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Philemon – der Freiheitbrief

Autorenbild: Dalibor Truhlar
Dalibor Truhlar
vor 2 Tagen
11 Min. Lesezeit

Brief des Apostels Paulus an Philemon, Charakteristik mit thematischer Auslegung



Autor: Dalibor Truhlar, Oktober 2026




»Denn vielleicht wurde er deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder.«





Der Philemonbrief ist der kürzeste der Paulusbriefe. (Phlm) Er besteht aus nur einem Kapitel mit etwa 335 Wörtern und 1.656 Schriftzeichen im griechischen Text. Er wurde möglicherweise zwischen 61 und 63 n. Chr. in Rom geschrieben.


Es könnte sein, dass der kurze Brief neben den anderen Briefen ein wenig untergeht, die große Themen in großer Weise behandeln und sich deshalb großer Aufmerksamkeit erfreuen. Gleichzeitig macht ihn genau das zu einem Brief, der von vielen umso mehr geschätzt wird. Er hat ein persönliches Anliegen und richtet sich im Wesentlichen an eine Person, Philemon, erwähnt aber auch Apphia und Archippus und die Gemeinde in seinem Haus. (Phlm 1-2) Sein Ton und Charakter wirken damit eher persönlich und privat. Das macht ihn zusätzlich zu etwas Besonderem. Das Besondere ist auch, dass Paulus den Brief aus dem Gefängnis schreibt und sich dabei eigentlich um die Freilassung von jemand anderem einsetzt.


Wir könnten den Philemonbrief deshalb als Freiheitsbrief bezeichnen, weil es in ihm um das Thema der Freiheit geht. Paulus bittet Philemon, einen Christen in Kolossai, seinen ihm früher entlaufenen Sklaven, Onesimus, zurückzunehmen. Allerdings nicht als Sklaven, sondern als Bruder, denn Onesimus ist nun ebenso Christ. Es könnte sein, dass Paulus ihn in der Zwischenzeit taufte, auf jeden Fall wurde er ihm zum Vater und Onesimus ihm zum Kind. (Phlm 10) Deshalb wird der Brief gern angeführt, wenn es um das Thema der Sklaverei geht. Das Spannende daran ist, dass wir die Freiheit nicht nur in einem weltlichen, irdischen Sinn verstehen müssen, sondern in einem viel tieferen bzw. viel höheren Sinn begreifen dürfen. Denn alle drei, sowohl Paulus als auch Onesimus als auch Philemon, durchlaufen eine, wie es scheint, dreistufige Entwicklung: Paulus ist ein Gefangener und trotzdem frei, weil er ein Gefangener Christi ist. Onesimus war ein Sklave und ist frei, weil Gott sein Herr ist. Und Philemon hatte einen Sklaven und gewinnt einen Bruder, weil er sich Gott schenkt und Gott ihn beschenkt. 


Sehen wir uns das im Detail an und beginnen wir mit Paulus. 


Paulus ist ein Gefangener, denn er sitzt im Gefängnis. Trotzdem ist er frei. Weil Gott bei ihm und mit ihm ist. So können Fesseln ihn binden, aber nicht halten. Die Ketten der äußeren Einschränkungen sind von innen gesprengt. Die Zwänge, die ihn einengen, sind aufgelöst durch das Drängen, sich Gott ganz hinzugeben, denn »die Liebe Christi drängt uns« (2 Kor 5,14), wie er in einem anderen Brief feststellt. Paulus ist also trotz Gefängnis ein freier Mann. Doch das ist er und kann er nur sein, weil er zugleich ein »Gefangener Christi Jesu« ist, wie er sich selbst in diesem Brief gleich zu Beginn bezeichnet und auch an anderen Stellen. (Phlm 1.9; désmios, δέσμιος, NE1904 Int; Eph 3,1/Int; Eph 4,1/Int; 2 Tim 1,8/Int). In weiteren Briefen nennt er sich auch »Knecht Christi Jesu«. (Röm 1,1; doúlos, δοῦλος, NE1904 Int; Phil 1,1/Int; Tit 1,1/Int) Der erste Ausdruck bezeichnet einen Gefesselten und Gebundenen, der zweite einen Sklaven und Diener. Zusammen haben beide Ausdrücke eine umfassende Dimension, die sowohl das Körperlich-Physische als auch das Seelisch-Personale der Hingabe in sich fasst. Im Philemonbrief bezieht er sich mit dem »Gefangenen« offensichtlich auf seine Situation und verzichtet bewusst auf den Titel des »Apostels« bzw. des »Apostels Christi Jesu« bzw. des »Apostels Jesu Christi«, mit dem er sich sonst oft bezeichnet, also als Abgesandter. (Röm 1,1; 1 Kor 1,1; 2 Kor 1,1; Gal 1,1; Eph 1,1; Kol 1,1; 1 Tim 1,1; 2 Tim 1,1; Tit 1,1; ἀπόστολος, apóstolos, NE1904 Int) Vielleicht nennt er sich hier auch deshalb Gefangener, um damit die Doppelbedeutung seiner Situation zu verdeutlichen. So oder so, er hat damit recht. Denn er ist ein Gefangener, aber nicht der Wände, die seine Bewegungfreiheit einschränken, sondern des Herrn, der ihn ganz befreit. Es ist eine Freiheit von der Haft, weil es eine Freiheit in Hingabe ist. 


Paulus ist also ein Gefangener Christi im Sinne der Aufopferung, für die gerade sein Leben das beste Beispiel darstellt. Diese Gefangenschaft schenkt ihm eine Freiheit, wie keine Freiheit der Welt es könnte, weil sie nicht von dieser Welt ist, sondern von Gott stammt. Sein Gefangensein ist ein freiwilliges Hingegebensein und ein barmherziges Hineingenommenwerden in die unendliche Liebe Gottes. Das macht Paulus freier als jeden Wächter, der seine Zellentür schließt, freier als jeden Richter, der ihn zum Gefängnis verurteilt, freier als jeden Soldaten, der ihn ergreift, freier als jeden Herrscher, der seine Verhaftung anordnet. Weil Gott ihm die Tür aufschließt, ihn freispricht und freilässt, seinen Weg zu beschreiten. Eine solche Freiheit steht in der Macht Gottes und nur in der Macht Gottes.


Papst Johannes Paul II. schreibt: »Paulus ist im Kerker, aber sein Herz ist frei, weil in ihm die Liebe Christi wohnt. Darum kann er vom finsteren Gefängnis aus, in dem er für seinen Herrn leidet, zu einem Freund, der außerhalb des Gefängnisses ist, von Freiheit sprechen. [...] Die Lehre, die aus diesem Bericht hervorgeht, ist klar: Es gibt keine größere Liebe als die des Kreuzes; es gibt keine wahrhaftigere Freiheit als die der Liebe; es gibt keine vollkommenere Brüderlichkeit als jene, die aus dem Kreuz Jesu erwächst.« (Johannes Paul II., Predigt, 5. September 2004)


Kommen wir nun zu Onesimus und seiner Entwicklung im Rahmen dieser Geschichte.


Onesimus war Sklave und gehörte einem Herrn. Er wurde frei, indem er ihm weglief. Zwar nicht im rechtlichen, aber im praktischen Sinn, weil er weg von ihm war. So erlangte er die tägliche Freiheit, weil er sich aus der Abhängigkeit eines Herrn befreite, auch wenn es nicht die Freiheit war, die er suchte, sondern nur eine auf der Flucht. Doch dann ließ er sich taufen und wurde Christ. So erlangte er eine unendliche Freiheit, weil er einen Herrn fand, der sich von ihm finden ließ. Er ist der »einzige Herrscher, der König der Könige und Herr der Herren«. (1 Tim 6,15) Damit ist Onesimus nicht mehr Besitz eines Menschen, sondern Bruder aller Menschen. Weil er nicht mehr Leibeigener eines Menschen ist, sondern mit Leib und Seele ein Gott Hingegebener. Weil er nicht mehr mit Haut und Haaren den Menschen ausgeliefert ist, sondern sich mit Herz und Seele dem Schöpfer ausliefert. Weil er nicht mehr einem Menschen gehört, sondern Gott. Seine Würde wird dadurch nicht geschmälert, sondern bestätigt, weil sie von Gott stammt. Seine Freiheit ist nicht bloß eine rechtliche, sondern eine existienzielle. Sie wird nicht von Behörden versichert, sondern ist durch Gott und in Gott gesichert. Die Freiheit, zu leben, wie wir wünschen, solange wir dadurch nicht die Freiheit anderer einschränken, zu leben, wie sie wünschen, ist in der Welt von entscheidender Bedeutung. Das wissen gerade Sklaven am besten, die diese Freiheit nicht haben und sich nach ihr sehnen. Und gerade im Fehlen dieser Freiheit erkennen gerade sie am besten die wahre Freiheit, die sie in Gott finden, wenn sie sich Gott hingeben. Denn ihnen bleibt, wenn sie Sklaven bleiben, die weltliche Freiheit verwehrt. Die Freiheit, die sie in Gott finden, ist aber ihre Rettung. Obwohl sie Ketten tragen, schütteln sie die Fremdherrschaft ab. Nicht indem sie herrenlos werden, sondern indem sie ihren wahren Herrn erkennen und damit wahre Freiheit erlangen. 


So wird Onesimus Christ und damit ein Kind Gottes. Damit ändert sich auch die Beziehung zu anderen Menschen. Er wird Bruder und kann deshalb auch Philemon ein Bruder sein. Paulus nennt ihn sogar sein Kind, als er die Bitte an Philemon ausspricht, und bezeichnet sich selbst als Vater: »ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin«. (Phlm 10) Das zeigt, wie das Verhältnis zwischen Menschen sich wandelt, wenn das Verständnis sich wandelt. Und es wandelt sich, weil es von Gott her begriffen wird und von Gott kommt. Die Gemeinschaft ist die Folge des Glaubens und das macht das Soziale zur Konsequenz. Deshalb ist die Sklaverei falsch und die Geschwisterlichkeit richtig. Und deshalb bezeichnet Paulus Onesimus sogar als sein Innerstes: »Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein Innerstes.« (Phlm 12) Indem sie beide Gott gehören, gehören sie beide zusammen. Es gibt keine Trennung mehr, nur noch Verbundenheit. 


Gehen wir jetzt zu Philemon und sehen wir uns seine Entwicklung im Rahmen dieser Erzählung an.


Philemon war ein Herr, weil er einen Sklaven hatte. Diesen verlor er, weil er ihm weglief. Doch der Verlust wird übertroffen durch den Gewinn. Denn nun gewinnt er einen Bruder. Wie Paulus es ausdrückt, als er ihm über Onesimus schreibt: »Denn vielleicht wurde er deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder.« (Phlm 15-16) Der Gedanke ist wunderschön und wahr und die Formulierung besonders tief. Beachten wir auch, dass er schreibt, dass er ihn »für ewig« zurückerhält. Das zeigt den Unterschied zwischen der Vergänglichkeit des Besitzes in der Welt und der Ewigkeit des Seins in Gott. Dass er sagt, dass er ihn als »geliebten Bruder« zurückerhält, zeigt wiederum, dass es nicht nur um die Bezeichnung der Beziehung als eines formalen Bezugsrahmens geht, sondern um die Liebe, die die Beziehung in Gott festmacht. Das bestätigt auch der nächste Satz: »Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn.« (Phlm 16) Der Bezug auf den Herrn wird im griechischen Original entsprechend mit »in« bzw. »im Herrn« verdeutlicht. (en Kyriō, ἐν Κυρίῳ, NE1904 Int) Das zeigt, woher die Beziehung stammt, woher die Verbindung kommt, worin die Verbundenheit und mit ihr auch die Freiheit besteht. 


So wird Philemon vom Sklavenhalter zum Brudererhalter, vom Besitzenden zum Gewinnenden, vom Besitzer zum Gewinner. Indem er etwas aufgibt, erhält er etwas. Indem er etwas von sich hingibt, bekommt er. Und er erhält und bekommt es, weil Gott es ihm schenkt. Das geschieht, weil Philemon sich in Freiheit so verhält und in Freiheit so entscheidet. Aus dem Habenden wird der Gebende und deshalb der Erhaltende, aus dem Besitzenden der Entäußernde und dadurch der Empfangende. Dass Paulus vom »geliebten Bruder« spricht (Phlm 16), passt übrigens auch zum Namen des Philemon. Denn ›Philemon‹ ist von ›philia‹ (φιλία) abgeleitet, also von ›Liebe‹ oder ›Freundschaft‹ und wird entsprechend als der ›Freundliche‹ oder der ›Liebevolle‹ übersetzt, könnte aber auch als der ›Freundschaftliche‹ oder der ›Liebende‹ übersetzt werden. 


Die Freiwilligkeit wird auch durch die Argumentation des Paulus belegt, der rhetorisch gekonnt den Weg von Liebe über Freiwilligkeit, Vorteil und Bitte bis zur Entschädigung beschreitet: »Obwohl ich durch Christus volle Freiheit habe, dir zu befehlen, was du tun sollst, ziehe ich es um der Liebe willen vor, dich zu bitten.« (Phlm 8-9) »Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein.« (Phlm 14) »Wenn du also mit mir Gemeinschaft hast, nimm ihn auf wie mich! Wenn er dich aber geschädigt hat oder dir etwas schuldet, setz das auf meine Rechnung! Ich, Paulus, schreibe mit eigener Hand: Ich werde es erstatten – ohne jetzt davon zu reden, dass auch du dich selbst mir schuldest.« (Phlm 17-19)


Er bittet Philemon also, Onesimus aus Liebe aufzunehmen und ihm damit wohl auch Freiheit zu schenken, lässt ihm jedoch die Entscheidung und ist sogar bereit, alles aus eigener Tasche zurückzuzahlen, was Onesimus ihm an Kosten verursacht haben könnte. Es ist dennoch ein sanfter Druck da, den er auf ihn ausübt und den wir spüren, wenn wir lesen: »ohne jetzt davon zu reden, dass auch du dich selbst mir schuldest.« (Phlm 19) Wir können zwar nicht mit Sicherheit sagen, worauf er sich bezieht, können aber vermuten, dass Paulus Philemon wahrscheinlich ebenso bekehrte und taufte. Aber unabhängig davon, worauf er sich bezieht, das Erwähnen der Schuld ist kein Einklagen der Schuld und entspringt nicht dem Egoismus, sondern dessen Gegenteil. Der Druck kommt von der Logik des Arguments der Liebe, das richtig ist, für etwas, das wichtig ist.


Paulus fügt noch an: »Ja, Bruder, um des Herrn willen möchte ich von dir einen Nutzen haben. Erquicke mein Innerstes in Christus!« (Phlm 20) Hier gebraucht er übrigens das Wort »Nutzen« als Anspielung auf den Namen des Onesimus, der der ›Nützliche‹ bedeutet und damit jemanden bezeichnet, den man braucht. Er tut es schon davor, als er Onesimus als »nützlich« bezeichnet (Phlm 11) und feststellt, dass er ihm »in den Fesseln des Evangeliums« dient (Phlm 13). Das ist umso passender, weil er selbst zwar gefesselt ist im Sinne der Gefangenschaft, aber die Fesseln, die zählen, die Fesseln des Herrn sind, die er freiwillig und voller Liebe anlegt. 


Paulus schließt seine Bitte auf eine Weise, die uns Gewissheit geben kann, dass sein Wunsch auch erfüllt wird: »Im Vertrauen auf deinen Gehorsam habe ich dir geschrieben; ich weiß, dass du noch mehr tun wirst, als ich gesagt habe.« (Phlm 21) So ist auch Philemon frei in seiner Entscheidung und doch freiwillig gebunden, weil in Liebe verbunden. Der ehemalige Herr eines Sklaven fand den Herrn und damit einen neuen Bruder durch ihn und in ihm und mit ihm die gesamte Familie. 


Ob es tatsächlich so kam, wissen wir nicht, können es uns aber denken. Berichten zufolge wurde Philemon Bischof von Kolossai und Onesimus Bischof von Ephesos. Gemeinsam mit Apphia und Archippus wurden sie unter Kaiser Nero hingerichtet.


So können wir den Philemonbrief als Freiheitsbrief bezeichnen, weil er von Freiheit handelt. Diese Freiheit reicht aber tiefer bzw. höher als die bloß weltliche. Es ist die Freiheit im Herrn, die Freiheit zur Liebe, die Freiheit in Liebe. Unsere Sprache klingt paradox, wenn wir versuchen, es in Worte zu fassen. Sie wird aber verständlich, wenn wir die Freiheit verstehen, die uns geschenkt ist, damit wir Liebe schenken können. Paulus ist frei, obwohl er gefangen ist, weil er ein Gefangener Christi ist. Onesimus ist frei, obwohl er ein Sklave war, weil er den wahren Herrn fand. Und Philemon ist frei, obwohl er ein Herr war, weil er jetzt im Herrn einen Herrn hat. 


An dieser Stelle sollten wir noch auf etwas hinweisen, worauf manchmal hingewiesen wird und das gerade in diesem Zusammenhang eine Rolle spielt. Ob Paulus wirklich wollte, dass Philemon Onesimus freilässt, können wir nicht mit Sicherheit sagen, weil er selbst es nicht wörtlich sagt. Er spricht ausdrücklich davon, dass er ihn »als geliebten Bruder« zurückerhält. (Phlm 16) Es liest sich aber so, dass er genau das wollte, denn schließlich heißt es auch, »nicht mehr als Sklaven« (Phlm 16) und »nimm ihn auf wie mich« (Phlm 17). Doch unabhängig davon, wer es wie interpretieren möchte, ist die Freilassung nicht das Entscheidende und das zu verstehen, ist entscheidend. Denn wenn Onesimus als geliebter Bruder aufgenommen wird, ist es unendlich mehr, als wenn er nur den zivilen Freiheitsstatus erhält. Das hört sich für unsere Ohren wahrscheinlich erscheckend an, denn selbstverständlich wird ein Christ die Sklaverei niemals akzeptieren, sondern immer ablehnen. Bedenken wir jedoch, um wie viel mehr es bedeutet, einander Bruder und Schwester zu sein und wie sehr gerade das den Übergang von der Sklaverei zur Freiheit herbeiführte. »Was Jesus, der selbst am Kreuz gestorben war, gebracht hatte, war etwas ganz anderes: die Begegnung mit dem Herrn aller Herren, die Begegnung mit dem lebendigen Gott und so die Begegnung mit einer Hoffnung, die stärker war als die Leiden der Sklaverei und daher von innen her das Leben und die Welt umgestaltete. [...] Das änderte, auch wenn die äußeren Strukturen gleich blieben, von innen her die Gesellschaft.« (Benedikt XVI., Spe salvi, 4)


So sind Paulus, Philemon und Onesimus nicht mehr »Sklaven der Sünde«, über die Paulus im Römerbrief schreibt (Röm 6,6.16-17.20), sondern »Sklaven Gottes« (Röm 6,22), »Sklaven der Gerechtigkeit« (Röm 6,18), »Sklaven zum Gehorsam« bzw. »des Gehorsams, der zur Gerechtigkeit führt« (Röm 6,16). Es geht um Freiheit, aber um Freiheit im Herrn, wie Paulus im Korintherbrief ausführt: »Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi.« (1 Kor 7,22) Jesus selbst sagt: »Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.« (Joh 8,34) Und so können wir mit Paulus sagen: »wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.« (2 Kor 3,17) 


Und so sehen wir, wie uns selbst der kurze Philemonbrief mit seiner schlichten Bitte auf die Größe Gottes verweist. Der konkrete Anlass besteht in der Bitte um Aufnahme bzw. auch Freilassung eines ehemaligen Sklaven als Bruder, aus dem sich das Thema der Freiheit ergibt. Dieses Thema ist aber nur verständlich, wenn wir verstehen, dass es sich auf ein Hauptthema bezieht, in dem es eingebettet ist. Und dieses Hauptthema ist, wie in allen Paulusbriefen, Gott. Gott steht im Zentrum, weil Gott das Zentrum ist.









Der Aufsatz "Philemon - der Freiheitsbrief: Brief des Apostels Paulus an Philemon" (14 Seiten) von Dalibor Truhlar (ISNI: 0000000084022282) erschien im Oktober 2026 als Kapitel des Buches "Paulusbriefe: Charakteristik mit thematischer Auslegung", ist auf Amazon ↗ als E-Book erhältlich, kann auf Google Books ↗ kostenlos gelesen und auf Zenodo ↗ (10.5281/zenodo.23854318) als PDF gratis heruntergeladen werden.


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