. (siehe Gen 6,5) Gott ändert nicht seine Meinung, obwohl sich nichts ändert, er ändert sie wohl gar nicht, weil er allwissend ist und schon vorher wusste, dass sich nichts ändern wird. Warum sagt er es also? Die Antwort darauf gibt uns wieder am besten die Liebe, was wieder bestätigt, dass die Perspektive der Liebe der beste Zugang zum Wort Gottes ist.


Vielleicht könnten wir antworten, dass der Mensch von Jugend an böse ist, weil ihm noch das Erwachsenwerden bevorsteht. Dieses Erwachsenwerden soll als Herauswachsen aus der Sünde und Hineinwachsen in die Liebe geschehen. Nach der Sintflut, also der Reinigung, die Gott ausführte, damit der Mensch eine neue Chance erhält, erhält der Mensch tatsächlich eine neue Chance, und zwar die Chance, erwachsen zu werden, in Liebe.


Dazu passt auch der Ausdruck, der hier für Jugend bzw. eigentlich für ›von Jugend an‹ verwendet wird, nämlich  ›minneuraw‹ (מִנְּעֻרָיו, Gen 8,21 WLC Int). Darin steckt die Wortwurzel ›naar‹, die ›schütteln‹, ›aufschütteln‹, ›abschütteln‹ bedeutet. So könnten wir die Jugend, ›Neurim‹, entsprechend als eine Zeit deuten, in der wir innerlich und äußerlich geschüttelt werden, um uns in eben dieser Dynamik zu entwickeln. So wurde die Menschheit in der Sintflut geschüttelt, damit sie die Möglichkeit erhält zu lernen, ganz Liebe zu sein. Und dazu brauchte es ein Neuanfangen.


Das zeigt uns die Liebe Gottes. Mit dieser Liebe rettete er Noah und seine Familie und die Tiere. Mit dieser Liebe sicherte er nicht bloß das Überleben, sondern ein Neubeginnen. Nun ist die Menschheit gefordert, gerecht zu sein und mit Gott zu gehen. Mit Gott können wir aber nur gehen, wenn wir mit Liebe gehen. 


Nach der Sintflut kommt also der Neubeginn. Er wird uns gewährt aus Liebe. Und er soll ein Neubeginn in Liebe und durch Liebe sein. Für Noah, seine Familie und alle Tiere. Für die ganze Menschheit.


 

Die Rettung der Menschheit – in Liebe



Indem Gott Noah und seine Familie rettet, rettet er die ganze Menschheit. Also nicht nur diejenigen, die damals aus der Arche kamen, sondern auch all jene, die nach ihnen kamen. Denn aus ihnen ging eine neue Menschheit hervor. Erinnern wir uns, was wir am Anfang sagten, als wir über die Menschheit sprachen. Es wurde nicht die Menschheit ausgerottet, sondern jene Menschen, die von Bosheit erfüllt waren und Gewalt übten. Nun sehen wir umso klarer, dass ein Teil der Menschheit überlebte und diese Menschen Gott als Erstes danken.


Gleich zu Beginn des neunten Kapitels segnet Gott Noah und seine Söhne: »Dann segnete Gott Noach und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, mehrt euch und füllt die Erde!« (Gen 9,1) Das ist ein direkter Bezug auf die Worte, die Gott schon zu Adam und Eva im Garten Eden spricht: »Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch«. (Gen 1,28) Dass er es Noach und seinen Söhnen sagt, belegt, dass es sich hier um einen Neubeginn handelt, und beweist die Größe dieses Neuanfangs. Zugleich weist es auf eine wesentliche Gemeinsamkeit in beiden Fällen hin. Gott gibt ihnen nicht bloß ein Gebot, sondern seinen Segen: »Gott segnete sie …« (Gen 1,28), »Dann segnete Gott Noach und seine Söhne …« (Gen 9,1) Das ist deshalb von Bedeutung, weil ein Gebot fordert, aber ein Segen stärkt. Gott gibt dem Menschen durch den Segen die Kraft, in seiner Liebe zu handeln.


Dann folgen Regeln, die ihr Leben bestimmen sollen und die in der Liebe zum Menschen bestehen: Gott gibt ihnen die Tiere in die Hand, sie sollen ihnen zur Nahrung dienen ebenso wie die Pflanzen (Gen 9,2-3), verbietet ihnen aber, Fleisch mit seinem Blut zu essen (Gen 9,4) und sagt, dass er Rechenschaft fordern wird für jedes ihrer Leben, das genommen wird. (Gen 9,5) Letzteres formuliert er übrigens nicht als direktes Verbot im Sinne des »Du sollst nicht töten«, das in dieser Form erst von Mose am Berg Sinai verkündet wird (Ex 20,13), sondern er sagt: »Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht.« (Gen 9,6) So ist das Verbot zwar darin enthalten, aber auf eine Weise, die die Konsequenz verdeutlicht und so den Menschen wohl davon abhalten soll. Darüber hinaus wird durch den Verweis auf die Gottebenbildlichkeit, also: »als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht« (Gen 9,6), der Hintergrund verdeutlicht und die Begründung geliefert. Denn hier geht es um die »Heiligkeit des Lebens«, das von Gott und aus Gott stammt und deshalb dem Menschen nicht einfach so verfügbar ist, sondern ihm heilig sein soll, weil das Leben des Menschen Gott gehört. (Johannes Paul II, Evangelium Vitae 39) Dafür ist gerade die Sintflut ein Beweis. Gott ist der Herr und als Herr schuf er den Menschen und er schuf ihn als sein Bild. Das wiederum ist ein Bezug auf das erste Kapitel der Genesis, wo Gott den Menschen ihm ähnlich erschafft (Gen 1,26-27) und das heißt, zur Liebe berufen (Benedikt XVI., Pastoraltagung, 6. Juni 2005). Daran erkennen wir die Liebe, die Gott den Menschen entgegenbringt. Und so wiederholt er noch einmal: »Ihr aber, seid fruchtbar und mehrt euch; regt euch auf der Erde und mehrt euch auf ihr!« (Gen 9,7)


Nun mündet die Erzählung von der Sintflut in einen Abschnitt, an dem die pure Liebe Gottes ganz offensichtlich wird. Denn Gott schließt mit Noah, seinen Söhnen, ihren Nachkommen und allen Lebewesen einen Bund: 


»Dann sprach Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren: Ich bin es. Siehe, ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Wildtieren der Erde bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind, mit allen Wildtieren der Erde überhaupt. Ich richte meinen Bund mit euch auf: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.« (Gen 9,8-11)


Damit weitet sich der Bund, den Gott mit Noah im sechsten Kapitel schließt: »Mit dir aber richte ich meinen Bund auf …«  (Gen 6,18) und wird im neunten Kapitel zu einem Bund, der die ganze Menschheit einschließt: »ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch …« (Gen 9,9


In diesem Bund drückt sich die Liebe Gottes aus, die alle und alles umfasst. Es ist ein Bund, den Gott mit allen lebenden Wesen schließt (KKK 71) und mit allen Völkern (KKK 56): »Gott segnet Noach und durch ihn die ganze Schöpfung«. (KKK 2569


Gott gibt der Menschheit also die Zusage, dass die Menschheit nie wieder ausgerottet wird durch die Flut, und das obwohl das Trachten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend an, wie wir wissen. (Gen 8,21) Der Ausdruck, der hier für ›ausgerottet‹ im hebräischen Original verwendet wird, lautet übrigens ›yikkaret‹ (יכרת, Gen 9,11 WLC Int), das von ›karat‹ abgeleitet ist und eigentlich ›abschneiden‹, ›abhauen‹ bedeutet. Es deutet also auf die Trennung der Gemeinschaft. Durch den Bund ist diese Gemeinschaft von Gottes Seite aus nun gesichert. Er gewährt sie und garantiert sie. Der Mensch kann sich aus dieser Gemeinschaft ausschließen und sich von Gott selbst abschneiden. Aber Gott ist auf der Seite des Menschen und er ist treu in seiner Liebe. Das wird auch sprachlich dadurch belegt, dass der Ausdruck ›karat‹ sich in ›karat berit‹ (כרת ברית) findet, was wiederum ›einen Bund schließen‹ bedeutet, wortwörtlich ›einen Bund schneiden‹ heißt und beispielsweise beim Bundesschluss mit Abraham und Mose verwendet wird. (Gen 15,18; Ex 34,10 WLC Int)


Für diesen Bund setzt Gott ein Zeichen ein, das wir alle kennen und deshalb erkennen, den Regenbogen: 


»Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch verdirbt. Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde. Und Gott sprach zu Noach: Dies ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde aufgerichtet habe.« (Gen 9,12-17)


Der Regenbogen ist ein Zeichen der Liebe Gottes, die den Himmel mit der Erde verbindet, alles umfasst und alles in sich fasst: »Bereits das Alte Testament bezeugt die Liebe Gottes zu allen Völkern: Er vereint sie durch seinen Bund mit Noah in einer einzigen großen Umarmung – symbolisiert durch den ›Bogen in den Wolken‹« (Benedikt XVI., Schreiben an Msgr. Domenico Sorrentino, 2006, siehe auch Benedikt XVI., Verbum Domini, 117, 2010) Er ist ein Symbol der Liebe, weil Gott uns in seiner Liebe rettet. Von Noah über seine Familie bis zur Menschheit. Und nur in seiner Liebe gibt es Rettung. Denn nur wenn wir ganz Liebe sind, können wir in seiner Liebe sein, können wir in Gott sein, können wir gerettet werden.


Die Erzählung von der Sintflut endet an dieser Stelle. Aber nicht die Geschichte. Denn in dem, was bis jetzt erzählt wurde, ist ein Vorausbild enthalten, das auf die Liebe vorausdeutet, durch die wir alle erlöst sind.



Die Rettung für uns alle – durch Liebe



Betrachten wir die Erzählung von der Sintflut noch einmal, diesmal typologisch, um die Zeichen zu erkennen, die in den Bildern sichtbar werden und in ihnen vorgebildet sind. Wir werden dadurch die Einheit des Alten Testaments mit dem Neuen Testament besser erfassen und so die Liebe in ihrer vollen Tiefe verstehen.


Die Einheit erkennen wir bereits am Ausdruck ›Testament‹, über den gerade im vorherigen Abschnitt die Rede war, als wir über den Bund sprachen, den Gott mit Noah und der Menschheit schließt. Denn ›Testament‹ heißt ›Bund‹. Es kommt vom lateinischen ›Testamentum‹ (NV, Prefatio 6), das das griechische ›Diatheke‹ (Gen 9,9 LXX) übersetzt, das das hebräische ›Berit‹ (בְּרִית, Gen 9,9 WLC Int) übersetzt. Und so heißt Altes und Neues Testament, um genau zu sein, der Alte und der Neue Bund. Der Bund mit Noah und später der Bund mit Abraham (Gen 17,2) und später der Bund mit Mose (Ex 34,10) weisen auf den neuen Bund (Jer 31,31) in Jesus Christus (Mk 14,24 EÜ; NE1904; NV).


Ein solcher Blick öffnet uns den Ausblick auf die Ganzheit des Geschehens, die nicht nur aus der Gesamtheit der Geschehnisse besteht, sondern das große Handeln Gottes offenbart. Und dieses Handeln zeigt uns, dass wir alle Aussicht auf Rettung haben. Nicht nur die Menschen damals und nicht nur die Menschen später. Sondern wir alle, heute, morgen, übermorgen. Es ist der ganze Horizont der ganzen Liebe, in die wir eingebettet sind, der sich hier vor uns entfaltet. So begreifen wir die ganze Geschichte: »zur Zeit der Sintflut wurde geheimnisvoll auf die Erlösung der Menschen hingewiesen.« (Justin der Märtyrer, Dialog mit dem Juden Trypho, 138)

 

Die Sintflut verweist uns auf die Taufe: »Die Sintflut und die Arche Noachs deuteten im voraus auf das Heil durch die Taufe« (KKK 1094), »die Sintflut versinnbildlicht die Taufe« (Päpstliche Bibelkommission, Die Interpretation der Bibel in der Kirche, II., B, 2) »›Selbst die Sintflut war ein Zeichen der Taufe, denn das Wasser brachte der Sünde den Untergang und heiligem Leben einen neuen Anfang‹ (MR, Osternacht 42: Segnung des Taufwassers).« (KKK 1219) Dieser neue Anfang gilt für die Menschheit nach der Sintflut ebenso wie für jeden Einzelnen von uns, der durch die Taufe von der Erbsünde erlöst ist. Die Taufe ist Ausdruck der Liebe Gottes, weil er uns durch sie einen neuen Zugang zu einem neuen Leben eröffnet, einem Leben in ihm und in seiner Liebe. 


Wir dürfen dabei auch an den Auszug aus Ägypten denken, als Gott die Israeliten aus der Sklaverei befreite und ihnen den Weg durch das Rote Meer ermöglichte, indem er es teilte, aus Liebe zu seinem Volk (Ex 14,21-22): »So wie durch Sintflut mit Wasser die Erde gereinigt ist von der Bosheit der Sünder, die damals in jener Überschwemmung vernichtet wurden, und die Gerechten durch das Holz entkamen, so fand das Volk Gottes, aus Ägypten herausgehend, den Weg durch das Wasser, durch welches die Feinde vernichtet sind.« (Augustinus, De catechizandis rudibus, 2, 20, eig. Übers.)


Die Arche verweist uns auf die Rettung, die uns in der Kirche geschenkt ist: »Um alle seine Kinder, die Sünde voneinander getrennt und in die Irre geführt hat, von neuem zu vereinen, wollte der Vater die ganze Menschheit in die Kirche seines Sohnes berufen. [...] Sie ist das Schiff, ›das da sicher auf hoher See fährt, mit den Segeln am Mastbaum des Kreuzes, die sich blähen im Sturmwind des Heiligen Geistes‹ (Ambrosius, virg. 18,118). Nach einem anderen bei den Kirchenvätern beliebten Bild wird sie durch die Arche Noachs dargestellt, die allein aus der Sintflut rettet [Vgl. schon 1 Petr 3,20-21].« (KKK 845) So wie die Rettung in der Arche aus Liebe erfolgt, so erfolgt die Rettung in der Kirche aus Liebe. 


Wir dürfen auch hier daran denken, dass Mose in einem Körbchen im Fluss ausgesetzt wurde, um zu überleben. (Ex 2,3) In deutschen Bibelübersetzungen wird von einem Binsenkästchen, einem Kästchen aus Schilfrohr oder einem Kästlein von Rohr gesprochen (Ex 2,3 EÜ, ELB, LUT, SLT). Im hebräischen Original steht aber das gleiche Wort wie für Arche, nämlich teva (תֵּבָה, Ex 2,3 WLC Int). So sind beide Erzählungen miteinander verbunden. Der Bezug ist noch offensichtlicher, wenn wir bedenken, dass das Körbchen mit Pech und Teer abgedichtet wird, ebenso wie die Arche mit Pech. (Ex 2,3; Gen 6,14) Darauf weist auch Augustinus hin und meint, dass das Pech »die Glut der Liebe« versinnbildlicht und »die ausdauernde Geduld der Liebe«, die die Bretter der Arche so abdichtet, dass sie zu einer Einheit werden. (Augustinus, Contra Faustum Manichaeum, 12, 14) So lässt Gott Mose überleben aus Liebe zu ihm, zu seinem Volk, zu uns allen.


Die Ähnlichkeit geht sogar noch weiter, denn in beiden Fällen, sowohl bei Noah als auch bei Mose, zeichnen sich die Arche bzw. das Kästchen dadurch aus, dass sie nicht gesteuert werden können. Sie haben keine Segel, kein Ruder, kein Steuerrad. Es sind keine Schiffe, die sich von Menschen lenken lassen, sondern schützende Gefäße, die sich vom Wasser tragen lassen. Sie zeigen uns, dass wir uns von Gott tragen lassen müssen, wohin Gott uns führt. Er ist es, der uns lenkt und seine Kirche leitet. Durch seine Liebe. 


Hier ist übrigens noch ein weiterer Bezug interessant, und zwar das Holz der Arche, das uns auf das Kreuz Christi verweist, denn dieses wird auch als das Holz des Kreuzes bezeichnet. So können wir im Holz der Arche das Holz des Kreuzes erkennen. Und so beschreibt Augustinus die Arche als Vorbild »für die Kirche, die gerettet wird durch das Holz, an dem der Mittler zwischen Gott und den Menschen hing, der Mensch Christus Jesus« (Augustinus, De Civitate Dei, XV., 26). Er interpretiert auch den Eingang in die Arche an der Seite mit der Wunde an der Seite des Gekreuzigten (ebenda) und vergleicht die drei Geschoße der Arche mit Glaube, Hoffnung und Liebe (ebenda), von denen Paulus spricht und sagt, dass die Liebe unter ihnen am größten ist. (1 Kor 13,13)


Überlegen wir auch, dass Gott Noah auffordert, beim Bau der Arche Goferholz zu verwenden. (Gen 6,14) Dabei handelt es sich um ein Holz, von dem wir nicht genau wissen, welches es sein soll. Es gibt zwar Vermutungen, dass es Zypressenholz sein könnte, aber das lässt sich nicht überprüfen, weil der Ausdruck Gofer (גֹ֔פֶר, Gen 6,14 WLC Int) nur an einer einzigen Bibelstelle erwähnt wird, und zwar an dieser, was es entsprechend einzigartig macht. 


Und wir erinnern uns, was wir im vorletzten Abschnitt über dieses Holz lasen: »Die Weisheit hat die Erde, die seinetwegen überflutet wurde, wieder gerettet und den Gerechten auf wertlosem Holz durch die Wasser gesteuert.« (Weish 10,4) Hier steht der Ausdruck ›wertloses Holz‹. Das klingt nicht wirklich schön, wenn wir bedenken, dass durch dieses Holz die Menschheit überlebte. Aber gerade darin offenbart sich die wahre Schönheit. Denn es geht nicht um das Material. Das Holz ist nur Holz. Es ist Gott, der das schlichte Holz der Arche zu etwas Besonderem macht und zur Rettung nutzt. Er ist der, der rettet. Und die Menschheit überlebt nicht durch das Holz, sondern durch Gottes Liebe. So ist es auch Gott, der das Holz des Kreuzes, Werkzeug und Symbol einer besonders grausamen Hinrichtungsart, durch seine unendliche Liebe zum Symbol der reinsten Liebe wandelt. In beiden Fällen haben wir Holz, das als Holz an sich nur Holz ist, aber durch die Liebe Gottes zu einem Instrument und Zeichen der Liebe wird. 


Die Arche ist Ausdruck der Liebe Gottes, durch die wir gerettet sind. So wie wir durch die Kirche gerettet sind, deren Haupt Jesus Christus ist: »Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche.« (Kol 1,18) So sind wir Teile des Leibes Christi, in Gemeinschaft mit Gott, in Gott und in seiner Liebe. Durch seine Liebe.


Die Taube, die Noah ausschickt: »Dann ließ er eine Taube hinaus, um zu sehen, ob das Wasser auf dem Erdboden abgenommen habe« (Gen 8,8), verweist uns auf die Taufe Jesu, bei der der Heilige Geist wie eine Taube auf ihn herabschwebt: »Als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf. Und siehe, da öffnete sich der Himmel und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.« (Mt 3,16; Mk 1,10; Lk 3,22; Joh 1,32) »Am Ende der Sintflut (die ein Sinnbild der Taufe ist) kehrte die Taube, die von Noach aus der Arche herausgelassen worden war, mit einem frischen Ölzweig im Schnabel zurück als Zeichen dafür, daß die Erde wieder bewohnbar war [...] Als Christus aus dem Wasser seiner Taufe steigt, läßt sich der Heilige Geist wie eine Taube auf ihn nieder und ruht auf ihm [...] Der Geist senkt sich in das gereinigte Herz der Getauften und ruht darin. [...] Die Taube ist in der christlichen Ikonographie von jeher Sinnbild des Heiligen Geistes.« (KKK 701) Und so finden wir auch hier die Liebe, denn: »Der Heilige Geist ist die Liebe.« (Benedikt XVI., Pfingstpredigt, 4. Juni 2006) 


Wir könnten auch den Regenbogen, der als Zeichen des Bundes eingesetzt wird, im Sinn der Liebe interpretieren: »Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde.« (Gen 9,13) Das Wort, das hier für Regenbogen verwendet wird, lautet wörtlich eigentlich nur Bogen, auf Hebräisch ›qeschet‹ (קֶשֶׁת, Gen 9,13 WLC Int). Es wird an unterschiedlichen Stellen des Alten Testaments auch im Sinn eines Kriegsbogens gebraucht, also eines Langbogens zum Abschießen der Pfeile. Welche Bedeutung das Wort Bogen hat, ob Regenbogen oder Waffe, wird aus dem Kontext geschlossen. Hier geht es offensichtlich nicht um die Waffe. Aber selbst, wenn wir an sie denken würden, müssten wir sagen, dass sie nicht bloß ruht, sondern sich zum Symbol der Liebe wandelt. Denn der Regenbogen ist ein Bogen der Liebe, die uns einlädt, auf ihn zuzugehen und durch ihn zu schreiten. Dazu passt, dass der Ausdruck für ›Sünde‹ griechisch ›hamartia‹ (ἁμαρτία) und hebräisch ›chata‹ (חָטָא) lautet. Beide Ausdrücke bedeuten eigentlich, das Ziel zu verfehlen. So wie der Bogenschütze, der mit seinem Bogen den Pfeil abschießt, aber nicht das Ziel trifft, weichen wir durch die Sünde vom Weg ab, der uns zum Ziel führt. Durch den Regenbogen verfehlen wir das Ziel aber nicht, weil wir den Bogen der Liebe von Weitem erkennen und durch ihn wie durch ein Tor der Liebe eintreten können. 


Es ließen sich noch viele weitere Beispiele anführen, aber die angeführten verdeutlichen bereits die Richtung und die Aussage. Die Erzählung von der Sintflut ist eine Geschichte der Rettung aus Liebe und verweist uns auf eine Rettung durch Liebe. 


Es ist eine Rettung für uns alle, denn für uns alle ist sie gedacht, erbracht und gebracht. Es ist eine Rettung durch Liebe, weil Gott Liebe ist (1 Joh 4,8.16), weil aus Gott die Liebe stammt (1 Joh 4,7; Röm 5,5; KKK 1813), weil zu Gott die Liebe geht und strebt und zieht. So lautet das wichtigste Gebot der Bibel, sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments, dementsprechend: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.« (Lk 10,27; Mt 22,37-39; Mk 12,30-31; Dtn 6,4-5; Lev 19,18; KKK 2093)


Lesen wir jetzt die Erzählung von der Sintflut noch einmal aus der Perspektive dieser Liebe. Plötzlich macht alles einen Sinn, was keinen machte, und alles, was einen machte, macht einen größeren Sinn.



Schluss



Die Erzählung von der Sintflut wird am besten aus der Perspektive der Liebe verstanden, weil diese am besten geeignet ist, den wahren Kern der Erzählung aufzuzeigen, da die Liebe Gottes eine Grundwahrheit ist. 


Selbstverständlich können wir die Erzählung auch so nehmen, wie sie beschrieben steht. Denn Gott kann auch strafen, erst recht, wenn es uns hilft, umzukehren und zu ihm zurückzufinden. Nur warum und wozu sollte er das tun, wenn nicht aus Liebe? 


Und natürlich können wir auch sagen, dass die Beschreibung der Sintflut von Menschen stammt, die sich in der Sprache ihrer Zeit und ihrer Kultur ausdrücken. Die Schrift ist vom Heiligen Geist inspiriert, aber nicht jedes Wort ist diktiert. So ist der Ausdruck ein Ausdruck der Menschen: »Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muß der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte.« (Dei Verbum, 12, siehe auch Inspiration und Wahrheit der Heiligen Schrift, Päpstliche Bibelkommission 2014) 


So scheint gerade bei dieser Erzählung stellenweise eine Anthropomorphisierung vorzuliegen, die die Gründe und das Handeln Gottes nach menschlicher Art beschreibt. Das zeigen Ausdrücke wie dass es Gott ›reute‹ und ›seinem Herzen wehtat‹. (Gen 6,6). Solche veranschaulichenden Formulierungen sind wunderbar, weil nachfühlbar. Sie reichen mit ihrer Bildhaftigkeit aber nicht an die Wirklichkeit heran, die uns in einer solchen Form unvorstellbar bleibt. Gerade das Herz als Symbol für Liebe ist ein Beispiel dafür, weil es ein Geheimnis ist, dessen Tiefe wir nicht einmal erahnen können, gerade wenn wir an die Sintflut denken: »das Geheimnis des Herzens eines Gottes, der Rührung empfindet und der die Menschheit mit all seiner Liebe überflutet. Eine geheimnisvolle Liebe, die in den Texten des Neuen Testaments als unermeßliche Leidenschaft Gottes für den Menschen geoffenbart wird.« (Benedikt XVI., Predigt, 19. Januar 2009


Wenn wir also verstehen wollen, was die Erzählung erzählt, ist es die Perspektive der Liebe, die das Verständnis erhellt und in die Tiefe vordringen lässt. 


Und was erzählt uns die Erzählung? Sie erzählt uns, dass die Menschen sich durch ihre Bosheit und Gewalt von Gott abwandten und der Sünde zuwandten. Das führte zur Sintflut. Deshalb dürfen wir uns nicht von Gott abwenden, sondern müssen uns Gott zuwenden. Aus Liebe. Für Liebe. Sie erzählt uns, dass Gott die Menschen rettete, die gerecht waren und mit ihm gingen. Deshalb müssen wir gerecht sein und mit ihm gehen. Mit Liebe. In Liebe. Sie erzählt uns, dass Gott den Menschen Leben schenkt und ständig neue Chancen. Durch Liebe. Deshalb sollen, müssen, können und dürfen wir ganz Liebe sein.










Der Aufsatz "Genesis 6-9: Die Sintflut aus der Perspektive der Liebe" (45 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000 0000 8402 2282) erschien im September 2026, ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.22825086) als PDF gratis heruntergeladen werden.



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